Was war denn das?




Da stand er nun und wusste nicht weiter. Verdammt, in was hatte er sich da verstrickt? Er hätte sich ohrfeigen können. Wie war er nur in diese unmögliche Situation gekommen? Er hatte sich doch gefreut, als er Freds Seite gefunden hatte: Die Seite mit den Büchern auf Reisen. Erstens war das eine wunderbare Gelegenheit sein eigenes Buch „auf Reisen“ zu schicken, und zum Zweiten gab es da einiges, das ihn interessierte, besonders natürlich das Buch mit dem hübschen, üppigen Busen und den erotischen Geschichten von BvS. Randolph trug sich in die Warteliste ein und hoffte, dass es nicht zu lange dauern würde, bis er dran war.

                 

Der Beginn:

 

Und dann war das Buch da, und er konnte es kaum erwarten damit zu beginnen. Endlich kam der Abend und er war alleine. Ob er ins Bett gehen sollte zum Lesen? Nein! Schließlich war er ein zivilisierter Mensch. Randolph holte sich eine Flasche Rotwein und sein Lieblingsglas. Er schloss die Vorhänge und erleuchtete nur seine „Lese-Insel“. Alles soweit fertig? Ja, nun konnte das Vergnügen beginnen. Er machte es sich in seiner Leseecke bequem - in einem schweren, alten Ledersessel, der mit einem kleinen Tischchen vor der Bücherwand in seinem Arbeitszimmer stand. Genüsslich strichen seine Finger über den Busen. Warum war das kein ordentliches Buch mit einem schönen Hardcover? Taschenbücher gefielen ihm überhaupt nicht. Wenn er dieses Buch mochte und es kaufen wollte, dann würde er eruieren müssen, ob es das auch in schöner und teuerer Ausführung gab. So wollte er es nicht. Aber zunächst ging es ja mal um den Inhalt. Also los!

 

Gleich die erste Geschichte elektrisierte ihn. Was für eine heiße Angelegenheit. Fellatio! Oh wie sie ihn verwöhnte, diese Frau - wie sie ihn leckte und saugte! Sein „Fast-Freund“ mochte diese Art von Lektüre und reagierte heftig, zumal Randolph hier seinen heißesten und geheimsten Traum serviert bekam - auf einem silbernen Tablett. Er fühlte sich ertappt, und er wurde ärgerlich. Verdammt, warum schämte er sich jetzt? Es war ja klar gewesen, welche Art Lektüre er sich hier erbeten hatte, aber er hatte nicht bedacht, dass er jetzt in der unangenehmen Lage war gestehen zu sollen: Verdammt, das Zeug macht mich wirklich geil! So etwas tat man nicht. Zumindest nicht in aller Öffentlichkeit.

 

Wie konnte man - wie konnte SIE so was bloß schreiben? So unverschämt direkt und schamlos geil! Das konnte er doch nicht zugeben. Es war ... einfach obszön! Aber hatte er nicht eine Rezension versprochen? Er war in der Pflicht und konnte nicht ... Oh verdammt! Weiterlesen, das konnte er! Oh ja, das konnte er! Randolph verschlang die Geschichten. Sie hatte eine Art zu schreiben, die ihn verrückt machte - und ihn verärgerte. Er glühte in heißer Gier - und sie, verdammt SIE würde es wissen! - Das war Absicht! Ganz sicher war das Absicht! Wut und Geilheit hielten sich die Waage und brachten ihn dazu aufzubrausen. Es kochte in ihm wie in einem Vulkan. Magma stieg auf, und er hatte keine Kontrolle mehr über sich. Dieses Weib mit ihren Geschichten brachte ihn dazu Dinge zu tun, die er sonst nicht tat - niemals tun würde! In seinem Arbeitszimmer! Auch das noch.

 

Die zweite Geschichte war noch ... aufregender. Partnertausch! Der Gipfel der Verworfenheit - zwei Freundinnen tauschten die Ehemänner - und es war so unglaublich geil, dass es ihm schier die Hose zerriss. Er war empört in tiefster Seele, aber sein Schwanz pochte wild! Wie konnte er bloß so reagieren? Was da geschrieben stand war einfach unmoralisch und durch und durch ungehörig. Pornographisch! Natürlich hätte er aufhören können zu lesen, aber es war nicht nur schlüpfrig und vulgär, es war auch unfassbar geil! Und so konnte er eben nicht aufhören zu lesen, und er konnte auch nicht aufhören zu ... Beinahe hätte er am Ende der Story den größten Hammer gar nicht bemerkt. Diesen brillanten Schmunzler! Diesen Gag, den, der ihn noch mehr auf die Palme gehen ließ. So eine Frechheit! Denn die Quintessenz war, dass dieser Partnertausch nur in der Fantasie der beiden Männer stattgefunden hatte - und in seiner!

 

Was für eine Ungeheuerlichkeit! Da machte sie ihn so scharf, so sehr, dass er sich vor sich selber schämte - in Grund und Boden schämte - so, dass er sie, diese frivole Autorin verfluchte in allen Tonarten, und dann stellte sich heraus, dass die ganze Verderbtheit nur in seinem eigenen Gehirn existent war! Oh, wie er diese Frau hasste. Sie hielt ihm einen Spiegel vor - und er sah sich wie sie ihn sah: Geil, mit dem Schwanz in der Hand. WI-DER-LICH! Sie war schuld - diese verderbte „Autorin“! –

 

Ha! Von wegen Autorin! Nicht mal anständig Deutsch konnte sie! Das konnte er schließlich beurteilen! Randolph war Fachmann auf diesem Gebiet. In der Freundinnen-Story war ein Beziehungsfehler - mal abgesehen von dem Fehler in der Beziehung der vier Protagonisten untereinander. Außerdem waren da noch einige Tippfehler und jede Menge Kommafehler! Einen anständigen Lektor hatte sie wohl nicht, diese „Schriftstellerin“ von Gottes Gnaden. Ob er sich  vielleicht ...? - Verdammt, was dachte er denn da?

 

Die sollte doch erst mal korrektes Deutsch lernen, dann konnte sie anfangen ein Buch zu schreiben. Außerdem ... in diesem Buch war sowieso alles anders. Sie bürstete die Sprache - seine Sprache - gegen den Strich, und was herauskam war eine ganz und gar erstaunliche Angelegenheit. Worte bekamen ganz plötzlich eine neue Bedeutung, Sätze einen zweideutigen Zauberschimmer. Sie schuf - mehr als nur Geschichten, und er wusste nicht: Sollte er sie verehren dafür - oder hassen. Egal! Sie wirkte!

 

Er brauchte nur diese eine Nacht, um dieses „Buch“ durchzulesen. Ach was! Um es zu verschlingen, dieses Machwerk einer Hexe! Wenn er sich aber vorstellte ... so eine Frau zu haben ... Eine, die mit ihm all diese aufregenden kleinen und größeren Schweinereien durchexerzierte ... Wahnsinn! So ein süßes, geiles Weibchen, das ihm den Schwanz leckte bis er kam und ihr seine Liebesgabe in ihren heißen Mund spritzte. Eine, die seinen Samen schluckte - sinnlich lüstern - schamlos brünstig - und die ihm genau dadurch bewies, wie sehr sie ihn begehrte, wie sehr sie ihn liebte. Randolph wusste nicht mehr wo hinten und vorne war - oben und unten. War das alles nun verabscheuungswürdig oder erstrebenswert? Sehnte er sich etwa heimlich nach so einer? Und seine Wut? - Waren das alles nur saure Trauben für ihn - oder war es wirklich echte Empörung, die er empfand? Er war völlig durcheinander, fühlte sich verdorben - ehrlos - wie ein kleiner Junge, der heimlich zugesehen hatte, wie seine Mama sich streichelte. Sie war schuld! Sie war schuld!

 

Und dann erst noch diese eine Geschichte. „Wunschdenken“! Fühlte sie vielleicht genauso wie er? Wollte sie ihn, so wie er sie? Konnte das denn sein? Diese Autorin machte ihn vollkommen konfus. Normalerweise war er doch ein logischer Mensch, ein Mann der auf dem Boden der Tatsachen stand. Sie ja vielleicht auch - und sie kannte die Sehnsucht, das stand fest. Man konnte nicht so glaubhaft über etwas schreiben, was man nie gefühlt hatte. Oder doch? –

 

Wie, zur Hölle, sollte man das rezensieren? Was sollte er darüber schreiben?  „Ich will Sie haben? Will mit Ihnen alles das ausprobieren, was Sie so erotisch aufreizend beschreiben?“ Verdammt! Er würde sich lächerlich machen. Und auch den großen Saubermann konnte er nicht geben. Schließlich hatte er genau dieses Buch bestellt - und bei diesem Titel konnte er auch schlecht sagen, er habe nicht gewusst, was ihn erwartete! Was denn nun?

 

Eigentlich hatte er sich längst für eine Methode entschieden. Er würde ihr von oben herab begegnen. Einen Kübel Spott würde er ihr über den Kopf schütten, sie dem Gelächter der Leser preisgeben. Dann würde sie schon sehen was sie davon hatte, ihn so verrückt zu machen. Und so setzte er sich noch in dieser Nacht hin und schrieb: „Jaah, er habe sich mehr erwartet von diesem Buch, denn schließlich versprach es sinnliche Lust! - Nein! LEIDER habe er die überhaupt nicht empfunden, denn bei solch schlechtem, schülerhaft-holprigem Stil, der ständig falschen Verwendung der Personalpronomen und der unmöglichen Interpunktion, da konnten ihm auch die „steifen Schwänze“ nicht helfen - zumindest nicht seinem. Trotzdem sei er gerne bereit sich von den Qualitäten der Autorin überzeugen zu lassen, wenn auch nicht auf literarischem Gebiet, aber auf der Couch vielleicht schon … oder in der Badewanne - denn er sei schließlich ein großzügiger, ein weltoffener Mensch“.

 

Eigentlich hatte Randolph ihr dadurch sagen wollen - sagen müssen - dass sie ihn scharf machte bis zum Limit. Es war vielleicht eine etwas verunglückte Liebeserklärung, aber es war auf jeden Fall Ausdruck seiner Zuneigung - und was machte dieses Mistweib? Sie schrieb ihm eine Mail und verwies ihn kühl und vollkommen lässig in die Schranken. Solch unsittliche Angebote hätte sie eventuell von irgendwelchen geistig minderbemittelten Tieffliegern erwartet, nicht aber von ihm, einem erfolgreichen Kollegen. Das saß! Er platzte vor Wut! Aber statt jetzt endlich Ruhe zu geben, setzte er sich immer tiefer ins Unrecht. Er recherchierte im Netz und fand sie! Nein, auf ihre Seite traute er sich nicht, aber es gab da noch eine Seite, wo sie ab und zu Geschichten veröffentlichte. Randolph konnte es kaum erwarten ihre neuesten heißen Fantasien kennenzulernen - und er konnte es ebenfalls nicht lassen sie niederzumachen. Wenigstens verbal wollte er sie unter sich zwingen, wollte sie wimmern hören - und er würde zustoßen und sie ficken bis sie zugab, dass er der Herr war.

 

In seinen Träumen tat er es immer wieder, obwohl er keine Ahnung hatte, wer diese Frau war und wie sie aussah. Und jeden ihrer Fans, der sie verteidigte, brachte er gegen sich auf; auch sie wurden beschimpft. Sie sollten sie nicht loben! Sie sollten sie nicht mögen! Er mochte sie auch nicht - er war besessen von ihr. In einer einzigen Geschichte machte er sich in acht Kommentaren über sie her, denn schließlich war auch das eine Art sie zu besitzen. Keine andere Autorin ließ ihn so ausflippen, und eigentlich wusste er nicht, warum er so reagierte. Die paar fehlenden Kommas konnten es doch nicht sein.

 

Daran war er ja als Deutschlehrer gewöhnt. Auch daran, dass einer gut fand, was der andere verwarf. Schließlich gab es Untersuchungen, die bezeugten, dass ein und derselbe Aufsatz an verschiedenen deutschen Gymnasien sowohl mit Eins, als auch mit Sechs bewertet wurde. Allerdings war es wohl so, dass Randolph sich weniger für die Sechs der Geschichten, als vielmehr für den Sex der Autorin interessierte. Er hatte sich rettungslos verrannt, und nun konnte er nicht zurück. Er kritisierte nicht mehr ihre Geschichten. Er kritisierte nicht einmal mehr sie. Er beschimpfte sie. Das alles war inzwischen unterste Kategorie, er wusste es. Randolph kannte sich selber nicht wieder. Verdammt! Und nun? -

Gab es einen Weg zurück?

 

Das Ende:

 

Na ja, es hätte ihn gegeben, diesen Weg, aber er war peinlich, mehr als peinlich, und er erforderte Größe - und ob er die hatte? Er wusste es nicht. Schaffte er es zu sagen: „Verzeihen Sie mir?“ Das war die große Frage. Randolph dachte nach.

 

Es gab noch zwei andere Möglichkeiten. Er machte weiter wie bisher und hängte alle Spiegel ab, oder aber er stellte sich einfach tot. Schon während er nachdachte, schwoll ihm der Kamm - und einiges mehr. Sie war schuld, verdammt! Am Liebsten hätte er um sich geschlagen. Ihre Schuld! Verdammt! Wenn das so weiter ging, würde er keine Spiegel mehr haben, die er abhängen konnte. Verdammt! Aber schließlich und endlich war das doch alles nur ... ihre verdammte Schuld! 

 

... und ihr blödes Buch würde sie auch nicht zurückbekommen. Er würde es korrigieren – in Rot! - genauso wie eines seiner Schulhefte … und er würde jeden Fehler genießen!

 

© Beatrice von Stein                                                                                     Ihre Meinung?