„Gute Nacht, Marie!“

 

Wir sind jeden Morgen die ersten, die aufstehen.


Zufall?


Und jeden Morgen kommst du und küsst mich auf die Wange:
„Guten Morgen, Marie!“


„Guten Morgen, Max!“

 

Alles ganz harmlos, aber in meinem Kopf explodiert ein Feuerwerk und in meinem Herzen geht es drunter und drüber.


Du und ich - wir - geht nicht! Wir sind kein Paar, werden nie eins sein, auch wenn du irgendwann einmal gesagt hast, dass ich …


Es geht einfach nicht. Du bist der Mann, der mein Vorgesetzter …
Nein, bist du nicht, aber derjenige, der mir etwas beibringen soll, außerdem vergeben – so wie ich.

 

„Guten Morgen, Marie!“


Jeden Tag!

 

Und jeden Tag inniger, der Kuss nicht länger nur ein sanfter Abdruck deiner Lippen. Dein Duft hüllt mich ein, und du schmiegst dein Gesicht in meine Halsbeuge. Ausgerechnet da bin ich so empfindlich, so empfänglich für Zärtlichkeiten.

Ob du das weißt?

 

Dein Arm hält mich eine Sekunde länger als schicklich wäre, und täglich wird es mehr. Du kommst mir nahe – nicht nur körperlich. Jeden Tag ein wenig näher.

 

Und irgendwann misslingt es, unser Begrüßungsküsschen! Dein Mund trifft meinen, und ich schaffe es nicht, den Kopf wegzudrehen. Ganz kurz nur spüre ich deine Zunge, fühle sinnliches Saugen. Dann ist es vorbei.

 

„Guten Morgen, Marie!“


Ist das jetzt wirklich passiert?


Du bist wie immer, aber dann sehe ich in deine Augen.
Das Meer würde nicht reichen diesen Brand zu löschen!

 

Ich warte auf diesen Kuss – jeden Morgen warte ich und sehne mich danach, warte, was geschehen wird. Wird es geschehen? Was wird geschehen?


Und er entwickelt sich, dieser Kuss. Er reizt, verlockt, wird ausführlicher, gründlicher – und ich genieße, oh ja, ich genieße!


Du legst deine Hand in meinen Nacken und führst mich dahin, wohin ich möchte!

„Guten Morgen, Marie!“


„Guten Morgen, Max!“ Ein Synonym für „Küss mich, Max!“

 

Und dann, eines Tages, ist es nicht mehr morgens, als wir allein sind. Es ist abends. Es ist nachts. Es ist nicht geplant – nicht von mir und nicht von dir.

 

Ein Zufall, dass wir beide noch dasitzen und arbeiten?


Die anderen sind längst fertig, haben sich verabschiedet zur guten Nacht –
oder in die Dusche, denn es ist heiß, unmenschlich fast, aber ich mag diese Hitze.


Ich trage nur nicht viel, wenn es so ist wie heute.

 

Du auch nicht.

 

Da sitzen wir nun, trinken Wasser und schreiben – und manchmal sehen wir uns an.


„Guten Morgen, Marie!“

 

Du hauchst es, aber ich habe es gehört und hebe den Kopf, sehe dich an und komme dir entgegen.

 

Unser Ritual: Ein Kuss!


Ein Guten-Morgen-Kuss - am Abend!

 

Das muss schiefgehen, denn niemand kommt jetzt uns zu trennen.
Niemand da, der uns erretten würde, und so klammern wir uns aneinander fest wie Ertrinkende.


Saugen statt der dringend nötigen Luft, den erregenden Duft der Lust.

 

Deine Hände fassen nach mir und finden heiße, feuchte Haut. Sie streicheln, berühren, erkunden mich, und ich weise dir den Weg mit unsichtbaren Zeichen.

 

Stöhnend schiebst du deine Finger hinein – tiefer dazwischen, zwischen Haut und Stoff – hinein in mich! Und dann stöhne ich. Ich schließe die Augen und gebe mich hin, denn es geht nicht anders.

 

Sanftes Vibrieren, Drücken, Erobern.

 

Du, mein Liebster!

 

Zwei, drei Bewegungen noch, und es ist um mich geschehen.
Zitternd sinke ich gegen dich, seufze berauscht.

 

Kann das noch weiter gehen? Darf es das?

 

Darf ich nehmen und nicht geben?
Dich allein lassen in deiner Lust an mir – nach mir?
Eines ist sicher: Hier geht nicht mehr!
Vielleicht irgendwann – irgendwo!

 

Du lächelst zärtlich, und ich tue Unmögliches:
Tauche ein und gebe mich dir zu schmecken.

 

„Gute Nacht, Marie!“

 

 

© Anna