Madame la Marquise

Wo war ich hier bloß gelandet?
Ich sah mich um.
Sah aus wie ein Schloss.

Helle Brokatvorhänge umrahmten bodenlange, weitgeöffnete Fenster. Davor war Frühling. Alles blühte und grünte – wunderschön! Ich saß auf einem Bett, das einer Königin würdig gewesen wäre – und ich, ja, ich war diese Königin?
Jedenfalls sagte mir das mein Spiegelbild, das mich von jenseits des Raumes anblickte.
Da saß eine wunderschöne, junge Frau von Mitte zwanzig. Konnte ich das sein? Rosa-Weiß, silbern und glitzernd, gekleidet in ein Hochzeitsgewand, frisiert und geschminkt – atemberaubend. Ob ich es war oder nicht … jedenfalls konnte ich mich nicht sattsehen.

Es klopfte.
Wo?
Ich sah mich um.
Eine so gut wie unsichtbare Tapetentür öffnete sich und herein huschte … ein Traum von Mann. Er passte zwar nicht an den Hof des Sonnenkönigs, aber irgendwie elektrisierte er mich. Vierzig, groß, hager, muskulös, weißes kinnlanges Haar. Er trug eine Art Malerkittel. Das war definitiv nicht mein Ehegemahl in seinem Trauergewand, auch nicht seine Majestät aber …
„Liebste!“
Stürmisch riss er mich in seine Arme und küsste mich, wie ich noch nie geküsst worden war.
„Unsere letzte Gelegenheit!“, flüsterte er und schürzte meine langen Röcke.
„Lasst sie uns nicht versäumen!“
Seine Hände glitten an feinbestrumpfen Beinen hinauf – ich sah es im Spiegel, und es erregte mich genauso, wie das Gefühl, das sie in mir auslösten. Ich kannte diesen Mann und … ja, zum Henker, ich wollte ihn.
Er war der beste all meiner Liebhaber, obwohl ich gerade unfähig gewesen wäre zu sagen, wer die anderen waren. Aber seine Fingerspitzen zwischen dem Spitzensaum der Seidenstrümpfe und dem weißen Pluderhöschen überzeugten mich in Windeseile von seinen Qualitäten. Aufseufzend spreizte ich meine Beine und ließ ihn gewähren. Kniend arbeitete er sich vor, entblößte den summenden Bienenkorb und sog meinen Honigduft tief in sich.

„Gewährt mir diesen himmlischen Genuss!“, flehte er stöhnend und leckte sich tiefer.
Seine Zungenspitze zwischen meinen Blütenblättern – welches Entzücken! Hingebend ließ ich mich zurücksinken in die Pfühle des Prunkbettes.
Ich war nur allzu bereit.
Seine Finger breiteten die Blüte. Zärtlich pflügte er den Kelch, umschmeichelte den Fruchtknoten und kitzelte die Staubgefäße.
„Spaltet mich auf, mein Herr! Bestäubt die Blume, die ohne Euch dazu verdammt wäre zu welken. Netzt ihre Narbe mit eurem Nektar! Helft mir Frucht zu bringen, Liebster, und drückt mir euren Stempel auf!“

Oh ja, und was für ein Stempel das war, den ich da zu Gesicht bekam! Ein wahres Zepter! Wie anders als die Reichsinsignien, die mein Gemahl zur Linken sie zu bieten hatte. Auch wenn mein Liebster seltsam gewandet war, die rotgoldene Krone seines Zepters überzeugte mich in Sekundenschnelle – und wie wusste er damit umzugehen!
Siegesgewiss drückte er mir seinen Stempel ins Fleisch, wiegte sich wie im Tanz vor und zurück und riss mich hin zu jubilierenden Höhenflügen.
„Oh mein Liebster, quält mich nicht länger mit Säumnis, mein Freund! Kommt und nehmt Euch, was Euch gebührt!“
Und unser beider Wunsch wurde zur vollsten Zufriedenheit erfüllt.
Saturiert sank er auf mich.
„Habt Dank Madame la Marquise!“, flüsterte er lächelnd und richtete sich auf. Selbst jetzt noch war sein Zepter ehrfurchtgebietend. Dankbar griff ich danach.
„Ihr, mein Freund, stellt sogar den Sonnenkönig in den Schatten, aber - wenn Euch Euer Leben lieb ist – lasst es ihn nie wissen!“, scherzte ich.

Irgendetwas verdunkelte diesen hellen Frühlingsmorgen und eine derbe Hand löste meinen zärtlichen Griff von dem Juwel.

„Na! Lässt du wohl unseren Doc los!
Sie ist offenbar wach – aber wohl noch nicht so ganz!“
Ich hörte das freundliche Lachen meines Liebsten zu dieser gewöhnlichen Stimme.
„Operation gelungen – Patientin wach!"

„Denk dir nichts, Karen, dieser Griff galt nicht mir!
Es ist nur das Propofol!“

© Anna