Nikolaus





 

Hat sich bei Ihnen der Nikolaus auch heimlich, still und leise eingeschlichen?

Sie überrascht?

Ich war überrascht!

Alle blank geputzten Stiefel im Flur … leer?!

 

Hmm, … dass er heute Morgen noch nicht da gewesen war, konnte ich durchaus verstehen. Jetzt aber - am späten Nachmittag?

 

Es dunkelt bereits. Das Tanzen der Schneeflocken im vorweihnachtlichen Lichterschein der festlichen Straßenbeleuchtung verbreitet während des Heimwegs eine fröhlich, friedliche Grundstimmung. Trotzdem! Innerlich knurrend wetze ich nun meine Krallen. Er sollte nur kommen, der Nikolaus, ich werde … IHN meine Krallen spüren lassen!

 

Frustriert reiße ich die Wohnzimmertür auf … halte die Luft an … und … bin sprachlos. Ehe das Gehirn das projizierte Bild verarbeitet, realisiert meine Nase den betörenden, süßen Duft von … MARZIPAN! Ich schließe die Augen, inhaliere den verführerischen Duft und gehe in die Knie. Das ist mein Leben, dafür würde ich mit Wonne „sterben“. Genüsslich leckt die Zunge über die Lippen … „Alles MEIN!“

 

Reine Besitzgier bestimmt diesen Gedanken. Diese Rundung, Glöckchen mit großer, roter Schleife und eine Rosette als Verzierung. Verzückt laben sich meine Augen an diesem Anblick. Wo soll ich anfangen, wo zuerst probieren? Vorsichtig tasten die Finger am Rand entlang, befriedigen mit einem Hauch die unruhige Zunge. Hmmhm … himmlisch! Zart stupse ich die Zunge in die Blüte … auch eine süße Nascherei. Und die …  Glocken? Lüstern entscheide ich, erst die Schleife entfernen. Genüsslich knurrend, ziehen die Zähne langsam am Schleifenband, sanft, bis sich alles lockert, löst. Übermütig zwicken meine Zähnen in den Rand einer Glocke. Lecker … hgrrrhrr.

 

Trotzdem, ohne Schleife ein trauriges Bild. Ein Gedankenblitz, aufgeregt an der Unterlippe knabbernd, schlinge ich das Band neu. Schaue verblüfft … ein völlig neues Bild. Die Zähne schaben sanft über die Oberfläche, die Zunge spielt mit den Klöppeln. Blanke Versuchung fließt zunächst langsam und träge durch meinen Körper. Dazu aber dieser appetitanregende Duft nach Marzipan. Das hält die zahmste Frau nicht aus. Wogende Gier schlägt über mir zusammen. Ein Biss … süße Wonne … Inbesitznahme!

 

… und wenn erst mal das Lichtlein brennt, dann gibt es Freude im Advent … schießt es mir noch durch den Kopf.

 

Später, viel später, als ich träge, satt und friedlich die Augen wieder auf bekomme, kann ich mir eine Frage doch nicht verkneifen. „Nico?“ - „Ja, meine Liebe?“, kommt es leise zurück. „Verrate mir bitte, wie hast du es geschafft, deinen verlängerten Rücken wie Marzipan duften und schmecken zu lassen?“ Grinsend schüttelt er mit dem Kopf. „Nein, du neugieriges Frauenzimmer, das bleibt das Geheimnis des Nikolaus.“

 

©murr