Fünf Euro, zehn Cent

 

 

Reisezentrum DB - vor zwei Monaten!

 

Freitag, 11:12 Uhr - nur eine kurze Schlange.

 

Zwei der vier Schalter sind besetzt und vor mir ein junges Pärchen.

 

Plus-Minus zwanzig. Zwei Chocolate, die sich in Französisch unterhalten.

 

„Maman malde,  - grave, - peut-être qu'elle décès.“

 

Bruchstücke dringen an mein Ohr.

 

Beide haben ihre Portemonnaies in den Händen und zählen ihr Geld,

legen es zusammen.

Im Profil erkennt man, dass es Geschwister sind, das Mädchen etwas älter.

 

Dann sind sie an der Reihe – Schalter zwei.

 

Zeitgleich öffnet Schalter drei und ich werde Nachbar –

höre mit einem halben Ohr was nebenan „abgeht“ oder besser „nicht abgeht“.

 

Das Deutsch der beiden ist fragmentarisch, aus Einzelwörtern bestehend,

das Englisch schon etwas geschliffener.

 

Für die Schalterdame ein Fall der Überforderung.

 

Schnell hat sie trotzdem einen Zug gefunden und auch den Preis.

 

Sehr laut für viele im Raum. „Das ist nicht genug Geld!“,

und zeigt theatralisch auf den Ausdruck.

 

Die beiden sehen sich ratlos an.

 

„Es fehlen 25 €uro“

 

„Trampel!“, murmle ich mehr für mich, aber für meine Schalterdame hörbar.

 

Ihren irritierten Blick auffangend, mache eine Kopfbewegung zum Schalter zwei

und sage entschuldigend: „Nicht Sie.“

 

„Moins cher … cheaper - plus tard … later?“, höre ich erneut.

 

Ich werde kurz abgelenkt durch meine eigenen Belange,

aber sofort wieder aufgeschreckt durch die penetrante Schraubenstimme:

 

 „Was jetzt? Könnt ihr bezahlen?

Sonst macht Platz und kommt wieder, wenn ihr Geld habt!“

 

Sie holt kurz Luft für die Fortsetzung: „Der Nächste bitte!“

 

Das Mädchen fängt an zu weinen,

und die Stimme des Jungen bekommt einen bitteren Unterton.

 

Die Absperrung zwingt beide an meinem Schalter

- hinter meinem Rücken - vorbei zu gehen.

 

In mir purzeln Dutzende von Bildern durcheinander.

Bilder von Mitmenschen, die mir immer wieder aus misslichen Lagen geholfen haben …

und der Schritt nach hinten um den Beiden den Weg zu versperren,

ist nicht willentlich gesteuert.

 

„Moment!“ Ich bedeute ihnen zu warten. „Wir finden eine Lösung!“

 

Das Lächeln von „Cornelia Wichert“,

wie da Schildchen an der Brust „meiner“ Schalterdame verrät,

entspannt die Sache enorm.

 

Drei Minuten später habe ich meine Fahrkarte mit allem Pomp.

 

„Nun zu euch beiden!“

 

Dabei glänzen die Augen der Dame verräterisch,

und ihre Stimme ist nicht mehr so ganz so professionell.

 

Am Ende, nach Ausreizen aller bahntechnischen Möglichkeiten,

fehlten den beiden ganze Fünf Euro und zehn Cent.

Das war schnell war klar!

 

Bevor ich die Differenz bezahlen konnte,

legt eine vorbeigehende männliche Hand zwei Euro auf die Theke,

die folgende weibliche Hand ebenfalls.

 

Während die Fahrkarten gedruckt werden, fragte ich:

„Habt ihr noch Geld zum Essen, für Bus und zum Telefonieren,

wenn ihr ankommt?“  

 

„Wir werden unser Handy verkaufen - am Bahnhof.“

 

Pragmatische Kinder.

 

Dann sprudelt es aus dem Mädchen, der jungen Dame heraus.

 

Sie sind seit einem Monat hier im Studentenheim, mit einem Mini-Stipendium. Zusammen haben sie knapp, was ein deutscher Student an Bafög bekommt.

 

Maman lebt in Nancy mit den zwei jüngeren Geschwistern.

 

Die haben heute Morgen angerufen.

Maman liegt im Hopital – Appendice – Blinddarm,

und der Junge macht das Zeichen peté – geplatzt.

 

« Bon voyage ! »

 

Und das kleine Reisegeld,

das zwischen den Fahrkarten steckt, tut mir nicht weh.

 

*************

 

Vier Wochen später:

 

„Cornelia Wichert… DB Zentrum, guten Tag.“

 

Kurze Pause.

 

„Erinnern Sie sich an mich?“

 

„Zwei Chocolate, -  fünf Euro zehn Cent – feuchte Augen, Anteilnahme.

So eine Frau vergisst man so nicht schnell!“

 

Räuspern –„Danke“ Räuspern.

 

„Die Zwei waren bei mir am Schalter und haben sich bedankt,

haben uns zwei Päckchen mitgebracht – von Maman.

Sie haben mich gebeten, Ihnen das Eine zu geben.“

 

„Wann?“

 

„Halb Acht, ich habe bis sieben Dienst.“

 

Kennen sie das „Cafe Trotzdem"?“ –

 

„Wer kennt das nicht?“

 

„Die beiden Chocolate … kommen die beiden mit?“

 

„Hm, - ich …!“

 

Sie sind eine Frau! Ich schätze, Sie wissen, wie die zu erreichen sind!“

 

Das verlegene, sehr erotisch klingende Kichern, bestätigt meine Annahme.

 

******************

 

Zwei Monate später:

 

Was soll ich erzählen?

 

Mein in geordneten Bahnen verlaufendes Leben

wurde an diesem Abend beendet.

 

Cornelias langweiliges Leben als Thekentussy bei der DB ebenfalls.

 

Solera, ist jetzt unsere „Pflegetochter!“

 

Sie entwirft mit ihren Freundinnen nicht nur unsere Garderobe,

und Alegro,

unser „Pflegesohn“, kann verdammt gut mit dem Computer umgehen.

Als mein Assistent verdient er richtig „Schotter“ mit CAD-Zeichnen.

 

Mein neues Glück kostete ganze Fünf Euro und zehn Cent.

Vier davon gesponsert.

 

Das nenne ich eine Topp-Rendite für Herz, Seele und Gemüt.

 

 

 

© S‘Rüebli