Ausbruch

Peter und Paul

 

Wir kennen uns seit der frühen Schulzeit, und wir kennen uns gut -

meine Schwippschwägerin Karin und ich.

 

Sie feiert heute ihren 65. Geburtstag.

Das ist ein Familientreffen mit Anwesenheitspflicht und verordnet gutem Benehmen

- zwecks Friedenserhaltung.

Das haben uns schon damals unsere Männer, die Zwillinge Peter und Paul eingetrichtert.

Auch wenn sie nicht mehr sind…

den Nutzen haben auch wir inzwischen beide erkannt

und führen die Gepflogenheit zu unserer aller Besten fort.

Unsere Männer waren 21 Jahre älter als wir und brachten Kinder aus erster Ehe mit.

Da Karin und ich nicht mal ganz zwei Handvoll Jahre älter

als der Älteste der beiden waren,

entflohen sie schnell in die Selbständigkeit.

.

Die „doppelten Ps“ schwängerten uns, mich drei… Karin zwei Mal.

Ja, Karin und ich hatten zwei Männer.

Die beiden Schlingel glichen sich bis auf kleinste Kleinigkeiten!

Wir konnten sie nur im intimen Verkehr an Feinheiten unterscheiden

- und auch das nur manchmal.

Karins Jüngste stammt von meinem Paul.

Mein Mittlerer von Karins Peter.

Vermutlich!

Sie freuten sich diebisch über ihre Kapriolen.

Versteck spielen!

Und Karin und ich …

 fanden es nach und nach amüsant die Unterschiede herauszufinden.

Sie waren beide aufmerksame Liebhaber,

wirklich gute Galane und ließen es uns an nichts fehlen.

 

Karin und ich setzten Zeichen,

geheime Zeichen um den Tausch zu entlarven

und als wir den Spieß umdrehten,

uns an die „falschen“ Stiele heranmachten,

wurde es zu einem gemeinsamen Geheimnis.

Eine Sache, die wir vier begeistert taten, aber nie besprachen.

Eine „Menage à quarte“ gab es nie.

 

☸ڿڰۣ -- ☸ڿڰۣ -- ☸ڿڰۣ☸

 

Karins Töchter Silke und Annemie führen bei der Feier das Zepter,

gekonnt professionell, in weltgewandter Manier,

sind doch beide mit ihren Männern in den Weiten unserer Welt zuhause.

 

Ich sitze am Familientisch neben Silkes Schwiegermama,

einem zierlichen Persönchen, ist Silkes Mann doch Vietnamese,

in zweiter Generation in Frankreich lebend.

Auch ihr Schwiegerpapa sitzt neben mir und versucht höflich und mit viel Geduld

ein Gespräch in Gang zu bringen,

doch meine Französisch-Kenntnisse sind tief verschüttet.

 

☸ڿڰۣ -- ☸ڿڰۣ -- ☸ڿڰۣ☸

 




© Sinnenflut


Stephan

 

„Stephan!“

Ich höre den Schrei von meiner Nichte Annemie,

„Stephan ist gekommen!“

„Stephan ist da!“, echot auch Silke.

Silke fliegt auf ihn zu, hängt an seinem Hals und umklammert ihn mit den Beinen.

Annemie auf der anderen Seite!

Und sogar das Geburtstagskind Karin eilt

- mehr stolpernd als gehend –

begeistert schluchzend auf ihn zu.

.

Stephan setzt die Mädchen ab und fängt Karin auf.

Und Karin, der Holzklotz, die Spröde, die Unnahbare,

schmiegt sich in seine Arme und umschlingt seinen Hals.

Seine linke Hand umfasst ihre Pobacke…

Er drückt Karin fest an sich.

Die Rechte schiebt er unter ihre Frisur und umfasst den Nacken,

küsst Stirne, Augen, Ohren – und am Schluss ihren Mund!

Ohne Zunge.

 

Stephan …

 

war der Ersatzvater für Annemie und Silke,

ihre Bezugsperson nach Peters Tod.

Onkelvater!

Karins Stütze…

und der Schutzengel bei ihrem Absturz.

Er hat sie verbunden, als sie sich die Arme aufschlitzte,

 sie dann ins Krankenhaus gefahren.

Er hat sie gepflegt,

geduscht,

gebadet,

und auch den Gerichtvollzieher abgewehrt…

Er hat der Bank Eigennutz nachgewiesen und Schadensersatz erstritten,

hat ihnen Haus und Vermögen gerettet.

Stephan hat sie nie gevögelt …

nach Karins Aussage!

 

Aber sie haben sich seit Jahren aus den Augen verloren,

woran ich nicht ganz unschuldig war!

Karin hatte ihn zum Fest eingeladen, aber nichts von ihm gehört.

Sie hatten alle gehofft er käme

und ihm einen Platz am Familientisch reserviert.

 

☸ڿڰۣ -- ☸ڿڰۣ -- ☸ڿڰۣ☸

 

Silke bringt Stephan zu seinem Platz - mir gegenüber.

Ich habe ihn bei ihrer Hochzeit zum letzten Mal gesehen

und nur über Karins Kinder oder von Karin selber von ihm gehört

… oft.

Stephan strahlt mich an.

Er nimmt den Faden wieder auf,

den Faden, der uns vor zehn Jahren verloren ging.

Stephan kennt meine Vorlieben …

fürs Radfahren,

fürs Wandern im Gebirge,

für Skifahren und Langlauf.

Er weiß um meine Abneigung gegen die See,

gegen Segeln und am Strand hocken,

gegen Wasser schlechthin.

Stephan kennt mich!

 

Er realisiert sofort die Situation …

und ist jetzt das sprachliche Bindeglied zwischen Silkes Schwiegereltern und mir.

Er bringt die Unterhaltung in Schwung,

merkt auch schnell, dass ich nicht bei der Sache bin.

Er sieht, dass ich auf heißen Kohlen sitze,

immer wieder auf mein Handy schaue.

 

Meine beiden Söhne sind verheiratet,

die Tochter hat gestern den Termin zur Doktorprüfung bekommen.

Ich bin vierfache Großmutter, das fünfte Enkelkind ist unterwegs,

aber nicht deswegen sitze ich hier auf Abruf.

Sie benutzen mich!

„Oma, wir wollen heute Abend noch weg – zu Freunden – so gegen acht Uhr!“

Das ist die Message von Natalie, einer meiner Schwiegertöchter.

Mein Protest wird übergangen.

„Wir zählen auf dich!

Du willst uns doch nicht enttäuschen?“

Damit hat sie eingehängt.

Ein probates und unschönes Mittel ihre Wünsche durchzudrücken.

 

Meine Schwiegertöchter regieren und meine Söhne kuschen vor ihren Frauen.

Ich bin enttäuscht, traurig und wütend darüber,

und der ganze Frust der letzten Jahre sprudelt aus mir heraus -

als Stephan mich fragt.

 

„Anke …“

Erst nach dem dritten Versuch realisiere ich, dass Stephan mir was sagen will.

„Wo landeten wir beide nach der Hochzeit von Silke?“

Das saß ... direkt im Zentrum meiner Seele.

Oh, ich erinnere mich nur zu gut!

Stephan macht keine Umwege.

Seine Abkürzungen sind berüchtigt.

„Jetzt gilt es die 72 Stunden von damals zu toppen!“

Sein freches, fast dominantes Grinsen wirft mich komplett aus der Bahn.

Diese Erinnerung …

an die drei wilden Tage mit Stephan löst in mir eine alles überdeckende Sehnsucht aus – den Willen mit ihm zu fliehen.

 „Topp, die Wette gilt!“

 

☸ڿڰۣ -- ☸ڿڰۣ -- ☸ڿڰۣ☸

 

Damals, nach Pauls Tod,

haben mich die Kinder ähnlich eingespannt und dominiert –

und ich habe es zugelassen.

Damals war ich auch in einer ähnlichen Situation.

Gefangen und nützlich,

brauchbar im Netzwerk meiner beiden Söhne und ihrer Frauen.

 

Damals an dieser Hochzeit,

tanzten Stephan und ich ein paar Mal –

wurden immer vertrauter.

 

Meine Söhne …

glaubten, mir vorzuschreiben zu dürfen, wie ich mich zu benehmen hätte,

und in ihrer Vermessenheit attackierten sie auch Stephan.

Sie forderten ihn auf, das Fest zu verlassen,

eskortierten ihn sogar nach draußen …

Ein paar Minuten später holte er mich zum nächsten Tanz.

Meine Söhne sah ich nicht mehr.

 

Wir tanzten bis in den Morgen,

und landeten wie selbstverständlich in meinem Bett.

Wir schliefen, vögelten und kuschelten lustvoll bis zum späten Nachmittag.

Anschließend holten wir sein Auto am Hotel ab und kamen erst Tage später zurück -

praktisch unbemerkt von der Umgebung.

Die dicken Beulen an den Stirnen meiner Söhne waren abgeschwollen

und die aufgeschürften Handflächen und Knie waren verschorft.

Ich kannte inzwischen Stephans Antwort auf die Eskorte

und brauchte keine Fragen mehr zu stellen.

Eine Woche später stieg Stephan in den Flieger.

Für achtzehn Monate nach Südafrika.

 

☸ڿڰۣ -- ☸ڿڰۣ -- ☸ڿڰۣ☸

 

„Ich habe nichts mit!“

Es ist so lange her.

„Doch – dich!

Du brauchst nur deinen Personalausweis und Führerschein,

also nur deine Handtasche!“

Aus dem Nebensaal erklingt ganz moderate Tanzmusik.

Wieder dieses wissende Grinsen.

 

Dann ist es zwei Minuten nach Acht und mein Handy klingelt.

Alles in mir zieht sich zusammen.

Panik überflutet mich.

Stephans Hand legt sich beruhigend auf meinen Arm,

und mit der anderen Hand nimmt er mir das Telefon ab.

“Stephan am Apparat von Anke.

Was kann ich für dich tun?“

Seine Stimme klingt nach Samt und Seide!

Natalies Stimme ist schrill – voller Vorwurf.

„Wo ist meine Schwiegermutter? Die sollte um Acht hier sein!“

„Du sprichst von Anke?“,

erkundigt er sich höflich.

„Ich will sie sofort sprechen!“

Natalie kocht.

„Geht nicht! Sie tanzt mit Hervé, Silkes Mann!“

„Hol sie sofort ans Telefon!“

Sie ist es gewohnt zu befehlen.

„Nö!“

Und er … nicht zu gehorchen.

„Sie hat noch zwei Tänze,

dann ist sie mir versprochen und anschließen steht Karl auf ihrer Liste!“

Er holt Luft, schaut mir tief in die Augen, wirft einen Kussmund:

„Zudem ist sie nicht mehr fahrtauglich!

Der Prosecco ist hervorragend und der Rotwein steht ihm im nichts nach!“

Gemurmel am anderen Ende der Leitung,

aber so laut zischend, dass ich es hören kann:

„Sprich du mit diesem besoffenen Arsch!

Deine Mutter hat herzukommen!

Mein Sohn pariert:

„Sie haben gehört, was meine Frau gesagt hat!“

Stephan bleibt cool.

„Nö!

Bastian … du bist doch Bastian?“

„Ja.“

„Das Gequake deiner Giftkröte nehme ich nicht zur Kenntnis.

Deine Mutter ist hier auf einer Geburtstagsfeier, und sie bleibt auch hier!“

Bastian ist platt.

„Wer sind Sie eigentlich?“

 

„Stephan!“

 

Stille

„Gute Nacht, Bastian.“

 

☸ڿڰۣ -- ☸ڿڰۣ -- ☸ڿڰۣ☸

 

Er schaltet mein Handy einfach aus, und ich stehe auf.

Er fordert Hervés Mutter zum Tanz, und ich lächle Hervés Vater an.

Zu viert verschwinden wir im Nebensaal.

Unsere Spende an die Musik wird dankend angenommen.

 

Die nächste ist Karin, und Stephan bringt sie zum Schweben.

Ich kapere mir Karl, den schüchternen Gefährten von Karin,

und auch er kann tanzen.

Annemie und Silke folgen in Stephans Arme und ihre Männer in meine.

 

Bevor er mich in die Arme nimmt,

machen wir einen kleinen Schlenker beim DJ vorbei.

Lambada

– unser Tanz.

 

Wir tanzen nicht turnierreif, aber heiß.

Wir haben nicht viel von unserer Beweglichkeit verloren.

Seine Oberschenkel sind noch immer so fest.

Sein Griff in die Pobacken … besitzergreifend.

Meiner Hand im Nacken nachgebend,

endet sein Mund mit einem sanften Biss an meinem Hals.

Sein Hemd klebt am Rücken, sein Harter drückt fordernd an meinem Bein.

Mein dritter Ritt auf seinem Oberschenkel endet bei mir mit einem tiefen Flush.

Dass seine Hose gut gefüllt ist, ist mir kein Geheimnis.

Mit den letzten Akkorden verabschieden wir uns auf Französisch,

murmeln etwas von Toilette und sind in die Nacht entschwunden.

 

Aufgebrochen zum Ausbruch.

 

☸ڿڰۣ -- ☸ڿڰۣ -- ☸ڿڰۣ☸

 

Wir benötigen nur wenige Worte zur Orientierung:

Hast du etwas im Auto, das du brauchst?“

„Meine Jacke und die Schuhe zum Fahren.“

„Gib mir deine Wagenschlüssel und Papiere!“

 

Ich frage nicht.

 

„Silke ist eingeweiht.

Sie fährt morgen den Wagen in ihre Garage!“

 

Ich frage immer noch nicht.

 

Ein paar Minuten später klebe ich wollüstig stöhnend an einer Kastanie -

Stephan tief in mir.

Ich zerreiße mir meine Strümpfe bei den Abkürzungen durch das Gebüsch.

 

Ich frage immer noch nicht.

 

Die Antwort ist klar…

denn schon sind wir in seinem Wohnmobil,

ein gutes Stück abseits von Trubel und Schrille.

 

Ab sofort sind Fragen nur noch störend –

denn sie unterbrechen den Fluss der Antworten.

Antworten auf die nicht gestellten Fragen der letzten zehn Jahre.

Auch Antworten können ermüdend sein

– sie waren es wirklich.

 

☸ڿڰۣ -- ☸ڿڰۣ -- ☸ڿڰۣ☸

 

Das Erste, das ich wahrnehme, ist das letzte Lied,

der letzte Tanz von gestern Abend,

dann meine Nacktheit unter einer warmen Decke.

Ein schönes Gefühl,

gefolgt von einem Ziehen in meiner Muschi, nicht nur ein leichtes Wund-Sein.

Ich höre einen Motor brummen und bemerke, wie das Bett schaukelt.

Ich bin unterwegs –

auf Achse!

 

Ich schlage die Decke zurück und richte mich auf.

Dem Bett entströmt ein intensiver Duft nach Sex.

Stephan winkt mir über seinen Panoramaspiegel zu.

Er sitzt nackt am Steuer.

Ein anregendes Bild.

„Gleich kommt ein Parkplatz – und ich komme zu dir.“

 

Er greift in meine Haare, biegt meinen Kopf nach hinten und küsst mich:

„Mach ihn hart!“

 

Er drückt mich einfach auf das Bett,

und mit den nächsten Bewegungen sind wir tief miteinander verbunden.

Er ruht in mir … dick, hart und tief.

Nur ein leichtes Pulsieren ist zu spüren.

Dieses tiefe kopulierende Ruhen,

die mentale Zweisamkeit der Vereinigung habe ich schon damals kennengelernt.

Wir sprechen nicht

und doch weiß ich, was er mir sagen will und wird.

In seinen Augen erkenne ich, dass auch meine Botschaften zu ihm fließen,

er kennt meine Sehnsüchte.

Ich spüre nur ein rhythmisches Spannen seiner Muskulatur,

das leichte An– und Abschwellen seines Penis.

Instinktiv beginnt meine Vagina mit dem Gegenspiel.

Ich spanne an, wenn er entspannt.

 

„Du hast es nicht vergessen!“

 

Nein, habe ich nicht.

Aber jetzt vergessen wir Zeit und Raum.

Wir steuern auf anhaltende Wollust zu,

die erst mit dem Erlahmen unserer Muskeln enden wird,

und uns für die lästigen Fragen des Alltags unangreifbar macht.

 

Ich frage immer noch nicht.

 

Stephan erzählt es mir auch so.

Dreifach will er es toppen:

Dreimal drei Tage.

„Und dann verhandeln wir neu!“

 

Ja, es ist ein Druidentrank mit im Spiel.

Nein, nicht die Blauen, die runden … Dunkelgelben.

„Bekommen mir besser!“

 

Die Kleider von gestern?

Sind entsorgt …

„Entstaubte Seelen brauchen neue Kleider …

neue Düfte …

neue Orte …“

 

☸ڿڰۣ -- ☸ڿڰۣ -- ☸ڿڰۣ☸

 

Heute ist der neunte Tag.

Die Verhandlung über eine Verlängerung war sehr intensiv und lustbetont,

und das Ergebnis ist für alle Parteien ein Gewinn.

Nach dem Frühstück fahren wir nach Südwesten

– nach Galizien

Die Tage auf Les Templiers an der Ardèche

haben eine andere Frau aus mir gemacht.

 

 

Ach ja!

Das Ergebnis der Verhandlung …

Stephan wollte nochmals drei mal drei Tage.

Unter Einsatz all meiner weiblichen Waffen habe ich es geschafft,

dass Stephan kapituliert hat

und vorbehaltlos drei Tagen in dritter Potenz (!) zugestimmt hat.

 

Ohne die Reisetage!

 

© S‘Rüebli