Ob ich es mal probiere?

Inspiriert von einer Freundin


Na ja, also Liebe suchte ich gewiss nicht, und erwarten konnte ich die natürlich auch nicht, wenn ich mich auf so eine Anzeige bewarb:

„...zärtlich, romantisch, sauber, diskret...‟

Das bin ich, ganz sicher: Ein zärtlicher Romantiker, und dass ich sauber und diskret bin, war ja nun in solcher Situation ohnehin selbstverständlich.

 

Ich bin erfahren genug, um zu wissen, was guter, was leidenschaftlicher, erfüllender Sex ist, nur bekomme ich ihn leider nicht. Ist uninteressant, warum das so ist, aber es ist so. Natürlich hätte ich mich auch einer Prostituierten anvertrauen können, aber das widerstrebt mir zutiefst. Nicht, dass ich etwas gegen Prostituierte hätte; sie üben zweifellos einen ehrenwerten Beruf aus, auch wenn er in unserer Gesellschaft nicht wirklich anerkannt ist, aber minutenlanger bezahlter Sex ist nicht, was ich suche.

Ich wusste ziemlich genau, was ich suchte, als ich mich auf die Anzeige bewarb:

Eine leidenschaftliche Frau, die Sex braucht, die Sex genießt, eine Frau, die Lust empfangen will und dann auch bereit ist, Lust zu schenken. Ich weiß, welche Befriedigung tabuloser Sex schenken kann – und genau diese Befriedigung wollte ich schenken und empfangen.

 

Wir verabredeten uns telefonisch in einem Café in der Nachbarstadt. Ich hatte keine Ahnung, wie sie aussehen würde, ich kannte nur ihre Stimme, die ich als sehr angenehm weiblich empfand. Sie hatte mir nur genau beschrieben, an welchem Tisch sie sitzen würde.

 

Ich hatte eine gelbe Rose für sie gekauft. Rot schien mir denn doch zu aufdringlich.

Sie fiel mir sofort auf, als ich das Café betrat, obwohl der Tisch in einer recht uneinsehbaren Ecke stand.

 

Mir schlug das Herz bis zum Hals. Abgesehen davon, dass ich solch ein „Abenteuer‟ noch nicht erlebt hatte, saß dort bereits eine Frau, die so ziemlich alle Erwartungen übertraf, die ich mir so zusammen fantasiert hatte. Sehr weiblich, und wenn ich schreibe, „sehr weiblich‟, dann meine ich damit alle weiblichen Attribute, die mich an einer Frau faszinieren. Ihr Haare waren ein dunkleres Blond, sie war dezent geschminkt mit tief dunkelrotem Lippenstift, trug einen kurzen, grauen Rock, der nicht nur ihre Knie sehen ließ und eine schwarze, ein wenig transparente Bluse mit langen Ärmeln, Perlenohrstecker.

 

„Ich denke, wir sind miteinander verabredet‟, meinte ich und überreichte ihr die Rose.

„Hm, die duftet ja sogar! Ich mag gelbe Rosen! Bitte, setz dich doch!‟

Vor ihr stand bereits eine Tasse und so bestellte ich mir einen Milchkaffee.

Als die Tasse vor mir stand, sah sie mich an:

„Welches ist deine größte, unerfüllte, erotische Fantasie?‟

Sie fiel geradezu mit der Tür ins Haus, und ich war darauf eigentlich nicht vorbereitet, aber warum eigentlich nicht; schließlich wollten wir beide das gleiche. Ich lächelte sie an:

„Du bist erfrischend direkt.‟

„Klar doch, aber ich möchte eine Antwort!‟

„Ich stelle mir vor, meine Gespielin reitet hart auf mir und präsentiert mir dabei ihre Brüste, bis wir beide kommen.‟

„Was ist daran denn besonderes?‟

„Du hast mich nach meiner größten, unerfüllten Fantasie gefragt. Das ist sie.‟

„Ja und, warum machts du das nicht mit deiner Frau?‟

„Sie müsste es mit mir machen!‟

„Hast du es ihr denn nicht gesagt?‟

„Doch. Aber das, was ich erträume, kann sie nicht erfüllen. Ich kann ihr das als Mann ja nicht zeigen.‟

„Und du meinst, ich würde deinen Traum erfüllen können?‟

„Ich weiß es nicht, aber ich denke doch, dass du das könntest. Du willst Sex, guten, ausdauernden, befriedigenden, wilden Sex. Sonst hättest du nicht diese Annonce aufgegeben. Du willst jemanden zum Vögeln. Du hast offenbar ein sehr aktives Sexleben, du weißt, was du willst und was du von einem Mann verlangst. Du willst dich nicht hinlegen, um darauf zu warten, dass dir ein Mann einen Orgasmus verschafft. Nein - Sex macht dir richtig Spaß, und deshalb kannst du auch völlig offen über Sex reden.‟

 

Ich trank einen Schluck Kaffee und schaute sie über den Tassenrand an. Sie sah mir in die Augen und schwieg.

Ich habe noch nie ein Problem darin gesehen, in einer Unterhaltung auch einmal zu schweigen, aber ich weiß, dass Schweigen auch sehr an den Nerven des Gegenübers kratzen kann. Ich schwieg also und trank mit langsamen Schlucken meinen Kaffee, während ich ihr Gesicht studierte. Sie war nicht im eigentlichen Sinne schön, aber das suchte ich ja auch gar nicht. Aber das Gesicht zeigte Charakter. Selbstbewusstsein entdeckte ich darin, und die Aufmerksamkeit, mit der sie mich betrachtete, zeigte, dass sie sehr präsent war, auch wenn sie bisher nicht geantwortet hatte.

„Möchtest du, dass ich deinen Schwanz verwöhne?‟

Ein leichtes Lächeln stand in ihrem Gesicht.

„Fändest du es toll, wenn ich als Sex-Konsument zu dir käme? Ich dachte, wir suchen beide gegenseitig befriedigenden Sex!‟

Diesmal griff sie zu ihrer Tasse, um mich dann über den Tassenrand anzuschauen. Ich hatte sie längst durchschaut: Sie wollte mich in die Enge treiben, wollte mich sprachlos machen und mir zeigen, dass ich ihrer nicht würdig sei. Nun, ob ich ihrer würdig bin, das musste sie selbst entscheiden, aber immerhin weiß ich, was ich will und bin genügend selbstbewusst, um solcher Testerei stand zu halten.

 

Sie stellte die Tasse ab:

„Würdest du mich auch anal nehmen wollen?‟

„Ja, warum denn nicht?‟

„Hast du es schon mal gemacht?‟

„Ganz offen: Nein. Aber in meiner Fantasie kenne ich keine Tabus und Schranken. Ich sehe keinen Grund, warum es uns nicht beide befriedigen sollte, anal miteinander zu ficken. Bist du schon anal entjungfert worden?‟

Wieder das Spiel mit der Kaffeetasse – diesmal sahen wir uns beide über den Tassenrand in die Augen.

„Warum fragst du mich, ob ich anal entjungfert bin?‟

„Nun, du fragst mich nach meinen Wünschen, und ich frage dich nach deinen Erfahrungen. Ganz einfach! Aber natürlich möchte ich auch wissen, ob du gerne von mir anal genommen würdest.‟

„Ja!‟

 

„Und was ist deine größte unerfüllte erotische Fantasie?‟, fragte ich nun meinerseits.

 

Wieder das Spiel mit der Kaffeetasse. Ich sehe nur ihre Augen. Lange. Dann stellt sie die Kaffeetasse entschlossen auf den Untersetzer:

„Ich träume von einem Liebhaber, der mich einfach nur nimmt. Ein Liebhaber, der mir Lust schenkt, damit auch ich sie ihm schenken kann, ein Liebhaber, dem es wichtig ist, mich zu befriedigen und nicht sich selbst, ein Liebhaber, der mich vögelt und erst dann befriedigt ist, wenn ich nicht mehr kann.

Ja, in einem Satz ein Liebhaber, der nur eines will: Mich befriedigen, und der nicht erwartet, dass ich ihn befriedige.‟

 

Wir sahen uns an. Lange und schweigend. Ohne den Schutz der Tassen, die nun sowieso längst leer waren. Plötzlich legte sie ihre Hand auf die meine:

„Komm, meine Wohnung ist ganz in der Nähe!‟

 

© Carlito




© Claire