Opa San


 

„Papa“

Tonlage, Silbendehnung und Walrossschniefen…

Meine Tochter hat ein

„Mit-Papa-sprechen-müssen-Problem".

Ich warte, was als nächstes kommt.

„Papa, du hast doch keine Kurse?

Oder Baustellen, oder eine Tour geplant?

Bist du noch dran? Hörst du mich?“

„Schieß los!“

Töchter bleiben Töchter, haben Rechte, und

wenn Mutter nicht mehr ist,

VOR-Rechte.

„Kannst du morgen Abend fliegen?“

„Können schon!“

„Papa, mir ist nicht zum Scherzen.

Unser Au Pair wurde vorgestern angefahren und liegt im Krankenhaus,

 Christian ist seit heute früh in den USA,

ich muss in 10 Stunden am Institut meine Vorlesung halten,

und die beiden Bengels machen hier Budenzauber!“

 

„UPS!“

„Papa, ich habe für dich den Flieger schon reserviert…

er geht um 17:00 ab DUS  und ist um 10:30 in NRT.

Wenn du ja sagst mach ich ihn fest…

Es ist ein E-Ticket, die Code - Nummer sende ich dir per Mail.

Nimm bitte den Bus, ich schaff es nicht, dich zu holen.

„UPS!“

„Ach, noch was! Es kann länger dauern!

Ich habe dir 30 kg plus Handgepäck gebucht.“

Bei ihr ist es mittlerweile so gegen Mitternacht.

Wenn dieses selbstbewusste Organisationstalent von Tochter

mich aus meinen miefigen Puschen scheucht, muss die Kac… am Dampfen sein.

„Ach, noch was! Du musst hier Auto fahren!“

„Was ist passiert?

Was ist mit Viktoria?

Schwer verletzt?“

„Sie wird am Mittwoch mit dem Lear Jet nach Hause geholt.

Den Rest erzähle ich dir, wenn du hier bist!“

„Ach noch was! Die Buben freuen sich auf dich! Daher der Budenzauber!“

Mit diesem Satz setzt sie mich

„Schach Matt!“

 

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„Sind Sie der Großvater von Paul … der Baumhäuser baut?“

Diese leisen, lispelnden – wispernden Stimmen,

wenn Japanerinnen Deutsch sprechen, berühren mich immer wieder aufs Neue.

„Ja!“

„Ich bin die Mutter von Taiki, dem Freund von Paul.“

Ihr Deutsch ist hervorragend und „Großvater“ kommt fließend über ihre Zunge.

Vor mir steht eine Japanerin, um die einsfünfundsiezig hoch,

zierlich – schlank und streckt mir, absolut unüblich, die Hand entgegen.

Amüsiert schmunzelnd über meine Verblüffung:

„Ich wohnte bis zu meinem 19. Lebensjahr in Deutschland, in Düsseldorf.“

Lachfältchen kräuseln sich um ihre wachen Augen.

 „Besser gesagt in Büderich… Meerbusch-Büderich.“

 

In diesem Augenblick kommen unsere beiden Buben durch das Tor gerannt.

Als Paul mich sieht, bleibt er mitten im Lauf stehen.

Staunt überrascht, wirft den Tornister im hohen Bogen von sich

und stürmt mit Huronengebrüll auf mich zu.

Windet sich in meine Arme, will geknuddelt werden.

Taiki verbeugt sich und begrüßt mich mit:

„Opa San!“

Ich strecke den freien Arm zu Taiki aus,

ermuntere ihn auch, von mir geknuddelt zu werden.

Ein Zögern, kurzer Blick zur Mutter.

Zustimmendes Nicken.

Und zwei siebenjährige Buben verstrubbeln mir die Haare.

 

Zwei Tage später.

„Opa!“, „Opa San!“

Die beiden Buben stehen vor mir.

„Kannst du uns ein Baumhaus bauen!“

„Hier?“

„Habt ihr einen Baum?“

„JA!“ und „Hach!“ –

Unisono.

„Und wo?

Bei uns im Gärtchen steht kein Baum,

nur große Sträucher und sehr kleine Bäume.“

„Opa San…“

und Taiki erzählt, dass bei seiner Großmutter im Garten seeehr große Bäume stehen.

Unterstützt mit Körper-Winden, Arme-Schwenken, Hüpfen und Springen.

„Was sagt denn deine Oma zu eurem Projekt?“

Wenn siebenjährige Jungs etwas aushecken,

kann schon was dabei herauskommen.

Taikis Oma hat es genehmigt, wenn Opa San es baut.

Beide Mütter haben versucht, es den Buben auszureden - verboten.

Meine Tochter macht mir mächtig Vorwürfe:

„Du bist hier in Japan, und da macht man so etwas nicht!

Benimm dich!“

Nanami, Taikis Mutter schimpfte mit ihrer Mutter …

einfach so über andere, dazu noch fremde Leute zu verfügen.

„Was denken die von uns!“

Am nächsten Tag gibt Taiki mir mit verschwörerischem Blick und kichernd einen kleinen Brief.

Mit zierlicher schöner steiler Schrift, in Deutsch:

„OPA San, rufen Sie mich bitte an.

Unsere Töchter benehmen sich schlimmer, als damals unsere Mütter!

梅子 / Umeko!“

und daneben mit schneller Feder gezeichnet…

zwei kleine lachende Faune, an die Buben erinnernd.

 

Ich rufe an:

„Ja, wenn sie Jürg im Kindergarten abgesetzt haben, kommen Sie bei mir vorbei.“

Die gleiche weiche, wispernde, lispelnde Stimme wie die ihrer Tochter.

„Sie müssen nur die Telefonnummer ins Navi eingeben!“

Ihr verschwörerisches Kichern ist intravenös!

Stellen Sie ihr Auto ruhig in meine Einfahrt.

„Tschüss!“

Ein urdeutsches

„TSCHÜSS“

wie unter Freunden,

löst in mir ein Kribbeln aus.

Eine warme Welle durchfließt meinen Körper.

Jemand, dem ich auf den Geist gehe,

verabschiedet sich nicht so freundlich, nicht so vertraulich, so einladend.

Ich habe das Gefühl, dass sich da jemand freut, mich zu sehen.

Himmel! Dass eine Frau sich freut, mich zu sehen!

Aus welchem Grund auch immer.

Da bin ich eitel, wie alle Männer!

 

Umeko steht oben an der Freitreppe,

als ich die zehn Stufen im kleinen Vorgarten hochsteige.

Sie hat mich erwartet … steht in der Tür …

kommt mir einen Schritt entgegen … zwei Schritte.

Es ist, als ob ich nach Hause komme,

ihre Haltung, ihr Lächeln, ihr
Mir-Entgegenkommen.

So fühle ich mich, so wirkt Umeko auf mich,

so gehe, eile, fliege ich die Treppe hoch.

Sie streckt mir beide Arme – Hände entgegen, wie ihre Tochter …

nach unserem europäischen Ritual.

Bietet mir ihre linke Wange zum Kuss!

Beim Wenden vom Kopf zur rechten Wange fühle ich ihren Atem …

ihren Duft …

Durch ein raffiniertes Parfüm erhöht.

 

Sie führt mich direkt in ihren Garten… für Tokyo ein kleiner Park, geschätzte 1000m2.

Drei für Baumhäuser gut geeignete Bäume im Garten symmetrisch verteilt.

Ein wissendes Lächeln machen Umekos Gesicht einfach nur schön

und entspannt und weich und …

„Teufel, lass mich in Ruh!“

„Mein Gärtner kommt in einer Stunde und bringt seinen Schwager mit.

Der ist Schreiner und kann Ihnen helfen.“

Sie trippelt in den Asiatinnen eigenen Tippelschritten vor mir her,

in Richtung Keller- Garagengeschoss und öffnet fast zeremonienmäßig

eine breite Tür… bleibt andächtig stehen,

mir mit einer Handbewegung und kleiner Verbeugung den Vortritt anbietend.

Man nennt es auch

„Der Männer Heiligtum!“

Eine Werkstatt.

Mit (was keine Frau verstehen kann … zu unserem Glück)allem

was ein Schreiner – Schmied – Messerschleifer - Ledernäher – Steinmetz - Drechsler

so braucht, um glücklich zu sein.

Ich stehe einfach überwältigt vor so viel schönem und gebrauchsfähigem Werkzeug.

Nein, nicht nur japanische Werkzeuge.

 

„Nun die Bäume, kommen Sie, Opa San!“,

holt mich ihre Stimme aus dem staunenden Träumen.

Zwei, der drei Bäume eignen sich für ein Baumhaus.

Umeko lächelt in sich hinein.

Ihre Augen funkeln, ihr Mund kräuselt sich vor innerlichem Lachen.

Ihre Bewegungen sind, als schwebe sie zwei Finger breit über Null.

 

Umekos Gärtner und sein Schwager sind Fachleute.

„Soll es ein westliches oder ein japanisches Baumhaus werden?“

„UPS!

„Was ist der Unterschied?“

„Bambus oder Holz!

Binden oder Zinken und Zapfen!“

 Zwei Stunden später haben wir ein Konzept,

die beiden den Auftrag Material zu besorgen und mir zu helfen.

Umeko als Dolmetscherin dazwischen.

„Nein, Sie bleiben! Meine Tochter hat den Auftrag, Paul und Jörg abzuholen und hierher zu bringen.“

Und wieder dieses Strahlen und verinnerlichte Lachen.

In mir beginnt sich ein Interesse an Umeko zu formieren

- wie ein leises Klingen.

 

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Nanami steht neben mir in der Werkstatt ihres Vaters.

„Es war sein Tempel!“

Sie dreht sich zu mir hin, den Po an die Werkbank gelehnt.

Sie drängt sich mir entgegen, zwischen mich und die Werkbank,

drängt mich von der Werkbank weg.

„Niemand, außer mir, durfte sein Werkzeug benutzen!“

Kerzengerade und stolz steht sie vor mir, knapp eine Elle zwischen uns …

verteidigt sie ihres Vaters Heiligtum.  

 

„Jana hat mir erzählt, dass du auch so eine Werkstatt hast.“

„Nicht so eine schöne, nicht so schöne Werkzeuge.

Es ist eine Ehre für mich, mit so gutem Material arbeiten zu dürfen!“

Ihre Hände legen sich auf meine Brust.

„Ich habe auch eine Tochter, der Zwilling von Taiki.“

„Ich weiß!“

„Naoko und ihre Cousine Hikari haben einen Wunsch

und möchten ihn Opa San erzählen.“

 

„Ich höre! Wo sind die beiden?“

Ein glückliches Lachen huscht über ihr Gesicht.

Sie stehen vor der Türe und haben ‚Schiss‘, warten was der Opa San sagt!“

flüstert sie, und geht leise zur Tür, öffnet sie mit einem Ruck.

Erschrocken kullern zwei an der Tür lauschende Mädchen in die Werkstatt.

Ich gehe in die Hocke… auf Augenhöhe mit den beiden.

Wenn zwei siebenjährige Mädchen den Wunsch haben, auch ein Baumhaus …

ein Mädchenbaumhaus zu bekommen …

sie dich mit ihren dunklen Glutaugen keck angucken.

Dieser Opa San muss noch erfunden werden, der da „Nein“ sagt!

„Nur ein kleines Baumhaus!“

und zeigen mit ihren kurzen Ärmchen einen etwas größeren Schuhkarton.

„Ja, ihr bekommt euer Baumhaus!“

„Auf dem kleinen Baum?“

„Nein, auf dem anderen großen Baum.“

„Aber da haben wir Angst, so hoch zu steigen!“

„Das werden wir lernen.“

Während Nanami übersetzt, drücken ihre Knie leicht gegen meine Schulterblätter,

und ihre nervösen Hände zerzausen meine Haare.

 

Plötzlich flüstern sich die beiden Mädchen ins Ohr, kichern,

zeigen auf mich und schnattern los.

Mit einem Ruck schreckt Nanami hoch und drückt sich mit den Knien ab,

so dass ich in der Hocke fast das Gleichgewicht verliere.

Mein fragender Blick lässt sie rot anlaufen.

„Die Mädchen haben gesagt, ich würde Ihnen die Haare verstrubbeln wie beim Opa Hiroko… meinem Vater.“        

Feuchte Augen und eine schnelle Bewegung wischen ein paar Tränen weg.

„Er ist vor zwei Jahren verstorben!“

 

°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°

 

Umeko steht auf der Terrasse.

Um sie herum toben ausgelassen sechs Kinder,

vier schwarz- und zwei blondschöpfige.

Der disziplinierte japanische Drill ist jenseits der Mauern.

Hier spielen Kinder wie bei uns.

Nanami sieht meine Verwunderung und kommt zu mir.

Als Kinder durften wir in Deutschland toben und spielen und Unsinn machen.

Mein Vater hat es erlaubt, aber es nicht vermocht mit uns zu spielen und zu balgen.

Umeko genießt die wilde Kinderschar… das quirlige Durcheinander der Sprachen.

Japanisch die vier Schwarzschöpfe.

Deutsch die beiden Blondschöpfe.

Und untereinander Englisch.

„Haben Sie große Papierbögen?“

„Packpapier zum Beispiel?“

„Ja, wofür?“

„Die sollen sich ihr Wunschbaumhaus malen, jeder für sich!“

Ich ziehe Wachsmalstifte aus meiner Tasche.

 

Einen Augenblick später hockt, sitzt oder liegt die Fünferbande,

jeder mit einem Bogen Packpapier im Wohnzimmer

und malt, entwirft, konstruiert in freikünstlerischer Manier sein Baumhaus.

Auch Umenko, Nanami und mir

wurde von den Kindern ein großer Papierbogen in die Hand gedrückt.

 

Ich setze mich auf die Terrasse schräg zu den Bäumen.

Die beiden Gabelungen im ersten Baum

und eine Astbiegung auf der anderen Seite vom Stamm geben die Auflagepunkte

für das Baumhaus der Buben.

Schnell sind Wände, ein Fenster, Tür, Plattform und Dach skizziert.

Drei Leitern mit jeweils einer Zwischenplattform… fertig ist die Burg.

 

Und ich höre mit einem Achtelohr ein erstauntes:

„Was ist denn hier los?“,

meiner Tochter.

Sie macht einfach wortlos ihre Runde,

eine erste,

eine zweite

und wird richtig eifersüchtig,

da ihre beiden Söhne das Baumhauszeichnen für wichtiger halten

als das Auftauchen ihrer Mutter,

ihr Vater sie auch nicht zur Kenntnis nimmt

und Nanami nach dem Öffnen der Tür

 sofort weiter zeichnet.

Und tut das einzig Richtige!

Nimmt einen Bogen Papier …

und zeichnet ihre Vorstellung vom Baumhaus.

Ihrem dritten Baumhaus!

Das erste bekam sie, als sie im Alter ihres großen Sohnes war!

Das zweite, nachdem wir umzogen …

Und in dem sie …

ohne dass sie weiß, dass ich es weiß.

ihre Unschuld verlor!

 

Ich nehme einen neuen Bogen.

Umkurve den zweiten Baum!

Finde die Position… drei Hauptäste um den halben Baum verteilt …

 Die Mädchen bekommen ein größeres Haus, als die Jungs …

Ich freue mich schon,

denn die Mädchen zeichnen nicht das Baumhaus …

Nein, sie zeichnen wie es im Baumhaus auszusehen hat.

Das Bauen des Nestes überlassen sie uns … den Männern.

Das Schmücken des Nestes …

ist weiblich!

Schon mit sieben Jahren!

Auch in Japan!

Jana sitzt neben mir und lugt ständig auf mein Papier, neugierig was ich zeichne.

„Zwei Hütten! Du baust zwei Baumhäuser?“

Ich erkläre warum und wieso!

Und die Lütte hat tropfende Augen.

Verstehe einer die Frauen!

 

 

Umeko steht plötzlich neben mir, berührt zaghaft meinen Arm,

will Aufmerksamkeit.

„Opa San – wir müssen jetzt essen und die Kinder nachher nach Hause.

Helfen Sie mir in der Küche.“

Ihre kleine Hand liegt so selbstverständlich – vertraulich auf meiner Schulter.

War das jetzt ein signalsierender Druck,

dieses leichte Pressen mit den Fingerkuppen?

Oder nur ein Abstoßen beim Drehen?

 

Knöpflimehl!

Ein Paket echtes Knöpflimehl zaubert Umeko aus dem Schrank.

Sich an meiner Verblüffung weidend, lächelt das ganze Gesicht von Umeko.

„Meine Enkel wünschen sich von Opa San

   „Spätzle“ …

„Knöpfli“

wie man sie in ihrer Heimat auch nennt.

Und Salat mit einer Vinaigrette.

Wieder dieses verschmitzte Strahlen über das ganze Gesicht.

Als wüsste die alle meine Geheimnisse.

„Und kein Ketschup!

Kein Junk Food!“

Sie wieselt durch die Küche.

Tomaten, Paprika, unbekanntes Gemüse, Essig, Öl Zwiebeln, Gewürze,

Schüsseln, Töpfe.

Wie von Feenhand kommen die Dinge angeschwebt.

Umeko plappert die ganze Zeit.

Freunde aus Deutschland hätten ihr das Mehl geschickt und auch den Hobel dazu.

Paul hätte es ja von mir gelernt

und Taki und Naoko sind ganz wild auf Spätzle

und  sie haben es sich für heute Abend gewünscht.

Sie, Umeko, kennt es auch … mit Rotkohl und Gänsebrust

oder Wirsing und Geschnetzeltes an einer Rahmsauce.

Ja, und den Wirsing mit Gänseschmalz angedünstet.

 

Umeko steht einfach da und schaut mir zu,

macht alle Handreichungen - immer einen Wimperschlag vorher.

Erst das Kichern der Rasselbande macht uns aufmerksam, dass wir Zuschauer haben.

Die fünf Kinder sitzen alle im Schneidersitz in der Tür

und die beiden Mädels/Mütter lehnen mit versonnenen Gesichtern am Türrahmen.

 

„Papa…

- Umeko!“

„Ja, was ist!“

„Die hat dich sechs Mal gestreichelt… so im Vorbeigehen!“

„Echt? Sowas!“

„Halte mich nicht für den Affen!“

„Warum sollte ich!“

In der gleichen Zeit hast DU sie sogar einmal gekniffen …

in den Po, Papa, ordinär in den PO!“

Sie hat mich vorher in die Seite gekniffen… soll ich dir den blauen Fleck zeigen?“

„Papa sei nicht albern… in deinem Alter!“

„Nanami ist eine gute, meine beste Freundin.

Reiß dich zusammen und mach es bitte nicht kaputt!“

Ich strecke ihr mein Glas hin.

„Hat es wenigstens geschmeckt, war es essbar, was wir gekocht haben?“

„Papa, du bist wieder einmal unmöglich!

Jetzt bist du so richtig das alte Ekel!

Kehrst den Macho heraus.

Du weißt genau, dass ich Recht habe.

Umeko macht man nicht an.

Sie trauert noch immer um ihren Mann!

Du benimmst dich wie ein Holzklotz!“

 

„Amen, und die nächste Predig zum Frühstück?“

Meine Tochter, schlimmer als ihre Mutter!

 

„Los schenk ein …

eine letzte Pfütze vor dem Schlafen gehen.“

Ich halte ihr mein Glas hin.  

 

Töchter und Anhang haben bis zum Wochenende Hausverbot.

Ich arbeite mit dem Gärtner und seinem Schwager jeden Tag an den Hütten.

Die Jungs bekommen ein original japanisches Baumhaus

und die Mädchen ein traditionelles europäisches.

Umeko macht den Fahrdienst für die Kinder,

organisiert Material im Baumarkt,

sorgt für Trinken und Essen

und

wäscht den Mädels die Köpfe.

Sie tröstet die Ungeduld der Kinder,

ist selten oder nie zu sehen.

und wenn, nur

als schwebender Rauscheblitz im Vorbei-Flitzen wahrnehmbar.

 

Papa hier, Opa da –

du musst, solltest, wolltest –

haben wir besprochen, abgesprochen, versprochen.

Nein!

Wolltet ihr mir aufbürden …

mich vom Kurs abbringen!

Und mit…

„Samstag ist Party! - Einweihung der Hütten!“,

fege ich jedes Argument hinweg.

 

Richtfest!

Wir müssen auch ein Richtfest feiern.

„Richtfest?“

 Umeko muss etwas länger nachdenken

„Ich habe dieses Wort schon gehört!“

Ein Strahlen überzieht ihr Gesicht

 und am Freitag kommt sie mit zwei kleinen Koniferen im Blumentopf angesegelt,

nicht größer als eine Elle.

 

Meine beiden japanischen Helfer haben Feuer gefangen,

ihre Freude an dieser Arbeit ist mehr als merkbar,

und sie steuern ständig neue Ideen hinzu.

So bauen wir eine Hängebrücke zwischen den Hütten.

Ihre Frauen knüpfen und spleißen unter Anleitung eines Fachmannes die Seile.

Am Freitagnachmittag steht Umeko zum ersten Mal in einer der Hütten.

Sie hat allen Mut ihres Lebens zusammengerafft

und ist mit einer der Frauen hochgestiegen,

 turnt über die fast fertige Hängebrücke zum andern Baumhaus.

Wortlos schwebend, ihre Augen, ihr Gesicht entrückt,

in einer anderen Dimension.

Entschwindet sie mit ihren zwei helfenden Geistern …

zurück in ihr Reich …

hinter geschlossenen Türen …

geheimnisvoll tuend.

 

Um Samstag kurz vor Mittag,

mit ihren beiden Geistern,

zeremoniell im Ornat erscheinend,

uns Männern die Ausstaffierung der Baumhäuser zu übergeben,

so wie die Enkelinnen es malten, die Enkel ihr erzählten.

Zurück eilend ins Haus, gefolgt von den beiden Helferinnen,

wiederkehrend im praktischen Arbeitsanzug.

Dreimal allen Mut zusammennehmend,

um mit Hilfe der Männer das Ausstaffieren selber zu überwachen.

Das Mädchenhaus ist knapp zweieinhalb Tatami groß,

das der Jungs zwei Tatami und eine kleine Ecke.

 

Die Mädchen haben sich einen Himmel gewünscht und Gardinen.

Die Jungs zwei Bänke und einen Tisch.

Die Mädchen haben eine Winde mit Körbchen,

die Buben können die untere Leiter hochziehen.

 

Richtfest, Party, Grillen, Aktion, Attraktion.

Janatöchterchen hat das Unvermeidliche akzeptiert.

Stresst natürlich noch mit ihrem Vater …

Rückzugsgeplänkel!

„DU macht sowieso immer DEIN DING!“,

zischte es über den Tisch.

„Und diesem Willen verdankst du dein Leben!“,

knurre ich mehr als nur genervt zurück.

„Und was hat es mir eingebracht…Hääh?

Zwei Buben, die genauso stur ihre Dinger drehen, wie ihr Großvater!“

„Wie war das mit den Apfel und Baum?“

 

 

Umeko hat ihre Verbindungen nach Deutschland auf Touren gebracht.

Hat von Freunden einen Richtspruch bekommen und übersetzen lassen.

Klammheimlich! 

Klammheimlich zupfen mich Naoko und Hikari am Ärmel.

Die beiden Mädchen durften bei Oma schlafen, denn sie haben noch einen Wunsch.

Sie drücken mir einen Zettel in die Hand …

Umekos Schrift.

„Wir müssen vorher das Klettern üben - Opa San!

Hast es uns versprochen.“

Eine Stunde später

kraxeln zwei kleine, kichernde, glutäugige Schwarzkopfäffchen durch den Baum.

Von Angst keine Spur.

 

Alle kamen.

Alle, die mitgeholfen haben.

Jana musste Nanami und ihre Schwägerin Reika

aus einer siebenachtel Ohnmacht

mit blassfahlem Schweißausbruch zurück holen,

als sie sahen,

wie ihre beiden Töchterchen die Leitern enterten und im Baum verschwanden.

Die Buben waren eh schon in ihrer Hütte,

und die ersten verbalen Geplänkel über Besuchsrechte und  Anmelden

und Kodex schwirren durch die Bäume:

„Lieb-Sein wenn ihr kommt, nicht Kämpfchen machen!“,

 von der Mädchenseite und

„Wenn ihr schnippisch seid, müsst ihr sofort zurück, klar!“, die Buben.

 

„Hast du meine Mutter gesehen?“

„Ja!“

„Wo?“

„Oben!“

Nanami will ins Haus zurück laufen.

„Oben! Bei den Mädchen!“

„Willst mich verarschen?!“

Wenn eine Japanerin dich mitten in Tokyo,

mit tiefster Überzeugung,

aus voller Brust,

voll genervt,

mit:

„Willst mich verarschen!“,

anknurrt …

hat das einen hohen sinnlichen Reiz …

um fast zeitgleich aus dem Sprachrohr,

das wir am Stamm befestigt haben,

die überschlagende Stimme ihrer Tochter zu hören:

„Mami, Mami der Tee ist fertig.

Komm hoch und bring Tante Reika mit!“

 

Schon schön anzusehen,

 richtig erotisch,

wenn zwei junge,

etwa vierzigjährige, gut aussehende, gepflegte,

 beruflich erfolgreiche Frauen und Mütter,

von ihren Kindern aufgefordert werden in die Bäume zu steigen.

Aufgeregtes Dribbeln,

Hin-und-Herlaufen,

 Schimpfen,

auf mich,

 auf die Kinder und Mutter und Schwiegermutter und überhaupt.

Bis Umekos energische Stimme im Sprachrohr ertönt

 und die jungen Frauen auffordert, ihre Röcke zu wechseln

und die Kinder nicht so lange warten zu lassen.

 

Jana ist schon in der Bubenhütte.

Besänftigt,

auf dem Weg, es „toll“ zu finden,

erzählt sie den Buben von ihren beiden Hütten,

die ihr Papa,

„Ja, der Opa!“

gebaut hat …

und macht den Kardinalfehler!

Erzählt im Überschwang:

„Ich durfte auch in der Hütte schlafen!“,

und konnte es noch eben relativieren

„Opa hat es erst erlaubt, als ich in die ganz große Schule ging!“

 

***************

 

Umeko steht verloren im Garten.

Die Dunkelheit und Stille umfängt uns.

Sie hat mich gebeten noch zu bleiben, ihr zu helfen, etwas aufzuräumen.

Ich sitze unter einem der Bäume

und sehe sie im Gegenlicht der erleuchteten Veranda.

Klein, zierlich, immer noch in der weiten Hose und Jacke.

„Peter?“

Zum ersten Mal benutzt sie meinen Namen.

Bis jetzt hat sie immer

„OPA San“

zu mir gesagt, wie die Kinder.

 

Ich mache mich bemerkbar.

Durch den Bodenschatten entsteht das Gefühl, als würde sie schweben.

Sie schwebt … schwebt … setzt sich neben mich … lehnt sich an mich.

Stille.

„Nichts kommt von ungefähr!“

Umeko spricht diese Worte mit einer leisen Stimme,

fast flüsternd…

in reinem Deutsch.

„1969

Büderich,

Friedensstraße,

hat ein junger Mann seinen Kindern ein Baumhaus gebaut.

Seine Frau hat alle Kinder in der Straße

zur Einweihung eingeladen.

Er hat Reibekuchen gebacken, mit Apfelmus.

Sie hat Oliebollen gebacken.

Naomi war vier Jahre,

ihr Bruder Hiroki sieben Jahre.“

 

Ein Film läuft vor meinen inneren Augen an.

Meine erste Anstellung nach dem Studium.

Unsere erste Wohnung – Einlieger in Souterrain.

Meerbusch-Büderich.

Miete abarbeiten im Garten und

Lisa waschen und bügeln für das ältere Ehepaar.

Er, der Alte, Udo, setzte mir den Floh ins Ohr …

„Bau deinen Kinder ein Baumhaus! –

Meine hatten auch eins!“

Das Holz fand ich gestapelt hinter der Garage.

„Lade alle Kinder aus der Straße ein!“

Seine nächste Überraschung!

Und Elly seine Frau wünschte sich Oliebollen,

Udo Reibekuchen.

 

„Seit wann weißt du es?“

Meine Frage ist so banal wie überflüssig.

„Seit Jana mir ein Bild von Lisa und dir gezeigt hat, habe ich es geahnt.

Als ich deine Stimme hörte, wusste ich es!“

 

Ich ziehe sie in meine Arme und sie kuschelt sich in meinen Schoß.

Ich fühle ihr Haar an meiner Nase, sauge ihren Duft ein,

Fühle, wie ihre Hand meinen Arm um sich zieht.

 

„Peter … können wir im Baumhaus schlafen?“

„Ja!“

 

©S‘Rüebli