Die Flucht

Ilonka war sauer. Das heißt, es war mehr als das! Sie war eigentlich am Ende ihrer Kraft. So konnte - wollte sie ihr Leben nicht weiterführen. Alles hing an ihr. Und jetzt - endlich - fühlte sie sich hoffnungslos überfordert. Sie wollte fort hier - einfach verschwinden und ihre gesamte Sippe sich selber überlassen. Als sie nach Hause kam, waren zwölf Gespräche auf ihrem Anrufbeantworter, und jeder dieser lieben Menschen meinte, seines sei das dringendste Anliegen. Nachdem sie neun, dieser „dringenden Fälle“ abgehandelt hatte, kam ihr Mann. „Ist das Essen fertig? - Ich muss noch schnell ins Geschäft und dann essen. Danach ist Sitzung. - Beeile dich, bitte!“ Sie schüttelte sich. War sie eigentlich nur noch das Dienstmädchen hier?

 

So nicht! Jedenfalls nicht länger mit ihr. Sie stieg die Treppe hinauf und holte sich einen kleinen Koffer. Wie in Trance packte sie ein paar Sachen und alte Schuhe. Dann ging sie in den Garten und lockte ihren Hund. „Komm, meine Süße! Wir verschwinden hier!“ Die große Bernhardiner-Hündin folgte ihr auf den Fuß. Sie öffnete die Heckklappe ihres Wagens, und schon war „Lotte“ auf ihrem Platz. Sie stellte den Koffer dazu, und dann ging sie noch mal zurück. Auf einen großen Zettel schrieb sie mit roten Buchstaben:


BRAUCHE DRINGEND MAL WAS ANDERES!

KOMME IN ZWEI WOCHEN ZURÜCK

VIELLEICHT ...


Mit leichtem Herzen setzte sie sich in ihr Auto und fuhr los. Bereits auf der Autobahn begann sie zu singen. Es war, als fiele eine Zentnerlast von ihren Schultern. Sie wusste genau, was sie tun wollte. Ihre beste Freundin hatte ein großes Haus in Ungarn, und sie konnte es benutzen, wann immer sie wollte - die Freundin war nicht dort. Für sie war es zu heiß, denn es war schon Mitte August. Ihr war das gerade recht. Keiner würde sie stören, niemand würde etwas von ihr wollen! Sie würde endlich alleine sein und nicht tausend Wünsche erfüllen müssen. Es wurde Zeit, dass sie wieder zu sich fand - sich nur auf sich selber konzentrieren konnte. Ilonka freute sich darauf! Ihr schlechtes Gewissen, dass sie sich einfach davon stahl, hielt sich in Grenzen. Ihre „Kinder“ waren über 20 und konnten ohne sie auskommen - und ihr Mann? Na ja! Manchmal zweifelte sie daran, dass er schon ganz erwachsen war, aber er würde nicht verhungern in der Zeit ohne sie, und vielleicht ... ja, vielleicht würde er sich ja erinnern, dass er sie einmal geliebt hatte!

 

Sie war bloß einfach immer da, und das war anscheinend nicht gut! Sie wurde zur Selbstverständlichkeit, so wie ein Gebrauchsgegenstand - und sie hatte das Gefühl, dass es das war, was er in ihr sah: Einen Gebrauchsgegenstand! Aber jetzt! Ilonka lachte laut auf. Lottchen hob erstaunt den großen Kopf. „Ja schau nur, m ein Lottchen! Du hast mich schon lange nicht mehr lachen hören!“, erklärte sie ihrem Hund, „aber wir werden das ändern! Er wird ohne seine allzeit zur Verfügung stehende „Helotin“ auskommen müssen - mein Hübscher. Das wird ihm gut tun! Und mir auch!“ Erneut lachte sie.

 

Sie fühlte sich auf einmal so gut, wie schon lange nicht mehr. Die lange Strecke, die vor ihr lag, erschreckte sie normalerweise. Heute war das anders. Sie freute sich auf die Fahrt. Sie freute sich sogar auf die Nachtfahrt. Es würden nicht viele Menschen unterwegs sein, und sie konnte vor sich hin träumen - vielleicht ein neues Bild konzipieren.

 

Ilonka glaubte sich zu erinnern! Da war etwas in ihrem Geist. Hatte sie es geträumt? Irgendwie war da eine Vorstellung - groß - in hellen Rot-Tönen - machtvoll! Sie würde es finden! Auf einmal war sie ganz sicher. Es würde das erste Bild sein, das sie malte - in Ungarn. Es würde leidenschaftlich sein - wie dieses Land und seine Bewohner.

 

Ilonka liebte Ungarn. Die Landschaft war so endlos. Sie liebte den Balaton und seine Menschen, die so freundlich waren. Sie hatten sie aufgenommen wie eine der ihren. Wenn sie ankam, ging es wie ein Lauffeuer durch die ganze Gegend. Es wohnten ja nicht viele Leute dort - aber es kamen alle. Die alte Großmutter aus dem Nachbarhof umarmte und küsste sie jedes Mal innig, und dann befahl sie ihren Mann in den Hühnerstall. Über das ganze Gesicht strahlend kam er danach zu ihr und streckte ihr die faltigen Hände entgegen. Sie waren voller Eier. Und am Morgen stand ein frisch gebackener Kuchen vor ihrer Türe. Man konnte sie nur lieben - diese Menschen!

 

Mit solch erfreulichen Gedanken fuhr sie durch die Nacht, und ehe sie sich dessen bewusst wurde, war sie schon vergangen. Als sie zum Balaton kam, ging die Sonne auf. Ilonka blieb stehen. Sie stieg aus, und Lotte freute sich über diese Pause. Sie sauste wie der Wind über die Wiesen. Ilonka stand wie verzaubert. So etwas hatte sie noch nie gesehen. Der Himmel wurde rosafarben. Nein, es war Pink! Ein intensives Pink - das alles eintauchte in seinen sanften Schein. Sie hatte sogar das Gefühl, ihre Kleidung leuchtete in dieser Zauberfarbe. Als Künstlerin fühlte sie sich tief berührt. Sie hatte richtig entschieden. Allein dieses Wunder war es wert, hierhergekommen zu sein.

 

Lottchen tobte voller Freude um sie herum. Sie mochte dieses Land genauso sehr wie ihre Herrin. Hier war sie frei - konnte sich so richtig ausleben. In der Ferne sahen sie ein Pferd mit Reiter. Keine Autos - keine ängstliche Menschen, die die liebevolle Lotte aufgrund ihrer Größe für einen Kampfhund hielten. „Komm, meine Süße, lass uns heimfahren!“, lockte Ilonka ihre Hündin, und sie folgte ganz brav. Es war nicht mehr weit, und sie freuten sich alle beide.

 

Eigentlich waren sie noch gar nicht richtig angekommen. Ihr Gepäck lag noch zur Hälfte im Auto, als schon ihre „ungarische Großmutter“ kam und sie in die Arme schloss. Sie redete begeistert auf Ilonka ein, und sie verstand kein einziges Wort. Und dann drückte sie ihr einen Korb mit Tomaten in den Arm. Sie würde den Rest ihrer Tage Tomaten essen müssen. Wie viele waren das denn? Bestimmt 25 oder 30 Stück. Gott sei Dank liebte sie Tomaten! Aber es war ja so schön, absolut nichts geben zu müssen, sich keinen Erwartungen gegenüberzusehen. Sie wurde geliebt und verwöhnt - genau das, was sie jetzt brauchte. Ihr spontaner Entschluss war einfach Gold wert!

 

Bevor sie sich noch dazu bequemte, den Rest ihrer Habe ins Haus zu tragen, ging sie zu dem großen Swimmingpool innerhalb der Wohnhalle. Die glatte Wasserfläche lag verheißungsvoll vor ihr. Es war ja wirklich schon sehr heiß, obwohl es noch früh am Tage war. Unschlüssig betrachtete sie das Wasser. Ja, sie würde zuerst baden!

 

Langsam entkleidete sie sich. Die Vorfreude stieg in ihr auf. Plötzlich war sie glücklich. Ilonka wusste eigentlich schon gar nicht mehr, wie sich das anfühlte. Brauchte sie einen Badeanzug? Nein, sicher nicht. Sie war hier inmitten von Nirgendwo und kein Mensch konnte sie sehen. Mit einem Handgriff öffnete sie ihren dicken Knoten, ließ ihr Haar auf die Schultern fallen. Lang und lockig ringelte es sich auf ihren nackten Körper. Vorsichtig hielt sie ihre Zehenspitzen ins Wasser. Es war lauwarm! Sie würde sich nicht abkühlen müssen. Die breite Treppe führte flach ins Wasser, und sie stieg zügig tiefer hinein. Als das Wasser ihre Schenkel umspülte, erkannte sie, dass es doch kühler war, als sie vermutet hatte. Sie schauerte, aber trotzdem zog es sie in die kalte Flut. Behutsam glitt sie tiefer. Das Wasser floss ihr über Bauch und Brüste. Ihr Busen richtete sich auf, die Spitzen zogen sich zusammen. Instinktiv fasste sie zu. Massierte sanft ihr festes Fleisch, und dann tauchte sie unter. Tauchte ganz hinein, ließ sich auf den Grund sinken und öffnete die Augen. Ihr langes, dunkelrotes Haar umfloss sie wie bei einer Meerjungfrau. Nur kurz dachte sie an ihren Mann. Es wäre schön, jetzt hier mit ihm zu baden - und vielleicht mehr!

 

Langsam kam sie wieder an die Oberfläche, legte sich zurück und ließ sich treiben. Den Schatten, der auf den Pool fiel, bemerkte sie kaum, erst als Lotte anfing zu bellen, schaute sie hin. Sie tauchte auf und stand bis an die Hüften im blauschimmernden Wasser. Durch das riesengroße Panoramafenster sah sie einen Zentauren! Ilonka riss die Augen auf. Nein, das war ein Mann! Er saß auf einem schwarzen Hengst direkt vor ihrem Fenster und sah ungeniert zu ihr herein.

 

Eine kleine Ewigkeit sahen sie sich in die Augen. Donnerwetter, sah der gut aus! Er war groß und hager, drahtig! Langes, dunkles Haar fiel über seine Brust. Die nackten Beine umklammerten den Leib des Rappen fest. Ilonka musste plötzlich daran denken, wie es sich anfühlen würde, seine festen Schenkel um ihren Körper zu spüren. Da lachte der Fremde sie an. Auf einmal wurde sie sich ihrer Nacktheit bewusst - aber sie sah auch die Bewunderung in den Augen des Mannes. Sie hatte schon lange keine Zustimmung mehr gesehen - in den Augen ihres Mannes! Es tat gut, seine Sehnsucht zu sehen - seine Lust, sie zu berühren. Ohne Worte hielten sie Zwiesprache, doch dann wendete er sein Tier und sprengte davon - mitten hinein in den weiten Raum!

 

Sie stand wie verzaubert. Was war das gewesen? Hatte sie Halluzinationen? Sie hatte doch schon bei ihrer Rast einen Reiter gesehen. Wer war er? - Endlich entschloss sie sich, das Wasser zu verlassen. Ohne sich abzutrocknen schlüpfte sie in ihr Kleid und ging hinaus. Sie musste ihr Gepäck noch holen. Als sie alles ins Haus gebracht hatte, kam der alte Bauer aus dem Dorf. Er brachte ihr eine Salami. „Wer ist der Mann auf dem Pferd?“, fragte sie ihn - doch er verstand sie nicht. Wozu war sie Künstlerin? Sie griff nach ihrem Skizzenblock. Ein paar Striche, und er erkannte einen Reiter. Lachend breitete er die Arme aus. „Géza Rákosi!“

 

Als wäre damit alles erklärt, drehte er sich um und ging. Ilonka war verwirrt. Wer war Géza Rákosi? - Wo kam er her? - Was tat er hier? - Und vor allem anderen: Wieso zog er sie geradezu magisch in seinen Bann? Sie dachte an ihn, als sie ihre Koffer auspackte! Sie dachte an ihn, als sie aus den Tomaten einen Salat bereitete! Und als sie mit Lottchen einen Spaziergang machte, hoffte sie fast, ihn wiederzusehen! Lange lief sie durch das schöne Land, es waren nur ein paar Kilometer zum nächsten Ort, vielleicht konnte sie dort mehr erfahren.

 

Aber es gelang ihr nicht, jemanden zu finden, mit dem sie reden konnte. Sie musste endlich ungarisch lernen! Unzufrieden mit sich ging sie wieder nach Hause - wieso brachte sie ihn nicht aus ihrem Kopf? Sie baute ihre Staffelei auf und legte sich ihre Malutensilien zurecht. Sie würde sich ablenken - sie würde malen! Wo war der Skizzenblock? Als sie ihn aufschlug, sah sie die hingeworfene Skizze von Géza Rákosi. Sie legte den Block zur Seite und griff zum Pinsel. Ohne zu überlegen malte sie. Sie malte wie besessen - und erst nach vier Stunden kam sie wieder zu sich. Lotte lag zu ihren Füßen und schaute ihr zu. Ilonka trat zurück und betrachtete ihr Werk. Was war denn das? Ein Schauer überlief ihren ganzen Körper. Es waren die hungrigen Augen von Géza Rákosi! Sie sahen sie an - verlangend! Eine plötzliche Schwäche ergriff sie, und sie musste sich setzen. Ilonka sank zu ihrer Hündin auf den Boden. „Was ist denn bloß los mit mir?“, flüsterte sie und kraulte ihrem Lottchen den Bauch.

 

Das Bild war gut - ohne Zweifel! Obwohl es tatsächlich nur die Augen eines Mannes waren. Es zog die Betrachter in seinen Bann. Oder zog es nur sie in seinen Bann? Wieso kreisten alle ihre Gedanken um diesen Mann? Wieso hörte sie sein Lachen, wohin sie auch ging? Er hatte sie begehrt - ja, das war nicht zu übersehen, aber auch sie begehrte ihn. Dachte daran, wie es wäre, seine sehnigen Hände zu fühlen - auf ihrer Haut, dachte daran, wie die Sonne auf seinen nackten Beinen Schatten malte, überlegte, wie es sich anfühlen würde, ihre Finger darüberstreichen zu lassen!

 

Unwillig schüttelte sie den Kopf. Sie war nicht hierher gekommen, um Dummheiten zu machen. Sie wollte sich ausruhen - zu sich selber finden! Und jetzt würde sie ins Bett gehen. Es war spät. Sie öffnete die Terrassentür und ließ Lottchen noch mal hinaus, während sie ihr Bett frisch bezog. Würde sie ein Nachthemd tragen? Nein, sie schlief hier immer nackt. Hier war niemand! Sie war alleine! Sie würde ihre Gewohnheiten nicht ändern!

 

Ganz langsam zog sie das lange Kleid über ihren Kopf. Sie war eine schöne Frau! Das Bewusstsein ihrer Schönheit durchzuckte sie, als sie ihr nacktes Spiegelbild sah. Wieso fühlte sie sich zu Hause nie schön? Lag es daran, dass sie sich in seinen Augen spiegelte? Lag es daran, dass er sie schön fand?

 

Plötzlich schlug Lotte an. Sie bellte laut, und Ilonka lief zur Terrasse. Niemand war zu sehen. „Was ist denn los, mein Lottchen?“, beruhigend klopfte sie ihrem Hund den Hals. Aber sie ließ sich nicht beruhigen, lief aufgeregt hin und her. „Schau! Es ist niemand hier!“ Nackt wie sie war, schritt sie die große Terrasse ab, um den aufgeregten Hund wieder zur Ruhe zu bringen. Doch dann blieb sie stehen - wie vom Donner gerührt.

 

Auf der obersten Stufe der Treppe, die in den Garten und zum See führte, lag eine goldene Halskette mit einem großen, tropfenförmigen Goldtopas. Ilonka bückte sich und hob sie auf. Goldtopas - genau die Farbe ihrer Augen! Das dünne, goldene Kettchen glitt durch ihre Finger. Er hatte es für sie hierher gelegt! Sie legte die wunderschöne Kette um ihren Hals. Nackt stand sie im immer spärlicher werdenden Abendlicht. Ein verirrter Sonnenstrahl fing sich in dem geschliffenen Stein und schickte ein helles Leuchten in die weite Landschaft. - Er war da draußen! Er konnte sie sehen - da war sie ganz sicher! Sie schüttelte ihre dunkle Mähne und streckte sich. Er sollte es wissen: Sie wollte ihn! Da war sie auf einmal ganz sicher! Sie drehte sich um und ging hinein. In dieser Nacht schlief sie wunderbar! Sie fühlte sich beschützt und geborgen - inmitten des einsamen Landes! Er würde auf sie aufpassen!

 

Am nächsten Morgen stand sie auf - erholt! Sie war zufrieden. Sie ruhte in sich. Sie wusste, was sie wollte - sie wusste, was auf sie zukam: Ein Mann - ein wunderbarer Mann, der auf sie wartete. Sie kannte ihn nicht und doch - sie wusste, dass sie und er ein Paar werden würden. Sie brauchte ihn! Sie wollte ihn! Sie würde auf ihn warten! Ihr Hund schlug an - zeigte es ihr: Auf ihrer Schwelle lag ein bunter Rock und eine bestickte Bluse. Ilonka schlüpfte hinein, band die Zipfel der Bluse zu einem Knoten unter ihren Brüsten. Sie schüttelte ihre Lockenmähne, als Lottchen erneut zu bellen begann. Sie würden spazieren gehen. Sie holte sich noch einen breitkrempigen, alten Hut und machte sich auf den Weg. Stundenlang liefen sie über die Wiesen, und Ilonka war vollkommen glücklich. Als sie zurückkamen, stand vor ihrer Türe ein Kuchen. Er duftete verlockend. Solchen Kuchen gab es nur in Ungarn - einfach köstlich. Ilonka kochte sich Kaffee und ließ es sich schmecken. Dann beschloss sie zu arbeiten.

 

Sie stellte eine neue Leinwand auf und setzte sich davor, aber ihre Blicke wanderten immer wieder zu dem Bild von gestern. Seine eigenartig-zärtlichen Blicke verfolgten sie. Ihr war, als könne sie seine Gegenwart spüren. Sie suchte nach ihrem Block. Die Skizze darauf war gut. Dabei wollte sie nur dem alten Mann verdeutlichen, was sie meinte. Vielleicht sollte sie doch …

 

Anfänglich noch zögernd, doch dann immer sicherer, begann sie zu malen. Sie grundierte die Leinwand für ihn. Sie würde ihn malen: Ihren Zentauren! Ilonka hatte schon viele Tiere gemalt, aber noch nie ein Pferd, und trotzdem ging es wie von allein. Sie malte sich förmlich in Trance. Jeder Strich saß so, wie sie es sich vorstellte. Das Bild malte sich eigentlich von selbst. Ein eigenartiges Gefühl überkam sie. Beinahe war es so, als ob sich Géza Rákosi auf ihrer Leinwand materialisierte! Es war wie ein Zauber. Bis tief in die Nacht arbeitete sie. Die einzige Unterbrechung, die sie sich gönnte, war, um Lotte hinauszulassen, den Kamin anzuheizen für die Nacht und ein Stück Kuchen zu essen. Als sie auf die Uhr sah, war Mitternacht schon vorbei. Befriedigt schaute sie auf das Bild. Rákosi, wie er leibte und lebte! Fast glaubte sie, seine harten Beine fühlen zu können - unter ihren Fingern. Aber sie hatte nur Farbe auf ihrer Haut!

 

Sie war erschöpft. Sollte sie noch ein Bad nehmen? Energisch nickte sie mit dem Kopf. Wenn man schon solchen Luxus im Haus hatte, dann musste man ihn auch nutzen. Sie knüpfte den Knoten in ihrer Bluse auf und schlüpfte aus dem Rock. Ilonka liebte das Wasser - sie freute sich darauf einzutauchen in dieses Element, das sie umhüllen würde wie die zärtlichen Hände eines Mannes - wie seine Hände. Ganz langsam stieg sie in die Fluten. Spürte, wie das kühle Nass an ihren Beinen hinaufkletterte. Kleine Wellen breiteten sich aus um ihren Körper, der immer tiefer sank. Ilonka konnte fühlen, wie dieses fremde Element in sie eindrang! Spürte die feuchte Kälte, die sich in ihren heißen Körper vorschob - beinahe hatte sie das Gefühl, er sei es - der sich sanft aber beständig zwischen ihre Schamlippen drängte. Hingebungsvoll schloss sie die Augen. Genoss die Vorstellung, den schönen Körper des fremden Mannes tief in sich aufzunehmen. Fast wünschte sie ihn her zu sich.

 

Aber dann begann sie mit raumgreifenden Stößen zu schwimmen. Die Bewegung tat ihr gut, aber bereits nach einer halben Stunde hatte sie genug. Sie stieg aus dem Pool und trocknete sich ab. Eigentlich war sie müde, aber sie wollte noch nicht ins Bett gehen. Sie wollte sich nicht trennen von ihrem Bild, das sie ansah, wohin sie auch ging.

 

Vor ihrem Kamin lag ein dicker Wollteppich. Sie holte sich eine Decke und ein Kissen und legte sich zum Trocknen vors Feuer. In einem einzigen Augenblick war sie eingeschlafen. Sie hatte gar nicht bemerkt, wie erschöpft sie war. Sie bemerkte auch den Luftzug nicht, der über ihren nackten Körper strich, als sich die Terrassentüre öffnete. - Géza Rákosi war gekommen! - Lottchen hob den dicken Kopf und sah ihn freundlich an. Sie bellte nicht. Es war, als wisse sie, dass er hier willkommen war. Er war kein Eindringling - er war ein willkommener Gast. Géza trat zu der großen Hündin und tätschelte ihr den Kopf. Sie leckte ihm die Hände. Doch dann besann er sich darauf, warum er gekommen war.

 

Die schöne Fremde lag hier vor ihm auf dem Boden und doch: Sie war ihm nicht fremd. Er hatte sie gesucht - lange Jahre. Vergeblich gesucht! Erst als er seine Suche aufgab und nach Hause gekommen war - da kam sie zu ihm! Manchmal verstand er das Schicksal nicht! Obwohl er mehr von diesen Dingen wusste als die meisten Menschen, war es ihm nur einmal gelungen, sie zu finden - in seinen Träumen.

 

Seine Blicke streichelten den wunderbaren, nackten Leib. Sie war so schön! Das flackernde Licht der Flammen spielte mit ihren Formen, warf lange Schatten. Géza war glücklich. Sie gehörte zu ihm, und endlich hatte er sie gefunden. Ohne sie konnte er nicht leben. Seine Sehnsucht nach ihr hatte ihn immer begleitet. Ob sie wusste, wie viele gemeinsame Leben sie schon verbracht hatten? Er sah den goldenen Stein an ihrem Hals, sah den bunten Rock, den sie achtlos abgestreift hatte. Sie hatte seine Gaben angenommen. Sie wartete auf ihn!

 

Er kniete sich zu ihr hinunter, bewachte ihren Schlaf. Genauso hatte er sie sich vorgestellt. Genauso hatte er sie in Erinnerung. Ihr langes, dunkelrotes Haar fiel in seine Hand. Sanft ließ er es durch seine Finger gleiten. Es fühlte sich an wie Seide. Wie sehr liebte er diese Frau! Und doch schien sie es zu wissen. Sie lag hier - arglos - ihm preisgegeben - oder jedem anderen, der des Weges kam, aber im Umkreis von 100 Meilen hätte es niemand gewagt, sich an seiner Frau zu vergreifen. Géza Rákosi hätte ihn gefunden! Es gab keinen Platz in ganz Ungarn, es gab keinen Platz auf dieser Welt und in der nächsten, an dem er sich hätte verstecken können. Also war sie hier so sicher wie in Abrahams Schoß! Denn sie war seine Frau!

 

Seine Hände streichelten ihren Hals. Er fuhr die zarte Linie der goldenen Kette nach, griff zwischen ihre Brüste und hob den Stein an. Er konnte ihre Wärme spüren an seinem Handrücken. Alle seine Haare richteten sich auf - nicht nur die, an seiner Hand. Er spürte die Sehnsucht wieder. Er war längst kein Jüngling mehr. Er war ein Mann - er hatte sich in der Gewalt, aber hier lag sie, die Frau seiner Träume. Keiner ihrer zauberhaften Reize blieb ihm verborgen, und es fiel ihm zunehmend schwerer, die Beherrschung zu behalten. Wenn er sich vorstellte, wie sie sich anfühlen würde an seinem Körper, dann …

„Oh Gott!“ Géza stöhnte laut auf.

 

Seine Hände streichelten über ihren Rücken, weiter hinab …! Ihr Po war einfach unwiderstehlich. Langsam entdeckte er ihre Silhouette. Wie zart ihre Haut war, wie weich und anschmiegsam ihr Fleisch! Der Anblick seiner dunklen Hand auf ihrem weißen Hinterteil machte ihn wild. Nur mühsam beherrschte er sich. Wie konnte sie nur so unglaublich zart und reizvoll sein?

 

Und sie regte sich. Ilonka spürte seine Gegenwart. Sie seufzte leise und drängte sich dichter an seine streichelnden Finger. Géza streifte sein Hemd ab und legte sich zu ihr, schmiegte sich an ihren Rücken, zog sie in seine Arme. Ihr Kopf lag auf seinem Arm, und ihr weicher, fester Busen fiel in seine Hand. Genießerisch schloss er seine Augen und konzentrierte sich. Vorsichtig erfühlte er ihre Brustwarzen in seiner Handfläche, ließ seine Finger die Brust umfassen, griff dann fest zu. Er drückte sie in seiner Hand und fühlte, wie seine Männlichkeit zu pulsieren begann. Was für ein Gefühl: Die Frau seiner Träume in seinen Armen zu halten!

 

Seine Lippen liebkosten ihre Nacken. Ihr wunderbares, feuchtes Haar kühlte sein heißes Gesicht. Er atmete tief ihren Duft. Wie erregend sie roch! Er konnte nicht genau sagen wonach, aber er saugte diesen unglaublichen Duft tief in sich auf. Als seine Zungenspitze ihr Ohrläppchen erreichte, zuckte sie leicht. Ihr Körper zog sich zusammen in seinen Armen. Und dann fühlte er, wie sie langsam erwachte.

 

Ihr Bewusstsein kehrte in ihren Körper zurück. Eine ganze Weile lag sie so - in seinen Arm geschmiegt. Träumte sie noch? Nein! Sie spürte weiche Lippen, die über ihren Hals streiften, ihre Schulter liebkosten. Seine Hand hielt ihren Busen! Ilonka wurde immer wacher. Lust konzentrierte sich in ihrer Mitte. Sanft bewegte sie die Hüften. Sie spürte sein hartes Glied, das sich gegen ihren Po drückte. Sie fühlte den rauen Stoff seiner Hose. Er war gekommen! - Was war es nur, das sie verband? Sie fühlte sich so unglaublich gut in seinen Armen - obwohl er doch ein Fremder war für sie - oder nicht?

 

Ilonka ließ sich fallen in einen Zustand zwischen Schlafen und Wachen. Es war ihr, als wisse sie in diesem Trancestadium mehr, als ihr Verstand ihr sagen konnte. Sie drehte sich zu ihm - sah zum ersten Mal in diese faszinierenden Augen, in denen sie ertrinken konnte. Sie gehörte ihm! Sie wusste es!

„Meine Liebste!“ Seine Stimme klang fremd und vertraut. Sein Mund näherte sich ihrem, und sie schloss die Augen.

Zärtlich kam sie ihm entgegen - vereinigte ihre Lippen mit seinen, öffnete sie vertrauensvoll.

 

Gézas Zungenspitze traf ihre, und es war, als hätten sie beide einen Stromschlag erhalten. Ilonkas Hände strichen über seinen Körper, folgten den harten Muskeln seiner Arme hinauf zu der massigen Brust. Ihre Zungen begrüßten sich wie alte Bekannte. Ilonka stöhnte in heißem Begehren, drängte sich gegen ihn. Ihre Hände fanden seine Hose, öffneten sie. Géza löste sich von ihr und half ihr, das letzte Hindernis zu beseitigen. Nackt lagen sie nun vor dem offenen Kamin, überhaucht von der Glut des Feuers und von der Glut der eigenen Begierde, die sie zueinander trieb.

 

Géza setzte sich auf und betrachtete sie. Seine Hände ergriffen Besitz von ihr. Sie war seine Frau! Er musste ihre Zusammengehörigkeit jetzt bestätigen. Er musste sie jetzt lieben, konnte nicht länger warten. Und ihr ging es ähnlich. Ihre Sehnsucht nach diesem Mann stieg ins Unermessliche. Auffordernd spreizte sie ihre langen Beine. Als hätten sie dies unzählige Male getan, kam er zwischen ihre Schenkel, und als er ihre feuchte Venus berührte, stöhnte er laut. Seine Finger schoben sich tiefer, und Ilonka hob sich ihm entgegen.

„Komm zu mir!“, flehte sie leise.

 

Das war sein Stichwort. Er fasste sie um ihre schmalen Hüften und zog sie näher zu sich - auf seinen Schoß. Sein steifes Glied berührte sie, drang ein, versank in ihr. Er erzitterte, als er spürte, wie sich ihr feuchtes Fleisch über ihn schob, seine Eichel in die glühende Lava der Begierde tauchte, aber er konnte nicht aufhören, musste sich tiefer schieben - noch tiefer in diesen bezaubernden Leib, der zu ihm gehörte wie sein eigenes Herz.

 

Seine Finger spreizten ihre zarten Schamlippen und suchten den empfindsamsten Punkt. Er leckte sehnsüchtig seine Lippen, als er ihren Kitzler fand. Wie gerne hätte er ihn mit seiner Zunge umkreist, ihre salzige Schärfe geschmeckt! So blieb ihm nur, ihn zärtlich mit seiner Fingerspitze zu verwöhnen.

Ilonka stöhnte, bewegte ihr Becken im Einklang mit ihm - immer schneller - stieß immer sehnsüchtiger gegen diesen kraftvollen Schwanz, der ihr Inneres zum Vibrieren brachte. „Jaa!“, stöhnte sie, „oh jaah!“ Sie spürte, wie Lust in ihr aufbrandete. Immer höher stieg die unaufhaltsame Flut, brach sich Bahn in ihrem empfindsamen Körper und fand sein Echo in ihm - ihrem ewigen Gemahl. Gemeinsam stöhnten sie auf, zuckten in Ekstase, umschlangen sich und klammerten sich aneinander. Géza spürte, wie er sich in sie ergoss, den Pakt erneuerte, der ihn mit ihr verband. Er war glücklich!

 

Lange Zeit lagen sie so - ineinander verstrickt. Ilonkas Verstand gewann wieder die Oberhand. Was sollte sie denn jetzt nur tun? Schließlich war sie verheiratet - zwar nicht besonders glücklich, aber dennoch! –

„Ich kann nicht bleiben!“ Sie musste es ihm sagen. Sie war es ihm schuldig!

Er löste sich von ihr. Seine Erfahrung sagte ihm, dass er ihr Zeit geben musste. Géza setzte sich und griff nach ihrer Hand, drehte sie um und betrachtete gründlich ihre Handfläche. Er wusste alles, was er wissen musste. Das Schicksal würde für ihn sorgen - für ihn und für sie: Seine Frau! - Er lächelte sie an - zärtlich!

„Ich weiß, mein Liebling! Mach dir keinen Sorgen!“ Und dann legte er sich wieder zu ihr und zog sie fest in seine Arme. „Ich liebe dich!“-

Gegen das Schicksal konnte man nicht kämpfen.

 

Das konnte nicht einmal sie!

 

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