Donnerwetter


Um halb acht Uhr sperrte Michael seine Haustür auf - in einer Hand den Schlüsselbund und frische Semmeln. Als der Aufzug kam, der ihn im Inneren mit dem Schild „DEFEKT“ empfing, stieg er wieder aus. Müde und schnaufend schleppte er sich die Treppe hinauf, und erst im 4. Stock fiel ihm ein, dass der Lift von oben gekommen war. Wie konnte er defekt sein? Als er im fünften Stock gerade einen Wohnungstür-Spion passierte, wurde diese Türe abrupt aufgerissen. Michael erschrak.

„HALT!“ Offenbar hatte ihn die Eigentümerin „abgepasst“.

„Bitte?“ Erstaunt zog er die Augenbrauen hoch. „Guten Morgen!“

„Was heißt „Guten Morgen“?“, schnaubte sein Gegenüber. „Sie sind ja wohl das unverschämteste, perverseste Arschloch, das mir je untergekommen ist!“

„Hallo?“ Michael trat einen Schritt zurück. Er reagierte langsamer als sonst, denn er war erschöpft bis in die Knochen und konnte die junge, rothaarige Furie nur sprachlos anstarren.

„Als Sie mich um halb eins aus dem Bett geschmissen haben, um mir zu sagen, dass ich ein heißer Feger sei, bei dem Ihnen schon was Passendes einfiele, fand ich das ja noch einigermaßen amüsant. Ich hab sogar gegrinst. Aber spätestens nach dem fünften Anruf, ist sowas nicht mehr witzig. Dabei waren Sie auch noch dämlich genug, diese Aktion mit übertragener Telefonnummer durchzuziehen. Wie blöd kann man eigentlich sein, Herr Dr. „Pascha“?“ Hohn triefte aus ihrer Stimme.
„Dank Internet weiß ich nun, dass die Perversen direkt nebenan im Penthaus leben, aber wenn Sie aber glauben, dass Sie damit davonkommen, dann haben Sie sich geirrt.“

Michael hatte inzwischen ihr Namenschild entziffert und fiel ihr ins Wort:
„Worüber genau beschweren Sie sich eigentlich, Frau Sonnenschein?“ Was für ein Name für diesen zugegebenermaßen hübschen, rothaarigen Klabautermann. Da stand Pumuckl persönlich. Klein, zierlich, mit roter Windstoßfrisur und grünen Augen, die Blitze schossen. Wenn Blicke töten könnten, er wäre jetzt und hier gestorben.

Ihre Stimme überschlug sich, als sie wieder loslegte.
„Worüber ich mich beschwere? Sie sind wohl nicht ganz dicht! Ich beschwere mich über ZWANZIG Terroranrufe. Wohlgemerkt obszöne, widerliche, beleidigende, perverse Anrufe! Ich hab nicht mal gewusst, dass man so abartig sein kann!“ Sie schnappte nach Luft, nur um sofort weiterzutoben: „Und nein, Sie Dreckskerl, ich will weder Ihren Schwanz lutschen, noch Ihre Eier lecken!“

Michael wurde rot bis unter die Haarspitzen, denn langsam dämmerte ihm, was da passiert war.

„Auch meine Titten, werden Sie nie zu Gesicht bekommen, um darauf abzuspritzen, Sie ekelhaftes Schwein! Und wenn Sie es wagen sollten …“

Wortlos packte er sie an der Hand und schleppte sie hinter sich die Treppe hinauf zu seiner Wohnung.

„Lassen Sie mich sofort los, Sie Wüstling, oder ich brülle das gesamte Haus zusammen und oute Sie als perversestes Schwein der Stadt!“ Sie war außer sich vor Wut, aber er ließ nicht los, öffnete mit der Schlüsselkarte so rasch die Tür, dass sie gar nicht reagieren konnte und zerrte Frau Sonnenschein in sein Wohnzimmer.

Das Schlachtfeld, das sich ihnen bot, ließ sie verstummen. Leere Pizzakartons und Bierflaschen, malerisch verteilt zwischen fünf Schlafsäcken, die sich vor einem Großbildschirm aufreihten. Darinnen fünf halbwüchsige Jungs. Michaels Sohn lag halbnackt auf einer Couch und schnarchte – vor sich eine leere Wodkaflasche.

„Ich habe „Kinder-Wochenende“! Sohn – 16!“ Er deutete auf den Unglückswurm. „Gestern, als ich angepiept wurde, war er noch allein, aber es gab eine Massenkarambolage, und ich sagte ihm, dass ich die ganze Nacht operieren würde. Das …“, er machte eine generöse Handbewegung, „ist das Ergebnis.“

Frau Sonnenschein sah ihn an – und begann zu lachen.

„Solch ein Donnerwetter habe ich schon sehr lange nicht erlebt!“, grinste er. „Und heut Abend beim Essen, sollten Sie mir unbedingt mehr erzählen … über die kreativen Vorschläge meiner Jungs.“


© Anna