Endlich

 

Ich sehe dich da stehen –

mitten auf dem Marktplatz –

und ich denke, mich trifft der Schlag.

 

Seit drei Jahren bin ich alleine –

eine verlassene Frau –

und seit drei Jahren denke ich an dich.

Nein, das ist nicht wahr!

Ich denke an dich,

seit ich dich kenne –

seit damals.

 

Du warst immer in meinen Gedanken –

in meinem Herzen!

Obwohl du es niemals hättest sein dürfen.

Aber wer kann schon gegen die Liebe an?

Ich habe so gezittert

- damals –

als du mich in deinen Armen hieltest.

 

Wir lernten uns kennen in Bad Kissingen.

Kuraufenthalt!

Du und ich.

Es knallte und funkte,

es sprühte glitzernde Sterne als ich dich sah –

damals.

Wir verstanden uns sofort.

„Wir sind füreinander gemacht!“

Das waren deine Worte. –

Ich sagte es nicht, aber insgeheim gab ich dir Recht.

Trotzdem war es unmöglich!

 

Wir waren verheiratet, alle beide.

Nur nicht miteinander.

Und doch waren wir eins.

Jede Minute verbrachten wir zusammen.

Jede Minute war kostbar.

Jede Nacht träumte ich mich in deine Arme

und kämpfte jeden Tag gegen meine Sehnsüchte an.

 

Nur ein Kuss war zwischen uns –

einer nur!

Und er okkupierte alle meine Gedanken.

Dabei war es ein Abschiedskuss.

Wir wollten uns doch nur verabschieden - alle beide.

Niemals wiedersehen –

hatten wir beschlossen,

denn man hätte es uns angesehen –

an der Nasenspitze.

 

Es war besser so!

Für uns und für die anderen.

Also trennten wir uns –

am Ende unseres Kuraufenthaltes.

Wir standen zwischen unseren Wagen und nahmen Abschied.

Du hieltest meine Hand und ich sah Tränen glitzern in deinen Augen.

Vielleicht war es aber auch nur ein Lichtreflex,

der sich in meinen Tränen brach.

 

Du zogst mich an dich und ich,

ich schmiegte mich in deine Arme,

als wolle ich mich nie wieder von dir lösen.

Ich fühlte mich so geborgen in deiner Wärme.

Da gehörte ich hin.

 

Und dann hörte ich dich sagen:

„Gibst du mir einen Kuss?“

Hätte ich nachgedacht,

ich hätte es nicht getan.

So aber, hab ich nicht gedacht –

nur gespürt.

Meine Sehnsucht nach dir.

Und plötzlich war da dein Mund auf meinem –

und ich war zuhause.

Ich drehte mich zu dir,

öffnete mich dir,

meinen Körper und meinen Geist –

mein ganzes Herz –

meine Lippen –

und du hast mich in diesem einzigen Moment

völlig in Besitz genommen.

 

All diese langen Jahre konnte ich sie spüren,

deine Lippen.

Deine Zunge, die behutsam eindrang,

die mich eroberte, die mich erfüllte –

verzauberte.

All die Jahre habe ich diese Erinnerung,

dieses Wunder aus meinem Leben verdrängt.

Und konnte es doch niemals vergessen.

 

Und nun stehst du da und siehst mich an.

Es ist Donnerstagmorgen.

Es ist kalt und ich kann deinen weißen Atem sehen.

Er schwebt - mir entgegen.

Eine filigrane Brücke zwischen uns.

Glitzernde, spinnwebdünne Silberfäden,

die uns verbinden.

Du lächelst leise und ich plötzlich weiß ich es:

 

Du bist mein!

 

 

©Beatrice von Stein