Mein Schatten

„Ich habe Kohldampf!“ Das Schlurfen ihrer Schuhe über den Feldweg unterstreicht diese Feststellung. „Und Durst habe ich ebenfalls!“, setzt sie nach und aufgrund einer fehlenden Reaktion von mir: „Einen Wolf laufe ich mir auch!“ Als noch immer keine tröstenden, bedauernden oder aufmunternden Worte vom neben ihr tippelnden Kameraden kommen … „Und Blasen habe ich schon lange!“

 

„Ja, gute Idee! Denk ans Blasen – lenkt ab!“, hört sie gepresst nuschelnd von ihrem Nebenmann - mir. „Typisch Kerle! Denken könnt ihr nur immer an das EINE!“, schießt der Gedanke durch ihren Kopf, den Mund und hinaus in die Welt.

 

„Klar! Besonders jetzt, wo es alles andere als sinnlich-erotisch zugeht, wo es eher wie kurz vor dem ‚Auf-dem-Zahnfleisch-Kriechen‘ zugeht.“ Das ist meine klare und gut vernehmbare Aussage.

 

„Im Zweifel würde ich ihn dir auch direkt abbeißen, so einen Hunger habe ich!“

 

„Dass du Haare auf den Zähnen hast, weiß ich! Dass du aber auch Zähne zwischen den anderen Lippen hast …, nee, das halte ich für ein Gerücht. Diesen Beweis musst du erst noch antreten!“

 

„Du Prolet! Bauer! Trampel!“, tönt es aggressiv zurück. „Würde dir so passen, meine Notlage auszunutzen. Ihr seid doch alle gleich! Immer bloß kopulieren, was? Mit der Samenschleuder das Revier markieren.“

 

Mein Schritt ist unerbittlich im Rhythmus eines Infanteristen – 114 Schritt in der Minute – gnadenlos. Wenn ich auch nur im Ansatz Nachsicht zeige, kommen wir nur noch bis zur nächsten Hütte,  zum Unterstand, aber nicht mehr zum vorgenommenen Ziel.

 

Wie eine streunende Katze ist sie mir heute Morgen zugelaufen, hat sich ungefragt an meinen Schatten gehängt und das Tempo bis vor zwei Stunde durchgehalten. Dann kam Regen auf - und kalter Wind.

 

„Gib her!“ Mein Griff an ihren Rucksack war fordernd, meine Augen befehlend, so dass ihr aufflammender Prostest mit dem zweifelhaften Kompliment „Grobian!“ recht einsilbig endete. Das Zusatzgewicht verlangsamte meinen Schritt und als ein Unterstand auftauchte …

 

„Wo brütet der Wolf … hinten oder vorne?“

 

„Warum willst du das wissen?“ Und nach einer schweigenden Trotzphase von zehn Schritten: „Hinten scheuert die nasse Hose, und vorne hat sich der Schlüpfer eingerubbelt.“

 

Beim Unterstand will sie sich direkt auf die Bank schmeißen.

 

„Hey gute Frau, weiter im Text! Los, in Bewegung bleiben!“ Ich beginne in meinem Rucksack zu kramen. „Komm her, Hose auf!“, belle ich und beim Öffnen ihres Mundes: „Behalt’s für dich! Ich werde dir jetzt dein wundes Ärschchen mit Balistol einreiben. Deine Mumu wird glühen, aber nicht mehr schmerzen. Mach schon … Hose auf!“

 

Sie macht – ohne Widerspruch.

 

„Wau, was für ein seltenes Exemplar von Frau habe ich hier im Schlepptau.“

Ihr Lächeln auf diesen Ausspruch ist mehr als gequält, und als sie ihre Hose nach unten schiebt … pah, Schlüpfer! So etwas ist allenfalls discotauglich, bestens geeignet um die Discoboys riemig zu machen, aber nicht für eine Hüttentour.  Himmel, A … und zugenäht! Oh ja, riemig! Weicher, weiblicher und begehrlicher kann eine Frau schon fast nicht mehr aussehen als das, was mir hier in diesem zugigen Unterstand geboten wird.

 

Zwei Schnitte mit dem Opinel und das nasse Etwas ist Vergangenheit. Eine kleine Pfütze Balistolöl in die hohle Hand, die andere Hand vorne auf das Schambein legen, damit sie mir nicht ausbüxen kann und dann … dann mit der öligen Hand schnell von hinten durch die Poritze bis vorne durch und zurück - und erneut nach vorne. Das Ganze so schnell, dass ich, wenn als Reaktion das Beine-Kneifen einsetzt, schon durch bin. Bin ich auch.

 

Es dauert die obligaten drei Minuten bis der Schmerz nachlässt, weitere fünf Minuten bis ihr Repertoire an Schimpfwörtern inklusive Wiederholungen erschöpft ist und ich ihr aus meinem Dreieck-Halstuch eine Art lose Windel angelegt habe. Noch den letzten Riegel teilen, und eine Viertelstunde später sind wir schon wieder unterwegs.

 

Sie hat den leicht wiegenden Gang einer schwangeren Bergente, aber ganz flott im Tempo – gemessen an vorher. Ihrer Miene und der Schweigsamkeit nach, muss sie einen mittleren Hass auf mich haben. Das ist die beste Voraussetzung dafür, sie am Laufen zu halten. Selbstmitleid gibt es erst wieder ab dem Frühstück.

 

Lichter tauchen auf. Zuerst nur wenige, dann Konturen von Hütten und noch mehr Lichter.

 

„Oh, wir wussten nicht, dass ihr zusammen gehört!“ Der Hüttenwart ist freundlich und erleichtert. „So brauche ich euch nicht zu trennen und das andere Pärchen auch nicht.“

 

Ihr offener Mund mit dem Protest schon in der Kehle klappt zu, ihre Augen werden schmale Schlitze, ihr Mund schrumpft zu krumpligen Lippen.

 

„Untersteh dich zu duschen, und zeig deine Füße her!“ Sie liegt lang ausgestreckt auf der Pritsche und lässt sich Schuhe, Socken und die nasse Hose ausziehen. Die Blasen halten sich in Grenzen und sind im Nu versorgt. Karin heißt sie, so viel weiß ich inzwischen, und dass ich der Jürg bin, ist ihr jetzt auch bekannt.

 

Meine aufgesetzte Grobheit und Schnoddrigkeit hat mich schon öfter vor den „lieben Frauen“ beschützt … gerettet, und hat auch das Interesse an mir schnell sterben lassen.

 

„Ich mache dich jetzt unten frei um nachzusehen wie der Wolf mutiert ist – einverstanden?“

 

Stille – keine Antwort.

 

„Frage von Erde an Stern Karin: E I N V E R S T A N D E N?“

„Stern Karin an Erde Jürg - Landeerlaubnis!“, wispert sie und nach einer kleinen Verzögerung: „Nicht Andocken nur Außenposition!“ Ein mattes Lächeln verzaubert ihr müdes Gesicht. Die brutale Schockbehandlung im Unterstand hat schon erste Linderung gebracht und die Nachbehandlung mit Bepanthen wird bis zum Morgen Wunder wirken.

 

Bei mir wirken ganz andere Kräfte, und meine Beherrschung wird auf eine Zerreißprobe gestellt, zumal das Auftragen von leicht steifen Salben eines gewissen Drucks bedarf und durch den Massageeffekt reflektorische Reaktionen unvermeidlich sind.

 

„Lass das Tuch bis morgen Früh. Nichts soll kneifen. Einverstanden?“ Ich binde ihr die „Windel“ wieder fest. „Komm hoch!“ Mit drei Griffen sind die feuchte Weste, Bluse, Unterhemd und Bustier ausgezogen und ein Schlabbershirt übergestreift. Die Decke ziehe ich bis zum Kinn und stopfe sie seitlich unter. „Eine kleine Runde Schlaf als Vorspeise! Ich wecke dich dann.“

 

Im einen Arm unsere nass-feuchten Kleider, im anderen Arm unser Gourmetmenü „Häsch“ auch „kastrierter Labskaus“ genannt, stapfe ich davon. Im Moment ist in der Küche viel Betrieb, also zuerst die Kleider im Trockenraum aufhängen. Ihr Duft in den Kleidern, so zart und fein er ist … meine Nase erschnüffelt ihn sofort. Er erzeugt eine beruhigende Gelassenheit. Bis jetzt haben wir beide versucht Null Erotik aufkommen zu lassen und uns abweisend zu gebärden. Sie … und ich als Grobian und Stoffel um sie abzuschrecken. Ich glaube, ab sofort muss ich mich zu Grobheiten zwingen, und Schnoddrigkeiten werden zu netten Neckereien verkommen – so gut kenne ich mich selber.

 

In der Küche ist mittlerweile Platz. Zwiebel schneiden, andünsten, Corned Beef dazu und scharf anbraten. Wasser mit etwas Milchpulver vermischen und aufkochen, Kartoffelpüree einrühren. Eipulver anrühren und dünne Eierfladen backen. Die Essiggurke müssen wir uns malen.

 

Ich setze mich auf die Bettkante und betrachte die mir fast unbekannte Frau. Okay, Karin heißt sie und hat ein sehr weibliches Becken, feste, fleischige Oberschenkel, die in ein Gesäß übergehen, das sehr dem männlichen Ideal entspricht. Eine herrliche, zurzeit ziemlich strapazierte, stark gerötete Vulva! Eine Muschi Typ Pflaume mit einem herrlich kraushaarigen Busch. Das ist alles was ich von dieser Frau weiß. Ach ja … die beiden Brüste … Ich habe nichts Genaues gesehen, aber hängen tun sie nicht und wenn, dann marginal.

 

Ich streichle ihre Wangen, wispere ihren Namen, kitzle mit ihren Haaren die Nasenspitze, ihre Ohrmuschel. Ohne Erfolg - angeblich … denn, genau da: Flirrende Augenlider, zuckende Mundwinkel, sich blähende Nasenflügel.

 

„Essen ist fertig. Komm solange es warm ist. Einen Roten oder lieber einen Weißen?“ Es dauert noch einige Zeit bis Karin auftaucht und sich an den Tisch setzt. Sie stochert im Essen und fängt an zu essen, zu spachteln. Sie verputzt den vollen Teller und spricht dabei mal ganze acht Wörter: „Guten Appetit!“ – „Boah, schmeckt gut!“ und am Schluss: „Gibt’s noch Nachschlag?“

 

„Nein, nur Nachtisch!“

 

Ein fragender Blick und dann ein breites Grinsen. „Schokolade!“ Sie klaubt die unter meinem Handtuch versteckte Toblerone hervor. Hörbar an der letzten Schokoecke lutschend strahlt sie mich an, streckt ihre Beine auf meine Seite und umfasst meine mit ihren Füßen. Karin hat einen knallroten Kopf, und ich höre sie zaghaft flüstern: „Und jetzt … noch einen zärtlichen Mann?“

 

Ich habe das nicht erwartet, nicht mal erhofft. Mein Mienenspiel muss sie aber doch überzeugt haben.

 

„Aber vorher musst du strippen, denn ich will dich jetzt auch nackt sehen!“

 

© S‘Rüebli

 

 




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