Gedächtnis … schwund

[…] wenn große Kinder spielen, sind sie heiratsfähig.

 

 





Unentschlossen steht Carsten in der Eingangstür der „Medusa-Bar“. Er liebt diese kleine, intime Bar mit ihren verspiegelten Wänden, die den Raum größer erscheinen lassen. Auf der erleuchteten, gläsernen Tanzfläche bewegen sich Paare im Takt der Musik. Sein Blick bleibt auf dem bloßen Rücken einer kleinen schlanken Frau haften. Sie bewegt sich locker, geschmeidig, katzenhaft.

 

„Wollen Sie nun rein oder raus?“, knurrt ihn eine männliche Stimme von hinten an. Erschrocken tritt er zur Seite, murmelt „Sorry“. Mit den Eintretenden kommt ein Schwall frischer Luft durch die Tür. Er atmet tief durch und schwört sich, heute traut er sich … aber, die Katze ist verschwunden, einfach W wie weg. Trotzdem muss sie hier sein, denn er steht immer noch neben dem Eingang. Erleichtert heben sich seine Mundwinkel, als er sie am Tresen der Bar entdeckt. Und … sie ist allein!

 

Scheinbar gelangweilt, lässig schlürft Lina ihren Cocktail. Unauffällig schweift ihr Blick über die Gäste. Eigentlich interessiert sie sich eher für die anwesenden Herren der Schöpfung. Sie ist heute allein. Ihren Freundinnen, mit denen sie sonst gemeinsam ablästern geht, hat sie kurzfristig abgesagt. Ihr geht die Lästerei langsam auf den Geist. Nicht, dass sie das nötig hat. Sie ist mit ihren Mittzwanzigern keine pubertierende Jugendliche mehr, die noch verkrampft erotisches Sitzen übt. Sie weiß, was Männer mögen. Noch viel wichtiger ist Lina, dass sie weiß, was sie will. Ihren Tanzpartner, den sie verdutzt sich selbst überlassen hat, will sie mit Sicherheit nicht. Langweiler sind ihr zu öde.

 

Beim nächsten Schluck schließt sie die Augen, spürt, wie das alkoholische Getränk durch ihre Kehle rinnt, genießt den bittersüßen Nachgeschmack. Seufzt zufrieden.

„Hi, Süße stellst du dir gerade vor, wie Long John dich verwöhnt?“ Die lüstern, hungrigen Augen, die ihr das Gedächtnis vorgaukelte, verschwinden schlagartig. Lina öffnet ein Auge – männlich. Dann – Schnösel. Kalt gleitet ihr Blick über den Störenfried. Lächelnd mit sanfter Stimme kommt ihre Antwort. „Ich stelle mir gerade vor, wie ein Bubi, der sich gern mit fremden Federn schmückt, aus meinem Blickfeld verschwindet.“ Sein irritierter Blick reizt Lina zum Lachen, das sie mit Mühe unterdrückt. Mit einem „Irren ist menschlich“ und beleidigter Miene, stolziert er wie ein eitler Gockel davon. Anscheinend ist sie nicht die Einzige, die sich über sein Gehabe amüsiert. Hinter ihr lacht es leise, vergnügt aus einer männlichen Kehle. Im Spiegel sieht sie Augen, lüstern, hungrig ... hypnotisch. Hitze durchströmt sie. Ihre Haut beginnt zu kribbeln. Die Zungenspitze gleitet unbewusst über ihre Unterlippe. Mit verhangenem Blick dreht sie sich langsam um.

 

Diese Frau macht ihn wahnsinnig. Schon allein der Anblick ihres bloßen Rückens ist pure Verführung. Ihr Ausschnitt ist so tief, dass sie nichts unter diesem Oberteil tragen kann. Wie es weiter unten aussieht, kann er nur erahnen. Vor Erregung straffen sich seine Bauchmuskeln. Es zieht in den Lenden. Gierig ruht ihr Blick auf seinen Lippen. Sanft gleiten seine Hände über ihre Arme. Beider Hände verweben sich. Als er sich ihr nähert, schaut sie in seine Augen und … er verbrennt. Nah an ihren Lippen haucht er: „Kommt …“ und führt sie aus dem Lokal. Schweigend steigen sie in sein Auto. Carsten braucht all seine Beherrschung, um das Fahrzeug sicher durch den Abendverkehr zu lenken. Vor seine Augen schieben sich Bilder, wie er diesen verführerischen Körper verwöhnen wird, bis sie vor Verlangen stöhnt, bettelt, wimmert …

 

„Wir sind da, schöne Frau.“ Galant hält er die Tür auf und hilft Lina aus dem Wagen. Was macht sie da nur? Diese schönen, sündig-verführerischen Augen. Neugierig lässt sie ihren Blick über seinen schlanken, drahtigen Körper gleiten. Sich vorzustellen, jedes Fitzelchen davon zu erobern und mit seiner Begierde zu spielen, macht sie heiß. Vor Verlangen presst sie ihre Schenkel zusammen. Ihre Sinne sind auf Streicheln, Schmecken, Beißen aus. Sie wird sich Zeit lassen. Viel Zeit für lustvolle Qualen, um das Spiel seiner Muskeln zu beobachten. Auf alle Fälle wird sie Spaß haben.

 

Dieses eisblaue Kleid macht ihn noch verrückt. Am Ende des Rückenausschnittes blitzen zwei reizende Grübchen. Keine Spur eines Tangas. Vielleicht verbarg die Raffung des Stoffes das Darunter. Ihre grazilen Beine - optisch verlängert durch verboten hohe Absätze und eine, sie raffiniert unterbrechenden Strumpfnaht, regen seine Fantasie nur noch mehr an. Dazu das aufreizende Hüftschwingen bei jeder Stufe, als sie anmutig, wie eine Katze, die Treppen hinauf schreitet. Carsten läuft das Wasser im Mund zusammen. Mit den Augen zieht er sie schon aus. Ein anderer Gedanke lässt ihn schmunzeln.

 

Etwas verloren steht Lina in dem großen Raum. Die sparsame Möblierung mit einem Mix aus Moderne und Antik gefällt ihr. Er muss ein gutes Gespür für Farben haben, so ausgeglichen, harmonisch, wie es auf sie wirkt. Akzente setzen gekonnt platzierte Dekostücke und Bilder. Der Raum fasziniert ihre Sinne. „Bist du Architekt?“ - „Innenarchitekt. Und was machst du?“ - „Ich studiere noch, Naturwissenschaften.“ „Keine Angst?“ - „Warum? Sollte … ich Angst haben?“ Verwundert schaut sie in seine blitzenden, braunen Augen, diese verführerischen Augen. „Vielleicht, Kätzchen, bin ich ein großer, hungriger Tiger, der dich Stück für Stück fressen will?“ Sie empfindet sinnliche Dominanz und lässt ihren Blick prüfend über ihn gleiten, verweilt an seiner Kehle. Sie will ihn dort beißen …! Sanft würde sie es tun und seine Unterwerfung genießen. „Kätzchen haben auch Krallen und Zähne“, schnurrt ihre Stimme leise. Carsten schmunzelt innerlich, sie zeigt Mut, reicht sie ihm doch trotz der superhohen Absätze nur bis zur Brust. Leise Musik erklingt, beruhigend, fast meditativ.

 

„Bleib hier … stehen!“ Das klingt auffordernd - bestimmt. „Ich will schauen …“ Wenn er denkt, er hat sich ein zahmes Kätzchen gefangen ... Ebenso auffordernd schaut sie ihm in die Augen. Reizend, wie sie das Kinn leicht vorschiebt und ihren Blick in seinen Schritt lenkt. Carsten gefällt, was er spürt und sieht. „Zieh deine Schuhe aus!“ fordert er kühl. Lina lächelt überlegen. Zeigt ihm den Rücken und … bückt sich mit durchgestreckten Knien. Öffnet die Schuhe, schüttelt sie von den Füßen und wagt einen lüsternen Blick durch die Beine. Ja Süßer, ich will mit dir … spielen. Langsam richtet sie sich wieder auf, streift wie prüfend über die Strumpfnähte, rekelt sich sinnlich. Rau kommt die Forderung: „Bück dich noch mal …“.

 

Carsten ist spitz. Er muss wieder ihre Hände über die Strümpfe streichen sehen. Lina dreht sich um und klappt zusammen wie ein Schweizer Taschenmesser. So … hat er es nicht erwartet. Ein Stück Schnur in der Farbe des Kleides blitzt an ihrem verlängerten Rücken. Getrieben von seinem Verlangen nähert er sich Lina, will seine Hand an ihrem Rücken unter das Kleid gleiten lassen. Sie steht senkrecht und lächelt verführerisch. Ihre Hände greifen nach den Knöpfen seines Hemdes. „Jetzt bist du dran!“, murmelt sie und zieht das Hemd aus der Hose. Sanft gleiten ihre Finger über die wie gemeißelt wirkenden Muskeln seiner Brust hinab zum Bauch. Vor Aufregung zieht sie die Unterlippe zwischen ihre Zähne.

 

„Dreh dich um!“ Ein Befehl. Schauer jagen über ihre Haut, als er sanft ihre Wirbelsäule entlang fährt. Carsten genießt das samtige Gefühl unter seinen Fingerspitzen. Wie elfenbein schimmernde Pfirsichhaut. „Ist die Farbe echt?“ „Welche?“ fragt sie irritiert, da sie sich der Berührung überlassen hat. „Deine Haarfarbe, meine ich. Die Haut kann man ja schlecht färben … oder?“ „Ja, an mir ist alles echt.“ Das klingt recht zweideutig, deshalb fragt er im gleichen Tonfall: „und … wie magst du es? Bitte echt … eindeutig.„ Sie muss ihn einfach ansehen. Er kann sicher schnell und kraftvoll sein. Die Frage ist nur … hat er die Ruhe und Ausdauer für meine Wünsche? Ich werde es erleben. „Ich mag „Es“ … zärtlich … sinnlich aufreizend und … wenn du dir viel …“ Zaghaft lächelnd schaut sie ihn an. „Wenn du dir viel … viel Zeit nimmst.“

 

Genau das wünscht er sich auch. Als er im Sessel sitzt, kommt es sehnsüchtig: „Bitte, zieh … dein Kleid aus.“ Verhangend hypnotisch liegt sein Blick auf Lina. Er spürt diesen Wunsch tief in sich … dass sie sein wird - ganz sein, auf der tiefsten Ebene zwischen Mann und Frau. Dafür wird er alles geben, schwört er sich und bekommt eine leichte Vorahnung davon, was ihm bevorsteht. Es schmerzt fast. Ihm wird die Hose eng. Lina zeigt ihm den Rücken, lässt ihre Hände verführerisch über ihre Konturen gleiten, aufwärts zum Nacken, zur Halsblende. Sie löst den Verschluss. Gespannt beobachtet Carsten, wie der Stoff sanft über ihre schmalen Hüften gleitet und sich als Wolke um ihre Füße drapiert. Bezaubernd, das schmale Band um die Hüften, verschlungen genau an dem Punkt, wo der Po beginnt. Über den Spalt geführt, betont es die grazilen Ausformungen.

Heiser fordert er: „Komm her ...“

 

Ein verruchter Blick über die Schulter zeigt ihr, dass es richtig ist, seinem Verlangen zu folgen. Vor Erwartung verkrampft sich ihr Bauch. Langsam dreht sie sich um. Mit jedem Schritt spürt sie, wie die Spannung steigt, spürt seinen sinnlichen Blick auf ihrem Dreieck ruhen - auf dem sorgfältig gestutzten Haar. „Darf ich …?“ Vorsichtig streckt er seine Hand aus und berührt sacht die zwei glitzernden Glastropfen an den Enden des Bandes. „Bezaubernd auf diesem Hintergrund … Weißt du, was Rot bedeutet? Deine Farbe ist wunderschön, sinnlich und kraftvoll.“ Sein Blick wandert besitzergreifend über ihren Körper, registriert die sanften Kurven und die angedeuteten Rundungen der kleinen Brüste. Fasziniert schaut er auf die Knospen. Unter seinem Blick kräuseln sich die Warzenhöfe und aus den sanften Erhebungen formen sich große, reife Früchte. Ihm fallen reife Herzkirschen ein, deren Farbe würden sie bekommen, wenn er sie verwöhnt. Kirschen-Essen bekommt plötzlich für ihn eine ganz andere Bedeutung.

 

„Rot … regt den Energiefluss an und gibt Kraft. Die … du großer Tiger, wirst du brauchen, um … deine „Mahlzeit“ in kleinen, ausgewogenen … Bissen genießen zu können …“ Herausfordernd - wissend kann sie sich ein anzügliches Lächeln nicht verkneifen. Oh, ja, er wird alle Kraft brauchen. Sie hat heute keine Lust auf harten Aktionismus, sehnt sich nach Hingabe und Zufriedenheit schenkender Erfüllung. Leises Schnurren aus ihrer Kehle zeigt, wie sie seine Zärtlichkeiten genießt. Sie lässt sich ein auf die Empfindungen der sanft streichelnden Feder, öffnet unbewusst ihre Schenkel, als Carsten seine langen Beine ausgestreckt, zwischen ihre schiebt und damit für das reizende Etwas in seiner Hand ein neues Ziel findet. Lina überlässt sich ihrer eigenen Sinnlichkeit, hat alle Gedanken an Beißen und andere aufreizende Dinge für ihn aus ihrem Kopf verbannt - genießt.

 

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Carsten deckt den Frühstückstisch, als der Kurzzeitwecker meldet, dass die Eier fertig sind. Drei Minuten Eier. So, wie er es mag. Er liebt es, wenn das noch flüssige heiße Eigelb über seine Zunge rinnt. Er mag so einiges. Neu besetzt auf seiner Wiederholungsliste ist der erste Platz … die letzte Nacht. Vor überschwänglichem Glücksgefühl würde er sich am liebsten, wie seine tierischen Verwandten auf die Brust trommeln, um es aller Welt zu verkünden … Sie ist MEINE!

 

Zärtlich weckt er Lina mit einem Kuss. „Kätzchen … aufstehen, das Frühstück ist fertig.“ Lina hat noch keine Lust aufzustehen. Sie fühlte sich satt und zufrieden. Jeden Muskel im Leib spürte sie auf eine leicht schmerzhafte, doch angenehme Weise. Es erinnerte sie an das Erlebnis der Nacht. Dieser bezaubernde Mann hat es doch wirklich fertiggebracht, das sie ihrem Körper erlaubte … zu sein - nur noch Empfindung zu leben. Seine Zärtlichkeiten waren so quälend süß, dass sie immer mehr wollte. Solange bis sie zitterte, bebte vor Verlangen, ganz gleich, wo er sie berührte. Als er dann endlich zu ihr kam, hatte er die Selbstbeherrschung und Kraft so zärtlich zu sein, dass ein erster Orgasmus sie überrollte, als er ihre Weiblichkeit berührte. Er trieb sie von einem Orgasmus in den nächsten. Sie weiß nicht mehr, wie viele es waren, bis sie in einen traumlosen Schlaf sank.

 

„Ich mag noch nicht aufstehen … küss mich, bitte.“ Dabei rekelt sie sich wie eine zufriedene Katze, schnurrt, als er ihre Lippen streift. „Du musst aber aufstehen. In einer halben Stunde kommt deine Freundin dich abholen.“ - „Nein“, murrt sie „… nicht aufstehen … mach das noch mal mit mir … bitte.“ Carsten stahlt sie an. „Ja ... mache ich, mein Kätzchen, aber erst, wenn du – „JA“ – gesagt hast …“ Verdutzt blinzelt sie ihn an. Nun lacht er richtig: „Du hast doch nicht etwa vergessen, welcher Tag heute ist …? Bist du so von der Rolle über das nochmalige Kennenlernen-Wollen?“ - „Oh, Gott! Was hast du mit meinem Gehirn angestellt …, dass ich unsere Hochzeit vergesse?“ Lachend schüttelt Lina den Kopf und steht auf.

„Nicht so tragisch, dir ist es zum Glück noch eingefallen. Nun komm, mein Kätzchen, frühstücken, der Kaffee wird sonst kalt.“

 

© murr