Der Zufall möglicherweise ...

 

Nein, ich sage euch nicht, wo es war, dieses Konzert. Ihr wüsstet dann vielleicht ..., wärt möglicherweise selber dort gewesen, hättet gesehen ... Unsichtbares gespürt.

 

Ich sage euch nicht mal, was es war.

 

Nur soviel: Es war eine Traummusik. Gigantisch! Noch besser wäre es nur dann gewesen, wenn ich eine Note davon gehört hätte - unter Umständen.

 

Also meine Freundin Mara und ich hatten durch einen unglaublichen Glücksfall Karten bekommen - zu etwas, das eigentlich längst ausverkauft war.

 

Aber ihr wisst ja: Es gibt keine Zufälle.

 

                                                   ☸ڿڰۣ -- ☸ڿڰۣ -- ☸ڿڰۣ☸

 

Schon im Foyer habe ich so ein eigenes Gefühl, so ein Kribbeln im Bauch. Ich könnte nicht sagen, dass ich etwas - jemanden - gesehen hätte, nein, das nicht. Möglicherweise aber wahrgenommen. Unbewusst.

 

Eng ist es, und wir schieben, quetschen uns mehr durch die Reihen, als wir gehen. Körperkontakt überall, aber nicht unangenehm. Weich alles, warm. Die Mäntel auf den Schößen.

 

Unsere Plätze sind hinten - seitlich, aber was macht das schon? Diese Halle ist berühmt für die ausgezeichnete Akustik.

 

Ich will hören - nicht sehen - mit geschlossenen Augen genießen.

 

Die letzten beiden Plätze neben uns grenzen an die Wand - und sie sind leer. Noch!

 

"Entschuldigen Sie bitte ...!"

 

Ein liebreizendes Stimmchen, und ich weiß, noch bevor ich die Augen öffne, wie das dazugehörige Persönchen aussehen wird. Weiß und rosa! Zuckerguss! Goldhaarig und unschuldig, so züchtig und engelsgleich, wie eine Jauchegrube. Ein Miststück vom Feinsten.

 

Mir wird übel.

 

Und gleich hinterher: Paris, der Prinz, der eine andere erwählt hat: Helena, die schönste Frau der Welt.

 

Dabei weiß er nicht mal, dass sie ihn ...

 

Oh ja, sie hat ihn ausgesucht, den vielversprechenden, jungen Professor. Wohlgemerkt MEINEN vielversprechenden, jungen Professor! Obwohl das so nicht stimmt, denn als er mein Paris wurde, war er noch Student - im 2. Semester!

 

Sie hat sich erkundigt, und sie ist dezent über die Tatsache hinweggegangen, dass er verheiratet war. War er dann ja auch nicht mehr lange. Sich mit einer Tarantel anzulegen ist nicht ratsam, und ich habe darauf verzichtet.

 

Er wusste nicht, was er tat.

 

Und dann sitzt er neben mir, und Mara fragt, ob es mir nicht gut geht. Sie kennt mich noch nicht so lange, aber sie spürt, dass soeben ein Erdbeben stattgefunden haben muss. Was zwischenmenschliche Beziehungen betrifft, ist sie ein wahrer Seismograph.

 

Ich schüttle den Kopf, will keine Aufmerksamkeit, aber er sieht mich an - wird blass. Seine Lippen formen meinen Namen - lautlos.

 

Helena, die Schöne, kennt mich nicht. Ich bin ja bloß der Kollateralschaden. Konfrontation hat sie vermieden.

 

Bevor ihr Instinkt anspringt, verlischt das Licht.

 

Gott sei Dank.

 

Das Konzert beginnt, und seine Hand schlängelt sich unter den Mänteln zu mir, umfasst meine eiskalten Finger und zieht sie hinüber.

 

So saßen wir früher immer. Hand in Hand.

 

Wo bin ich? Ist das ein Traum?

 

Ich kann ihn fühlen, meinen Mann. Ich kann ihn riechen. Es ist wie immer. Er gehört zu mir.

 

Wo sind die letzten Jahre, die Jahre der Einsamkeit?

 

Sein Finger streichelt meine Handfläche, und ich beginne zu glühen.

 

Er auch!

 

Ich spüre seine Hitze, seine Härte.

 

Bevor ich denke, habe ich seinen Reißverschluss geöffnet und halte sein Fleisch.

 

Glückseligkeit.

 

Verderbtheit! Sittenlosigkeit! Pfui Teufel!

 

Ich pfeife drauf!

 

Meine Finger wissen, was sie tun - haben es tausende Male getan. Ich weiß so genau, was er liebt, mein Mann.

 

Ich halte ihn mit zwei Fingern. Behutsam. Geil.

 

Mein Daumen liegt auf seinem Vorhautbändchen, der Zeigefinger gegenüber. Ich drücke und lasse nach. Sein Zucken gibt mir den Takt vor.

 

Heimat.

 

Ich bin zuhause. Zuhause bei ihm, und ich bin feucht.

 

Aus den Augenwinkeln sehe ich ihn an.

 

Er sitzt neben mir - mit geschlossenen Augen.

 

Für die anderen mag es aussehen, als lausche er der Musik. Ich weiß es besser. Ich kenne sein Gesicht der Leidenschaft.

 

In meine Leidenschaft mischt sich Triumph - und Schmerz. Von der Lust mal ganz abgesehen.

 

Meine Hand ist nass. Patschnass.

 

Ich schließe meine Faust und drehe sie sanft um seine glitschige Eichel - vor und zurück. Langsam und stetig.

 

Himmel, ich laufe aus.

 

Abrupt ziehe ich meine Hand zurück und stehe auf.

 

Irritierte Blicke allseits.

 

Ist mir egal. Ich dränge mich durch die Reihe und haste zum Ausgang. Im Vorraum verstecke ich mich hinter den Pflanzen der Sitzgruppe. Zumindest halbwegs.

 

Ich warte.

 

Als die Tür sich einen Spalt öffnet und ihn ausspuckt weiß ich es: Auch er kann nicht widerstehen.

 

Er hastet zu mir, zieht mich an beiden Händen hoch und nimmt mich in die Arme. Mein Paris küsst wie ein Verhungernder. Warum? Ist der Sex mit ihr so schlecht?

 

Seine Zunge in mir verwirrt meinen Geist - und es ist ja doch längst entschieden. Er drängt mich an die Wand und seine Hand unter meinen Rock. Seine Finger haken sich in den Zwickel der Strumpfhose. Ich höre das feine Gewebe reißen.

 

Ein Lächeln kräuselt meine Mundwinkel, und er spürt es.

 

"Früher haben wir das oft getan!"

 

Ich weiß.

 

Meine Finger haben den Knopf inzwischen beseitigt. Ich bin am Ziel.

 

Ich hebe mich auf die Zehenspitzen, und er geht in die Knie. Mein Bein umschlingt seines - und dann spüre ich ihn:

 

Heiß, nass und dick!

 

Göttlich!

 

Als er eindringt, stöhnen wir gemeinsam.

 

So wonnig, so himmlisch - so lange vermisst.

 

"Ich kann nicht lange ...!"

 

"Komm!", stöhne ich gierig - und falle hinein in die Tiefe der Lust.

 

Ich spüre ihn zucken, zittern, höre sein sattes, zufriedenes Seufzen, als er aus mir gleitet.

 

"Was habe ich getan ... Liebes?", flüstert er, und ich glaube, ich will nicht wissen, was genau er damit meint. Ich drehe mich um, werfe meinen Mantel um die Schultern und gehe.

 

War das nun ein Abschied?

 

© Anna