Silvesterkatastrophe

 

 

Tonio fiel beinahe um. Was für eine Frau! Sein Lokal war besetzt bis zum allerletzten Platz. Er hatte Arbeit ohne Ende an diesem Silvesterabend, und da stand sie nun: Susanne Aarhuusen - tränenüberströmt und wunderschön, so schön, dass ihm der Atem stockte.

 

Er kannte sie schon lange. Normalerweise kam sie mit ihrem Freund hierher – und sie bezahlte, aber jetzt war sie alleine, und sie sah so verlassen aus - so sehr alleine! Sie schluckte und wischte sich mit dem Handrücken die Tränen von der Wange. „Hast du noch einen Platz?“ Sie duzte ihn! Tonio verstand die Welt nicht mehr. Normalerweise war sie sehr distanziert - und er hatte keinen Platz mehr, aber wegschicken konnte er sie auch nicht. Das auf gar keinen Fall!

 

„Komm mit!“, befand er und nahm sie kurzerhand mit in seine Küche. Sein Personal staunte nicht schlecht. Jeder wusste: Die Küche war „off limits“, aber er hatte in seiner Küche einen Tisch und eine Eckbank stehen, etwas seitlich und ziemlich weit nach hinten versetzt. Ab und an musste man sich ausruhen. Dann saßen sie da, er und seine Mannen! Und dahin komplimentierte er nun sie. „Setz dich!“, bat er. Auch im hellen Licht der Küche sah sie umwerfend aus. Ihr langes, schwarzes Haar fiel schimmernd über ihre Schultern, umrahmte ein helles, ebenmäßiges Gesicht mit großen, grünen Augen. Schneewittchen fiel ihm ein!

 

Und dieses Outfit! Sie trug schwarz. Ein tief ausgeschnittenes Oberteil mit langen, engen Ärmeln. Es brachte ihr Dekollete so richtig zur Geltung - und dann einen weitschwingenden, beinahe durchsichtigen Rock, der ihr bis an die Knöchel reichte. Dazu zierliche, schwarze Pumps, mit einem kleinen Schleifchen an der Ferse. Als sie mit schwingenden Hüften vor ihm herschritt überlegte er, ob sie vielleicht nur seinen Wunschträumen entsprang. Aber sie war da! Ohne Zweifel: Sie war da!

 

Wie auf Wolken stieg er in seinen Keller und holte eine Flasche Champagner herauf. Ganz selbstverständlich griff er zu einer besonderen Flasche. Für sie musste es etwas Besonderes sein. Sein teuerster und bester Champagner: Dom Pérignon Rosé! Die leichte Orangennote würde ihr gefallen, auch die geschliffenen Gläser - für sie und ihn! Dass er das Haus voller Gäste hatte, hatte er vergessen. Heute war Silvester, und er musste sie trösten. Sein Personal würde die Arbeit schon ohne ihn schaffen. Dies hier hatte Priorität! Er setzte sich zu ihr, goss die Gläser voll.

 

„Erzähl!“

Susanne griff nach einem der Gläser und trank es hastig, so als habe er ihr Mineralwasser kredenzt. Er sah, wie sie Farbe bekam. Irgendetwas Schreckliches musste gesehen sein. Er hatte sie noch niemals fassungslos gesehen - noch nicht einmal echauffiert.

„Es ist Schluss – zu Ende!“, brachte sie heraus und stürzte das nächste Glas hinunter.

Tonio wusste, dass sie eine schwierige Beziehung hatte zu einem türkischen Mann. Er kannte ihn, und er hielt ihn für einen Vollidioten. Das einzige, das er jemals in seinem Leben geleistet hatte, war Susanne von sich zu überzeugen!

 

„Was findest du an ihm?“, fragte er und Susanne zuckte nur hilflos die Schultern.

Seit fünf Jahren hing sie an diesem Mann wie an der Nadel. Seit fünf Jahren war sie unglücklich! Er war unmöglich - und doch: Sie liebte ihn. Allerdings wurde ihre Liebe weniger - von Tag zu Tag, und heute hatte sie den absoluten Nullpunkt erreicht. „Er hat … er hat …“ Sie stockte und nahm nochmal das Glas, schüttete den Inhalt hinunter und bekam einen Hustenanfall. Ihr Gesicht glühte und ihre Augen leuchteten wie Blitze eines Gewittersturms. „Vor ein paar Wochen hat er mir gesagt, dass er nicht mehr mit mir … dass er keinen Sex mehr haben möchte, denn das sei unmoralisch!“

„Hä?“ Gewiss, das war nicht sehr intelligent, aber was sollte er sonst zu solch einem haarsträubenden Blödsinn sagen? „Ihr seid jetzt - wie lange - zusammen?“

„Fast fünf Jahre!“

„Und … jetzt … hat er ein Problem mit der Moral?“        

„Ja!“ Sie nickte eifrig. „Ich kam mir schon richtig schlecht vor bei seinem Vortrag von wegen „nicht verheiratet“ und so … wie die letzte Schlampe! Dabei hätte ich doch … er wollte doch nicht!“

„Aha!“ Nein, sehr eloquent war er heute wirklich nicht.  In seiner Küche war der Teufel los und ebenso in seinem Lokal, und er verstand nur Bahnhof! „Und?“

Susanne schniefte. „Ich hab … hab das mitgemacht. Kein Sex mehr – von wegen der Moral und so, aber ich hab mir schon so meine Gedanken gemacht, was denn da plötzlich dahinter stecken könnte. Ich bin ja zwar manchmal ziemlich langsam, aber blöd bin ich nicht!“ Sie trank hastig. „Er hat geschworen, dass er keine andere Frau habe, aber sein Seelsorger hätte gesagt …“

„Sein WAS?“

Sie nickte, dass ihre Haare flogen. „Sein SEELSORGER!“

„Aha!“ Langsam kam er sich selber blöd vor, aber was zur Hölle war denn da los? Er verstand es nicht, bei aller Mühe, die er sich gab. Da hatte dieser Idiot die tollste Frau des Jahrhunderts … und er wollte keinen Sex … wegen der Moral? Hallo? Ging’s noch?

„Ist er plötzlich fromm geworden?“

Susanne hustete. „Naja, es sah so aus … bis … bis er mir erzählte, er hätte da im Internet jemanden kennengelernt. Jemanden! Ha! Eine Polin hat er sich an Land gezogen! Nur bisher war die eben in Polen und er hier, aber sie sei genau so, wie eine Frau sein müsse – und ich nicht wäre!“

„Depp!“ Es fiel ihm einfach nichts Besseres ein zu so einen Verhalten.

„Sie ist brav und anschmiegsam – gehorsam! Seiner Meinung nach müssen Frauen gehorsam sein. Erst kommt der Mann, dann erst kommt die Frau. Sie hat zu gehorchen!“

„Aha!“ Tonio schüttelte den Kopf. Er hatte keine Ahnung was hier abging, aber es war ganz offensichtlich, dass der Kerl eine Meise hatte, und auch, dass von ihm, Tonio, eigentlich nur Zuhören gefragt war.

„Wer will denn so ein blödes Schaf, das immer nur Ja und Amen sagt?“, fragte er verwirrt. Also er bestimmt nicht. Ganz im Gegenteil. „Eine Frau wie dich zu haben, Mensch, das wär’s! So eine, die selber was im Kopf hat. Ist ja schließlich ein Kompliment, wenn so eine dich auswählt!“

„Nein, nein!“, schnappte sie aufgebracht. „Er will eine devote, brave, gehorsame, eine die keusch und züchtig ist – dachte ich! Aber dann …“ Sie brach in Tränen aus und konnte sich gar nicht mehr fassen.

 

Tonio erwischte einen seiner Köche an der Schürze. „Bring mal was Leichtes. Sie muss was essen! – Und einen Espresso, bitte!“ Wie konnte er ihr bloß helfen? Er würde es so gern, also fragte er: „Was war dann?“

„Hast du mal ein Taschentuch?“, schniefte sie.

Er reichte ihr ein Kleenex und sie bemühte sich sichtlich, den Tränenstrom zum Versiegen zu bringen.

„Er war vorhin bei mir … ich habe mich gefreut, ich hatte mich hergerichtet, obwohl ich nicht wusste, ob wir Silvester gemeinsam …“ Die Tränen kullerten schon wieder, aber in diesem Augenblick brachte ein Kellner den Espresso.

 

„Trink das mal, Susanne, das wird dir guttun!“

Dankbar lächelte sie unter Tränen und schlürfte den heißen Kaffee.

Sein Koch stellte gerade einen Teller kalte Lachsröllchen vor sie hin. Das war eine gute Idee, nicht zu viel und leicht. Außerdem schmeckte diese Vorspeise vorzüglich!

Erst jetzt bemerkte Susanne, dass sie tatsächlich hungrig war und langte zu. Die Farbe ihres Gesichtes normalisierte sich wieder, und Tonio freute sich über seine Idee.

Eine kulinarische Weile herrschte Stille, und sie genoss das gute Essen, dann sah sie ihn an und schluckte leer.

 

„Ja … weiter! Kann ich … noch einen Espresso?“

Er nickte und orderte zwei Kirschwasser und einen Espresso. Dass sie Kirschwasser liebte, wusste er noch von ihren Besuchen hier in seinem Lokal. Er gab ihr das Glas in die Hand und stieß mit ihr an. „Auf …“ Er zögerte. „Auf uns!“ konnte er ja schlecht sagen. Also sagte er: „Auf … etwas Neues!“

Sie lächelte unter Tränen. „Ja, auf etwas Neues! Das ist gut!“ Sie tranken.

„Also … er kam vorhin zu mir … und war sehr aufgekratzt. Ich hatte gekocht, aber er wollte nichts essen. Er war komisch … so nervös, so unruhig … eilig … und dann rückte er raus. Seine Internet-Freundin sei da: Zuzanna! Zu allem Unglück heißt sie auch noch Zuzanna! Sie wollte angeblich einen Freund besuchen, hier, in unserer Gegend, der aber nicht da sei. Wer’s glaubt!“

 

Bevor sie wieder losheulen konnte, schenkte er nach. „Prost!“

Sie trank und erzählte weiter: „Nachdem das arme, süße Kind dann so verloren auf der Straße stand, musste er sie doch retten - aufnehmen … vorgestern! Aus reiner Nächstenliebe! Sie ist schon zwei Tage bei ihm. Kein Wunder, dass ich nichts von ihm gehört habe!“

Susanne redete sich in Rage und wurde immer lauter.

„Und dann … stell dir bloß vor … jetzt kommt’s …“ Sie schüttete Champagner nach.

„Er sagte, sie sei so gut … supergut … im …“ Sie würgte. „Ich muss gleich kotzen!“ Ihre Stimme überschlug sich. „Superdoopergut sei sie … im … im Blasen …“

In seiner Küche hätte man eine einzelne gekochte Spaghetti fallen hören können. Jeder Laut und jede Bewegung waren in dem Hexenkessel erstorben. Alle Köche, Kellner, Küchenhelfer und Serviererinnen starrten die schöne, echauffierte Frau an. Das gab es nicht! So was konnte einfach nicht sein, aber sie fuhr fort.

 

„Also ja! Seine Zuzanna sei supergut im Blasen, und er wüsste gerne, ob … ob ich … ob ich  … das toppen könne! Sie säße jetzt brav im Auto und würde warten!“

Toni wurde gerade schlecht. Er brauchte auch noch einen Schnaps. Solche Männer gab es doch nur in schlechten Pornos, oder?

„Sie hat gewartet, dass du sie reinholst zu einem … Silvester-Wettblasen?“ Seine Stimme versagte, und er räusperte sich.

Susanne nickte, und sein Koch rammte das Tranchiermesser in den Hackstock, sodass er nicht wusste, wie er es jemals wieder herausbringen würde.

„So ein Dreckskerl! Der soll bloß nochmal hierher kommen. Schickt ihn mir in die Küche. Ich werde ihn filetieren!“

Susanne lächelte unter Tränen. „Mir war so übel, dass ich einfach verschwunden bin. Ich bin weggelaufen … konnte … ich konnte nichts dazu sagen. Der mit seiner Moral und seinem Seelsorger! Dieses Schwein, dieses verdammte Dreckschwein!“

 

Tonio sah sich um. „Kinder! Kommt weitermachen! Wir haben Silvester und unsere Gäste Hunger! Außerdem ist das hier ein Privatgespräch!“ Der Geräuschpegel und das Leben sprangen wieder an und seine Mannschaft funktionierte wieder normal, aber Susanne fühlte sich von so viel Solidarität getröstet – und das war gut so. Mittlerweile war es fast Mitternacht, und er musste hinaus zu seinen Gästen. Sie waren es gewöhnt, dass er ihnen Glück wünschte zum Neuen Jahr!

 

„Verzeih, Susanne, ich muss dich mal schnell alleine lassen und meinen Gästen Neujahr wünschen, aber ich komme gleich zurück!“ Sie nickte. Tonio war ohnehin ein Schatz. Er hatte sein Lokal Lokal sein lassen und ihr den ganzen Silvesterabend zugehört. Er war da gewesen für sie – und es ging ihr wirklich besser!

„Bring ihr einen Luxus-Dessertteller!“, bat er seinen Koch und ging nach vorne und machte die Honneurs. Seine Gedanken waren allerdings bei ihr. Was würde er dafür geben, diese Frau für sich zu gewinnen, aber vielleicht war das ja heute ein guter Anfang. Eine halbe Stunde später kam er zurück. Sie saß in seiner Küche, als ob sie dahin gehören würde und naschte von der wirklich exquisiten Mousse au Chocolat.

 

„Sag mal, Susanne, warum bist du eigentlich zu mir gekommen?“ Sie sah ihn an – völlig überrascht, so als wüsste sie selber nicht so recht warum sie hier saß. Sie schüttelte den Kopf.

„Ich kann es dir nicht sagen, Tonio. Ich weiß nicht. Ich habe nicht überlegt. Ich bin geflohen  … und dann war ich einfach da. Plötzlich!“ Dann lächelte sie schüchtern. „Vielleicht ist mein Herz gescheiter als mein Kopf!“ Tonio lächelte zurück.

„Vielleicht!“ Er musste nochmal hinaus – kassieren. „Ich bin gleich wieder da, Susanne. Ruh dich aus!“

Als er wiederkam, sah sie wieder ganz normal aus, so, als habe es diesen Sturm überhaupt nicht gegeben – und er war froh darum.

 

„Willst du bei mir übernachten?“, fragte er ganz und gar selbstverständlich.

Sie sah ihn an – mit ihren großen, grünen Augen. „Meinst du nicht, dass das etwas zu schnell geht?“

Tonio lächelte leise. „Für dich ist das vielleicht schnell, aber ich … ich warte darauf schon seit drei Jahren!“ Er füllte ihre Gläser mit Dom Pérignon Rosé und stand auf – zog sie hoch: „Auf ein gesundes und glückliches Neues Jahr!“ Sie stießen an und tranken, dann nahm er sie zärtlich in die Arme und küsste sie auf beide Wangen.

„Prosit Neujahr!“, flüsterte sie. „Auf UNSER Neues Jahr!“ Und dann küsste sie ihn – auf den Mund.

 

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