Altweiber

 

Eric sagt man eine gewisse Härte nach, beruflich… Privat kennt in kaum einer. Jetzt, Donnerstag - schon fast zitiert - soll/muss er in die Deutschlandzentrale nach Düsseldorf. Schon wieder! Diese Deutschen können ihm so langsam den Buckel runter…  und auch noch über Nacht bleiben! „Merde, les Allemand!“, haben sie wieder ihre Schulaufgaben nicht gemacht. Seit dieser Kai GF ist, funktioniert nichts mehr. Zugegeben, die Gewinnmargen sind mächtig gestiegen.

 

Als er in das Taxi einsteigt, bittet er den Fahrer diese schreckliche "Oktoberfestmusik" abzustellen und hat einen neuen Freund - der ihn über Wersten und Volmerswerth nach der Berliner Allee bringt, um ihn pünktlich 11:15 Uhr vor dem Eingang abzusetzen.

 

Seinem Ruf getreu springt er aus dem Taxi und überquert mit großen Schritten den Bürgersteig. Die Tür wird ihm geöffnet … und er läuft mit federndem Schritt in einen Pulk von Möhnen. Sein konsequentestes „NON!“ verhallt im Jubel der Möhnen. Er sieht eine Schere aufblitzen, fühlt einen Griff an seiner Gurgel. Zwischen tausend Pützchen, teutonischen Lustlauten, grauenvollen Parfümwolken, Knuffen und Tätscheln, sieht er eine dieser fürchterlichen Furien durch die Halle tanzen. An den Füßen diese schrecklichen, holländischen Holzschuhe. In der linken Hand ein Teil seiner neuen, sehr teuren Krawatte von Versace und in der rechten Hand eine große Schere.

 

Die sonore Stimme von Kai: „Na na, lasst uns was übrig. Er muss noch arbeiten!“, befreit ihn nur zögerlich aus diesem Geflecht von Armen, gewaltigen Brüsten, breiten Hüften, mächtigen Steißen.

 

„Willkommen im rheinischen Karneval!“ Kai freut sich diesem blasierten, aufgestelzten „Frenschiboy“ eine kleine Lektion erteilt zu haben. Eric sieht Kai vor sich stehen, mit abgeschnittener Krawatte und zwei Gläsern in der Hand. Mit: „Der Champagner ist echt!“, drückt er ihm ein Glas in die Hand. Sein Protest: „Ich bin hier, um zu arbeiten!“, wird mit einem lauten „Hellau“ übertönt, und zwischen zweien dieser Furien eingeklemmt, steht er plötzlich in der Buchhaltung - ohne Mantel, Jacke und Tasche. Sein klingelndes Handy verschwindet ebenso.

 

Von da an sind seine Erinnerungen nur lückenhaft. In zwei Stunden trinkt seinen normalen Jahresumsatz an Bier, mampft seine dritte Blutwurst und merkt, dass Löwensenf verdammt scharf ist. Viele der Furien parlieren auf einmal Französisch, die Jungs würgen jeden sachlich fachlichen Dialog ab, erzählen von sich oder Gott und der Welt. Immer wieder kommen Furien und holen ihn zum Tanz ins große Besprechungszimmer. Diese Teutoninnen haben eine ungeheure Energie, und sie beginnen zu schwitzen, zu duften unter ihren Maskeraden … und machen Eric spitz, von Tanz zu Tanz spitzer.

 

Beim Eindunkeln nach der X.ten Polonäse, eingeklemmt zwischen gestopften Titten und gepolsterten Ärschen, sieht er seine Krawatte am Busen einer der schrecklichsten Möhnen hängen. „Mon Dieu!“, ist sein letztes verständliches Wort, als sie ihn in die Arme nimmt und mit den Klompen klappernd zu tanzen beginnt. Sie hebt ihn einfach hoch, küsst ihn auf die Augen, beißt ihn ins Ohr, zärtlich in die Nase und auf den Mund. Eric ist angesteckt. In ihm regt sich der „Male“. Seine Zunge findet Einlass. Der Geschmack der Schminke gehört nun mal zum Karnevalkuss.  Und der „Male“ befiehlt ihm den „Male“ zu stehen, und sie lässt ihn nicht mehr los. Er gehört ihr und die Meute respektiert es.

 

Um zehn Uhr ist Demaskierung. Kurz davor … Eric am Ärmel zupfend, zieht sie ihn um die Ecke, schlüpft aus den Klompen, huscht mit ihm auf ihren Ringelsocken die Treppe runter, und einen Augenblick später sind sie auf der Straße, im Trubel der Stadt. Am Freitag erledigen sich viele Dinge sehr flüssig, und als Eric in Roissy landet, hat er ein gutes Gefühl - ein sehr gutes.

 

Drei Monate später, als Kai die Abberufung seiner Controllerin nach Paris - zwecks Karriere - gegenzeichnet, fällt allen im Büro seine fröhliche Laune auf.

 

© S'Rüebli                                                                                    Ihre Meinung?