Walz 3


Walz

Teil 4

…in Flammen stehen – aus der Flamme entstehen


 

Noch zwei Tage bis Heilig Abend.

 

Heute ist die längste Nacht im Jahr und Lidwine neckt mich beim Rühren unseres zweiten Fondues. Ob ich denn ausreichend Kondition hätte, die Nacht zu überstehen? So ein Fondue sei aber eine gute Grundlage, und sie sei schließlich bei dem bisschen Arbeit unterfordert. Keck und herausfordernd, mit einem Funkeln in den Augen sitzt sie mir gegenüber. Ihr Mund hat einen leichten Zug ins Frivole. Bei jedem zweitem Wort zieht sie ihre Nase kraus, schiebt wie zur Festigung ihrer Worte, bei leichtem Anheben ihres Kopfes, das energische Kinn nach vorne. Signalisiert: „Ich bin gut drauf!“

 

Wer das Wort „Sauna“ in den Mund nahm, lässt sich nicht mehr feststellen.

„Toll! Sauna, eine Sauna!“ Und ich bekomme Lidwine mit: „Vor oder nach dem Fondue?“ zum Staunen. Einverstanden, es war ein wenig großspurig! Aber wir haben in guten Zeiten die Sauna in einer kleinen Stunde aufgebaut, von außen an die Hütte angebaut, auch im Schnee, so wie jetzt. Die Aussicht auf eine heiße Sauna, vielleicht mit einem heißen Ritt und anderen heißen Dingen kombiniert, aktivieren auch bei Lidwine enorme Kräfte. Sanft und mit dem frechsten Grinsen zieht sie mir den Caquelon weg und schnürt die Schuhe, ehe ich mich umdrehen kann.

 

Verrückt, wir sind richtig verrückt. Puschen und schieben einander zu Kapriolen … bauen mitten in der Nacht eine Sauna auf. OK, es ist erst 20 Uhr.

Genauso, wie ich die fertigen Wand- Boden- und Dachteile vor - ups, zehn Jahren - aufgeschichtet habe, kann ich sie unter der Hütte hervorziehen, und sie passen alle, die Teile. Selbst der Kanonenofen ist an seinem Platz und beginnt genau nach fünfviertel Stunden in der Sauna zu bullern.

 

Leise schließt Lidwine die Tür, fasst mich an der Hand und wandert zu unserer Tanne. Verdrängt ist das Fondue, zurückgestellt die lüsterne Gedanken, das frivole Grinsen. Ihre stille Ernsthaftigkeit, die selbstbewusste Ruhe, mit der sie mir signalisiert, dass sie ein Anliegen hat, dass sie loswerden muss, beeindrucken mich.

Der Himmel ist zugezogen, Wolken fliegen vorbei, der Wind wirbelt den leichten Schnee über den Harsch. Lidwine zieht mich unter unsere Tanne, in die Stille zwischen den untersten Ästen und dem Boden… zwischen zwei Wurzelstränge.

 

Gleichzeitig mit der Bewegung, mit der sie den Stein wegzieht, wird mir bewusst was sie gefunden hat … meine Schatzhöhle aus der Zeit als ich meinem Zuhause entfloh … Aber die war doch leer! Da war doch nur die Schraubbüchse mit Kram aus meiner Pubertäts- und Postpubertätszeit drin. „Ich habe nur die markierten Seiten gelesen!“ Sie schraubt die Büchse auf und entnimmt ihr ein kleines Büchlein. Im kalten LED Licht liegt ein Wachsbuch in ihrer Hand – mein Tagebuch. Es beginnt an meinem 14. Geburtstag, an dem Tag, als ich von Zuhause zu meinem Bruder abgeschoben wurde. Es lag tatsächlich in dieser Schraubbüchse – von mir verdrängt, vergessen. Sie öffnet eine markierte Stelle. Ich brauche es nicht zu lesen. Lidwine merkt meine Verlegenheit, meine innere Abwehr, merkt, wie in mir alles zusammen fällt.

 

„Das war es wohl!“ hörte ich mich sagen. - „Arschloch!“ und dann fliegt sie auf mich zu: „Du Riesenarschloch! Kannst du dir nicht vorstellen, wie glücklich ich bin, eine so große Tochter zu bekommen, wenn auch nur eine halbe, die für mich eine Schwester sein kann?“ Die Wucht von 150 Pfund gezielt fliegendem Weiberfleisch haut den stärksten Mann um. Und ich bin gerade nicht mehr stark, fühlte mich angeschlagen, niedergeschlagen, ertappt. Lidwine liegt auf mir, und ich fühle nur die dick gepolsterte Jacke, ihren Atem und will ihr erzählen, was nur meine Schwägerin und ich wissen … und mein Bruder - glaubte ich bis jetzt. Trudi und meine Mutter ahnen, ahnten es vermutlich. Bestätigt habe ich es nie.

 

„Pssst!“ Mit beiden Händen packt sie meine Ohren. Hält mein Gesicht fest: „Du bist nicht nur ein guter Liebhaber – du kannst auch noch hübsche Kinder machen.“ Und nach einem tiefen ‚Durchschnaufen‘: „Auf meiner Bestellliste stehen drei, mit Optionen!“ - Es wurde eine lange Nacht.

 

Sie hat es natürlich gelesen – Seite für Seite. Sie wäre sonst keine Frau. Dass ich nach der Heirat meines ältesten Bruder, als ich 14 Jahre alt war, zu ihm abgeschoben wurde. Ich, ein Rabauke und Unruhestifter, der sich mit Jedermann anlegte und bei Handgreiflichkeiten ohne Zögern vorne mitmischte. Mit sechzehn, im ersten Lehrjahr, schickte mich mein Vater dann ins Val de Ruz zu Trudis Hütte, die Veranda neu aufsetzen. In diesen zwei Wochen verführten wir uns. Die Beziehung hielt fast acht Jahre.

 

Bei mir dampfte damals das Testosteron aus allen Poren und Trudis jungfrauenhafte Figur tat den Rest. Am zweiten Tag mauerten wir die Sockel neu, bei strahlendem Himmel und trockener Bergluft. Wir hatten gemeinsam einen Balken gesetzt, als wir auf einmal an Stelle des harten Balkens, die Weichheit des anderen in den Händen hielten. Ich trug ja nur noch Shorts und Schuhe und Trudi neben Schuhen und Shorts noch ein Bikinioberteil. Minuten später war alles vorbei. Ich spritzte bevor ich in ihr war, und sie kam, als ich meinen tropfenden, immer noch Steifen ansetzte.

 

Lidwine gluckste, als sie mich aus dem Buch zitierte. „War es heftiger, als das was du mit mir am Freitag gemacht hast?“ - „Was WIR am Freitag machten, wenn schon!“, konnte ich noch eben knurren. Warum wollen „DIE“ sowas immer so genau wissen? Sie merkt mein Zögern, meine Unsicherheit bei dieser Frage, bemerkt die Unzulässigkeit der Frage. „Trudi war meines Vaters Geliebte. Sie hatte eine Fehlgeburt, und als mein Vater es hörte, hat er sich „die Kanne gegeben“ und meine Mutter nach Jahren zum ersten Mal wieder „vergewohltätigt“ … und das Ergebnis sitzt vor dir!“ Das war nicht meine Stimme, es war eine Stimme wie aus dem Navi.

 

Irgendwie regt sich in mir Widerstand. Es kommt das Gefühl auf, überrumpelt worden zu sein, vereinnahmt, wieder eingebunden in die Fesseln, von deren ich vor Jahren floh. Die Frau, der ich bedingungslos verfallen bin, ist schon auf einem Weg, den ich nicht mehr gehen will, auch nicht mit ihr und es tut so unsäglich weh, es ihr sagen zu müssen. Lidwine, in ihrem überschäumenden Glücksgefühl, ihrer ebenfalls bedingungslose Liebe, rennt in dieses Geflecht zwischenmenschlicher Abhängigkeiten. Lidwine, durch und durch Frau, mit extrem weiblichem Harmonisierungswillen, sieht nicht - kann die Fußangeln, die Gründe meiner Flucht nicht sehen. 

Wir liegen nebeneinander unter der Decke, berühren uns nur mit den Schultern. Das Fondue haben wir still fast wortlos gegessen, bar jeder Erotik. Die Sauna erkaltete ohne unseren Besuch. Lidwine beginnt zu erkennen, zu verstehen was mich aus diesem Tal trieb, was mich in die Fremde führte. Sie, die selber ihrer Heimat, ihrer Enge entfloh … die auf die Walz ging, beginnt zu fühlen, dass wir beide parallel und aus den gleichen Gründen unser Leben selber gestalten wollen, unsere Konventionen selber festlegen wollen.

 

„Leg dich auf die Seite!“ Als ich nicht reagiere, etwas nachdrücklicher: „So will ich nicht einschlafen!“ Der Absturz war zu heftig, die Landung zu brutal. „Beat, Liebe kann verdammt wehtun … so weh, dass man Drogen braucht. Unsere Droge ist die Flucht. Wir haben uns selber ein Bein gestellt!“ Eine fette Böe fegt um die Hütte und ein paar lose Schindeln klappern – die müssen direkt unter den Giebel sein. „Die sind unter den Giebel … haben wir eine lange Leiter?“, flüstert sie in mein Ohr. Nennt man so etwas symbiotisch … oder nur seelenverwandt, oder vielleicht berufsneurotisch? Als ich mich zu ihr hin drehe, umfangen mich ihre Arme. Ihre Küsse sind feucht und salzig. Meine nicht minder.

 

Lidwines lange und leise Atemzüge verraten den tiefen Schlaf. Sanft löse ich mich aus ihrer Umarmung, eher Umklammerung. Ich ziehe mich an: Schuhe, Daunenjacke, Mütze und gehe in die Nacht. Mit leeren Gedanken wandere ich durch den Schnee – rauf auf den Grat, über die Höhe zum alten Unterstand und finde mich auf einmal bei der Tanne wieder. Es ist näher am Tag-Werden als Nacht-Sein. Immer wieder, wenn ich wie vor den Kopf geschlagen dastehe, hilft mir eine Nachtwanderung. Mit dem aufkommenden Tag, kommt meistens auch ein erster Lichtblick, ein erster Weg, eine gewisse Akzeptanz des Unausweichlichen, denn klares Denken, ein Denken, das den Kreis verlassen hat, bringt auch neuen Mut. Jetzt habe ich den Mut, den „Stier“ bei den Hörnern zu packen!

  

Instinktiv, besser gesagt aus alter Gewohnheit, steige ich auf meinen Ausguck und sehe beim Hochsteigen frische Spuren im Schnee, die nicht von mir stammen. „Lidwine!“ Ich rufe nach ihr - leise erst, dann lauter, fast schreiend: „Lidwine!“ Ich rutsche vom Ausguck runter, unter die erste Astreihe und sehe ein Paar Schuhe, Beine… Lidwine in der Wurzelgabelung meiner Schatzhöhle sitzend, auf mich wartend. Keine Reaktion, als ich sie in die Arme nehme. Ich schüttle sie. Nur ein fernes Murmeln, ein apathisches Wegdrehen des Kopfes, eher ein Wegfallen. Siedend heiß realisiere ich, dass ich fast vier Stunden durch die Nacht geirrt bin, dass Lidwine mich bei der Tanne vermutete und hier langsam unterkühlte. Sie erfriert!

 

Jetzt macht sich der Drill, das Schleifen, das Einschleifen von Handlungen bezahlt. Wie haben wir unsere Ausbilder, Schleifer damals verwünscht, verflucht, ihnen alle sieben Seuchen an den Balg gewünscht. Jetzt danke ich ihnen wortlos dafür. Zur Hütte. Im Holzschuppen, unter dem Dach aufgehängt, muss er sein, der Rettungsschlitten! Beim letzten Mal war er noch da. Die eingebläute Checkliste läuft im Hintergrund meines Kopfes als Endlosschleife.

 

Die Sonne kommt über den Horizont und funkelt durch das linke Fenster, als Lidwine zu sprechen beginnt, wirr noch, durcheinander und unverständlich. Die Kirschsteinsäckchen, die wir Kinder damals mit in die kalten Betten genommen hatten, zeigen ihre Wirkung. Sechs Stück habe ich noch gefunden und sie als „Hiblerpackung“ um ihren Körper angelegt. Mittags hörte das Zittern endlich auf und am Abend war die Kerntemperatur schon annähernd normal. „Ich hatte Angst! Du warst so verändert, so abweisend, so kalt, als hättest du alles nach innen gestülpt!“, wispert es an meinem Ohr. „Ich hatte Angst, du würdest dir etwas antun!“ Nach einer Pause: „Die Baumgeister haben nach dir gerufen, ich habe sie gebeten dich zu rufen … und du bist gekommen!“ Lidwine liegt in Decken gehüllt auf der Bank, ihr Kopf auf meinen Schoß.

 

„Beat! Als du mich unter der Winterlinde zum ersten Mal geküsst hast – da haben die Baumgeister unsere Seelen verknotet!“ - „Die Linde ist der Baum der Liebe, der Baum der uns Weisheit geben soll, der uns empfänglich macht für Neues!“ Meine Stimme kommt mir irgendwie fremd vor, so als würde nicht ich sprechen. „Und die Tanne?“, wisperte es fragend aus meinem Schoß. „Sie beschützt dich – uns, sie hilft Wunden zu heilen, hilft das Licht wiederzufinden!“ Ich beuge mich zu Lidwines Ohr: „Macht furchtbar fruchtbar…!“ - „Ja, sie ist stark und sie ist dein Baum. Sie hat mir auch dein Versteck gezeigt. Sie weiß, dass wir eins sind.“ Keine zwei Minuten später ist Lidwine eingeschlafen.

 

Heilig Abend!

 

Wir haben nicht alles geschafft, was wir uns vorgenommen haben. Dafür hat uns das Leben in den letzten Stunden so einiges mit auf den Weg gegeben.

Es ist ein sonniger, wolkenloser und kalter Tag. Lidwine ist wieder die ‚Alte‘ und will mit mir unseren ersten Tannenbaum holen. Woher nimmt sie diese Sicherheit, dieses direkte Wissen? Wie in der ersten Nacht, geht sie mit zielgerichtetem Schritt zu einer Ansammlung von Jungtannen. Ohne lang zu diskutieren, zu gucken, abzuwägen ob schöner oder länger oder fülliger, macht Lidwine ein paar Schritte zwischen die Bäume. „Der steht im Weg!“ Andächtig fasst sie einen Zweig und murmelt einen Spruch den ich nicht verstehe, den sie mir später in etwa so übersetzt:


„Liebe Bewohner dieses Baumes!

Wir bitten um Vergebung.

Das Leben verlangt,

dass ich ihn entführe,

in ein anders Dasein.“


Der alte Baumschmuck - noch von Trudis Eltern - ist wie früher im Versteck unter der Treppe. Neue Kerzen hat mir Trudi mitgegeben … von Guy, dem Imker! „Geh du mal spazieren! Ich kann dich in den nächsten zwei Stunden nicht gebrauchen!“ Lidwine schiebt mich aus der Hütte. Sie will den Baum selber und allein schmücken. „Das ist meine Aufgabe.“ Sie erzählt mir, dass immer ihre Mutter den Baum geschmückt hat, oder wenn Oma zu Besuch war, die beiden Frauen. „Erst als ich meine Regel bekam durfte – musste ich mithelfen, und es war für mich der schönste Moment im Jahr. Wir Frauen hatten selten so innige Stunden wie beim Schmücken.“ Und ich werde richtiggehend eifersüchtig. - Warum? Fragt mich nicht!

 

Mit den Ski bin ich schnell drüben an der Zwischenstation und mit einer kurzen Abfahrt am Parkplatz. Was ich eigentlich wollte und warum ich zu Tal fuhr, kann ich nicht sagen. Intuitiv vielleicht! Und dann stehe ich genau so intuitiv vor Trudis Haus, um mich panisch und voller Schrecken ins letzte Weihnachtschaos zu stürzen. Mein Gefühlschaos ist an einem Punkt angelangt, wo mein Selbsterhaltungstrieb eine Entscheidung fordert. Dass Vreni und Lidwine Seelenverwandtschaft fühlen, spricht für beide Frauen, macht es für mich aber nicht leichter. Im Gegenteil. Dass ich, der glaubte die Fäden in der Hand zu halten, auf einmal am verkehrten Ende der Fäden hänge und wie eine Marionette zapple, das gefällt mir nicht. Es macht mich traurig, wütend auf mich. Erste Regungen, Fluchtreflexe nisten sich ein. „Zieh einen Schlussstrich!“, wird auf einmal eine Option.

 

Während ich durch den städtischen Schneematsch stapfe, wirbeln mir die vergangenen Jahre in der Heimat mit all den Verwicklungen, Abhängigkeiten, Heimlichtuerei und Nach-außen-Gesicht-Wahren durch meinen Kopf - ohne Struktur und Ergebnis. Die vielen Menschen in der letzten Hast, huschen an mir vorbei. Die Sonne sinkt schon hinter die ersten Häuser, als ich, wie auf der Flucht die Stadt verlasse. Erst als der Schnee wieder unter meinen Skiern sirrt, werde ich ruhiger und wie ferngesteuert nehme ich den Weg über den Grat zu meiner Tanne. - Meine Tanne? Im letzten Licht fahre ich schräg hangabwärts auf sie zu. Lidwine sitzt auf der obersten Astreihe, angetan mit meiner dicken roten Daunenjacke … sie sieht mich kommen, winkt … Und alle schietigen Gedanken sind verflogen - weg! Zusammen gehen wir zurück, ich die Ski geschultert. Wir betreten die Hütte, küssen uns, fahren einander durchs Haar. Ich fühle Lidwines Körper und Kräfte durchrieseln mich. So muss sich ein Akku fühlen, wenn neuer Strom fließt, wenn er geladen wird.

 

Wir sitzen vor dem geschmückten Baum, jeder einen Apéro in der Hand und lassen die vergangen Tage still Revue passieren. Der Caquelon steht schon bereit. Wie abwesend sehen wir uns an, so als ob wir nicht erkennen würden, dass der anders da sitzt. Meine Gedanken, vor einer Stunde noch voller Hader und Zweifel, voller Vorwürfe und Selbstmitleid, sind draußen in der Nacht. Auch Lidwine ist mit ihren Gedanken weit weg. Ich entzünde die Kerzen, und sofort ist der Raum, die Hütte vom Duft des Bienenwachses erfüllt. Lidwine hebt zwei Geschenke auf, gibt mir eines und öffnet das andere. Sie wartet mit fragendem Blick, wie ich auf dieses Geschenk reagiere und lässt ihres auseinanderfallen, als ich meines hoch halte.

 

Es ist ein Kaftan, nein, zwei Kaftane - meiner in dunkelblau, ohne jegliche Verzierung, ihrer in einem zauberhaften sanften changierenden rot… mit Verzierungen aus Strass. Nur ein kurzes „Umziehen!“ von Lidwine und sie verschwindet in Schlafraum.  Ein paar Handgriffe, und ich sitze im Kaftan, bemerke den raffinierten, bequemen Schnitt, sehe das Changieren der satten Blautöne und fühle die Sinnlichkeit der Seide auf meiner nackten Haut.

 

Die Tür öffnet sich und ein Augenpaar lugt, sondiert … Lidwine „tritt auf“, erscheint als Ganzes. Eine Erscheinung im Türrahmen … zaghaft fast, gespannt auf meine Reaktion wartend. Was für ein Bild! Das sanfte, leicht flackernde Kerzenlicht vom Baum, die tanzenden Schattenbilder, der Duft der Kerzen, das Knacken des Holzes in der Herdglut, das entrückte Antlitz von Lidwine, über dem Glitzern der Strassperlen… sichelförmig direkt in die dezente Raffung unterhalb ihrer beiden Brüste eingearbeitet. Das Changieren der Rottöne vermittelt den Eindruck, als würde sie in Flammen stehen – aus der Flamme entstehen.

Auch Lidwine ist unter dem Kaftan nackt. Als ich mich in ihre Arme schmiege nehme ich der Duft von Ylang–Ylang … ganz dezent in ihrem Haar und  intensiver aus ihrem Kaftan auf. Der Duft verstärkt meine Sehnsucht nach dieser Frau. Sanft, zärtlich wie ein kleines Kind, löst sie mich aus ihren Armen, öffnet eine kleine Phiole und verreibt mir zwei Fingerkuppen des Inhalts im Haar. Sie deutet an, ich soll mich auf den Tisch setzen – schiebt meinen Kaftan hoch und verreibt mir weitere drei Kuppen voll ins Schamhaar. Ihre Augen funkeln neugierig, und der bekannt frivole Zug um ihre Nase, den Mund und das vorgestreckte Kinn fordern meine Antwort. Sie liegt mir auf der Zunge, surrt durch die Windungen in meinem Gehirn … Ich muss passen! Nein, als sie den Mund öffnet,  weiß ich: „Vetiver!“

 

Der kleinste Luftzug zieht mit einer neuen Duftnoten-Komposition an unseren Nasen vorbei. Die Honigkerzen, der Käse des Fondues, das Petroleum der Lampe, verbrennendes Harz aus den Holzscheiten, das Terpentin aus den verbrannten Tannennadeln und nota bene, wir Zwei.

 

Wir schleichen umeinander herum, berühren einander, streicheln, flattieren, reiben uns aneinander. Keiner will mehr, beide halten wir diese sinnliche, knisternde, sprühende Atmosphäre am Köcheln. Kurz nach Mitternacht bestückt Lidwine den Baum erneut mit Kerzen und entzündet sie. Derweil hole ich die Matratzen und unser Bettzeug und baue unser Nest direkt vor – unter dem Weihnachtsbaum. Es ist eine neue Innigkeit zwischen uns entstanden. So, wie die Farben unserer Kaftane gegensätzlich sind, die beiden Aromen unserer Düfte … in der Komposition sind sie stimmig! Unsere Sinne sind überreizt. Wie in Trance legen wir uns als Geschenk unter unseren ersten gemeinsamen Weihnachtsbaum.

 

Waren wir zu Beginn des Abends geil aufeinander, besonders nach dem Umziehen, die entstandene Innigkeit, das Gefühl der Zusammengehörigkeit hat eine neue Dimension geschaffen. Lidwine hat sich in meine Armbeuge gelegt, ein Knie auf meinem Gemächt – das nicht erregt, nur geschwollen ist. Wir sind beide voller Lust und Verlangen und haben doch nicht das Bedürfnis, es zu befriedigen. Nein, eher es aufrecht zu erhalten.

 

Irgendwann in der Nacht erwache ich, auf dem Rücken liegend, entspannt beide Arme über dem Kopf, mein rechtes Bein angewinkelt, die Fußsohle flach an den linken Oberschenkel gelegt. Meine Haltung seit der Bubenzeit. Ich sehe im spärlichen Licht der Fensterkerze Lidwine zu meinen Füßen sitzen und mich betrachten. Sie bemerkt mein Wach-Werden.

 

„Beat, was geschieht mit uns? Wir sitzen sechs Stunden im Auto, haben uns eben Mal unter einer Linde geküsst, sehen uns nach drei Monaten wieder, fallen übereinander her, als wären wir Kannibalen. Wir erleben in fünf Tagen eine Seelenachterbahn, die andere Menschen im gesamten Leben nicht haben!“ Sie holt tief Luft. „Ich fühlte mich dir sofort zugehörig, träumte von einer magischen Tanne und sitze ein paar  Minuten später in ihr. Du hast so sehnsüchtig geschrieben … deine Worte drücken das aus, was ich auch fühle. Ich konnte das nicht schreiben, denn meine Gedanken waren ein einziges Chaos, die Finger gehorchten mir nicht.“ Sie legt ihr Kinn auf die Knie und umschlingt mit den Armen ihre Beine. „Beat willst du mit mir zusammen sein… für immer?“ - „JA!“ Sie rollt sich wieder an meine Seite und ist zwei Minuten später eingeschlafen!

 

Eine fahle Morgensonne erhellt die Hütte. Über dem Mittelland liegt ein Nebelmeer. Nun sitze ich zu Lidwines Füßen und betrachte sie, sie ist nackt wie ich auch, ihr Gesicht, den Traum miterlebend, voller Emotionen. Ihr Körper reagiert, als wollte er sich erheben, ihre Beine, als wollten sie laufen. Behutsam öffne ich diese Beine, kuschle mich mit meiner Schulter an ihre Kleine, bette meinen Kopf auf ihr Scham. Ich ziehe ihr linkes Bein in meinen Schritt – und fühle mich geborgen, beschützt. Zu ersten Mal seit ich ein Mann bin, fehlt mir absolut nichts am Morgen danach!

 

„Schattebout*! Wenn du mich nicht frei gibst, gibt es ein feuchtes Unglück!“ Ihre zärtliche, aber doch dringende Stimme holt mich aus meinen süßen Träumen. Der Tag beginnt. Zwischen den Geschenken findet sich ein kleines Brettchen, nur handteller-groß mit einem Zettel und schöner Schrift:

‚Drei Stämme jurassische Kirsche warten, um euer Nest zu schmücken!‘

Die Werkstatt von Jean-Pierre steht euch zur Verfügung.

Trudi

Jean-Pierre

 

© S’Rüebli

 





Legende

 

Aff = ein Tornister, wenn der Charlie nicht reicht, oder an Stelle vom Charlie.

Chalet des Amies de la Nature = Naturfreundehaus.

Charli oder Charlottenburger = Gepäckrolle der Wandergesellen-, Gesellinnen.

Chräbbele = sanftes Kratzen… oder Kraulen.

Ehrbarkeit = Erkennungszeichen der einzelnen Schächte, Vereinigung unter deren Name man tippelt

Einheimisch = Wenn man von der Walz zurück ist wird man wieder Einheimisch.

First Lady – Firstladdli = Wenn man Lady auf Deutsch (Allemanisch) ausspricht hört es sich an, wie wenn man Latty mit zwei „dd“ ausspricht. Im Berndeutsch also Laddi oder Laddli = Brett.  Wenn Berner sagen „Du bisch mys Fürschtladdli, so ist das die Frau die mir das Dach über dem Haus, also meine Familie zusammen hält.

Fremdgeschrieben = Die Zeit auf der Walz ist man Fremdgeschrieben.

Gatter = Gattersäge, ein Maschinentyp zum sägen von Stämmen zu Bretter und Balken.

Gotte = Patentante; Götti = Patenonkel.

Gottechind im Tütsche! = Patenkind in Deutschland!

Kluft = Bekleidung der Wanderburschen auch der Frauen.

Krauter = Meister bei dem man arbeitet.

Les frais additionne = Zusatzkosten.               

Muntsch = Kuss; Müntschi = Küsse; Müntschelle = Schmuse!

Obermann = Schlapphut der Kluft.

Plünjesack = niederdeutsch, Seesack.

Romandie = französisch sprechender Teil der Schweiz.

Schattebout = niederländisch, flämisch, Schatz, tief sitzend.

Schinigelt, schinigeln = Arbeiten.

Staude = Hemd der Kluft

Stenz = Wanderstock.

 

„Verliebte wollen vom andern, Liebende für den anderen das Beste!“ 

Ernst Festl

 

Walz = Handwerksgesellen-, Gesellinnen auf Wanderschaft.

Waltzing Matilda = Ist das populärste australische Volkslied.

Waltzing bezieht sich auf der Walz sein… Wanderarbeiter.

Matilda = gleich zu setzen mit den Charlie bzw. als Schlafrolle.


Walz 5