Wintermärchen

„Mami ich kann nicht mehr, du bist so schnell.“

 

Die Kleine steht vor ihrer Mutter, eingepackt in Mantel, Schal, Mütze und Fellstiefelchen. Sie ist um die fünf Jahre alt. Das Gesicht der Mutter ist traurig, verkrampft, und Tränen laufen ihr über die Wangen. Einem Kinderwagen ausweichend, stehe ich plötzlich vor den beiden, stolpere fast über den Rollstuhl der Mutter.

 

„Wir müssen sofort nach Hause, du weißt warum!“

 

Etwas lässt mich stehen bleiben.

 

„Wenn ich bei dir vorne stehen kann, dann kannst du schneller fahren!“

 

„Tinka, das geht nicht, es ist zu gefährlich … Onkel Torsten hat es verboten!“

 

Den Rest des Dialoges höre ich nicht mehr, denn jemand schubst mich auf die Seite, und ich muss mein Gleichgewicht austarieren. Als ich wieder hingucke, versucht die Mutter mit ihrem Rollstuhl aus dem Knäuel von Kinderwagen-schiebenden Müttern, Kleinkinder-tragenden Vätern, Lampion-baumelnden-und-Martinslieder-singenden Kindern heraus zu kommen und aus dem Martinszug auszuscheren.

 

„Kann ich helfen?“ Ich stelle mich erneut - diesmal bewusst - vor ihren Rollstuhl.

 

„Nein!“

 

„Mami muss dringend und kann nur zuhause!“ Die Kleine scheint pragmatischer zu sein. „… und das ist noch weit hinter der Schule!“

 

Konsterniert schaut mich die Mutter an – weil ich lächle, schmunzle.

 

„Kommt ihr beiden, ich wohne hier um die Ecke, knapp 100 Meter und ein barrierefreies WC habe ich auch!“

 

Mutter, in ihrer Not, gibt Strom auf den Rolli und ich, mit Tinka an der Hand, eile zügig hinterher. Bis vor neun Monaten habe ich noch meine Frau im Rollstuhl gepflegt. In dieser Zeit bekommt man ein Auge für die Nöte und Ängste von Rollstuhlfahrern oder Rollstuhlschiebern, so wie ich einer war.

 

„Wie heißt du?“ Tinka ist eine aufgeweckte. Sie hüpft, springt und läuft neben mir her.

 

„Sigfried, aber alle sagen Sigi zu mir!“

 

„Mami er heißt Sigi!“, und zu mir gewandt „… und Mami ist die Tanja, wir sind eine T-Familie!“ Tinka plappert weiter. „Der Opa heißt Theo und Oma Katharina aber alle sagen nur Tinka zu ihr, so heiße ich auch und Onkel Torsten und Tante Thea!“

 

Tür aufschließen. Der breite E-Rolli passt gut durch die Tür, auch durch die Tür zum Gäste-WC.

 

„Helfen oder geht es allein?“

 

Flehend schaut sie mich an. „Ganz schnell, sehr … ganz schnell!“ Das ist fast ein Schrei.

 

„Umarme mich um den Hals!“ Das ist fast ein Kommando. Ich ziehe sie aus dem Rollstuhl hoch. „Festhalten!“, denn im Hochziehen schiebe ich ihr schon Hose und Slip runter und setze sie auf die Schüssel ab. Hunderte Male gemacht …

 

Die Not weicht aus ihrem Gesicht, sie entkrampft sich und wird rot über das ganze Gesicht. Ich merke, dass wir doch einen kleinen Augenblick zu spät waren. Der Slip mit Einlage, wie die Hose und auch die Schutzauflage auf den Sitz haben dunkle Flecken. Ohne zu fragen oder Protest abzuwarten, ziehe ich ihr die Schuhe, die Hosen und den Slip aus.

 

„Einen Augenblick!“ Jetzt macht sich meine Lethargie und Faulheit bezahlt. Alle Sachen von meiner Frau sind noch greifbar.

 

Wie ein Blitzschlag zuckt einer ihrer Sprüche durch mein Gehirn. „Nichts ist von ungefähr – alles hat einen Sinn!“

 

Mit frischem Slip und trockener Hose, zwar zu groß aber immerhin, komme ich zurück. Tinka steht einfach da und verfolgt alles interessiert mit großen, dunklen Augen.

 

„Tinka, im Schränkchen hinter dir, im zweiten Fach …“ und schon fliegt die Tür auf. „Rechts liegen Slipeinlagen!“ Und schon wurstelt sie sich zwischen Rolli und Waschbecken hindurch, um Tanja die Einlagen und Feuchttücher zu reichen.

Mit leicht verlegenem Lächeln stehe ich da.

 

„Verstehe!“

 

Jetzt wird es eng für mich als Mann. Den Popo von einem Enkel oder meiner Frau abzuwischen, ist etwas anderes, als den von einer attraktiven, jungen Frau, die ich vor ein paar Minuten auf der Straße aufgegabelt habe. Und doch streiche ich im nächsten Augenblick über eine stramme und dennoch weiche Vulva. Mit dem nächsten Tuch reinige ich ihre Schenkel, und - im Reflex - streichle ich noch einmal über ihre Vulva.

 

Sie hat schon die Bügel und Haltegriffe erkannt und zieht sich hoch.

 

„Stehen kann ich, ein paar Schritte gehen nur mit Hilfe.“ Nun steht sie da, balanciert ihr „Stehen“ aus und präsentiert mir dabei mit vorgestrecktem Becken ihren schwarzen, dichten, lockigen Busch. Mit gespannter Beherrschung ziehe ich den frischen Slip und die Hose hoch und setze sie wieder in den Rollstuhl.

 

„Hier Sigi!“ Tinka reicht mir einen blauen Müllsack. „Für Mamis Sachen.“

 

Mit Tinka habe ich eine clevere Verbündete.

 

„Möchtest du noch zum Martinszug?“

 

Heftiges Kopfnicken und ein langes „Jaaaa!“

 

Mein Blick geht zu Tanja: „Noch genug Strom im Rolli?“

 

Es kommt ein zögerliches, verhaltenes „Ja.“

 

„Dann marsch ab!“

 

Über die Abkürzungen sind wir beim Feuer, als St. Martin gerade ankommt, und wir haben einen Logenplatz.

 

Auf meine Frage: „Wo ist deine Laterne?“, antwortet Tinkas aufgeregt wütende Stimme.

 

„Jungs haben mich geschubst und mit mir gerangelt, und auf einmal hat sie mir einer weggenommen! Und dann sind sie weggerannt.“ Sie zupft mich am Ärmel. Als ich mich niederbeuge, flüstert sie mir ins Ohr: „Mami hat sich total aufgeregt, und wenn sie sich total aufregt - muss sie immer sooofort!“ Sie kichert verlegen.

 

St. Martin reitet um das Feuer, teilt den Mantel, den gleichen, den er schon damals bei meinen Kindern geteilt hat.

 

Aufgeregt zappelt Tinka und zupft voller Spannung an meinem Ärmel.

 

„Da, da!“ Sie zeigt mit dem Arm. „Meine Laterne – die Jungs!“

 

„Dann komm, wir holen sie zurück!“

 

„Hast du keine Angst vor deren Mama und Papa!“

 

„Warum, die Laterne hast du doch im Kindergarten gemacht. Dein Name steht doch in der Laterne!“

 

Voller Stolz und mit fester Stimme antwortet sie: „Ja, habe ich selber geschrieben, Tinka Krings!“

 

Tanja ist vom Geschehen so faszinierte und eingenommen, dass sie von unserem Dialog nichts mitbekommt. Keine zehn Meter und wir stehen neben den Jungs, eigentlich neben dem Jungen mit Tinkas Laterne. Als er Tinka und mich sieht, streckt er ihr wortlos die Laterne entgegen und verschwindet einem Luftgeist gleich in der Dunkelheit.

 

„Und wo steht dein Name?“ frage ich.

 

„Hier, TIИKA KRIИGƧ!“ Sie ist ganz stolz.

 

Tanja sitzt zusammengekauert in ihrem Rollstuhl, und Tränen rinnen ihr über die Wangen. Solche Momente wie jetzt, wo hunderte von Menschen Fröhlichkeit, Glück und Ausgelassenheit verkörpern, kann bei jemandem, der auf der anderen Seite steht - nein sitzt - das „Arme Dier!“ hervorrufen.

 

Auch Tinka sieht ihre Mutter weinen. Ihre kleine Hand schiebt sich in meine Pranke und mit trauriger Stimme flüstert sie.

 

„Mami weint …!“ Sie reißt sich los …

 

„Mami schau, Sigi hat geholfen, meine Laterne zurückzuholen!“ Sie tanzt und hüpft wie ein kleiner Kobold vor ihrer Mutter. Ich beuge mich über Tanja und flüstere ihr ins Ohr …

 

„Kein Problem, kein Zwang – ich habe noch mehr trockene Sachen und eine Sieben-Kilo-Waschmaschine!“

 

Beide Arme von Tanja fliegen nach oben, umarmen mich und ziehen mich mit einer Kraft und Heftigkeit nach unten, sodass ich beinahe das Gleichgewicht verliere.

„Küsst du jetzt Sigi?“ Diese helle, neugierig aufgeregte Stimme von Tinka, ihr lachendes, strahlendes Gesicht, die schlenkernde Laterne, die schief sitzende Zipfelmütze und die hüpfenden, dünnen Beinchen … Sie ist wirklich ein kleiner Kobold.

 

Und ich spüre Küsse an meiner Wange, Tanjas streichelnde Hand im Gesicht, und doch endet es einen Augenblick später abrupt. Jetzt umfasse ich ihr Gesicht mit beiden Händen und ziehe es sanft nach hinten, küsse ihre Stirne und ihr Haar.

„Kommt, ihr zwei, ich habe für euch beide noch ein Martinsgeschenk. Wir fahren nach Hause – zu mir!“

 

„Sigi, Sigi erst meine Tüte, erst meine Tüte holen!“

 

„Was hast du für ein Geschenk?“ Tinka ist neugierig. Sie löchert, nervt, fragt mit weiblich-kindlicher List alle nur erdenklichen Variationen, als wir für die Tüte in der Schlange stehen. Tanja haben wir schon mit Schlüssel vorgeschickt.

 

Als meine Frau noch gut mobil war, habe ich ihr hinten an den E-Rolli ein Rollbrett angebaut, auf die sich damals die Enkel stellen und mitfahren konnten. Wenn die zu mehreren bei uns waren, mussten wir regelrecht einen Fahrplan machen, so wild waren die aufs Mitfahren - und Lisa hatte immer eine Hilfe mit.

 

Tanja hat den gleichen Rollstuhltyp. Als wir Zuhause ankommen, rollt Tanja eben breit grinsend aus der Toilette und vier Augen gucken erwartungsvoll. Was jetzt wohl kommt? Durch eine Seitentür sind wir direkt in der Garage neben der ehemaligen Ladestation, und da hängt das Teil.

 

Zwei Handgriffe und das Rollbrett ist am Rolli angekoppelt.

 

„Aufgeregtes Fragen und Wissen-Wollen, was ich mit ihrem Rollstuhl mache.

Tinka hat sofort erkannt, was das ist und erklärt es mit direkter kindlich-pragmatischer Logik. „Mami, es ist so ein Brett mit Rädern, wie die Mami vom Sven an dem Kinderwagen hat, wo sein Schwesterchen drin ist.“

Mit Tinka muss ich nur fünf Minuten das An- und Abkoppeln üben und ihr einen Reflektor-Schultergurt überziehen. Dann entlasse ich die beiden in die Nacht.

 

 

Für mich wird diese Nacht ein Gefühlschaos. Vermutlich genauso wie für Tanja am Feuer. Die beiden gehen mir nicht aus dem Kopf. Seit Wochen habe ich zum ersten Mal wieder eine Frau als Frau angefasst, Lust gehabt, Lust zu erzeugen, ein Kribbeln im Körper und mächtige Mühe, es zu beherrschen.

 

Die nächsten Tage bringen ausreichend Abwechslung mit zwei Dienstreisen, so dass ich erst zum Wochenende wieder durchs Städtchen pilgere, eher tigere … mit Blick und Witterung auf die beiden T’s. Ohne Erfolg!

 

Zum Beginn der folgenden Woche sehe ich die beiden von Ferne,  ein unbestimmtes Gefühl hält mich zurück, ihnen zu folgen.

 

Donnerstag, mitten in der Fußgängerzone …

 

„Sigi, Sigi!“ Tinkas helle Kinderstimme lässt mich suchend um mich gucken, und ich sehe, wie sie in voller Fahrt gekonnt von ihrem Rollbrett abspringt und wie ein Sausewind auf mich zufliegt, zum Sprung ansetzt und in meinen Armen landet. Gleich danach registriere ich, wie Tanja ihren Rolli wendet, quer über den Platz rollt und mir ihre Arme entgegenstreckt. Sie packt mich am Mantelkragen. Rollstuhlfahrer haben die Kräfte, die in den Beinen fehlen, in den Armen. Tanjas Arme legen sich wie zwei Tentakel um meinen Nacken, und ihre Küsse sind keine Tanten-, Schwester- oder Omaküsse.

 

„Sigi, schau was wir verbessert haben!“ Tinka klappt das Rollbrett hoch und hängt es an eine Kordel. „Das Loch haben wir selber gebohrt, mit dem Taschenmesser von Mami. Das war eine Arbeit!“ Tinka verdreht sehr gekonnt ihre Augen. „Den ganzen Abend haben wir gebohrt und schau, den Haken haben wir mit einer Büroklammer gemacht, und jetzt kann Mami im Flur wenden, und ich muss nicht immer alles abbauen!“

 

Ich lade beide zum Kaffee-und Kakao-Trinken ein.

 

„Nur wenn ich nachher bei dir auf die Toilette darf!“ Tanja bekommt den Schlüssel, und Tinka und ich gehen Kuchen kaufen.

 

„Was für Kuchen isst Tanja gerne – und welchen magst du?“ Also Tinka mag Erdbeeren und Tanja immer mit Schokolade und viel Creme, und Sahne lieben beide. Als wir ins Haus kommen, steht Tanjas Rolli verlassen im Flur und die Anzeigetafel vom Treppenlift zeigt erster Stock an.

 

In den vergangenen Tagen habe ich insgeheim gehofft, dass ich die beiden wiedersehe. So habe ich den Treppenlift und den leichten Rollstuhl für die Wohnung wieder fit gemacht, und der stand direkt einladend an den Lift angekoppelt - unten. Tanja hat das wohl schnell erkannt und – selbst ist die Frau – erwartet sie uns von Ohrläppchen zu Ohrläppchen grinsend oben an der Treppe.

 

Als beide wieder in die Nacht entschwinden und ich in das leere und jetzt stille Haus zurückgehe, wird es mir zu schwer. Zwei Stunden später habe ich mich so gut betankt, dass ich am Morgen einen ausgewachsenen Brummschädel habe.

 

Genau mit diesem Brummschädel höre ich das Telefon klingeln.

„Weyer“

 

Eine aggressive fordernde Stimme tönt mir entgegen: „Sind Sie der Mann, den man Sigi nennt?“

 

Der kommt mir gerade zur rechten Zeit. Kein "Guten Tag"! Kein Name! Selbst bei moderater Stimmung wäre ich da leicht angefressen.

„Nein! Für anonyme Aggressivlinge bin ich Dr. Gustav Georg Siegfried Weyer!“

 

Den Anrufer scheint meine Ansage und Tonlage nicht zu interessieren, oder er nimmt sie nicht wahr.

„Sind Sie der, der meiner Schwiegertochter dieses gefährliche Ding an den Rollstuhl montierte?“

 

Schlagartig stellt mein Brummschädel sein Brummen ein, und ich werde ruppig. So nicht! Nicht am frühen Morgen, und nicht  auf nüchternen Magen! Nicht mit mir!

„Für anonyme Aggressivlinge bin ich nicht zu sprechen – Guten Tag!“

Ich lege auf, um ihn keine Minuten später erneut am Telefon zu haben.

 

Jetzt macht er eine Ansage: „Um ein Uhr hole ich meine Enkelin ab. Ist das Teil noch am Rollstuhl oder im Haus werde ich es abbauen und entsorgen, und Sie haben ein Klage wegen Gefährdung meiner Enkelin am Hals!“

 

Die Stimme, die Tonlage und das Schnauben zwischen den Worten sagen mir: Das ist ein Wichtigtuer, gefährlich, wenn man ihn unterschätzt.

 

Tuut-tuut.

 

Heute ist Freitag, neun Uhr. Übermorgen ist erster Advent und nun so was. Eine Runde Kaffeetrinken und nachdenken, was ist zu tun.

 

Das Rollbrett habe ich gebaut, und es wurde von zwei Sanitätshäusern 1:1 übernommen und nachgebaut. Also von dieser Warte aus keine Gefahr.

 

Tanja warnen und das Teil sichern, denn wenn der Kerl es in die Hände bekommt, ist es futsch. Zu anderen Arbeiten bin ich nicht fähig, dazu bin ich zu aufgeregt und verärgert.

 

Eine viertel Stunde später stehe ich vor Tanjas Wohnungstür und klingle, horche an der Tür. In der Wohnung bewegt sich ein Rollstuhl. Sturmklingeln!

 

„Ich bin es … Sigi … mach bitte auf.“

 

Ich lausche, höre aber nur Bruchstücke von Sätzen, aus denen ich entnehme, dass Tanja - wie auch immer - das Malheur erneut passiert ist und sie sich schämt. Erst als ich ihr drohe, den Notfall-Pflegedienst anzurufen, öffnet sie die Tür.

 

Nach wenigen Minuten ist mir klar, dass ihr Schwiegervater sie vor und auch nach dem Gespräch mit mir angerufen hat. Ihr Hölle und Teufel androhte und Tanja nun panische Angst hat. Sie wirkt schon fast hysterisch. Vor meinem inneren Auge ziehen Bilder von Szenen auf, die mir sehr bekannt sind. Bis vor Kurzem muss ich ebenfalls mit solchen Problemen kämpfen.

 

Bei meiner Frau half in solchen Situationen nur stures Durchziehen einer gewissen Art von Normalität. Jetzt ist es normal, dass Tanja erstmal saubere und trockene Sachen bekommt! Also los, ab unter die Dusche. Als erstes kopple ich das Rollbrett von E-Rolli ab und wickle es in meine Jacke.

 

„Tanja, jetzt gehen wir duschen, wir beide – du und ich!“

 

Nur große Augen und kein Ton. Ihre Hand zeigt auf eine Tür. Ich schnappe mir Tanja im kleinen Rollstuhl, schiebe sie in das Badezimmer, ein paar Handgriffe und sie sitzt auf dem Duschstuhl. Vier weitere Handgriffe, und ich stehe nackt vor ihr, weitere fünf Handgriffe und Tanja ist ebenfalls nackt.

 

Bis jetzt nur staunende Stille.

 

Warmes Wasser marsch. Die Konzentration, die Abläufe sind so sachlich und unerotisch. Bei mir ist Hängen in dem Gehänge! Es ist die effektivste Art zu duschen. Erst jetzt, wo ich mit der Brause ihren Körper abtaste, mir ihre weiblichen Attribute entgegen lugen, ihr Gesicht, ihr Körper sich entspannt, ihre Hände nicht mehr die Lehnen umklammern und ihr Mund leise lächelt … beginnt sie zu genießen. Jetzt genießen auch meine Sinne die Sinnlichkeit dieser Frau.

 

Ich nehme das Shampoo aus der Schale, zeige es ihr und sie nickt. Der „Mann“ in mir erwacht, und ich bekomme einen Halbsteifen. Ich sehe wie sie ihn bemerkt, wie sie mich anschaut.

 

Unsere Augen kreuzen sich und ihr Blick hält an – ihre Augen fokussieren mein Gesicht, ihr Mund schmunzelt. Sie schließt die Augen, lässt sich nach vorne kippen, mit der Stirne an meine Brust und überlässt ihren Körper den Gefühlen.

Frauen und Haare waschen. Ein bücherfüllendes Thema. Tanja ist da keine Ausnahme. Dann rubble ich mit dem rauen Massagehandschuh ihren Rücken.

Eine Hand zieht meinen halbsteifen Sporn nach oben, legt ihn zwischen ihre Brüste und zwei Hände umfassen mein Gesäß, halten mich fest.

 

Bei meiner Frau kniete ich mich vor sie hin, und sie stütze sich auf meiner Schulter ab. So konnte ich ihre Beine und ihre „MuMu“ waschen. Kurzes Nachdenken von Tanja, und sie hat kapiert.

 

Ihre MuMu liegt weich in meiner Hand - und mir kommt es einfach. Einfach so … Dreimal kurzes Zucken und das war es! Jetzt kann ich wieder halbwegs normal denken.

 

Sie bemerkt meine Veränderung, sieht, als ich aufstehe, den „Kleinen“ und schaut etwas enttäuscht. So kommt es mir zumindest vor. Eine viertel Stunde später sitzt sie in ihrem sauberen, trockenen Rollstuhl, hat schöne Unterwäsche an, eine elegante Hose und eine raffinierte Bluse – ich musste mich durch den Schrank suchen.

Sie hat sich für mich schön gemacht, und ich durfte sie anziehen. Dabei erzählte sie mir ihre Leidensgeschichte. Unverschuldeter Autounfall, ihr Mann saß am Steuer, und er war sofort tot. Sie dagegen absolvierte neun Monate Klinik und Reha. Das war alles vor zweieinhalb Jahre. Daran anschließend folgte die Psychiatrie – sechs Monate. Jetzt leben Tinka und sie seit knapp anderthalb Jahren wieder zusammen, zuerst in einer WG, und nun seit drei Monaten allein in dieser Wohnung.

 

„… und dein Schwiegervater?“ Das ist eher eine rhetorische Frage. „Was für eine Rolle spielt er in eurem Leben?“

 

Nach einer halben Stunde kommt mein Vereinskamerad Klaus und tauscht das Schloss der Wohnungstür aus. Um halb Zwölf haben wir noch einen Termin beim Sozialamt, bei Gudrun, die ich von Club 55+ her kenne.

 

„Kommt sofort her!“, war ihr Kommentar. Um ein Uhr waren wir wieder in der Wohnung - mit zwei Schreiben vom Amt. Gudrun hat auch direkt „Opa Dirk“ angerufen und ihn mit drei gesetzesgestützten Argumenten ruhiggestellt, ihn auch über die ausgetauschten Türschlösser informiert – als Empfehlung vom Amt! Dann hat sie ihm noch wärmstens empfohlen, den Abstand zu Frau Tanja Frings und seiner Enkelin einzuhalten, denn dass was hier zu Protokoll gegeben wurde, ist unstrittig Nötigung mit Abhängigen.

 

Tinka geht heute direkt vom Kindergarten aus zu einem Kindergeburtstag. Die Mutter des Kindes, um Tanjas Situation wissend, hat Tinka einfach mitgenommen. Wir beide - aber besonders ich - warten nun auf Gudrun Berg, denn sie wollte unbedingt die Wohnung besichtigen, sich ein Bild machen.

 

„Geh ins Cortina, wir kommen gleich nach!“, befiehlt sie. Sie will mit Tanja allein sprechen von Frau zu Frau … professionell.

 

Nach dem dritten Cappuccino – läutet endlich mein Handy. Gudruns Stimme verteilt sachliche Anordnungen. Ich soll nach Hause gehen und vor der Türe warten, denn Tinka wird von einer Mutter gebracht, die nur ein paar Häuser weiter weg wohnt – zum Ersten. Zum Zweiten, Tanja wird Tinka später abholen.

 

„Sind Sie Herr Weyer?“ Die Mittdreißigerin mustert mich misstrauisch. „Haben Sie einen Ausweis?“ Ihre Rückversicherung amüsiert mich einerseits, ist im Moment aber wirklich angebracht. Ich zeige ihr meinen Führerschein. Zwei Atemzüge später saust „Tinkiwirbelwind“ durch die Haustür, schleudert Rucksack, Mütze, Mantel und Schuhe quer durch den Flur, stürmt die Treppe hoch und ist einen Moment später in der Spielecke meiner Enkelin - die Puppen sortieren.

 

Die gewissenhafte Mutter beobachtet es mit Staunen und einem Schmunzeln Tinkas Einzug. „Sind Sie der Opa?“

 

Mein Nein fällt wohl ziemlich heftig aus, denn die gute Frau beschwichtigt sofort.

„Ich kenne von Tanja ein paar Details, daher meine Verwunderung!“ Und um nun mein verwundertes Gesicht zu beschwichtigen … „Ich bin die Leiterin vom Kindergarten!“ Hastig verabschiedet sie sich.

 

Tinka hat inzwischen in der Enkel‘schen Spielecke ihre Welt aufgebaut. Der Teddybär, der bei Ida, meiner Enkelin, Börn heißt, ist bei Tinka - Sigi! Oma Lisa im Rollstuhl ist bei ihr natürlich Mama und der Räuberhauptmann von den Kasperlefiguren ist Opa Dirk.

 

… und dem alten Sigi kommen die Tränen … ungewollt … Schei – benkleister!

 

Eine Runde Stille, um mich zu fassen ist angesagt.

 

„Tinka!“ Keine Antwort. Sie ist eingeschlafen, neben ihrer kleinen Welt. Börn/Sigi als Kopfkissen Oma Lisa/Mami im Arm, die anderen Puppen als Auditorium im Halbkreis aufgebaut. Opa Dirk – kopfüber in der Legotonne!

 

Kein Kommentar.

 

Tanja lässt auf sich warten. Von ihrer Wohnung zu mir sind es zwanzig Minuten zu Fuß und natürlich habe ich keine Handynummer von ihr...

 

Aber Gudrun ist allgegenwärtig, mitdenkend und …, als ob sie meine Unruhe gespürt hätte, geht mein Handy.

 

„Mach dir keinen Kopf, ich habe mich mit Frau Krings informativ bis jetzt unterhalten.“

 

Gemurmel, Gesprächsfetzen und Aufbruch.

 

„Frau Krings rollt in ein paar Minuten.“

 

„Bitte richte ihr aus, ich bestelle Pizza für uns alle!“

 

„Prima, aber meine bezahle ich selber.“

 

Gemurmel.

 

„Für Frau Krings eine Completa – klein, für mich eine Rustica, auch klein, mit viel Knoblauch.“

 

„Gibt es Pizza?“, piepst es aus der Spielecke, als ich anrufe.

 

„Ich möchte eine Margherita und ein bisschen Schinken und viele Pilze und nur ein bisschen Thunfisch!“ Der Bursche am anderen Ende hört mit.

 

„Oh, ‚la piccola principessa’ hat Wünsche! Wie alt ist sie?“ lacht die Stimme, und als er „fünf Jahre“ hört: „Mache ich einmal speciale für la Principessa! … und die anderen Pizze auch speciale?”

 

Mein „Ja!“ quittiert er mit “bringe ich in albe Stunde!”

 

Tinka hilft Tisch decken und checkt schon mal die Eckpunkte.

 

 „Hast du keine Frau, die hier alles sauber macht und Essen kocht?“

 

„Nein, nicht direkt – nur eine Putzhilfe.“

 

„Und kochst du immer selber?“

 

„Ja!“

 

„Kannst du das? Ganz allein und Wäsche waschen?“

 

Wir hören die Klingel und Wirbeltinki kennt auch schon den Türöffner. Ich höre, wie der Rolli surrt, Kichern, Lachen, Flüstern, Fiepen, als Tina sich mit Hilfe von Gudrun auf den Hausrolli umpackt. Ich stelle mich in die Tür und warte auf die Ankunft der beiden Frauen, als sich die kleine Faust von Tinka in meine Hand legt.

 

Surrend setzt sich der Treppenlift in Bewegung, Tanjas Kopf taucht auf, ihr Blick – voller ängstlicher Neugier. Sie sieht uns und ihr Blick wechselt zu fröhlicher Offenheit – beginnt zu strahlen – sie streckt uns die Arme entgegen. Tinka reißt sich los, hüpft und springt wie ein wild gewordener Hampelmann und landet, als der Lift stoppt, auf Mamas Schoß.

 

Mit einem Cynar in der Hand warten wir auf die Pizze. Sehr zum Missfallen der kleinen Tinka. „Mami, du sollst keinen Alkohol trinken!“

 

„… und warum nicht?“ Gudrun ist zu Tinka runter in die Hocke gegangen. „Wer hat das gesagt?“

 

Verlegen windet sich Tinka. Setzt zweimal zum Sprechen an und sprudelt auf einmal los: „Mami wird immer so lustig, und singen kann sie auch, wenn sie Alkohol trinkt und das ist schön … aber am Morgen muss sie immer weinen, ist den ganzen Tag traurig und das mag ich nicht.“

 

Den Esstisch habe ich damals an Lisas Seite so verändert, dass sie fast wie wir am Tisch sitzen konnte, und jetzt sitzt – thront Tanja da.

 

Tinka hat eine eigene Pizza. Sie ist mächtig beeindruckt. „Sigi, die darfst du mir nicht wegessen! Die hast du für mich bestellt, und sie gehört jetzt mir! Einverstanden?“

 

Ein paar Minuten später liegt sie selig schlafend auf dem Futon in der Spielecke, inmitten ihrer Puppen.

 

Gudrun kenne ich als fröhliche Endfünfzigerin, Junggesellin mit liberaler Denkweise und diskussionsfreudig – mehr nicht. Gudrun zieht nicht alle, aber doch viele ihrer Register. Sie animiert Tanja, die endlich aus ihrem Trott gerissen freudig mitmacht, zu picheln. Beide sind schon ganz schön illuminiert. Beide stecken ihre Zungen durch die Tintenfischringe - züngeln wie Schlangen – in meine Richtung und lachen sich schlapp.

 

Als Tanja das nochmal macht, öffne ich meinen Mund, so als wollte ich ihre Zunge einsaugen. Erschrocken verschluckt sie sich fast am Ring. Wortlos piekse ich einen Ring von meiner Pizza und lege ihn Tanja auf ihre Pizza. Ein kurzes Zögern, und dann fühle ich Tanjas Zunge, Lippen, den Tintenfischring und ihre Zähne an meinen Zähnen als wir uns den Ring teilen. Da ist kein Zurückweichen der Lippen, der Zunge, nein, im Gegenteil. Ein zärtliches Streicheln mit den Lippen, den Zungen, vertreibt den Fresstrieb, setzt einen anderen Trieb in Gang.

 

Plötzlich eine schrille, kicksende Kinderstimme: „Huuuh, Mami küsst den Sigi!“ Der kleine Derwisch kommt tanzend zum Tisch, stopft sich zwei Stückchen Pizza in den Mund. Sie ist ebenso schnell wieder verschwunden, wie sie aufgetaucht ist, und lässt eine tomatenrot angelaufene Tanja, einen verlegenen Sigi und eine staunend aus der Fassung gebrachte Gudrun zurück.

 

Auf diesen Schock, natürlich: „Ich muss, - ganz schnell!“ Tanja mit panikweiten Augen.

 

Das Pibella ansetzen ist noch nicht Routine, aber wir haben es trocken geschafft. Gudrun auf der anderen Seite des Tisches, beobachtet das Procedere interessiert.

 „Frau Krings, er gibt ein probates Hausmittel gegen diese Art von Blasenschwäche!“ Tanja, noch gestresst von eben, schaut mit gerunzelter Stirne zu Gudrun. „Es ist die schönste und effektivste Art, die Beckenbodenmuskulatur zu trainieren.“ Begleitet wir diese Aussage von einem frivolen Grinsen, aus dem man alles herauslesen kann. „Erinnern Sie mich daran, sollte ich es vergessen!“

 

Drei Gläser funkeln tiefrot im Licht – je ein tiefer Schluck Gallo Nero aus dem Chianti. „Ich habe Tinka versprochen, dass sie hier im Enkelzimmer schlafen darf. Ich gehe mal ihr Bett neu beziehen.“ Im Hinausgehen drücke ich unbemerkt die Übertragungstaste vom Babyphone. Auch Männer sind neugierig und ich in diesem Fall besonders. Denn … ein Schelm wer Böses dabei denkt!

 

In Anlehnung an den Spruch: „Der Lauscher an der Wand, hört seine eigne Schand!“ höre ich, als ich oben ankomme, wie Frau Gudrun Berg sehr akademisch doziert: „Frau Krings, Tanja! So wie ich die Situation hier einschätze, wirst du innerhalb von diesem Wochenende bei Sigi im Bett landen.“ Einen Augenblick später höre ich nur Gudruns Antwort auf eine Frage von Tanja, die ich leider nicht verstanden habe: „Das wäre ohnehin in den nächsten Tagen oder Wochen passiert, dazu habt ihr zwei schon zu viele Grenzen überschritten.“

 

Warum verstehe ich Tanjas Frage nicht? Aber Gudruns Antwort lautet: „Im Club 55+ können sich einige Frauen den Sigi in ihrem Bett vorstellen!“, und nach einer Pause: „Nicht nur Witwen und Verlassene.“

 

Tanjas unverständlicher Protest wird von Gudrun fast harsch unterbrochen: „Erzähle mir jetzt nicht, dass du das nicht brauchst oder möchtest. Nur eines hilft in deinem Fall wirklich! Vögeln – hemmungslos Vögeln! Und vor allem, lernen, wie man Schwänze melkt.“ Sie doziert mit todernster Stimme - wie ein Pastor auf der Kanzel. „Es ist – wie gesagt - die schönste und effektivste Art, die Beckenbodenmuskulatur zu trainieren. Ich zeige dir nachher, welche Muskeln du aktivieren musst – die Spielzeuge dazu hat er oben.“ Nach einer Schampause fährt sie fort: „Lisa, seine Frau, war meine Freundin und nach dem Unfall über viele Jahre von mir im Amt betreut.“

 

Dann kichern die beiden unverschämt erotisch: „Sigi vögelt für sein Leben gern und - was man mir als Frau so zuträgt - kann er es!“, kichert Gudrun erneut.

 

Toll, was die neuen Babyphone so alles können und das auch noch „Wireless“!

 

Als ich in das Esszimmer zurückkomme steht Gudrun schräg vor dem Rollstuhl und demonstriert die Übungen. Über Tanjas nassgeweintes Gesicht huscht schon wieder ein Lächeln.

 

Doch dann reißt sie mit einem Ruck die Hände nach unten und presst sie in den Schoß. Aufheulend weint sie: „Scheiße! Ich muss schon wieder! Verdammt, verdammt, ein Krüppel zu sein – verdammt – verdammt!“ Dabei wippt sie mit dem Oberkörper, wenn auch fast unmerklich, aber sie wippt.

 

Das habe ich bei ihr noch nicht gesehen.

 

Das Stichwort ‚ich muss‘ setzt bei mir den Automatismus in Gang. Vom Augenblick, wo ich meine Hand von der Türklinke nehme, bis zum Moment, wo ich Tanja das Pibella zwischen ihre Schamlippen schiebe, sitzt jeder Handgriff.

 

Dann kam die … ja was kam dann?

 

Das Streicheln der schon geschwollenen äußeren Schamlippen – einfach so - war mir ein Bedürfnis!

 

Tanjas Reaktion? Ein völlig entspanntes Gesicht, feines Lächeln, freche Augen und …

 

„Bin fertig!“

 

Dann meine Reifeprüfung.

 

Absetzen und Trockentupfen der MuMu, der Schnecke, der Pflaume mit einem Handtuch.

 

Nicht den Urin – nein, ihre duftende Erregung!

Die nächsten Handgriffe sind nicht von Primärinstinkten gesteuert – nein. Sie sind professionell, und ich bin ein wenig stolz auf mich, diese Kontrolle nach all dem Wein und den frivolen Gesprächen der Frauen noch zu haben.

 

Als ich vom Händewaschen zurückkomme, steht Gudrun abschiedsfertig da, in Mantel und Mütze. Ich bringe sie zur Tür, durch den Garten zur Straße. Sie läuft einfach weiter, ohne Worte des Abschiedes entschwindet sie in die Nacht. 

 

°°°°°°°°°°°°°

 

Aus dem Babyphone hören wir die ruhigen, entspannten Atemzüge von Tinka, vermischt mit einem kleinen Brabbeln und Rascheln, wenn sie sich dreht.

 

Es ist kurz nach zehn Uhr und die Pizze sind kalt. Ja, „warmmachen“ ist eine gute Idee. Und ja, Tanja lässt sich verführen – meine ICH: SIE meint, dass sie mich verführt. Ergo … wir meinen, dass wir uns verführen. Die aufgewärmten Pizze schmecken nicht so richtig und die Zabaione lockt. Tanja rollert mit in die Küche, um mir beim Zabaione-Schlagen zuzusehen … und mich auf Temperatur zu halten, und es gelingt ihr, das Teufelchen in mir zu wecken.

 

Ich fülle die zwei Cognacschwenker mit der Zabaione. Das Ausschlecken der Schüssel machen wir gemeinsam. Ihr Finger in meinem Mund und mein Finger in ihrem Mund, und diese Finger, sie verirren sich – öffnen Tanjas Bluse, Sigis Hemd. Verirren sich wieder - mit dem Umweg in die Cognacschwenker zu den Nippelchen, zu den Nippeln, was dann auch prompt den ultimativen Schleckeffekt auslöst.

 

„Wenn ich liege, geht fast alles!“, flüstert sie, als meine Hände sehnsuchtsvoll über ihren Bauch streicheln, meine Fingerkuppen in Richtung Delta abtauchen. Lisa habe ich anders verwöhnt. Bietet dieser Rollstuhl, um das Pibella optimal einzusetzen, doch einige Varianten, Marke Eigenbau.

 

„Aufstützen wie beim Pibella!“, kommandiere ich, als ich ihr den Klettverschluss an der Hose öffne.

 

Mit ein paar Handgriffen sind Hose, Höschen, Söckchen und die Ballerinas gestrippt.

 

Meine beiden Hände unterfassen ihre Füße und heben die gelähmten Beine hoch. Ich drehe die Fersen nach innen, dabei kippen die Schenkel auseinander und geben den Blick auf ihre Vulva frei. Frech lugt das Pfläumchen durch ihren Busch. Nach vorne beugen und mit meinem Gesicht in ihre Weiblichkeit eintauchen, ist bei mir fast zwanghaft, aber ich erhasche vor dem Wegtauchen, mit einem schnellen Blick, Tanjas entspanntes, still lächelndes Gesicht.

 

MuMu-Fressen von Feinsten - mit einer würzigen Naturtunke. Tanjas Hände an meinem Kopf steuern mich. Akustisch bin ich leider durch die Schenkel ziemlich abgeschirmt. Nach gefühlten Minuten werden ihre Hände fahrig – gleiten seitlich weg. Ihr Becken beginnt fast unmerklich zu pulsieren, ihre Vulva zu kontrahieren. Tanja beginnt zu „schweben“.

 

Dann zerrt sie an meinen Haaren, drückt den Kopf weg.

 

„Sigi! Meine Beine – sie verkrampfen! Beide – schnell strecken – muss liegen.“ Und sie weint, heult vor Schmerzen.

 

„Tanja halte dich an mir fest! Festhalten!“ Ich ziehe Tanja kniend aus dem Rollstuhl auf meinen Schoß und drehe mich mit ihr um zur Seite, und lege sie auf den Boden. Dann folge ich ihren Anweisungen und Minuten später klingen die Krämpfe ab.

Leider ist auch die Stimmung abgeklungen.

 

Lisa und ich hatten uns angewöhnt, in unserer Zweisamkeit einen Kaftan zu tragen – natürlich nur den Kaftan. Das war schon lange vor ihrem Unfall, aber es hatte Bestand. Ich trage immer noch entweder Variationen in Schwarz oder verschiedene Blautöne, und sie liebte Ocker–Curry, Erdfarben und mehr und mehr die Gelbskala.

Jetzt hole ich schnell zwei Kaftane – für mich und Tanja - und ziehe uns ganz aus. Tanja trägt einen karminroten und ich einen azurblauen Kaftan. Auch habe ich den Futon aus der Spielecke geholt, wurde er doch ursprünglich für diese Art von Spiel gekauft und erst später von den Enkeln zweckentfremdet, genau wie das Decken- und Kissendepot hinter der Ottomane. Im Nu liegt Tanja auf dem Futon – zwischen Decken und Kissen spielbereit drapiert.

 

Ihre Arme halten meinen Hals umklammert. Sie lässt mich nicht los.

„Komm endlich, Sigi – nicht wieder weggehen!“ Ihre Stimme so voller Verlangen. Ihr Gesicht ist aufgelöst, von einer Weichheit, einem entspannten Verlangen – wunderschöne Hingabe pur. Ihre warme Hand umschmeichelt meine Hoden, streichelt zart meinen Sporn und dirigiert ihn in ihr Heiligtum. Ich-Er gleitet in sie – mit kleinen sanften Bewegungen aus der Hüfte heraus. Langsam lockert Tanja ihren „Würgegriff“ und nachdem ich nun befreit bin, kann ich jetzt meine Hände einsetzen.

 

Ja, meine Lisa ließ sich immer wieder an den unmöglichsten Orten zu Sex verführen, besonders in den letzten Jahren, als sie gelähmt war und sie die Freude am Sex wieder gefunden hatte. Diese spontanen Verrücktheiten haben nicht nur bei ihr … den Kick ausgelöst. Tanjas Lähmung ist genau so gravierend wie bei Lisa damals. Der Unterschied ist … Tanja kennt die Möglichkeiten noch nicht und ist in dieser Hinsicht noch „lernfähig“.

 

Aber auch Tanja genießt das Frausein. Ich wechsele in die „Budapester Schere“ eine Stellung, bei der Lisa am schnellsten auf Touren kam, in der ihre Beine am schönsten mit einbezogen wurden, aber es ist zu viel für Tanja. Sie ist überreizt. Die Aufregung am Morgen und jetzt, als sie nach langer, langer Zeit wieder als Frau begehrt, genommen, verwöhnt wird … Sie weint, lacht, schreit, wimmert, fuchtelt mit den Armen, wirft den Oberkörper hin und her, und ihre MuMu melkt meinen Sporn.

Ich bin selber an einem Punkt, an dem ich nur noch Schwanz, Sporn, Horn bin. Ein Punkt, wo auch ich mich nur noch paaren will - mich in eine Frau ergießen. Ich fühle die aufkommende Überreizung, den Schmerz im Sporn, in den Hoden.

 

 „Gönn uns eine Pause – zieh dich aus Tanja zurück!“ Mein Unterbewusstsein ist klüger als ich. Es weiß, was zu tun ist, und ich verweile ruhig, bewegungslos. Ich merke wie mein Horn weich zu werden beginnt, die Erregung abklingt, und mein Körper eine Pause einfordert.

 

„Es ist unangenehm, Sigi, es schmerzt.“ Sie ist weint fast. „Und du bist nicht gekommen.“ 

 

„Stell dir vor - der spritzt einfach nicht ab – mein frecher Dachs wird einfach in dir weich, flutscht einfach so aus deiner Höhle und verschwindet.“ Ich richte mich auf, schmuse mit ihren beiden Zofen, beschmuse ihr Gesicht, wispere in ihr Ohr: „Um sie, deine Höhle, ein paar Stunden später erneut zu durchpflügen und in Unruhe, in Aufregung, in Ekstase zu versetzen!“

 

Es ist bei mir gerade so ein Schwebezustand, wie vor dem Vorspiel. Sie nimmt es nur bedingt wahr. Tanja ist mit den neuen Eindrücken, Gefühlswallungen und körperlichen Empfindungen beschäftigt. Sie genießt und in mir macht sich eine große Sinnlichkeit, Zärtlichkeit, Geduld und Sanftheit breit.

 

„Wo schlafe ich? Ich möchte nicht, dass Tinka etwas mit bekommt.“

 

„Nebenan, zwischen meinem Schlafzimmer und Tinka.“ Das Zurück in den Rollstuhl ist etwas Arbeit, aber Minuten später liegt sie im ehemaligen Kinderzimmer von meiner Tochter, im Hub-, Kipp-, Roll-, Sonstwas-Bett von Lisa. Das Babyphone ist neben ihr und sie ist instruiert, wie sie mit Tinka kommunizieren kann, wenn sie wach wird.

 

„Kannst du nochmal?“, wispert sie in mein Ohr, als ich mich verabschieden will. Trauriger Dackelblick. „Der nächste Frechdachs gehört dir!“ Ich löse mich aus ihrer Umarmung, fahre das Bett auf die richtige Höhe um im Fall des Falles freien Zugang zu haben. „Bis gleich!“

 

Schlafen … ist das einzige Wort in meiner Gedankenschleife, als ich ins Bett falle und ein Kissen umarme, als wäre es Tanja.

 

Irgendetwas habe ich mit Sicherheit geträumt. Was, ist auch an meinem Frechdachs gut zu sehen und zu spüren. Prallhart und gierig.

 

Im Tanjas Zimmer höre ich zwei gleichmäßige Atemzüge, der eine aus dem Lautsprecher, der andere aus dem Bett. Leise fast, geräuschlos ziehe ich aus dem Schrank mehrere Unterlegkissen. Man hat ja im Laufe der Zeit so seine verschiedenen Techniken entwickelt und die dazugehörigen Hilfsmittel parat. Das Wachwerden beginnt bei Tanja, als ich ihr zweites Bein lagere. Das Registrieren, dass ich sie zum „Vögeln“ präpariere, beginnt dagegen erst, als ich zwischen ihren Schenkeln liege. Wirklich wach ist sie … als mein Frechdachs in ihrer guten Stube anfängt Pirouetten zu drehen, aber da ist kein Erschrecken, kein Widerstand. Im Gegenteil. Ein wohliges Schnurren empfängt mich, ein Summen, gefolgt von vielen kleinen Küsschen – überall dahin, wohin sie grade treffen.

 

Ich spüre, dass mich der gestrige Abend geschafft hat, aber ich spüre auch, dass Tanja es genießt, dass es für sie mehr ist, als nur die Befriedigung der Lust. Für sie ist es die Akzeptanz als Frau.

 

In mir steigt die Lust, pure Lust zu erzeugen – für sie. Tanja zurück unter die aktiven  Frauen zu holen, und der Frechdachs beginnt das Repertoire der Hohen Schule zu tanzen … von der Piaffe zur Pirouette, von der Levade zur Courbette – über die Ballotade zur Kapriole und merke, dass Tanja zu den „stillen Samenräuberinnen“  gehört, die Welle um Welle genießen kann, je mehr, desto lieber.

 

„Mami, Mami, wo bin ich!“ Tinkas ängstliche Stimme holt uns in den Alltag zurück. Absturz aus mittlerer Höhe. Mit einem Satz bin ich aus dem Bett und im Kaftan.

Als ich an Tinkas Bett stehe, schläft sie schon wieder - selig.

 

Es ist Samstag in der Früh – sechs Uhr. Der Zauber ist verflogen und Tanja muss.

Und beim Müssen und Tun und drumherum, wie Streicheln, Kitzeln, Reizen und Brüstchen beschmusen, kommt der Zauber sanft, aber mächtig zurück. Ich besteige Tanja einfach so. Rammle, stoße, presse wie ein Kaninchenbock. Tanja keucht, reißt mich an den Haaren, beißt mich in den Hals, vergräbt ihre Fingernägel in meinem Rücken. Ich presse mit meinen Händen ihr Becken auf meinen Sporn … und komme, komme mächtig, in langen Wellen – nachhaltig.

 

Ähnlich ergeht es Tanja. Wellen der Spannung und Entspannung durchlaufen sie. Mein Sporn erschlafft, und ich fühle mich in Tanja angekommen. Als sie die Augen öffnet, behält ihr Gesicht die entspannte Entrücktheit – diese Offenheit der Seele, des Inneren.

 

„Ich habe einer Frau in ihrer Not meine Toilette angeboten und liege auf einmal mit einem gierigen Fötzchen im Bett, nur um beim Verlassen dieses Fötzchen ihre Öffnung zum Leben, ihre tiefe Liebe mitzunehmen!“

Mit diesem, immer wiederkehrenden Gedanken gehe ich mit einem mittleren Umweg frische Brötchen, gekochten Schinken und Eier holen. Ich muss nachdenken und vor allem, wir müssen zusammen frühstücken.

 

Dabei lege ich ihr die Situation dar:

„Wie in den letzten Jahren, seit unsere Enkel da sind, gehen wir, die erweiterte Familie Weyer, heute, am Samstagnachmittag gemeinsam in die Festhalle zum „Wintermärchen“ und abends machen wir Party. Es wird gegessen, gefeiert. Seit sechs Uhr in der Früh ist für mich klar: Ihr zwei seid jetzt ein Bestandteil meines Lebens und gehört heute Nachmittag, heute Abend dazu.

 

Meine Kinder wohnen alle über 200km entfernt, so dass sie heute Mittag anreisen werden und über Nacht bleiben. Das Haus wird bis in den letzten Winkel voll sein.

Du musst also zuhause übernachten, denn sonst müsstest du hochoffiziell zu mir ins Zimmer ziehen – zwar im eigenen Bett, aber wer glaubt das?

 

Für meine Kinder käme das auch ohne Vorwarnung, und ob die so liberal denken? Vielleicht, aber es gibt da noch Gudruns Warnung: „In diesem schwebenden Verfahren, kann zu viel nachweisbare Nähe schaden.“ Und deine Tinka ist ein Plappermäulchen.“

 

Betreten sehen wir uns an. Sie setzt mehrfach zum Sprechen an und verstummt nach der ersten Silbe. Ich lasse ihr Zeit sich zu fassen und ihre Gedanken zu formulieren.

Meine Lisa würde jetzt sagen: „Komm Kind, lass dich drücken!“ Den Drang habe ich auch – sie einfach in den Arm nehmen und festhalten. Nur, der Sigi hat Angst, als Mann nicht der Richtige zu sein – zumindest momentan.

 

„Hilf mir – ich muss!“ das löst unsere Starre. Als ich ihre Schamlippen spreize um das Pibella anzusetzen, kommt ein gut hörbares Schnaufen, und es dauert einen Augenblick, bis sie sich entspannt hat.

 

Inzwischen ist das Ansetzen der Pibella schon Routine, und nach heute Morgen ist der erotische Nebeneffekt auf einen erträglichen Pegel gesunken.

 

„Wenn ich Sonntagmorgen wiederkomme … Ist doch nicht schlimm eine Nacht zu Hause zu sein, zum Nachdenken?“

 

„Nein eigentlich nicht! Nur, hier kann dich keiner überraschen.“

 

„Für das Wintermärchen habe ich für Tinka auch schon eine Karte und du, als ihre Mutter, du hast mit dem Rollstuhl immer Zugang!“

 

Um neun Uhr steht unerwartet Gudrun vor der Tür.

 

„Kann ich Tanja mitnehmen? Ich muss noch einiges mit ihr besprechen. Ich bringe sie früh genug zurück oder auch direkt zur Festhalle. Ich bin mit meinem Patenkind auch dort.“

 

Tinka will mir in der Küche helfen – partout! Man merkt, dass sie gewohnt ist, auf die Bedürfnisse von anderen Menschen einzugehen. Sie will wissen, wo der Kartoffelschäler ist, als ich Kartoffeln hole, wo eine Schüssel für die Schalen ist, und sie will auch beim Schälen mithelfen. Sie steht schon auf einem Stuhl, Schürze um und malträtiert die Kartoffeln. Dann eröffnet sie sehr gekonnt einen Dialog:

 

“Sigi … der Arnold, der große Bruder von Sven, ist jetzt auf der ganz großen Schule. Der hat gesagt, dass wenn ein Mann und eine Frau sich ganz oft und fest küssen und streicheln …“ Kunstpause, da die Kartoffel immer wegrutscht. „ …dass die Frau dann ein Baby bekommt!“ Kopfnickend und mit ernsten Augen, werde ich von Tinka aufgeklärt: „Mama und du haben schon so oft geküsst – mindestens tausend Mal - und Mama hat schon zweimal die Zunge rausgestreckt und duuu auch!“ Sie denkt konzentriert nach – „wie sage ich es dem Sigi“ – und holt tief Luft. „Arnold hat auch gesagt, dass, wenn der Mann es bei der Frau reinsteckt – gibt es sicher Babys, und dass Mama dann einen dicken Bauch bekommt und das Baby da drin strampelt!“ Zur Unterstreichung ihrer These fuchtelt Tinka mit dem Schäler durch die Luft. „Wir durften auch schon bei der Mama von Nina den Bauch fühlen ...“ Neuerliches tiefes Luftholen, „ … und man konnte das Baby drinnen auch richtig sehen, denn es war dann eine richtig dicke Beule im Bauch und die bewegte sich!“

 

Man muss diese kleinen Menschen einfach lieben, die dir ihre Erfahrungen so natürlich und verständlich erklären. Es ist ein Geschenk, das Vertrauen der Kinder zu haben.

 

Tanja und Gudrun lassen sich Zeit, und das ist auch gut so. Mit Tinkas „Hilfe“ haben wir die Vorbereitungen für das abendliche Büfett mittags fertig. Auf Tinkas Frage, wer denn das viele Essen alles essen soll, erkläre ich ihr, dass heute Abend meine drei großen Kinder auf Besuch kommen, so groß wie Mama und dass die alle Hunger haben.

 

„Ist Ida auch dabei?“ Und als sie hört, dass auch noch acht weitere Kinder kommen und drei auch schon auf die ganz große Schule gehen, wie Arnold, strahlt Tinka über das ganze Gesicht. „Darf ich hier bleiben - auch hier schlafen, wenn Mami ja sagt?“

Für einen Moment ist ihr Babbel still, und man kann sehen wie ihre Festplatte hinter der Stirne rotiert. Sie nimmt meine Hand und beginnt zu zählen.

 

„Ida, Daumen – dann vier Finger und nochmals vier an der anderen Hand ergeben - neun Finger – neun Kinder. „Du hast ein Kind vergessen!“ Krause Stirne – ein süßes verschmitztes Grinsen und ein langgezogenes „Tinka“ und alle Finger sind gezählt.

„Wo schlafen die alle?“ und ich gehe mit Tinka durch das Haus. Zeige ihr wo die Papas und Mamas der Kinder schlafen - in ihren ehemaligen Kinderzimmern. Dann gehen wir in das Enkelzimmer, wo sie letzte Nacht geschlafen hat. Im Nu haben wir unter den beiden Hochbetten zwei weitere Betten hervorgezogen und zu einem Doppelbett aufgeklappt, so dass da problemlos sechs Kinder Platz haben. Für Ida und Tinka werden noch Futons ausgerollt. Bente und Feike, die ganz Kleinen schlafen bei den Eltern.

 

„Ja.“ Jetzt ist Tinka beruhigt und verschwindet in die Spielecke. Das Bett von Lisa schiebe ich schnell in mein Schlafzimmer.

 

Mein Handy läutet. Es ist Gudrun! „Sigi, Tanja wird heute Abend auf der Party dabei sein, bei euch, ja? Aber sie wird um zehn Uhr von ASB Fahrdienst abgeholt und versorgt werden. Am Sonntag gegen neun Uhr wird sie wieder gebracht.“ Wenn Gudrun das so organisiert hat, dann hat sie einen guten Grund dafür.

 

„Wir sind so gegen halb fünf Uhr an der Festhalle!“ Wenn Gudrun das meint, ist mir das recht.

 

Um ein Uhr kommt Frauke mit ihren drei Kindern. Georg, ihr Mann, ist in den USA. Tinkas Herzchen ist doch nicht soo ganz groß, und Sigis große Hand verspricht Sicherheit. Eine halbe Stunde später ist klar, dass Ida und Tinka in einem der oberen Betten schlafen, und sofort wird es mit dem ganzem Kuschelkram belegt – reserviert. Viktor und Malte schnallen sich die Inliner unter die Füße. Sie müssen erstmal drei Stunden Stillsitzen abreagieren. Jetzt kommen im Viertelstundentakt die Söhne mit Familien. „Papa, setz dich in deinen Sessel und lass uns machen!“ Die drei jungen Frauen übernehmen Zepter und Kommando.

 

Zwischen Kaffeemaschine ansetzen und Kuchenschneiden. „Papa, wer ist eigentlich die Kleine, die Tinka? – Versteht sich super mit Ida.“ Bevor ich eine Antwort geben kann. „Papa wo ist Heftpflaster, Bert hat sich das Knie …“

 

„Darf ich vorstellen!“ Mein erster Ruf ging im allgemeinen Tohuwabohu unter. Dann eben lauter: „Ruhe!“ Langsam sinkt der Geräuschpegel. „Wir haben übers Wochenende zwei Gäste: Tanja Krings mit ihrer Tochter Tinka.“ Und hebe die Hand in der Tinkas Händchen liegt. „Ihre Mutter ist im Moment noch in der Stadt unterwegs. Sie wird im Moment von Gudrun Berg – ihr kennt sie! -  über das Wochenende beschützt!“

 

Verblüffung ob der mageren Ankündigung. Nur Frauke setzt ein breites wissendes Grinsen auf und flüstert mit den beiden Schwiegertöchtern. Hat sie doch vorher mit Tinka ein „Frau zu Frau Gespräch“ geführt. Soweit kenne ich meine Tochter inzwischen, und warum soll sie anders sein, als ihre Mutter war?

 

Um fünf Uhr beginnt das Wintermärchen. Die Festhalle ist zu Fuß in fünf Minuten zu erreichen. Einen Tross mit zehn Kindern in Bewegung zu setzen dauert. Gernot, der Älteste, ist mit den drei Großen schon vorgelaufen, um die Plätze zu reservieren.

Beide Schwiegertöchter stehen vor mir.

 

„So, Opa Sigi macht sich jetzt „festhallenfein“ und begleitet Tanja und Tinka. Bente und Feike sind noch zu klein. Wir sorgen hier für den Rest, einverstanden?“

 

Und so zieht die Karawane los.

 

Ida und Tinka hängen links und rechts an meiner Hand und kämpfen beide um „den Sigi.“

 

„Sigi ist mein Freund, und ich liebe ihn gleich nach der Mama!“, behauptet Tinka lautstark.

 

„Sigi ist mein Opa Sigi, und das ist mehr als nuuur Freund!“, kontert meine Enkeltochter.

 

„Sigi hat Mami geküsst, und dann ist Mami Sigis Frau, und daaaann ist Sigi mein Papa und daaass ist viel meeehr als nur Opa!“ Hoppla, die Kleine hat Pläne.

 

„Hast du denn keinen Papa?“ Meine Ida ist erstaunt.

 

„Nein, er ist tot, und Mami ist jetzt im Rollstuhl!“ Das sticht bei meiner gutherzigen Kleinen.

 

„Arme Tinka! Dann schenke ich dir Sigi … aber nicht alles, ein bisschen will behalten!“

 

Und beide unisono: „ Guck wir sind schon da!“

 

„Onkel Gernot, Onkel Gernot!“ Ida läuft los.

 

„Mami, Mami!“ Und Tinka sofort hinterher.

 

Und Gudrun kommt mir entgegen:

 

„Gernot! Kennt er Tanja?“ Ich bin erstaunt. „Warum?“

 

Gudrun grinst: „Er sieht mich, kommt mit den Kindern zu uns, begrüßt mich, streckt Tanja die Hand hin und sagt: ‚Ich bin Gernot, Sigis Großer‘ und zu den Kindern: „Das ist Tante Tanja, Tinkas Mama.“

 

Tinka und Ida sitzen bei Tanja auf dem Schoß bevor die Begrüßung vorüber ist.

Es ist Gudrun, die sich um Tanja kümmert, sie begleitet, und in ihrer Obhut hat. „Finger weg, es ist ein schwebendes Verfahren!“ Die Fachfrau ist gnadenlos. Dafür kümmern wir uns um ihr Patenkind, was sich aber im Haufen unserer Kinder sauwohl fühlt.

 

Die Protagonisten im Wintermärchen sind Kinder und Jugendliche aus der hiesigen Ballett- und Tanzschule. Das junge Publikum kann sich in die Figuren versetzen, da sie ihresgleichen sind, und so ist die Stimmung einfach überwältigend.

Ich beginne mich zu entspannen und das Musical, das Wintermärchen, zu genießen. Der Perfektionismus fehlt, wird aber mehr als wettgemacht durch die Freude am Spiel. Vor dreißig Jahren stand unsere Tochter als achtjährige Ballettmaus mit auf der Bühne. Es kommt keine Melancholie auf. Im Gegenteil, ich bin glücklich mit der Familie, und frisch unter der Haut und im Herzen die beiden T’s.

 

Pause, und das Durcheinander ist nicht zu bändigen. Gernot, der eloquente Businessman, hat für die Erwachsenen Piccolos organisiert und für die Kinder Cola – zur Feier des Tages.

 

Tanja und Gudrun sind verschwunden, ebenso Frauke – okay.

Ich habe mich in eine Ecke verkrümelt und habe meine „Ruhe“, denn Zuhause geht es sicher gleich wieder zur Sache. Nach der Pause habe ich prompt zweidrittel der Aufführung verschlafen, und die erste Zugabe erlebe ich im Zustand des Erwachens.

 

Meine drei Kinder und ihr Anhang, wie auch die größeren Enkel, haben Oma Lisa im Rollstuhl erlebt, mit ihr gelebt. Sie sind es gewohnt, dass mitten unter ihnen ein Mensch lebt, der ihre Hilfe braucht. Tanja ist mitten im Weyer-Pulk  integriert. Ich halte mich ein bisschen zurück. Stehe einen Schritt außerhalb des Kreises, als Tinka und Ida neben mir stehen – mir dringend etwas erzählen müssen, ins Ohr flüstern.

 

Zuhause ist Frauke die erste, die Tanja einbezieht, sich zu ihr setzt, dann meine Schwiegertöchter. Die nächste Ansage von den Schwiegertöchtern „das Büfett ist eröffnet!“, bringt etwas Ruhe in den Haufen. Alle sind beschäftigt mit Futteraufnahme, auch die Kleinen, so dass ich mich leise und unbemerkt in die Küche zurückziehen kann.

Mit schelmischem Grinsen kommt mein ältester zu mir in die Küche, lehnt sich rechts neben mir an die Fensterbank. „Alter Schwerenöter! Ist sie jetzt eine Art Pflegetochter für dich und für mich Schwester – oder ist sie eher … meine Stiefmutter?“

 

„Gute Frage – nächste Frage bitte!“

 

„Danke, beantwortet! Sie ist kaum älter als ich!“

 

„Ja, - keine Handvoll!“

 

„Hm, Stiefmutter also?“ Seinen herausfordernden Blick ignoriere ich.

 

Kaum ist er draußen, besser gesagt wieder im Trubel, taucht Frauke auf und ohne Vorrede und Floskel bestimmt sie: „Kai und Gernot werden jetzt Mamas Bett wieder in mein Zimmer bringen, und Tanja g<s>e</s>ht nicht nach Hause!“

 

Ein direkter Blick, so wie ich ihn von Lisa kenne, trifft mich:

 

„Du wirst dich doch zwei Tage beherrschen können!“ Schalk sprüht aus ihren Augen.

 

„In deinem Alter!“

 

Sie lehnt sich, wie ihr Bruder Gernot, an die Fensterbank, diesmal jedoch links von mir und legt mir den Arm um die Schulter.

 

„Papa, gib dir Mühe – ja, bitte? Die beide lieben dich. Ida und Tinka erzählen sich ihre Abenteuer mit dir.“

 

Mein leicht verlegenes Grinsen bringt meine Tochter zum Lachen.

 

„Tinka erzählte Ida, wie du ihre Laterne gerettet hast, und Ida, wie du im Sommer ihren Ball aus dem Teich geholt hast - ausgerutscht bist und ohne Unterhose nach Hause fahren musstest!“

 

„… und kommt Kai auch noch?“

 

Das Lächeln meiner Tochter zaubert sofort Entspannung.

 

„Wäre das erste Mal, wenn nicht!“

 

Keine drei Minuten später geht er mit seinen knapp über 1.95m vor mir in die Hocke. Bestätigt das Ritual aus Kindertagen. Der Große immer rechts von mir, sich mit dem starken Arm messend, die Tochter stets links, bei meinem Herzen und der Jüngste, der Kleine, stellt sich immer vor mich, meinen Blick suchend.

 

„Papa, du alter Schwede! Es ist dir gelungen, uns zu verblüffen – einmal mehr.

„Chapeau“. Er richtet sich aus der Hocke auf. Er legt mir beide Hände auf die Schultern.

 

Mein Schulterzucken und das entschuldigende Lächeln deutet er richtig: „Eines muss ich dir lassen, du hast einen guten Geschmack - und den richtigen Griff bei den Frauen.“ Der Druck der beiden Hände an meiner Schulter bezeugt, dass er noch immer regelmäßig im Doppelzweier sitzt.

 

Die Enkel schlafen, die Kinder gähnen, die Unterhaltung zieht sich, schleift, aber niemand will ins Bett. Alle warten noch auf etwas! Darauf, was Papa wohl mit der Tanja macht!

 

Es ist Tanja, die den Bann bricht. Mich mit einem zauberhaften Lächeln anstrahlend, fragt sie: „Kannst du mich bitte ins Bett bringen?“

 

Frauke und die beiden Schwiegertöchter stehen vor mir:

 

„Das Procedere ist doch genau wie früher bei Mama! – Papa, wir rufen dich dann zum „GUTE-NACHT-SAGEN“!

Einverstanden?“

 

© S‘Rüebli