Veränderungen

Klassisch geradezu, was hier abgeht!

Seit die Hütte mir allein gehört, also während der letzten zwölf Jahre, habe ich hier - in größerer oder kleinerer Besetzung - mit meiner Familie den Jahreswechsel gefeiert. Gewitzt aus der Erfahrung haben wir gewissermaßen die Silvester-Konvention, dass bei solchen Festen keine alten Familiendramen aufgewärmt werden dürfen – und auch ein „Stoppwort“. Das heißt, wenn Diskussionen für einen der Anwesenden zu persönlich, zu frustrierend werden oder er/sie sich angegriffen, beleidigt oder gemobbt fühlt, führt besagtes „Stoppwort“ sofort einen Themenwechsel herbei.

 

Funktionierte bisher viele Jahre, bis eben … bis vor einer Stunde.

Als fünf Menschen der Ansicht waren, es mir, dem Alten, mal anständig geben zu müssen. Wohlgemerkt demjenigen, der vorher drei Stunden lang ein schönes Silvestermenü gekocht, gebraten und gebacken hatte, und der sich dann erfrechte die fünf Menschen zu einem Zeitpunkt zu Tisch zu bitten, an dem sie lieber weiter gepokert hätten und ihm das auch sehr direkt zu verstehen gaben.

Sein Essen müsse eben warten.

 

„Herr Merz, Sie müssen einfach verstehen, wir möchten das Spiel zu Ende spielen. Wo ist Ihr Problem?“ Mit diesen Worten leitet Dana, die Freundin meines Sohnes, die Diskussion ein.

Ich aber beantworte ihm ihre Frage: „Sohn, du kennst die Regeln in diesem Haus. Wenn das Essen auf den Tisch steht - wird gegessen! “

„Papa, nun sei nicht so kleinkariert. Wir wollen alle zu ende spielen, und das Essen kann doch warten!“

Meine Freundin Petra nimmt ebenfalls Partei gegen mich, und meine Tochter und ihre Freundin blasen ins gleiche Horn.

„Fürio!“, ich sage nur leise und eindringlich „Fürio“.

Das ist das Stoppwort.

 

„Papa ... du siehst: Fünf zu eins!“

Seine überhebliche Lache, das süffisantes Grinsen von Dana und die schmalen Lippen meiner Freundin kratzen an meiner Seele.

„Was soll eigentlich der Quatsch mit diesem „Stoppwort“?“, mischt sich Dana ein.

Innerhalb von wenigen Minuten war wirklich „Fürio“ in allen Köpfen.

Als aber meine Tochter sich zu der Aussage versteigt: „Papa wir können nachher auch sehr gut ohne dich essen – wenn es dich stört!“, brennen bei mir die Sicherung durch.

Der Rest in meinem Weinglas kühlt erstmals das Gesicht meiner Tochter und sorgt für einen Schock, und ich kann nicht mehr an mich halten – ich muss raus, weg, an die frische Luft.

 

Während der letzten drei Tage wird von Dana mehr oder weniger versteckt Dominanz zelebriert - und von allen anderen mitgetragen. Meine Freundin nörgelt auch vom ersten Tag an, denn sie wäre lieber mit ihrer Clique feiern gegangen und zahlt es mir jetzt auf diese Art zurück.

 

Schuhe an, Jacke, Schal, Mütze und nichts wie weg. Der Berg ist genau richtig - zum Abkühlen.

Wortfetzen und Lachen aus der Stube. Durch die dünnen Holzwände höre ich:

„Wird langsam Zeit, dass er sich an unsere Regeln gewöhnt. Den kriegen wir schon noch gebogen!“ Die Stimme von Dana. Meine Freundin spricht zu leise und ist leider nicht zu verstehen. Die anderen lachen dazu - sehr sarkastisch.

Das gibt mir den Rest.

Die Hauptsicherung brennt durch, und in mir erwacht der Schweinehund …

 

Zurück in die Küche.  

Eine Handvoll Salz wird in Suppe, Gulasch, Püree und Bohnen verteilt und ein guter Schluck Essig in die Mousse au Chocolat. Das „Ohne-mich-Essen“ wird nicht allzu vergnüglich werden.

 

Rund um den Berg, das sind vier Stunden stramm zu laufen, bei dem einsetzenden Schneetreiben vielleicht sechs. Im Hinausgehen stecke ich zwei Tafeln Schokolade, ein Endstück Baguette und einen Flachmann Kirsch in die Jackentaschen.

 

Tschüs elende Brut!


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Wieso … konnte es soweit kommen?

Warum … setzen die Kinder die Regel außer Kraft?

Warum … hab ich nicht früher die Notbremse gezogen?

Warum … ist Petra überhaupt noch meine Freundin,

wo sie mir jetzt das dritte Mal innerhalb kurzer Zeit in den Rücken fällt?

Woher kommt … diese auflodernde Gehässigkeit mir gegenüber?

Mir, der ihnen wieder eine schöne Woche mit Schnee und Skifahren ermöglicht,

ihnen sogar die Freiheit lässt zu kommen oder wegzubleiben!

Auch meiner Freundin habe ich das freigestellt.

Was … habe ich falsch gemacht?

Gibt es eine friedliche - befriedigende Lösung?

Und wenn ja, wo?

 

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Endlos dreht sich eine Schleife in meinem Gehirn …

Endlos.

 

Noch bin ich zu aufgewühlt und zornig, zu zornig mit mir selber.

Ich habe mich auf dem verkehrten Fuß erwischen lassen. Nerven gezeigt.

Meine Füße tragen mich ohne auf den Weg zu achten durch die Nacht. In der Ferne sehe ich durch das Schneetreiben ein paar Lichter funkeln, und ein halb gespurter Weg leitet mich in diese Richtung. Hier auf diesem Hügel sind ebenfalls ein paar Chalets und jetzt, zu Silvester, auch bewohnt. Ich höre im vorbeigehen Lachen, Singen, Musik und Gläser klirren.

Erneut steigt in mir Bitterkeit hoch.

WARUM kann das nicht bei mir – bei UNS auch so sein?

Und dann höre ich aus dem nächsten Chalet ebenfalls laut schimpfende Stimmen, höhnisches Lachen und Schreien. Zank. Zorn. Wut und knallende Türen.

„Wo Menschen sind menschelt‘s!“

 

Das ist ein kleiner Trost: Ich bin nicht allein.

Und es beruhigt mich irgendwie. Ich merke, wie die Bitterkeit nachlässt, wie der Kloß unter dem Brustbein weniger drückt. Unbewusst verlangsame ich meinen Schritt, wende neugierig mein Blick zum Chalet hin. Erst nach zwei, drei Schritten sehe ich, dass da auch jemand neben der Tür steht. Nur das Aufglühen einer Zigarette verrät es.

 

Ich muss mich diesem Jemanden mitteilen, ihm sagen, dass er nicht allein ist mit diesem Phänomen, ihm sagen, dass noch mehr Menschen … Leidensgenossen sind! Ich bleibe stehen und suche die ersten Worte um ein Gespräch zu beginnen.

 

„Hörst du diese Irrsinnigen?“ Eine wutgeladene, tränenstickige Frauenstimme kommt mir zuvor. „Ich kann nicht mehr! Wo ist nur die Höflichkeit, die Kultur, unsere Erziehung geblieben?“

Ein Aufschluchzen gefolgt von einem Wutschrei.

 

„Genau aus dem gleichen Grund bin ich unterwegs. Bei mir ist ebenfalls der Teufel zu Gast!“

Sie kommt die vier Stufen zum Weg runter.

„Und du bist einfach abgehauen, hast die Streithähne alleingelassen?“

„Jah!“

„Bei mir sind es eher Kampfhennen!“

Ich erzähle ihr kurz die Situation. „Jetzt bin ich auf dem Weg um den Berg – und komme dann irgendwann zwischen drei und vier Uhr zurück!“

Sie steht mit hängenden Schultern da. Eine Frau in meinem Alter, von meiner Größe – und sie knetet nervös ihre Hände.

 

„Komm doch mit!“

„Kann ich …?“

„Ja, komm! Zieh Mantel und Schuhe an – steck eine Tafel Schokolade ein! Ich warte – hier nebenan,  bei der Tanne.“

Von der Tanne aus hat man einen schönen, durch das Schneetreiben verschleierten Blick ins Tal, auf diffuse Lichter von Häusern, Straßenbeleuchtung und fahrende Autos.

Erst als sie ihre Hand unter meinen Arm schiebt merke ich, dass sie da ist.

„Ich bin die Lotte.“

„… und ich der Simon!“

„Kennst du den Weg?“

„Leidlich – und du?“

„… die andere Hälfte von leidlich!“

 

Wortlos laufen, stapfen, schlurfen wir durch die Winter-Schneelandschaft. Es ist nicht kalt, und bald fangen wir an unsere Jacken zu öffnen, langsamer zu gehen, denn schließlich ist Schwitzen nicht zuträglich. Jeder hängt seinen Gedanken nach. Wenn es der Weg erlaubt, schiebt Lotte ihre Hand unter meinen Oberarm und läuft bei mir eingehängt.

Nach einer Stunde erreichen wir die Straße auf der Passhöhe. Zwei Schneepflüge stehen abfahrbereit. Die Küche vom Restaurant hat für die Arbeiter einen kleinen Vorbau, eine Art Kantine, eingerichtet. Als wir auftauchen wird Lotte sofort erkannt und einer der Fahrer weiß auch mich einzuordnen.

Kleines Erstaunen allerseits.

Was machen diese beiden in der Silvesternacht hier - um elf Uhr? Sie tauchen zu Fuß aus dem Nichts auf, trinken einen Kaffee und verschwinden in die andere Richtung – genauso unerklärlich ...

 

Wir nehmen den unteren Weg zum Einödhof. Von hier aus sind es noch knapp vier Kilometer.

Der kleine Schwatz mit den Straßenwärtern löst unsere Zungenstarre.

 

Lotte stellte sich in der letzten Stunde genau die gleichen Fragen, die mir vorher durch den Kopf geisterten, und ich erzähle ihr meine Rückschlüsse. Als sie hört, dass ich Salz ins Essen und Essig in die Mousse geschüttet habe, muss sie vor Lachen stehenbleiben.

„Ich habe am Herd alle Platten aufgedreht: Volle Leistung. Bis die merken was los ist, ist das Essen verkocht oder verbrannt.“, kichert sie.

 

Wie bei mir, ist es wohl auch bei Lotte der Generationenstreit, der um die Familienführung entbrannt ist.

Bei mir fehlt die Ehefrau und Mutter, bei Lotte der Mann.

Bei mir will Sohnemann mit Freundin die erste Geige spielen, bei Lotte die beiden älteren Söhne mit ihren Frauen.

Lotte hat ihre Firma seit dem Tod ihres Mannes vor zwei Jahren allein weitergeführt. Die beiden Großen möchten sich nun auch an diesen Töpfen gütlich tun.

 

„Fürio!“

Ich nutze das Wort auch jetzt.

„Warum?“, fragt sie mit großen Augen.

„Wir reden uns nur in Rage!“

„Stimmt!“

„Noch weit bis zum Hof?

„Mitternacht sind wir da!“

„Der hat Zimmer!“

„Bist du müde?“

„Nein, ist nur eine Feststellung, denn die sind ohnehin immer alle belegt – an Silvester!“

 

Eine erste Rakete steigt keine dreihundert Meter vor uns, gefolgt von Dutzenden von Böllern, Knallern, Raketen, „Vesuven“ und „Sonnenrädern“, die knatternd, ratternd, fauchend, zischend und heulend in den Himmel schießen.

Im nächsten Augenblick liegen wir uns in den Armen.

Wir küssen uns schnell, fast hektisch, so, als könnte sich einer dem anderen noch rasch entziehen.

„Alles Gute im neuen Jahr! Gesundheit – vor allem Gesundheit … auch an Seele und Geist!“

„Ja, auch an Seele und Geist!“, echot Lotte.

Wir lassen einander nicht los – können nicht voneinander lassen. Nur unsere Gesichter, unsere Hände sind direkt fühlbar. Genug um in mir - in uns - einen Gefühlssturm zu erzeugen, und die Heftigkeit mit der Lotte reagiert gleicht einer Eruption.

 

Unser Weg führt am Gewusel der Neujahrparty vorbei.

Zum ersten Mal sehen wir uns bei Licht und was die Kapuzen unserer Anoraks freigeben gefällt uns.

Unsere Blicke schweifen in die Runde. Wir verdrehen die Augen und schmunzeln – rümpfen die Nasen. Mit fast unmerklichen Kopfbewegungen und einem Drehen der Schultern verständigen wir uns wortlos und fassen uns an den Händen. Wir wandern weiter – aus dem Lichtkegel und in die Nacht.  

 

„Kennst du die Feldscheune oben am Übergang zum alten Römerweg?“

„Hmm, ja!“

„Im Spätsommer haben die neues Heu eingefahren!“, wispert Lotte, die wieder meinen Arm vereinnahmt.

Gemächlich folgen wir der eben noch sichtbaren Spur von einem Motorschlitten, wandern - je länger desto entspannter - durch die Nacht.

Seit Mitternacht ist sowohl bei als auch in Lotte und mir eine Veränderung zu spüren. Auf einmal geht eine Vertraute neben mir … nicht nur eine Leidensgenossin, und als ob sie meine Gedanken mithört, mitfühlt …

„Sowas, Simon, nennt man „Seelenverwandtschaft“! Für mich bist du ein Vertrauter.“ In dieser Stimmung erreichen wir die Höhe, und wenige Minuten später führt uns die Spur zur Feldscheune.

 

Lotte zaubert aus der Umhängtasche, eine Kerze, ein Baguette, einen Zipfel Salami und ein Stück Käse, und mit einem scheuen, entschuldigenden Lächeln sagt sie:

„Für einen Roten ist es zu kalt!“, und streckt mir eine Flasche Weißwein entgegen. Unser Dinner kann beginnen. Das Dessert – Schokolade und den Digestif – Kirsch, sowie eine kleine Taschenlampe steuere ich bei.

 

Es fallen nicht viele Worte, umso mehr kleine Gesten, Blicke, Berührungen, direkte und indirekte Signale des Verstehens, wie unter Kameraden … „Seelenverwandten“ wie Lotte es nennt.

  

Ich habe partout keine Lust meiner Brut innerhalb der nächsten 24 Stunden zu begegnen. Hier im Heu lässt es sich gut übernachten, biwakieren.

„Hast du Lust zurück in dein Chalet zu gehen – heute Nacht?“

Ich knie vor ihr, mit beiden Handrücken ihre Wangen streichelnd.

Der lange, nachdenkliche Blick macht mich nervös – und erregt mich.

„Nein, nicht wirklich!“

Sie - ich - wir streicheln und küssen uns zögerlich zuerst, dann sanft und begehrend. 

Nach kurzem Staunen über diese Avancen huscht ein Lächeln über ihr Gesicht. Als sie sieht, wie ich beginne die Heuballen zu einer Höhle zusammenzustellen, kommt sie und hilft mir.

 

„An sowas habe ich gedacht, als wir am Einödhof vorbeiwanderten!“, und ihre Hand streicht mir sanft über den Rücken.

Wir finden noch ein paar leere Futtersäcke und eine Pferdedecke. Was für ein Komfort!

Als Lotte die Kerze löscht und wir uns eng aneinander kuscheln, ist es Neujahrmorgen halb drei.

Wir werden drei oder vier Mal wach, um uns neu zu arrangieren, mit den wenigen vorhandenen Hilfsmitteln neu zuzudecken, um nicht auszukühlen.

 

In der Trägheit des Aufwachens spüre ich, wie eine Hand über mein Gesicht streichelt, fühle ihr Gewicht auf mir.

„Es ist gleich zehn Uhr.“, wispert es an meinem Ohr, gefolgt von vielen kleinen Küsschen. Im Licht der Taschenlampe sehe ich Lottes Gesicht, umrahmt von der Kapuze ihres Anorak. Sie liegt halb auf mir, ein Bein in meinem Schritt und mein anderes Bein fest mit ihren Schenkeln umklammert.

„Simon … würde es gehen?“ Dabei presst sie ihren Schritt fest an meinen Oberschenkel. „Das!“ Sie macht zwei, drei Stoßbewegungen an meinem Oberschenkel. „Könntest du …?“ Lottes Gesicht ist pure Lust. Ihr Lächeln verspricht mir die Erlaubnis sie zu genießen. Die Stimme fordert eigenen Genuss, ihr Körper wartet darauf.

 

Mein Schmunzeln, meine Augen müssen geantwortet haben, bevor mein Hirn Worte finden konnte. Unsere Hände sind abwechselnd aktiv. Langsam – aufreizend langsam entblättern wir Schale für Schale, wie bei einer Zwiebel.

Unsere Höhle ist niedrig und eng, so niedrig, dass wir nur sitzen können. Wir müssen uns winden, schlangengleich strecken und krümmen, um aus unseren Kleiderschichten zu entkommen … und es wird warm.

Unsere Körper beginnen zu dampfen, zu duften – stacheln die Begierde, die Gier nach dem anderen an. Wir berühren, reiben unsere Oberkörper, als sie nackt sind, versuchen die Hosen zu öffnen, rangeln um den Vorrang, wer wessen Hose öffnen darf. Lotte lässt sich fallen - ergibt sich.

 

Gefütterte Thermohose, lange Merino Unterhose und ein neckisches Höschen bleiben kurz unterhalb der Knie stecken. Ich bin wohl zu hektisch, zu ungestüm, will alles auf einmal. Also abtauchen in die Enge, um diese „Problem“ über Knöchel und Füße zu schieben. Mein Kopf liegt auf ihrem Schambein, die Nase direkt über der Duftquelle. Strampeln, das Öffnen der Beine, das Zerren an den Kleidern mit Festhalten der Beine … ist ein Vorspiel der Sonderklasse.

 

Ein Bein ist frei. Es übermannt mich und ich tauche in Lottes Fraulichkeit. Ein Protest erstirbt im Bruchteil einer Minute. Das zweite Bein ist frei. Als ich auftauche, zieht, zerrt sie fordernd an meinen Haaren. Wir küssen uns wild – eigentlich schleckt sie ihren eigenen Geschmack von meinen Lippen, Mund - Nase - Gesicht.

 

Lotte ist beim Ausziehen geschickter. Sie zieht mir mit genüsslicher Langsamkeit Schicht für Schicht über Hüfte, Beine und Füße, streichelt die Innenseite meiner Oberschenkel. Sie krault mir die Eier – den Damm und drückt den Finger genau in den Übergang. Das erhöht den Druck auf meinen Sporn. Lotte bohrt ihre Zunge in meinen Bauchnabel und gleichzeitig begraben ihre Brüste meinen Sporn.

Mein reflexartiger Stoß mit der Hüfte und das Hochziehen von Lotte sind die Reaktion.

 

„Nein! Nicht rasen – rammeln! Bitte verweilen, tief verweilen!“ Das klingt fast flehentlich. „Simon, nur ganz tief bewegen … reib mir über die Knospe. Ich brauche Zeit.“

 

Lotte ist keine Laute, aber ihr expressives Minenspiel spiegelt alle Facetten ihrer Lust. Ihre gelebte Lust belebt meine Instinkte, meine Phantasie. Sie regt mich an, ihre Lust zu steigern. Lotte gibt mir, sie nimmt nicht! Sie gibt mir die Kraft, ihre Lust zu intensivieren. Wir treiben gemeinsam auf einen Höhenpunkt zu, gesteuert von gemeinsamer Verbundenheit.

 

„Das Universum hat uns verbunden!“ Leise wispernde Worte. „Simon, als gestern Nachmittag die Diskussion losging, der Streit heftiger wurde, da habe ich das Universum - nicht Gott - das Universum um Hilfe gebeten!“   

„Und mein Weg …“ Ich stocke. „… führt mich immer im Uhrzeigersinn um den Berg. Er ist einfacher, kürzer. Gestern hat mich ein anderer Impuls gelenkt – gegen die Uhr. Mein Weg führt normalerweise nie an den Chalets vorbei!“, ergänze ich Lottes Geständnis.

„Simon, ich glaube an Vorsehung!“

 

Kurz nach zwölf Uhr überwinden wir die restliche Höhenmeter zur Passhöhe. Von hier aus sind es zweihundert Meter bis zur gespurten Loipe.

 

Ab hier haben wir wieder Mobilfunkempfang, und unsere Gewissen melden sich. Wir sollten fairerweise ein Lebenszeichen absetzen. Dieses Problem wird uns durch die auftauchende Pistenraupe abgenommen. Der Fahrer macht einen Schlenker, als er uns sieht. Er kennt uns als „Anwohner“ hier oben.

 

Breit grinsend kommt er aus seiner Kabine. „Ein gutes, neues Jahr, gute Gesundheit und viel Glück!“ Seine Augen funkeln: „Ihr werdet schon gesucht!“ Sein Grinsen wird noch breiter. Er macht mit der linken Faust und Daumen nach oben gestreckt eine zustimmend-bewundernde Bewegung.

 

„Sehen wir so schlimm aus?“

Lottes Frage wird mit einem freundlichen Lachen beantwortet:

„Wenn meine Tochter am Morgen so wie du nach Hause kommen würde, … hmm … dieser Pott hat mehr als nur den Deckel gefunden!“ Seine Pranke klopft leicht auf Lottes Schulter. „Ich informiere schnell die Leitstelle, dass ihr wieder da seid.“ Und mit einen Augenzwinkern: „Ihr habt natürlich keine Handys dabei! Die Polizei soll eure Leute informieren! Einverstanden?“ Bevor er in die Kabine klettert, feixt er: „Das eine oder andere ist schon durchgesickert. Lasst sie mal tüchtig ausnüchtern, ich meine … hier!“ Er tippt mit dem Finger an den Kopf.

Bevor er die Raupe startet, klärt er mich noch auf: „Deine Leute haben vor einer Stunde oben am Parkplatz die Autos beladen. Ihr habt sturmfreie Hütte!“ Und im Aufheulen des Motors vernehmen wir noch: „Viel Freude im neuen Jahr!“

 

Epilog

 

Heute ist der siebte Januar - später Abend.

… „Viel Freude im neuen Jahr!“

 

Die hatten wir von der ersten Stunde an.

 

Lotte und ich finden in dem Bruch den man uns als Aufgabe gestellt hat, immer mehr gemeinsame Nenner. Den Hauptnenner haben wir aus der Heuhöhle mitgebracht. Die nächste Übereinstimmung – wir lieben beide Körperkontakt.

Arm-in-Arm kennen wir schon von der ersten Minute an. Hand-in-Hand gesellte sich dazu. Dann kam ein Streicheln hier, ein Küsschen dort, ein Klaps auf den Po zwischendurch, ein kurzes Anlehnen im Vorbeigehen oder neckisches Kneifen ins Nierenfett – begleitet von einem Lächeln und mit einem Schmunzeln erwidert.

Wir beide lieben die Einfachheit. Einfachheit mit Stil.

Lotte und ich sind gewohnt Verantwortung zu tragen, und für uns beide gilt Gemeinwohl vor Eigenwohl.

 

Und auch wenn es schwer fiel … noch einen Gemeinsamkeit:

Die Kinder und vor allem der Anhang unserer Kinder, die „Kalte Verwandtschaft“ haben sich außerhalb jeglicher Konventionen gestellt - da sind wir uns einig, und diese Einigkeit wurde mit einem Quickie besiegelt.

 

Am dritten Januar macht Benedikt, der Pistenraupenpilot, einen Schlenker zu unserer Hütte, um uns mitzuteilen, dass auch Lottes Chalet jetzt leer ist. Bevor er weiterfährt reicht er uns unter Faxen noch einen kleinen Sack mit frischem Brot aus der Kabine.

 

Am vierten Januar wandern wir zu Lottes Chalet und lieben uns zum ersten Mal in ihrem Bett.

 

Am fünften Januar räumt jeder seine Hütte und so haben wir dementsprechend allein übernachtet. Das ist grausam!

 

Am sechsten Januar haben wir uns beim Depot der Straßenwärter und Pistenpfleger verabredet und uns von ihnen verabschiedet. Unsere Kiste Rotwein wird nicht zurückgewiesen!

 

Wir sind dann direkt zu Lotte gefahren.

 

Heute Morgen, siebter Januar hat uns um neun Uhr das Telefon beim Wachwerden gestört – aber nur kurz, denn wir haben es klingeln lassen. Um ein Uhr hat Lotte den ersten Termin in ihrer Firma.

Um fünf Uhr sitzen wir dann beide im Auto um die 186 Kilometer zu mir nach hause zu fahren. Wir wandern durch mein Haus, so wie wir gestern durch ihr Haus gewandert sind. „Unser“ Bett in meinem Haus wird sofort „eingeweiht“, genauso wie wir „unser“ Bett in ihrem Haus „eingeweiht“ haben.

 

Für den vierzehnten Januar habe ich für Lotte und ihre Kinder einen Mediator bestellt. Lotte will, dass ich an ihrer Seite sitze.

Am sechszehnten Januar ist dann der Mediator bei mir und meinen Kinder – mit Lotte an meiner Seite.

 

©S’Rüebli

 

 

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