Walz 1


Walz

Stenz, Charly und Obermann

 

Teil 2

Trudis Hütte


Dieses Weib dreht wie eine japanische Tanzmaus ihre Runden in meinem Kopf.

Ihr Talisman… die Karte mit dem Kussmund ist direkt neben meinem Bett an die Wand gepinnt und bekommt jeden Morgen und Abend „sy Muntsch*“  und meine Gedanken sind bei ihr. Meine Briefe werden nur mit einer kurzen Mail beantwortet. Meistens mit einem Bild im Anhang, das Lidwine bei der Arbeit zeigt.

 

Ich musste in den nächsten zwei Monaten noch zwei Mal nach Luzern zu Besprechungen. Zwei Mal habe ich Lidwine beim „Schinigeln*“ zugeguckt. Aus der Ferne und in der Nähe, ohne dass sie mich bemerkte. Das dritte Mal war Richtfest und ich habe es so eingerichtet, dass ich einfach dabei war. Ich musste dabei sein und meine Luzerner Freunde haben ihren Teil dazu beigesteuert.

 

Es ist ein Chalet ganz aus Holz, unten Block- oben Ständerbau und ganz oben auf dem schmalen First steht Lidwine aufrecht, in der rechten Hand die Zimmermannsaxt. Von links setzt ein Geselle die geschmückte Richttanne an den Giebel. Rittlings auf den First sitzend wird mit ein paar schnellen Hieben die Tanne festgeschlagen.

 

Ich habe mich stickum zu den Gesellen gestellt. Der alte Gysler knurrt irgendwie mächtig stolz… „Es ist das 125. Chalet, das ich baue – es ist das erste, dass von einem Weib losgesprochen wird!“ Nach einer nachdenklichen Pause: „Sie ist meine erste Zimmerin! Gott! Hätten wir mehr von dieser Sorte!“ Lidwine steht wieder auf dem First an der Giebelkante, 15 Meter über Grund. Ihre Stimme schallt zu den Versammelten. Halb in ihrem Ostfriesendeutsch, halb im Berndeutsch.


Den Mut, hoch in die Luft zu bau'n,
gab Gott dem Zimmermann ins Herz.
Die Kunst die Balken zu behau'n
und aufzurichten himmelwärts.
Steht dann der First in Lot und Mitte,
der Richtbaum grüßt ins Land hinein,
dann hat nach guter, alter Sitte
der Zimmermann den Bau zu weih'n.

 

Lidwine bückt sich und hebt ein Glas gegen den Himmel

 

Als erstem hier sei Gott gedankt,
der uns ein Schutz und Helfer war,
bei jeder drohenden Gefahr.
Dass keiner hier zu Schaden kam,
der Teil an diesem Baue nahm.
Auch schütz' er künftig dieses Haus,
und alle, die da gehen ein und aus.


Nicht nur ich, auch der alte Gysler, und die alten und jungen Gesellen hatten etwas von den Backen zu wischen. Alle waren still, als sie weiter rezitierte, den Maurern dankt für Fundament, dem Architekten für gute Pläne und dem Bauherrn für seine Entscheidung, ein so schönes Haus zu bauen.

 

Ich weiß, sie hat mich gesehen. Als sie dem Gysler und den Gesellen zutrank, stockte ihre Hand, sie nahm das Glas noch einmal von Mund, streckte es zu mir hin und trank es leer. Leise und unauffällig, wie ich gekommen bin, gehe ich auch wieder… mit der Gewissheit, meine Firstladdlie* die das Dach über unserem Haus zusammen hält, gefunden zu haben.

 

Ihre nächste Mail drehte mir mächtig am Herz. „Schuft, mach das nicht noch einmal … es tut so weh, zu wissen dass du in meiner Nähe warst, ohne mich festzuhalten.“ Das Bild zeigt den markanten Charakterkopf vom alten Gysler in einer Nahaufnahme und mich im Hintergrund leicht verschwommen aber gut erkennbar.

Ein paar Tage später kam Lidwines erster Brief. Ihm beigelegt ein Zeitungsausschnitt mit zwei Bildern. Das erste Bild zeigt Lidwine, deutlich als Frau erkennbar wie sie mit schwingender Axt den Richtbaum befestigt. Die Bildunterschrift: „Sie ist meine erste Zimmerin, Gott - hätten wir mehr von dieser Sorte!“ Das zweite Bild, das ich schon kannte, mit der Bildunterschrift: „Albert Gysler, nach 40 Jahren - sein 125. Chalet!“

 

Im Brief: Ich habe dich erkannt, als ich meinen Leuten zuprostete. Es hat mich so stolz gemacht, als der Gysler… Albert mir sagte, dass ich die Richttanne setzen und den Richtspruch sprechen soll. Er hat mit mir einen ganzen Nachmittag geübt. Es kam sogar der Dirigent von Kirchenchor, um mir die Atemtechnik zu zeigen, damit ich „tragend“ sprechen kann! Mir war es sehr mulmig, ganz allein auf den First. Den Richtbaum setzen… vor den vielen Menschen, für mich fremde Menschen. Als ich dich erkannt habe, das hat mir so viel Stütze gegeben, so dass ich den Mut fand in einer Mischung beider Dialekte zu sprechen, die Sprache als verbindendes Element zu zeigen. Die Fremde ist mir nie schwer geworden. Erst seit ich dich kenne, habe ich das Bedürfnis zugehörig zu sein - dir zugehörig. Warum wir? Wir, die wir nur sechs Stunden zusammen im Auto gesessen haben? Deine Briefe sind nicht minder sehnsuchtsvoll.

  

Alle haben gesehen, dass ich jemand suchte und bei der Gratulation und beim Interview nur halb dabei war. Albert hat mich sofort, als ich unten ankam in den Arm genommen und mir das „Du“ angeboten. „Lidwine, wer so arbeitet, wer so spricht, hat mehr als nur meine Achtung!“ Am übernächsten Tag kam dann Vreni, aus Walkringen vorbei und zehn Minuten später standen Albert und Vreni in meiner Bude. Vreni hat dich auf dem Bild erkannt. Sie ist die Große von deinem ältesten Bruder, dein großer Fan. Auch Albert hat fein mitbekommen, dass ich jemandem extra zuprostete und auch, dass ich nachher jemand suchte.

 

Die Zwei wissen wer du bist und dass ich mich dir versprochen habe. Vreni hat mich dann zu sich nach Hause eingeladen. Ich habe deine Geschwister kennengelernt. Beat… „Schattebout*“ die sind so stolz auf dich, besonders dein Vater, und seit er weiß, dass du im Tal warst, hofft er. Außer Vreni weiß niemand von dir und mir. Ich werde am vierten Advent beim Albert gehen (müssen). Bis dahin kann ich, da ich auch Schreinerin bin, beim Innenausbau vom Chalet helfen. Albert merkt, dass ich hier bleiben möchte und hat bei den Sumiswaldern ein gutes Wort eingelegt. Bei den Sumiswaldern kann ich im Januar anfangen. Er hat ein eigenes Gatter* und er holt die Stämme selber aus dem Wald. So lerne ich auch noch sägen.

 

Drei, vier Wochen noch - und Heilig Abend, Weihnachten, Silvester und Neujahr liegen dazwischen… ich hier im Norden und sie im Süden. Ihr Hilferuf: „Erst seit ich dich kenne, habe ich das Bedürfnis zugehörig zu sein, dir zugehörig!“, ist wie eiskaltes Wasser auf den Kopf. Es schüttelt mich, und als ob ich Erwachen würde, kommt mir der Gedanken: Trudis Hütte!

 

Trudi. Sie ist meine Gotte*. Sie hat eine Berghütte, eine Stunde von der Straße ab - zu Fuß. Letzten Sommer haben ein paar Vandalen die Hütte beschädigt. Das Reparaturmaterial liegt in der Hütte. Nur … wer macht die Reparatur? Jean-Pierre, der Schreiner im Dorf hatte „keine Zeit“ für so eine abgelegene Baustelle. Aber WIR – wir zwei, Lidwine und ich!

 

Trudi lasse ich im Ungewissen, als ich ihr anbiete über die Festtage die Hütte zu reparieren. Jean-Pierre ist nicht sehr glücklich, als ich ihm als Krauter eine  „Compagnon“ wie sie in Frankreich - Welschschweiz genannt werden, aufs Auge drücke. Als ich ihm versichere „Les frais additionne*“ zu übernehmen, ist er sofort bereit mitzuziehen. Sie ist für ihn die/der erste Compagnon in seinem Berufsleben.  Auf halbem Wege zur Hütte ist das „Chalet des Amies de la Nature*“ wo wir für die ersten Tage unterschlüpfen können, bis „unser Nest“ ausreichend gepolstert ist!“ 

Lidwine maulte etwas von fremdbestimmt als ich ihr die Adresse vom Jean-Pierre gebe, und sie merkt dass es in der Romandie* ist. „Muss ich da französisch sprechen?“ Erst, als ich ihr mein Vorhaben ganz, ganz klitzeklein erkläre und ihr Schniefen und Freudeheulen versiegt, ist sie voller Elan. 

 

©S’Rüebli                                                                                               Ihre Meinung?

 

 

 





Legende

 

 

sy Muntsch* Kuss

Schinigeln* arbeiten

Firstladdlie* Ehefrau

Schattebout* Schatz

Gatter* Gattersäge

Gotte* Patentante

Les frais additionne* Zusatzkosten

Chalet des Amies de la Nature* Naturfreundehaus

 


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