Inseln

                                                                               Spuren

 

Da war das sanfte Eintauchen der Ruder, das leise Reiben von Holz auf Holz, dann das Tropfen des Wassers. Wiederholt in gemächlichem Rhythmus. Eintauchen – Reiben – Tropfen. Dazu fernes Vogelgezwitscher, das von den zahllosen Inseln herüberklang. Dazu das Wispern des Windes. Dazu das Zirpen der Insekten. Unter der strahlenden Sonne an ihrem Azurhimmel mit den lila Wolken.

 

Seerosen tanzten auf der Wasserfläche, wie Schiffe in einem endlosen Meer. Ihre Blüten aus hauchfeinem Glas, das bei der leichtesten Berührung zu zerspringen drohte. In den Augen der Libellen schimmerte der Regenbogen, während sie ihre Flügel auf den treibenden Blättern trockneten. Ihre funkelnden Leiber filigrane Kunstwerke aus Messingrädern und Kupferspulen.

 

Das Ruderboot glitt zwischen den Inseln dahin. Vorbei an mannshohen Blumenfeldern, deren Kelche mit jedem Ruderschlag die Farbe wechselten. Vorbei an uralten Bäumen, in deren Rinden das Licht der Sterne gefangen lag. Vorbei an blassroten Wiesen, durch die die Flossen von Haifischen schnitten. Vorbei an einem schneeweißen Pavillon, unter dem Musiker tonlos Instrumente spielten. Vorbei an Reihen von Statuen, die den Kopf drehten, um dem Weg des Bootes mit Blicken zu folgen.

 

Er ruderte weiter, auch wenn der Frack dabei hinderlich blieb. Der Zylinder war ihm über Bord gefallen und mit dem weißen Kaninchen darin an ihnen vorbeigezogen. Immer weiter, im Takt zu etwas, dass er nicht hören, sehr wohl aber spüren konnte. Wie auf einem unsichtbaren Pfad, den niemand sah, dem er aber dennoch folgte. Seine Arme schmerzten, doch er hielt nicht inne. Den Blick unverwandt auf sie gerichtet.

 

Sie. Die nackt vor ihm lag. Auf einer verzierten Decke im Bug des Bootes. Beschienen von der Sonne. Die milchige Haut so fein, dass die Adern darunter schimmerten. Die Beine lang, der Schoß flammend und einladend. Ihr Bauch, so eben wie das Wasser. Die Brüste rund und fest, mit großen Höfen. Ihr Mund voll, die Lippen feucht. Die Nase zart und übersät mit Sommersprossen, die sich in Myriaden um ihre Augen schmiegten. Deren Blick funkelte wie ein Smaragd. Und ihr Haar, das in roten Wellen über ihre Schultern fiel. Sie regte sich nicht, lag nur da, wie in Trance. Einen Arm über den Rand des Bootes gebeugt.

 

Ihre Hand berührte das Wasser und rief Erinnerungen an die Oberfläche. Er konnte sie sehen, dort, wo der Finger über die spiegelnde Fläche glitt. Bilder, an die er lange nicht gedacht hatte. Die nun dort unten im Wasser waren. Klar und deutlich. Erinnerungen. Träume. Die im nächsten Augenblick unter dem Sog des Ruders zerplatzten.

 

So trieben sie vorwärts. Die Rothaarige, ursprünglich, verzaubernd, aufreizend. Er, gefesselt an die Ruder, gefangen zwischen Erinnerungsfragmenten, Inseln und ihrem Leib. Über den Himmel zogen Schatten. In weiter Ferne grollte ein Unwetter.

 

Als plötzlich das Boot anlandete, weich auf einem schmalen Sandstreifen aufsetzte. Ein weiteres Eiland. Er hörte mit den Bewegungen auf, schöpfte Atem, überrascht, dass die Reise zu einem Halt gekommen war.

 

Sie löste ihren Blick vom Himmel, sah ihn zum ersten Mal an, kurz nur, aber tief genug, um in ihm ein Lodern zu entfachen. Wie perfekt sie ihm erschien, als sie aufstand. Das Feuerhaar bis hinab zu ihren Brüsten, ihr Schoß nun ohne Geheimnis und ihre Kehrseite so einladend. Sie stieg über den Rand, ihre Füße hinterließen tiefe Abdrücke im feuchten Sand, in deren Vertiefungen sofort winzige Knospen empor sprossen. So schritt sie auf den Wald zu, ehe er noch den Bann abgeschüttelt hatte, um ihr zu folgen. Dort blieb sie stehen, wandte sich um, streckte eine Hand nach ihm aus, während die Sonnenstrahlen alles an ihr in Brand zu setzen schienen. Er kniff geblendet die Augen zusammen, sprang von Bord, den kühlen Sand unter den Füßen, ohne sich erinnern zu können, wann er die Schuhe abgestreift hatte. Stellte fest, dass die Rosen in ihren Spuren bereits zu blühen begonnen hatten. Sah wieder auf, aber da war sie bereits im Unterholz verschwunden.

 

Er folgte ihr, bemerkte nicht, dass seine Abdrücke die eines Raubtiers waren. Näherte sich dem Waldrand, der ein Urwald war aus gemalten Bäumen, Ranken und Blüten. Die Farben leicht verfälscht. Er wanderte hinein, verlor sich schnell im Halbdunkel zwischen den Stämmen. Lauschte auf Vögel, die verborgen blieben. Einmal auf das Grollen einer Raubkatze. Sah, weit vor sich, Flammenschimmer und Porzellanweiß. Irrte ihr nach, immer tiefer hinein in die gemalte Welt.

 

Wo war sie? Er blieb stehen, orientierungslos. Alles wiederholte sich, wie das immer gleiche Bild aneinandergereiht. Langsam schloss er die Augen. Dachte an sie. An ihre Blöße. An die glatte, weiche Haut. An ihren Schoß. An ihren Duft. Wusste mit einem Mal, wo er sie finden würde. Eilte vorwärts, behände, nur ein Schatten zwischen den Stämmen. Erreichte die Lichtung, verharrte einen Moment.

 

Eine Wiese, verschnörkelte Tische und Stühle darauf. Männer und Frauen in buntgestreifter Kleidung – gelb, orange und rot. Strohhüte auf dem Kopf, Spitzenschirme am Arm. Tranken Tee, plauderten. Ein einzelner Geiger, der auf einem Podest in ihrer Mitte stand, spielte seine Musik gegen das inhaltslose Raunen der feinen Gesellschaft.

 

Schon verließ er den Schatten der Bäume, rannte über das kühle Gras. Folgte ihrem Duft. Kaum ein paar Schritte weit, breitete sich die Überraschung wie eine Woge über die Menschen. Hälse wurden gereckt, Köpfe gewandt, Augen geweitet, Gespräche aufgegeben. Für Sekunden herrschte Schweigen, niemand regte sich, selbst die Musik war erfroren. Dann brach der Tumult los, angeführt von verängstigten Schreien, gefolgt von trappelnden Schritten. Die feine Gesellschaft sprang auf, wandte sich hierhin und dorthin, lief in heller Aufregung umher, umtanzte einander, um dann auseinanderzustieben und im Unterholz zu verschwinden wie flüchtiges Wild.

 

Sogar die Tische und Stühle zogen sich in sich selbst zusammen, bis sie nur mehr weiße Pilze inmitten des hohen Grases waren. Einzig der Geiger blieb zurück, stand still, rollte die Augen und grinste dümmlich.

 

Ihre Witterung war nun stärker und er rannte ihr nach, auf die andere Seite der Wiese. Betrat einen Pfad aus Glas, der in den Wald führte. Jeder seiner Schritte kräuselte die Oberfläche, sandte Farbexplosionen aus. Die durch das Wurzelwerk der Bäume fuhren und die Furchen der Rinde erleuchteten, während er dem Weg folgte.

 

Nicht lange und vor ihm breitete sich ein gläserner Platz aus, in dessen Mitte ein Haus stand. Die Holzfassade war rosa gestrichen, das Dach mit weißen Schindeln gedeckt. Der Anblick erinnerte ihn an etwas, aber er war nun zu weit von allem entfernt, um zurückblicken zu können. Er war hier. Er war jetzt.

 

Er witterte. Sie war nun ganz nah. Langsam näherte er sich den Stufen zum Eingang, hielt an einer der Säulen des Vordachs an. Sie war übersät mit Schnitzarbeiten, die sich in wilder Hatz umeinander rankten. Raubtiere aus dem gemalten Wald. Herum und herum. Tiger, Panther, Geparden. Auf der Jagd. Als seine Finger die Figuren berührten, erklang zwischen den Bäumen ein  vielstimmiges Brüllen. Statt der Tür näherte er sich nun einem geöffneten Fenster und blickte hinein. Es gab nur einen einzigen Raum mit marmornem Boden, zartroten Stofftapeten, einem gewaltigen Lüster. Leer, bis auf ein Himmelbett. Hinter dessen weißen Schleiern sah er das Flammen ihres Haares. Ein Seufzen drang zu ihm nach draußen, das sich in einem Kribbeln in seinem Nacken fortsetzte.

 

Lautlos zog er sich ins Innere, verharrte auf dem kühlen Boden. Wieder ein weicher Laut aus ihrer Kehle. Bewegungen zwischen den Laken. Geduckt näherte er sich dem Zentrum. Seine Berührungen ließen den Stein unter ihm erzittern wie Wasser, das ein Regenschauer aufweckte. In den Wellen schwammen Bilder, die hinter ihm abebbten. Erinnerungen. An blaugrünes Meer und weißen Sand. An das Tosen der Brandung. An Palmen. An das Rufen exotischer Vögel.

 

Da lag sie. Der rote Schopf, die weiße Haut. Und auf ihr ein Mann, jung, mit dunklem Haar und Backenbart. Schweiß schimmerte auf seiner Haut, während er langsam in sie drang. Zögernde, unsichere Bewegungen, deren Echo nur zaghaft ihre Augen fanden.

 

Das Verlangen in ihm brannte nun heller. Seine Nägel kratzen über den Boden. Sandten hektische Wellen durch die Erinnerungen. Ein Sturm, der am Horizont aufzog. Dunkle Wolken, die sich vor der Sonne auftürmten. Das Peitschen der Wellen. Das Prasseln des warmen Regens auf der erhitzten Haut. Während sich die Liebenden im Sand wälzten.

 

Tief in seinem Inneren kroch ein Laut die Kehle herauf. Ein Grollen, wie das Tosen des Unwetters. Karmesinrote Blitze zuckten vor seinen Augen. Die Muskeln unter seiner Haut spannten sich. Dann sprang das Knurren über seine Lippen. Beantwortet vom Brüllen aus dem Wald. Er schnellte vor.

 

Die Erinnerungen vermischten sich, wie das Salz des Meeres mit ihrem Geschmack. Er über ihr. Mit aller Raubtierkraft. Entfesselt. Unkontrolliert. Seine Finger wie Krallen auf ihrer Haut. Striemen wie halbvergessene Pfade. Ihr Duft intensiv, alles erdrückend. Die Langsamkeit, das Zögern waren verloren, als er sich in sie drängte. In ihren Schoß. Ihr warmes Inneres. Ihre Hände in seinem Nacken. Gruben sich in das schwarze Fell. Ihre Lippen an seinen. Ihre Zunge fordernd. Die Bewegungen nun rasend. Das Haar wie Feuer um sie herum. Und ihre Augen. Weit aufgerissen. Smaragdgrün. Unergründlich tief. Schneller. Alles in diesen Moment gestoßen. Alles darin verloren. Sie schrie.

 

Dann der Regen, der alles fortwusch. Die Vereinigung zurück in die Erinnerungen trieb. Er spürte die warmen Tropfen auf der erhitzten Haut, als er am Ufer die Augen aufschlug. Erschöpft. Das Pochen des Höhepunkts noch in seinen Ohren. An sich hinabsah. Seine Kleidung nur. Kein Fell. Keine Krallen. Hinter ihm der gemalte Waldrand. Vor ihm das Boot. Er erhob sich. Unsicher. Sie saß am Bug, wartete auf ihn. Blickte in die Ferne. Zu anderen Inseln. Ihr rotes Haar umspielt vom Wind. Er kletterte zu ihr. Nahm die Ruder zur Hand. Stieß sie vom Ufer ab. Ohne einen Blick auf den Strand zu werfen, in dem die Spuren eines Raubtiers bis ans Wasser führten.

 

© Piadora





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