Stoßzeiten beim Maibaum-Setzen

 

Das Plappermäulchen der Fahrerin steht keinen Moment still… ab Flughafen, 28 Kilometer durch mitternächtliche Landschaft. Sie erzählt… was eigentlich? Etwas von ihrer Tochter, die was Besseres lernen und werden soll, von ihrem Hund, der partout keine Katzen mag und daher ihr Freund sie verlassen hat, davon in meinem Dorf gewohnt zu haben, zur Schule gegangen zu sein, und dass sie arg enttäuscht ist, als sie hört, dass ich erst seit einem Jahr dort wohne. „Wo? Ach ja – Kreuzstraße 14. Ist das nicht die alte Schreinerei von Jansen?“ Und nein, sie wohnt jetzt in der Hauptstadt und Taxi fährt sie auch nur noch als Vertretung oder zu Stoßzeiten. Ich kann mir das Stichwort nicht verkneifen: „Und wann sind Stoßzeiten?“

 

Mitten im Luftholen zum nächsten Monolog ein kurzer Upser. Humor hat sie und schlagfertig kommt es: „Meistens Vertretung, weil die anderen bei den Stoßzeiten hängen bleiben.“ Sarkastisch wie ich im Moment drauf bin: „Mein Mitgefühl für Ihre Aufopferung.“ Und schon hänge ich im Sicherheitsgurt. „Blödes Volk, mit ihren Maibäumen!“ Vor uns überquert eine Horde zweibeinige Jungbullen die Straße, jeder einen mächtigen Birkenast schulternd. „Wann haben Sie den letzten Maibaum gesetzt?“ Die Frage musste kommen… nach meiner Provokation.  1985, West-Südwest von dort wo der Rhein nach Norden abbiegt… in einem Ort wo Maibäume exotisch wirken.“ - „Spricht man dort schon Französisch?“, verblüfft sie mich und steigt erneut in die Bremse.

 

„Macht es Ihnen was aus, wenn wir die kleine Maus mitnehmen? Der Rest geht auf meine Rechnung!“ Vor uns müht sich eine zierliche Frau mit einem Birkenast über die Straße. „Find ich toll, dass auch eine Frau ihrem Schwarm ein Maibaum setzt!“, und schon surrt die Scheibe. Mein entspanntes Schmunzeln richtig deutend fragt sie: „Wartet bei Ihnen auch nur eine dunkle, kalte Bude?“ Der Umweg war nicht groß, dagegen aber die Freude der Kleinen, als wir vereint den Baum auch noch setzten. „Er ist auf Schicht und kommt erst in der Früh zurück!“, verrät sie uns noch, und ihre funkelnden, strahlenden Augen lassen in mir Sehnsucht aufkommen. Anscheinend geht das nicht nur mir so, denn der Babbel meiner Fahrerin bleibt stumm. „Ist es hier auch üblich, dass der Maibaumsetzer zum Frühstück erscheint?“, durchbricht meine Frage die Stille. Nur ein Nicken als Antwort, und ein Handrücken wischt über die Wange.

 

„Oder ist die 14 dem Jansen schräg gegenüber, die alte Schmiede?“, fragt sie, als wir in die Straße einbiegen. „Schön, so verliebt zu sein wie die Kleine! Warum geht so etwas an uns vorbei?“, brummle ich mehr zu mir, als für andere, in dem Moment als ich sie bezahle und nach dem Hausschlüssel krame. „Müßig zu fragen, ob sie noch einen Kaffee mit mir trinken … bei Ihnen ruft sicher auch die Pflicht!“ Mir graut es heute in dieser lauen Nacht in meine dunkle, einsame Bude zu gehen, so schön und gemütlich sie auch ist. „Einen Kaffee? Ja! Ich habe jetzt Pause! Muss mich nur schnell bei der Zentrale abmelden.“ Eine Stunde später sorgt die Zentrale für eine klare Situation. „Hey Lady, wo steckst du? In Kaiserswerth ist eine Großparty in Auflösung. Dein Typ wird verlangt!“, tönt es aus dem Handy.

 

Dreimal kurz - dreimal lang - dreimal kurz … die Klingel. Acht Uhr? Mehr kugelnd als gehend tapse ich aus dem Bett und zur Haustür. Beim Öffnen der Tür schiebt sie eine Tüte durch den Spalt – Brötchen, Käse, Schinken, Eier. Hinten an der Tüte dran: Mein Plappermäulchen … Sie grinst die Augen voller Schalk, als sie auf einen kapitalen, an der Dachrinne hängenden Maibaum zeigt.

 

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Heute haben wir den sechsten Mai. Das Wort „Stoßzeiten“  ist inzwischen unser geflügeltes Wort. In den anderen Zeiträumen versuchen wir intensiv auf diese Zeiten hinzuarbeiten. Es ist tagfüllend, atemberaubend, sinnenberauschend, gefühlsduselig, emotionsträchtig …  und so entspannend schön.

 

Möge es so bleiben.

 

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