"Miss Kampenwand"

 

Da stand er nun auf der Autobahn kurz vor der Holledau im Stau. So ein Mist. Er wollte doch auf die Wies’n und nun saß er fest, aber was nützte es, sich aufzuregen, davon ging es auch nicht schneller vorwärts. Der Spruch seines alten BW-Fahrlehrers fiel ihm wieder ein: „Wenn wir es eilig haben, fahren wir langsam!“ Um sich nicht zu Tode zu langweilen, schaltete er das Radio ein und hörte prompt den passenden Beitrag:

Mit dem "Bankerl-Weg" hat Aschau jetzt ein neues Tourismusangebot. Überall im Ort und der Umgebung stehen sehr originelle Sitzbänke. Man hat sich wieder etwas einfallen lassen: Eine "Bankerl-Dorfreibn", auf Hochdeutsch Sitzbank-Dorfrunde. Für den ersten "Boarischen Entschleunigungsweg" wurden 125 Themenbänke aufgestellt. Sie stehen im Ortszentrum und entlang des „Boarischen Entschleunigungswegs“, ein Spazierweg durch die schöne Natur oberhalb von Aschau. Es gibt da beispielsweise vor dem Rathaus die "Quadratratschnbank", vor dem Friseurladen das "Boderbankl" und vor dem Schreiner die „Hobelbank!“

„Was für eine süße Idee: Ein „Boarischer Entschleunigungsweg“!“, dachte er, als es schon weiterging.

„Aschau ist eben wirklich a Schau!“, lobte die Moderatorin.
„Schon im letzten Sommer gab es eine clevere und überaus erfolgreiche Marketingaktion vom Chiemsee-Alpenland-Tourismus, und das war die Wahl der "Miss Kampenwand".

Fünf Wochen lang verwandelte sich der Chiemgauer Hausberg in einen Laufsteg und fünf Bewerberinnen stellten sich zur Wahl. Doch sie war es: Ronja! Niemand konnte der dunkelbraunen Schönheit widerstehen. 11.000 Besucher haben ihre Stimmen für ihren Liebling abgegeben. Die schöne Ronja sahnte dabei allein 4.966 Stimmen ab. Also hatte sie fast die Hälfte aller Wähler-Herzen erobert und wurde zur "Miss Kampenwand" gekürt. –

Und ich kann ihnen sagen … WOW! Diese "Miss Kampenwand" hat es in sich. Eine üppige Schönheit … und wirklich …“ Sie verschluckte sich. „Ziemlich viel …“ – „Holz vor der Hütt’n“, dachte er, aber die Moderatorin brachte es noch deutlicher auf den Punkt: „Boah … ziemlich viel Busen!“

Klar, in Bayern gingen die Uhren anders. Keine Moderatorin im Rest Deutschlands wäre so direkt – um nicht zu sagen taktlos - auf diesen körperlichen „Vorzug“ einer frischgekürten Miss eingegangen, aber gerade diese etwas plumpe Art machte ihn an.

Dieses „Boah … ziemlich viel Busen!“, setze sein Kopfkino auf der Stelle in Gang. Er stellte sie sich vor, diese "Miss Kampenwand". Allein schon dieser Titel! Die Kampenwand war doch schließlich ein Bergmassiv, zumindest soweit er wusste. Also ein Berg war doch etwas Gigantisches, folglich konnten die Mädels, die sich diesen Titel holen wollten auch keine Gazellen sein. Diese Ladys würden demnach perfekt in sein Beuteschema passen, und er hoffte, heute noch einige dieser wundervoll aufregenden Exemplare zu treffen. Am besten natürlich Ronja, die mit dem „Boah … ziemlich viel Busen!“

Sie war bestimmt eine dralle Dorfschöne, mit dunklen Zöpfen, strammen Wadeln unter dem Dirndlrock und einem noch pralleren Dekolleté. Hach, er liebte es einfach, wenn die Mädels ihre Brüste herzeigten – und bayrische Mädchen waren da bekanntermaßen viel offenherziger, als alle anderen. Genau deshalb fuhr er jedes Jahr auf die Wies’n - und nun machte ihm schon die Radiosprecherin den Mund dermaßen wässrig, dass er auch weit unterhalb desselben reagierte!

Diese "Miss Kampenwand" musste er einfach haben! Er wünschte es sich so sehr, obwohl es höchst unwahrscheinlich war, dass er sie überhaupt jemals im Leben treffen würde, geschweige denn heute auf der Wies’n. Aber vielleicht wusste die Moderatorin ja mehr.

„… und dieses Jahr ist das Glück perfekt!“, hörte er, und flehte um die Nachricht, dass "Miss Kampenwand" die Wies’n besuchen würde. Sein Glück wäre dann bestimmt perfekt. „Ihr größtes persönliches Geschenk hat "Ronja, die Edle" jetzt erst bekommen: Sie hat ein rundum gesundes Kälbchen geboren.

 

Ronja, die schönste Kuh im ganzen Kampenwandgebiet!“

© Anna