Walz 2


Walz

Stenz, Charly und Obermann

 

Teil 3 

„Ich bin im Tag 1 nach der großen Flut!“


Vor drei Monaten haben wir uns zum ersten und letzten Mal in den Armen gehalten. Die drei letzten Wochen waren schlimm und schön zugleich. Schlimm das Warten, die Sehnsucht, das Weh, wenn ich auf den Adventsmärkten die verliebten Pärchen sehe, die sich selbst vergessenden Verliebten schweben sehe. Schön die Vorfreude, dass Ausmalen was man alles machen könnte, möchte, will … auf jeden Fall tun wird! Für mich ist es nach mehreren Jahren wieder ein Weihnachten mit einem Menschen, dessen Anwesenheit ich ersehne.

 

Aber sie will nicht, dass ich sie abhole … „Alle werden auf der Lauer liegen!“, ist ihr Kommentar. Vreni bringt sie zu Jean-Pierre, und ich bin schon auf der Hütte. Ich hole sie am Freitagabend ab. In den letzten zwei Tagen bin ich acht Mal zur Hütte hoch gelaufen, immer mit einem Rucksack, voll mit Werkzeug und Proviant. Ich habe die Hütte soweit hergerichtet, dass wir notfalls auch bleiben könnten. Am Montag wird uns ein Motorschlitten die wirklich schweren Sachen hoch bringen.

 

Nun stehe ich vor ihr, in der guten Stube von Jean-Pierre. Dieses schöne Mädchen - in den letzten drei Monaten ist sie zu einer selbstbewussten Frau gereift - wirft sich aufheulend in meine Armen. Und der ebenfalls selbstbewusste, halbwegs erfolgreiche Holzwurm, der ich bin, fliegt mit schreiendem Herzen, dieser in ihrer Kluft wie eine Kriegerin aussehenden Lidwine entgegen. Voller Emotionen greifen wir einander in die Haare.  Aus dem Augenwinkel sehe ich wie Jean-Pierre seine auftauchende Frau aus dem Zimmer bugsiert und die Tür hinter sich zuzieht. Dann fühle ich, wie sich ihre Fingernägel in meinem nackten Rücken vergraben. Meine Hände fassen zartes Weiberfleisch, halten eine nackte Brust. Doch etwas lässt uns stoppen. Fast verlegen stehen wir voreinander. Voller Genuss lege ich ihre Brust sanft in den Bustier zurück, stopfe die Staude in die Hose und schließe die Knopfleiste. Sie öffnet mir meine Hose, zieht mir mein Hemd zurecht und schließt sie, nicht ohne vorher mit einem schnellen Handwisch IHN zu begrüßen.

 

Der Weg zur Hütte ist von mir ausgetreten und gut begehbar. Lidwine will nicht im Chalet der Naturfreunde bleiben. „Lass uns zu unserer Hütte gehen!“ Schon vom Chalet aus sieht man, das in die Mitte des Hüttenfensters gestellte Kerzenlicht. Dann riechen wir den feinen Rauch des Kamins … sehen im fahlen Mondlicht die Silhouette der Hütte … treten ein … schließen die Tür. Wärme umfängt uns. Der Rausch der Sehnsucht, des Verlangens überfällt uns schon wieder. Die Gier, die Lust, das Geben, das Nehmen, sich schenken, beschenkt werden … all das beherrscht unsere Sinne.

 

Lidwine auf mir reitend, ich tief in ihr versenkt, Schwimmen in, für uns unbekannten Tiefen… Schweben in, für uns unbekannten Höhen. Unsere Handlungen werden von einer, instinktiven Regie geleitet, die uns Seligkeiten offenbart, wie wir sie noch nicht kennen. Wir beiden durchleben einen Augenblick der Gegenwart, die uns für die Zukunft öffnet. Lidwine legt sich auf mich. Sie will rollen – nach unten. „Halte mich fest! Bedecke mich! Gib mir dein Gewicht … und zeig mir, dass du da bist. Es ist schön oben zu sein, im Wind zu stehen, wenn ich weiß, dass mich einer hält, wenn eine Böe auffrischt!“  Ihre stürmische Umarmung, ihr Klammern und mein Mitgehen lassen uns beide einfach verschmelzen … Fusion.

 

Weit nach Mitternacht werde ich wach und fühle mich allein im Bett, sehe durch die offene Tür, wie Lidwine am einzigen halbwegs heilen Fenster steht und ins Tal, in die Ferne schaut. Das Licht im Fenster erleuchtet schwach ihre Silhouette. Sie hat sich schützend eine Wolldecke um den Körper gelegt. Als ich mich zu ihr stelle, öffnet sie die Decke und es sieht aus als würde sie mich, wie ein großer Vogel, unter ihre Fittiche nehmen. Ich lege zusätzlich noch meine Decke über uns. Schweigend betrachten wir den Sternenhimmel und das vom Schnee reflektierte Licht des letzten Mondviertels. Unten im Mittelland steigt Dunst auf, und gegenüber kann man die Alpen erahnen. „Lidwine, ich frage nicht, warum wir hier sind… ich frage nicht, warum du mich eben unter deine Decke genommen hast … unter deine Fittiche! Ich frage nicht, ob du bei mir bleibst, oder ich bei dir bleiben darf. Ich weiß, du bist die, die mein Dach, mein First zusammen hält!“

 

„Gibt es hier eine Tanne in die man klettern kann, die zwei Wipfeln hat?“  Totale Verblüffung! „Ja, zehn Minuten von hier, oben auf der Kuppe – Warum?“ - „Lass uns dahin gehen. Ich habe von ihr geträumt!“ Als Junge, als ich zehn war, hatte ich eine solche Tanne oben an der Kuppe entdeckt. Sie war mein Burgfried, mein Mastkorb, meine Ballongondel, mein Hochsitz auf Safari, je nachdem in welchem Abenteurbuch ich gerade gelesen habe. Später war sie mein Refugium, um mich dem Schmerz des Mannwerdens hinzugeben, ihm zu frönen. Dann, als junger Mann, half sie, meine Enttäuschungen zu neutralisieren. Mein letzter Besuch liegt Jahre zurück … seit meinem Weggang aus der Heimat.

 

Lidwine geht schlafwandlerisch vorneweg, als kenne sie den Weg. Der verharschte Schnee trägt uns, und nach wenigen Minuten steht sie dunkel und mächtig vor uns. Die oberarmdicken Äste reichen fast bis zum Boden, die Spitzen sind eingeschneit. Unter den Ästen ist es, als würde man in heilige Hallen treten: Der Boden schneelos, es ist windstill und dunkel! Die Äste zwischen den beiden Stämme alternierend, wie eine Stiege, eine Leiter…

„JA!“ Nur das. Ein „Ja“.

Ich steige auf die zweite Astreihe, den ersten Ausguck. Lidwine setzt sich neben mich. „Hörst du sie, die kleinen Trolle, Nymphen und Elfen? Wie sie uns necken - uns umgarnen wollen … die Baumgeister, die uns beschützen?“ Lidwine schmiegt sich in meine Arme. „Ja, erzähl weiter, erzähle mir von den Geschichten.“ Und ich erinnere mich an Piraten, Ritter und Polarforscher, die mir in diesem Baum ihre Heldentaten erzählten.

 

„Ist dir nicht kalt?“ Mit einem Ruck setzt sich die bibbernde Lidwine kerzengerade, als habe ein Stromstoß sie aufgeschreckt. „Komm, lass uns zurück in die Wärme gehen.“ Nur widerwillig trennt sich Lidwine vom Baum. „Er hat eine unglaubliche Kraft! Er verströmt Energie, dein Baum, und seine Geister haben dich wiedererkannt … mich … als dein anerkannt, Beat! Hier fühle ich mich geborgen.“ Lidwines Stimme hat einen Akzent, einen Klang den ich bei ihr noch nicht gehört habe. Auf dem Rückweg erzählt sie, dass ihr Großvater, immer wenn er einen Strauch oder einen Baum beschnitt oder fällte, vorher anklopfte und einen rituellen Spruch aufsagte. „Damit die Baumgeister Zeit haben, um Abschied zu nehmen!“ Kurz vor der Hütte fügt sie erklärend hinzu: „Er kam aus Norwegen.“

 

Die Sonne zeichnet ein Muster auf unsere Decken, als ich erwache. Auch Lidwine räkelt und streckt sich, und im nächsten Moment sind wir wieder ein Knäuel. „Ups, das war nicht geplant!“ kichere ich, als ich mich mühelos in ihr versenke. Das hübsche, spitzbübische Strahlen, der sanfte Gegendruck mit ihrem Becken und das Klammern mit den Fersen verraten, dass sie Gleiches im Sinn hat. - Letzte Nacht, beim Ankommen in der Hütte, war es Raserei, in der Nacht nach dem Ausflug zur Tanne – Rammeln, gieriges Verschlingen eines Geschenkes. Jetzt, jetzt drängt sich ein Spruch ins Bewusstsein, eine der Weisheiten … komprimiertes Wissen.

„Verliebte wollen vom andern, Liebende für den anderen das Beste!“* 

 

„Liebende für den anderen das Beste.“

Ihr Gesicht ist entspannt, ihre Augen tief und offen, ihr Mund lächelt, die Zähne sichtbar, die Finger beider Hände kraulen durch mein Haar und schmeicheln über mein Gesicht. Dann streicheln sie über meine Brust … fassen fest zu – kneifen meine Nippelchen. Weiter geht’s in den Nacken … anfassen, kurz und fest umarmen, um wieder von vorn zu beginnen. Mit jedem langsamen und tiefen Versinken in ihr, kommt sie mir mit ihrem Becken entgegen. Der harte Druck und das anschließende Verweilen in der Tiefe ihres Schoßes, erzeugt in mir einen so hohen Willen … in ihr unendliche Lust zu erzeugen.

 

Aber meine Versuche sie zu küssen, ihre Brüste zu verwöhnen, werden gestoppt. „Beat, es ist so schön zu sehen, wie du genießen kannst, zu sehen, wie du dich mir hingibst!“ Ich sehe, wie sie sich mit offenem Mund meiner Kehle nähert. Voller Vertrauen lege ich meinen Kopf in den Nacken … fühle ihre Zähne, den sich schließenden Mund, das Saugen. Ihr Schoß drängt, schneller, stärker - verweilt kürzer. Ihr Körper wölbt sich mir entgegen, die Kehle freigebend. Mein sanfter ritueller Biss wird mit einem Gurren begrüßt, das Saugen mit einem befreienden Jauchzer beendend. Wir entschwinden in einem Taumel aus Gefühlen und Empfindungen. Wahrnehmungen, Signale, Aktionen, Reaktionen überlagern einander, überrollen uns beide. Wir versenken uns ineinander - versinken im Schutz des anderen.

 

Der Herd bullert und verströmt seine Wärme in die Hütte. Nackt stehen wir im Raum und waschen uns. Jeder für sich – sich selber. Jetzt sind wir überreizt und brauchen die Distanz und die Zeit, um uns zurückzufinden - um das Erlebte zu bewerten. Zum ersten Mal sehe ich Lidwine nackt … sehen wir uns nackt - bei Tageslicht. Sie schielt genau so neugierig wie ich darauf, wie er/sie denn nun aussieht. Der Schalk piekst mich. Ich drehe mich zu ihr hin, summe den Refrain von „Waltzing Matilda“* und beginne mich um die eigene Achse zu drehen. Ein erstaunter Blick, kurzes Innehalten. Ihr Waschlappen fliegt in den Zuber, und sie dreht sich mit mir zusammen, wie zwei Püppchen auf einer Spieluhr.

 

Unsere Hände treffen sich, halten sich, und bei wechselnden Liedern tanzen wir, so wie wir sind, nackt durch den Raum. Ich fühle ihren Körper an mich geschmiegt, ich schiebe ihr mein Bein zwischen ihre Schenkel … und sie reitet auf, sie schüttelt ihre Schultern, wobei ihre hüpfenden Brüste meine Brust streicheln. Sie will mich küssen – ich drehe meinen Mund weg … biete ihr mein Ohr an. Ihre Zunge … die Lippen … die Zähne … Es sollte eigentlich dran bleiben! Ich reiße mich los und habe ihr Ohr vor meinem Mund, in meinem Mund – die Zunge im Ohr – und stoßen uns voneinander weg und stehen keuchend eine Elle lang voreinander. Wortlos, als hätten wir etwas Verbotenes getan, geht jeder zu seiner Tischseite zurück und waschen uns weiter - im selben Zuber.

 

Jeder sucht in seinem Beutel frische Wäsche, frische Kleider, um sein Ich diesmal anders zu zeigen. Lidwine bedient sich unbekümmert aus meinem Beutel – Hose, Hemd, Pullover. Still und wortlos kochen wir Tee, braten Spiegeleier, machen Essen … ab 12 Uhr ist es kein Frühstück mehr. Zum ersten Mal arbeiten wir Hand in Hand. Ein Aufblicken von ihr genügt, um ihr mit einem Blick nach hinten, die Dose mit dem Tee anzuzeigen. Nach dem Aufschlagen der Eier in die Pfanne, taucht die Bratschaufel in meinem Blickfeld auf und das simple Drehen der Hand von Lidwine bedeutet: „Möchtest du deine blind?“

 

Mit runden, vollen Bäuchen setzen wir uns auf die dem Süden zugewandte Veranda, erzählen uns aus unserem Leben, von ihr, von mir. „Ich bin eine halbe Friesin, ein Achtel Norwegerin, ein Achtel Wallonin und ein Viertel Flämin… und du? „Ein Achtel Kanderer, ein Achtel Brienzer, ein Achtel Lötscher und der Rest Emmentaler - also ein Vollalemanne.“ - „Wenn ich sehe, wie du dich um mich bemühst, so wartet niemand auf dich.“ - „Mit dir beginnt eine neue Zeitrechnung für mich. Ich bin im Tag 1 nach der großen Flut!“ - „Bei mir ist es ein Tornado, der mir allen Halt nahm und … mich schweben lässt!“

 

Lidwine wird, wenn sie „einheimisch“ wird 33 Jahre und ich zwei Monate später 43 Jahre. Wir beide sind ohne Altlasten. Bei mir war es die Ruhelosigkeit, das immer „Auf, zu neuen Ufern!“ Seit vier Jahren bin ich Freelancer, mein eigener Herr. Ich verwirkliche mich in meinem Beruf, brauche mich nicht mehr zu verbiegen. Meine Partner - ich spreche ungern von Kunden -  bekommen meine Überzeugung, meine Meinung und meine Erfahrung. Aus dem Auf und Ab dieser Arbeit resultieren meine Erfolge. Sie geben mir Freiheit – und die Misserfolge fordern meine Freiheit heraus, es doch noch zu einem Erfolg werden zu lassen.

 

Das da eine Lidwine mit dieser Macht in mein Leben einbricht, mich, der ich glaubte  abgeklärt zu sein, im Handstreich kassiert … ohne Gegenwehr … im Gegenteil: Ich ebenfalls versuche, sie zu kassieren, macht mich sprachlos. Wie wir gegenseitig offene Türen einrennen, erstaunt – verblüfft mich. Dass wir beide diese Sache aufeinmal hinterfragen, dass keimendes Misstrauen sich einschleicht und die Frage nach dem Haken daran im Raum steht … wird von uns beiden mit der Offenheit der bedingungslosen Liebe beantwortet.

 

Ich war „baggern“ gewohnt – „werben“ um ein Weib. Tippel-Trippelschritt, Kratzfuß, Konventionen. Je „emanzipierter“ das Weib, desto mehr von diesen Komplikationen, bis hin zum dressierten Tanzbären mit Nasenring. Mit dem freiberuflichen Erfolg wurde ich auf einmal für eine neue Sorte Frau interessant. Solche, die das unverbindliche Miteinander zum Zweck des Austausches von Körperflüssigkeiten in mehrdimensionalen Formen schätzten. Aber diese Frauen beschäftigten mich in der austauschfreien Zeit so intensiv, dass sich die Zeit, Arbeitszeit, die ich brauche um mir meine Freiheit zu ermöglichen, rapide verkürzte. Mein innerer Trieb zur Selbsterhaltung, das Zünglein an der Balance, verschob die Perioden des Flüssigkeitsaustausches massiv zugunsten der austauschfreien Perioden. In diesen „freien“ Perioden war dann erneut „Brautschau“ angesagt, von Mal zu Mal mit mehr neuen, zusätzlichen, kritischen Vorbehalten. In meinem Fall haben meistens die Frauen den Schlussstrich gezogen. Sie merkten, dass meine Interessen nur unter anderem ihnen galt – nicht ausschließlich.   

 

Sie schiebt ihre Hand unter meine Hand … sie legt sie nicht obenauf! „Denkst du an uns?“ Nicht die Frage <an mich!> „Vorhin, beim Waschen, hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, dass wir ein Paar wären – nachher, beim Essen kochen, als ob wir uns schon länger kennen würden!“ Sie macht ihre Hand zur Faust und schiebt und dreht, bis meine Hand ihre umschließt. Lidwine ist mutig, sie öffnet ihr Herz, sie will mir eine Brücke bauen, will mir das Stichwort erleichtern. Sie sitzt es nicht aus … sie tut den ersten Schritt. Bis jetzt haben Frauen, wenn sie diesen Schritt gemacht haben mich zu ködern, gleich einen Katalog an Forderungen, Konzessionen, und „No Goes!“ mitgeliefert.

 

„Komm, mein „Schattebout“, wir machen einen Besuch!“ Ich ziehe sie hoch. Langsam sinkt die Sonne hinter den Horizont. Wir sitzen in „unserer“ Tanne, zwei Reihen höher als letzte Nacht, mit herrlichem Blick auf die Alpen … Eiger, Mönch und Jungfrau … und links davon das Finsterahorn. Am Himmel ziehen die ersten Federwolken auf, ein Zeichen, dass das schöne Wetter vorbei ist. Die Sonne taucht zuerst die Schneefelder, dann die Firne und zuletzt die Federwolken in ein sanftes Abendrot. Fast schon kitschig!

 

Wortlos, aber voller Emotionen gehen wir zur Hütte zurück, und wortlos ziehe ich Caquelon und Rechaud aus dem versteckten Regal und beginne ein Fondue zu zelebrieren. Still sitzt Lidwine neben mir und betrachtet mein Tun. Ihr Körper, ihr Gesicht, ihre Augen, die Hände drücken eine Weichheit, eine fast mythische Entrücktheit aus, so als würde sie mich aus einer anderen Welt betrachten, als fände eine innere Metamorphose statt. Nur einmal in meinem Leben habe ich eine Frau in dieser Haltung, in dieser Verfassung gesehen, und das war bei meiner allerersten Frau, bei der Frau, die mich zum Mann gemacht hat, als sie den Entschluss fasste mich zu verstoßen … Sie beschloss mich dem „jungen“ Leben zurückzugeben – mich in die Wirklichkeit zu entlassen. Sie, die ein Jahr jünger war als meine Mutter.

 

Parallelität der Ereignisse. Auch damals habe ich ein Fondue zelebriert, in dieser Hütte, an diesem Tisch. Nur der Caquelon ist ein Neuer… der Rechaud ist der Gleiche, die Gabeln, die Teller. Damals hat sie nach dem Fondue den Caquelon zerbrochen … ihn zerschlagen – unseren gemeinsamen Topf, aus dem wir so oft gegessen hatten. Ich bin seither nie mehr mit einer Frau in dieser Hütte gewesen - immer allein. Denn das habe ich ihr geschworen. Und heute habe ich den Schwur nicht gebrochen … ich erfülle ihr nur „den Wunsch“. Im Caquelon den ich eben mit Knoblauch einreibe wird heute das erste Fondue geschmolzen, das ich mit der Frau essen werde, die meiner ersten Frau im diesem Leben, meiner Geliebten, meiner Förderin, meiner Gotte Trudi folgen wird. Gotte Trudi hat ihn mir gestern still, mit einem leisen, wissenden Lächeln in die Hand gedrückt.

 

Das alles erzähle ich Lidwine beim Brot-und-Käse-Schneiden, Wein-Erwärmen, Rühren, Abschmecken und mit Kirsch-Verfeinern und muss erfahren, dass Lidwine schon viel tiefer im meine Familie eingedrungen ist, als ich ahnen kann. „Sie hat mir angeboten, im Frühling, wenn ich im Sumiswald fertig bin, ihre - diese Hütte instand zu setzen!“ Lidwine ist halb hinter mich getreten und umgreift mit ihrer Hand meine Hand, und gemeinsam rühren wir unser erstes Fondue. Dabei flüstert sie weiter in mein Ohr: „Vreni und ich besuchten an einem Sonntag Trudi. Sie erzählte von ihrem „Gottechind im Tütsche!“* so, als wäre es ihr eigenes. Erzählte mir von den vielen Stunden in der Hütte, auch davon, dass er ein ungeliebtes Kind war und dass er, seit er wieder in Deutschland ist, nur noch selten zu Besuch kommt. Da habe ich ihr erzählt, dass ich ihr Gottechind liebe!“ Lidwine legt ihren Kopf an meinen Rücken. Ich merke bei den letzten Worten ein Chräbbele* in ihrer Stimme. Stille. Wir fühlen die Zugluft vom aufkommenden Sturm durch die nur notdürftig reparierten Fenster und Türen blasen. Mit belegter Stimme: „Dann haben wir drei Weiber wie die Schlosshunde geheult - wegen dir!“

 

In der Nacht fielen fast 50 Zentimeter Neuschnee, und ein kräftiger Wind verwirbelt alles zu einem märchenhaften Szenario. Unter unseren warmen Decken, und mit unseren heißen Gedanken und Gefühlen war es eine kurzweilige Nacht. Trotzdem - mittags haben zwei Schlafräume schon neue Fenster, und als es zu Dunkeln beginnt, sind auch die vier großen Fenster im Wohnraum winddicht gesetzt. So verliebt und verschmust wie wir beide auch sind, so schnell und Hand-in-Hand können wir auch arbeiten.

 

Zwischendurch muss ich einfach innehalten … Lidwine anschauen. Einfach nur ihre gleichmäßigen Bewegungen beim Führen der Säge und des Hobels genießen. Der konzentrierte Blick auf die Arbeit, das Spannen ihres Körpers… Entspannen nach getanem Zug… die feinen Schweißperlen auf der Stirn… und auf dem Nasenrücken… der verirrte Hobelspan in ihrem Haar, im Ausschnitt ihrer Staude - all das erfüllt mich mit einem Drang ihr zugehörig zu sein, mit ihr mein Leben zu teilen.

 

Auch ich merke inmitten meiner Arbeit, dass Lidwine mit großen, offenen Augen meine Bewegungen förmlich einsaugt - wenn ich mit dem Beil die Schmiege schlage… mit dem Beitel den Zapfen stemme…  das Dübelloch bohre. Meine Gedanken schweifen zu ihr und ich denke: „Was denkt sie wohl, was ich denke, sie würde denken?“ Ich verheddere mich beim vielen Denken, verkante das Beil, haue eine Kerbe. Ihr sinniges, ja, fast spitzbübisches Lächeln verzaubert meinen Patzer und ihr hurtiges Arbeiten vertuscht die Verlegenheit mich ertappt zu haben.

 

Heute, am Montag, bringt uns Jean-Pierre die beiden schweren Außentüren, die Fensterläden und andere sperrige Teile. Der viele Schnee zwingt ihn vier Mal mit dem Motorschlitten zu fahren und jedes Mal muss einer von uns mit. Mit der letzten Fuhre bringt er uns ein paar… etwa ein Dutzend verschieden große und schwere Pakete und Päckchen mit: „Pour Noël!“  

 

©S’Rüebli                                                                                               Ihre Meinung?

 

 

 






Legende

 

Aff = ein Tornister, wenn der Charlie nicht reicht, oder an Stelle vom Charlie.

Chalet des Amies de la Nature = Naturfreundehaus.

Charli oder Charlottenburger = Gepäckrolle der Wandergesellen-, Gesellinnen.

Chräbbele = sanftes Kratzen… oder Kraulen.

Ehrbarkeit = Erkennungszeichen der einzelnen Schächte, Vereinigung unter deren Name man tippelt

Einheimisch = Wenn man von der Walz zurück ist wird man wieder Einheimisch.

First Lady – Firstladdli = Wenn man Lady auf Deutsch (Allemanisch) ausspricht hört es sich an, wie wenn man Latty mit zwei „dd“ ausspricht. Im Berndeutsch also Laddi oder Laddli = Brett.  Wenn Berner sagen „Du bisch mys Fürschtladdli, so ist das die Frau die mir das Dach über dem Haus, also meine Familie zusammen hält.

Fremdgeschrieben = Die Zeit auf der Walz ist man Fremdgeschrieben.

Gatter = Gattersäge, ein Maschinentyp zum sägen von Stämmen zu Bretter und Balken.

Gotte = Patentante; Götti = Patenonkel.

Gottechind im Tütsche! = Patenkind in Deutschland!

Kluft = Bekleidung der Wanderburschen auch der Frauen.

Krauter = Meister bei dem man arbeitet.

Les frais additionne = Zusatzkosten.               

Muntsch = Kuss; Müntschi = Küsse; Müntschelle = Schmuse!

Obermann = Schlapphut der Kluft.

Plünjesack = niederdeutsch, Seesack.

Romandie = französisch sprechender Teil der Schweiz.

Schattebout = niederländisch, flämisch, Schatz, tief sitzend.

Schinigelt, schinigeln = Arbeiten.

Staude = Hemd der Kluft

Stenz = Wanderstock.

 

„Verliebte wollen vom andern, Liebende für den anderen das Beste!“ 

Ernst Festl

 

Walz = Handwerksgesellen-, Gesellinnen auf Wanderschaft.

Waltzing Matilda = Ist das populärste australische Volkslied.

Waltzing bezieht sich auf der Walz sein… Wanderarbeiter.

Matilda = gleich zu setzen mit den Charlie bzw. als Schlafrolle.