Taube

Wir leben und arbeiten derzeit in einem fernen Land mit fremder Schrift. Gerade kommen wir von der Baustelle zurück. Verstaubt sind wir, müde, hungrig und vor allem durstig. In der Lobby des Hotels empfangen uns Musik, eine dekorierte Halle, gestylte Frauen und eine Horde in Sonntagstaat verpackter Kinder, die energievoll lärmen und toben. Ach Gott, wir haben es verdrängt: Die Hochzeit! Deswegen steht doch schon seit letzter Woche das ganze Hotel kopf. Deswegen müssen wir alle unsere komfortablen Zimmer räumen und in die „Chauffeurzimmer“ umziehen. Am Sonntag dürfen wir dann gnädigerweise wieder in unsere Zimmer zurück. Das Positive daran ist, für diese Nacht brauchen wir nichts zu bezahlen. Wir bekommen einen Gutschein.

 

Die Ankunft von vier gestandenen Mannsbildern wird von einigen Mitgliedern der Hochzeitgesellschaft registriert. Fliegende Wortfetzen zwischen der Dame an der Rezeption und dem Saal informieren die Truppe. Und schon kommen vier Grazien mit Flasche und Glas kichernd und tippelnd angerollt: „Muss trrrinken, auf Brrraut – komm!“, komplimentiert uns die Dame von der Rezeption mit ihrem rollenden „Errrr“ in den Saal. Vladimir, unser Dolmetscher, übersetzt uns den Wortschwall der vier Grazien mit den dürren Worten: „Da müssen wir jetzt durch … und immer schön leer trinken!“

 

Die Gläser werden gefüllt. Was heißt Gläser? Es sind Kelche, kegelförmig, ein bisschen größer als unsere Schnapsgläser … aber ohne Fuß! Also wegstellen geht nicht. Entweder ver-schütten oder in-sich-schütten. Aufmerksame Augen registrieren, dass Letzteres passiert. Die Grazie, an deren Hand ich hänge, ist für mich alten Sack im besten Alter. Sie dürfte so etwa in der zweiten Hälfte der Fünfziger sein. Eine hübsche Frau, beweglich, mit schönen dunklen Haaren, einem ebenmäßigen Gesicht - und ihr Kleid hat einen männerfreundlichen Ausschnitt. Was sehen meine trüben Augen in ihrem Ausschnitt? In der Furche zwischen rechter und linker Brust, also im eigentlichen Busen, steckt eines dieser „Schnapsgläser“, halb verdeckt durch die Rüschchen und Spitzen.

 

Artig stellen wir uns vor die Braut und lassen sie hochleben.

„Du tanzen mit Brrraut, du Chef von Grrruppe“ souffliert die Rezeptionistin, und Vladimir erklärt der Braut, dass ich gerne mit ihr tanzen würde. (Wofür hat man sonst Freunde?) Mein Einwand von wegen meiner schmutzigen Arbeitskleidung und dem strahlend weißen Brautkleid wird lachend eliminiert - mit einer sauberen Schürze aus der Küche! Einzig der DJ zeigt sich als echter Freund und legt eine für uns/mich tanzbare Melodie auf.   



 

Freunde! Freundinnen!

Mit Stahlkappen bestückte Arbeitsschuhe lassen einfach keine Leichtigkeit zu. Im Nu habe ich diese Treter ausgezogen, die weiße Schürze umgebunden und drehe auf Socken mit der Braut im Arm durch den Saal. Verdammt, die kann es! Die kann Walzer in allen Variationen und beginnt mich zu führen … mich zu neuen Leistungen zu verführen. Die Melodie klingt aus, und wir gehen zurück zum Tisch. Ich rücke ihr den Stuhl zurecht. „Meine Grazie“ schwebt wie eine Fee heran und steht als Mundschenk neben mir. Der dritte Wodka rinnt durch meine Kehle. Ein Ruf zum DJ, und die heimliche Nationalhymne braust los.

 



 

Und ich liege plötzlich, gut gehalten in den Armen „meiner Grazie“ und werde zur Tanzfläche zurückgeschwebt. Ich gebe mein Möglichstes und noch ein bisschen mehr und hoffe nicht allzu schlecht auszusehen. Ich bin sogar der Meinung, eine ganz gute Figur abzugeben. Auf jeden Fall wird mein Körpereinsatz mit Gegeneinsatz belohnt. Ihre Schenkel können kräftig zupacken. Ihre Arme sind Klammern. Ihr Mund ist gierig. Die Zunge sticht wie ein Dolch, um sich, einmal in der Höhle, in eine Kobra zu verwandeln. Ihre Hände fassen zielsicher ... an meine Nippelchen zuerst - und anschließend doch wirklich in den Schritt. Immer nur so ein Flash - so im Vorbeihuschen.

 

Finale furioso.

 

Keuchend stehen wir beide allein auf der Tanzfläche, und ein frenetisches Gejohle und Geklatsche bricht über uns herein. Die obligate Flasche taucht auf - mit Glas. Die ist fit, meine Grazie! Sie füllt das Glas bis an die Kante, ohne etwas zu verschütten und hält es mir hin. Mein Grinsen muss diabolisch sein, denn sie richtet sich plötzlich auf, stellt sich gerade hin und nimmt Haltung an. Langsam nehme ich ihr die Flasche ab … drehe mich ein wenig zur Seite, um besseres Licht zu haben und fülle das Schnapsglas zwischen ihren Brüsten … randvoll!

 

„Prost!“ Ich sage es einfach auf Deutsch „Prost!“, und beginne den Wodka aus ihrem Busen zu trinken, zu schlürfen, laut zu lecken, die letzten Tropfen schmatzend. Ich hebe beide Arme!

Mein Sieg!

„Добрые сутки – Dobrie sutki - Gute Nacht!“ Morgen ist ein Arbeitstag. Morgen müssen wir die Kiste zum Laufen bringen, also nichts wie weg!

 

Auf dem Weg ins Zimmer tobt mein Ego, beschimpft mich, so etwas zu verschmähen! Und jede ihrer Körpernischen beginnt einen Kampf gegen meine Vernunft. Himmel, riecht die gut zwischen ihren Kugeln! Sie verströmt Weiblichkeit im Überfluss. Dieses weiche Fleisch! Diese Anmache! Wie sie mir ihren Busen entgegenwölbte, ihre Kugeln mit den Armen seitlich stützte, sie anhob. Wie sie gurrte, schnurrte und wisperte – beim Trinken, schlürfen und schlecken!

 

Diese Verführung! Und sie passt so gut in mein Beuteschema … fast deckungsgleich mit meiner Wunschfee. Es fehlen nur noch Minuten, bis der Deich bricht und meine Vernunft überschwemmt wird - untergeht.

 

„Работать - rabotat" Es ist eines der drei Wörter, die ich kenne. Es heißt ‚arbeiten‘. Einfach nur arbeiten. Die Schuhe in der einen, die Tasche in der anderen Hand entschwinde ich in mein Zimmer.

Gute Nacht, schöne Frau! Gute Nacht, meine Fee! Mein Gott, sind das Powerweiber.

 



Wenn bei der, der Bauch auch so powert? Mit diesem Gedanken schlummere ich in schöne Träume, begleitet von der, nur als leises Summen zu hörende Musik aus dem Saal. Dann aber … Ich habe nichts gehört, ich fühle nur etwas! Etwas Schönes, etwas, das nicht nur meinen König zum Stelldichein ruft. Riechen tu ich auch etwas, etwas Erregendes: Diese süchtig machende Mischung aus Frauenhaar, Parfüm und Muschelsaft. Ihr Kopf mit den schwarzen verwuschelten Haaren liegt in meiner Achselbeuge und kitzelt meine Wange, meine Nase, die Lippen.

Ihre rechte Hand hilft meinem König galant, sich zu erheben. Ihre Lippen knabbern schmatzend an einem meiner Nippelchen, und ihre linke Hand knetet meine Pobacke. Sie spürt mein Erwachen und die Stimme der Verlockung gurrt, schnurrt, wispert, lässt kein Denken zu, überlagert alle Sinne. Ich höre nur diese Stimme, verstehe nicht den Inhalt der Worte, will sie gar nicht verstehen, denn es enthebt mich einer Antwort, verzögert sie doch nur den Weg zum Ziel. 

Die Stimme beschleunigt mein Erwachen, ihre Hände provozieren meine Hände und im Nu streicheln wir uns gegenseitig, kneten, saugen, lutschen, küssen … und übergangslos, bei einer Drehung ist mein König in der guten Stube der Königin. Sie genießt es, kostet das Gefühl aus. Sie sitzt jetzt auf mir – reitet mich … ihren Hengst. Sie bewegt nur ihr Becken, kreist, schiebt, spannt und wippt mit kleinsten Bewegungen. Ich drücke dagegen entspanne, spanne, bocke leicht … in Wellen, auf und ab. Ihre beiden Wonnekugeln zittern nur leicht. Die Vorhänge, ich könnte schwören, sie ganz zugezogen zu haben, sind zwei Handbreit geöffnet, und das Licht der Hofbeleuchtung erhellt ausreichend das Zimmer, um ihr schönes, reifes Gesicht – ihr Minenspiel, zu erleben. Es gibt dafür nur ein Wort: „Genuss!“ Sie genießt, sie empfängt Genuss, sich steigernden Genuss.

Mein Körper, mein Geist reagiert auf diese Frau mit einer Begehrlichkeit, reagiert mit Besitzanspruch - mit dem Anspruch an mich selbst, es ihr „schön zu machen!“ Jedoch nicht nur mit Geilheit, nicht mit rasender Brunft. Ihr Anriss, die Tempoaufnahme für den Endspurt, kommt plötzlich und heftig, still und schnell. Ich habe keine Zeit zu agieren, kann nur re-agieren, als sie leise wispernd und wimmernd auf mir liegt. Als konvulsivische Kontraktionen ihren Körper schütteln, beginne ich sie mit langsamen, tiefen Stößen auf der Welle zu halten, so dass sie weiter getragen wird.

Ihr стой stoj - Halt!“, gepresst ins Ohr geflüstert, stoppt mich und meine aufkeimende Geilheit. Sie streckt ihre Beine, zwängt sie zwischen meine, rutscht nach unten, und legt ihren Kopf auf meine Brust. Sie ist wie in Trance - zwischen Murmeln, Schütteln, Seufzen und Bewegungslosigkeit.

…Um einfach einzuschlafen, zu träumen – träumt, kämpft, durchliebt sie alles noch einmal. Es ist halb drei. In vier Stunden geht der Wecker und mein verlassener König giert nach Erlösung, bekommt sie aber nicht, denn ich will jetzt nicht wichsen. Die Überraschung war zu schön, solche Momente zu selten. Ich möchte die Spannung und Begehrlichkeit noch behalten. Noch ist nicht Weckzeit. Ich docke mich als Löffelchen hinten an. Platziere meinen König in die gut ausgeformte Poritze, den oberen Arm um ihren Körper gelegt. Die Hand liegt gut gefüllt zwischen ihren Brüsten.

„Gute Nacht mein ‚Täubchen‘!“ Ich muss innerlich lachen. Sie ist eher eine ‚Taube‘. Ich bin auch kein ‚Bärchen‘ mehr - bin auch eher ein ‚Bär‘. Den Wecker stelle ich zwei Minuten vor dem Quäken aus, schäle mich aus der Umarmung und der Bettdecke. Meine Taube schläft den Schlaf einer befriedigten Frau. Ihr Gesicht ist ganz entspannt, ihre Haare eine wirre Tausendknötchenfrisur. Dieses Gesicht ist einfach nur schön, und es lächelt, es lächelt im Schlaf. Ihre schmale Hand, mit langen Fingern hat bis eben unter meinem Gesicht gelegen. Ich muss mich zwingen zu gehen, aus diesem Bett aufzustehen … sie zu verlassen.

Sie schläft noch, als ich aus der Dusche komme.

Sie schläft noch, als ich die Schuhe binde.

Sie schläft noch, als ich im Laptop nach einem Namen suche und Голубь Golud -Taube“ wähle, einen Zettel aus meinem Notizblock reiße und schreibe, was mir das Übersetzungsprogramm anzeigt:

Bon Voyage - мой голубь!

Питер

Peter

 

© S‘Rüebli