Wiesenfest 1

Vier Mädchen und drei Jungs waren sie in der Konfirmandengruppe gewesen, damals, und irgendwie fühlten sie sich auch immer noch verbunden, obwohl sie die verschiedenen Ausbildungen und Berufe längst himmelweit trennten. Eigenartigerweise fanden sie sich am Wiesenfest doch jedes Jahr wieder zusammen – zumindest im Bierzelt. Dazu kehrten sie jedes Jahr nach Hause zurück.

 

Wiesenfest - damals:

 

Vor Jahren aber, fand dieses „erste Treffen“ schon eine Woche vorher statt, denn Pia hatte leichtsinnigerweise laut und deutlich geäußert, dass sie „Wer-weiß-Was“ geben würde, wenn sie nicht Blumen sammeln müsste – alle Freundinnen hatten von Herzen zugestimmt. Zum Wiesenfest in Lichtenberg war es Sitte, dass Mädchen in dünnen, weißen Kleidern beim großen Festumzug Blumenbogen durch die „Stadt“ trugen, und die Trägerinnen mussten sich vorher eben diese Blumen in den Gärten der Gemeinde „erbitten.“ Zu zweit trugen sie die Bogen und zu zweit gingen sie Blumensammeln. Und sie hassten es!

 

Thomas hatte Pias Äußerung aufgeschnappt und sofort alle seine Freunde alarmiert. „Männer!“, hatte er voller Enthusiasmus getönt, „wir können uns eine grandioses Wiesenfest bereiten, wenn … wir Blumen sammeln!“ Jürgen war da ganz anderer Meinung. „Du hast einen Knall! Blumen sammeln? Ich nicht! Das ist Weibersache!“ Die murmelnde Zustimmung der männlichen Mehrheit war ihm sicher, aber Thomas hatte einen Trumpf! „Die Mädels würden WER-WEIß-WAS geben, wenn wir …“ Er grinste über alle vier Backen. „Das hat zumindest die Pia gesagt!“ - „Du meinst …?“ Peter wurde knallrot im Gesicht. Er hatte noch nie ein Mädchen geküsst! Das wusste aber keiner, hoffte er!

 

Ob die Mädchen wirklich bereit wären, sich für ein paar Blumen küssen zu lassen - wer konnte das schon wissen … Eine klitzekleine Knutscherei wäre schon drin. Vielleicht! Und so ging der obligatorische Zettel, der sie alle zusammentrommelte, noch am selben Tag durch das ganze Dorf. Donnerstagabend trafen sie sich dann auf dem Sportplatz. Ein heißer Sommerabend war das, und die Mädels waren allesamt sehr luftig und sexy gekleidet, was die Jungs erstrecht inspirierte. Sie würden keinen Rückzieher machen!

 

„Was würdet ihr sagen“, begann Thomas, „wenn wir, d.h. die hier versammelten "Herren", euch die vertrackte Blumensammelei abnehmen würden?“ Er machte eine kunstvolle Pause, in der bereits einige der Mädels begeistert aufsprangen. „Toll! Das wär doch was!“ Sie redeten alle durcheinander. „Wer? Ihr? Warum? - Was sollen wir dafür …?“ Dass da noch was kam, war klar! Andrea ergriff das Wort. „Ihr wollt für uns Blumensammeln? Diese „Weiberarbeit“ wollt ihr machen?“ Ihre Stimme wurde immer leiser, eindringlicher. „Warum? Was wollt ihr dafür … von uns?“

 

Jetzt war die Stille mit Händen greifbar. Die Mädchen musterten ihre Freunde genau, und die wurden immer nervöser. Sie konnten ihnen nicht in die Augen schauen, so unangenehm war es ihnen, jetzt sagen zu müssen: „Wir wollen Sex dafür!“ Obwohl sie eigentlich nicht wussten, was sie sich unter dieser „Gegenleistung“ genau vorstellen sollten, na ja, Küsse halt! Innerlich verfluchten sie sich selber. Was für eine saublöde Idee hatte da der dämliche Thomas gehabt! Und warum waren sie so begeistert davon gewesen? Wenn sie sich aber vorstellten, dass die Mädels bereit wären, ihnen die Blumen gewissermaßen abzukaufen … gegen Küsse … dann wurde ihnen allen ziemlich heiß! Und dann waren sie sogar bereit, sich dieser „kleinen“ Unannehmlichkeit zu stellen.

 

WAS … wollt ihr dafür?“, flüsterte Marion akzentuiert. Und nun konnte er doch nicht, der mutige Thomas! Er konnte es nicht sagen. Mit glühend-rotem Kopf musterte er seine Schuhspitzen und bekam keinen Ton heraus. Was hatte er sich bloß gedacht? Nichts! Offenbar gar nichts! Jetzt wünschte er sich weit weg von hier. Hätte er bloß sein großes Maul gehalten, dann könnte er jetzt vielleicht Antonia zum Wiesenfest einladen. Nun hatte er all seine Chancen vertan, denn nun mutmaßte ausgerechnet sie: „Wir sollen … zahlen … für die … Arbeit, oder?“ Die Jungs sahen hoch und hielten die Luft an, also war sie auf dem richtigen Weg. „Was? Was … sollen wir … euch … zahlen?“ Aber sie bekam keine Antwort. Keiner traute sich.

 

Antonia drehte sich um und sah Marion an. Ihre Augen blitzten. „Kommt doch mal mit, Mädels!“ Mit ein paar schnellen Sprüngen waren sie abseits, drehten sich zueinander und bildeten einen Kreis, so wie das die Jungs immer taten, beim Sport. Toni hatte längst begriffen, was da abging. Sie hatte einen älteren Bruder, der nur noch Mädchen im Kopf hatte. „Ihr wisst, WAS sie wollen, oder?“ Alle nickten, bis auf Marion. Sie sah ungläubig drein. „Nein! Sagt mir, dass das nicht wahr ist! Sie wollen …?“ Pia grinste. „Genau! Sie wollen … knutschen … fummeln vielleicht … Wetten? – Warum sollten sie sich sonst so anstellen?“ Andrea nickte. „Du hast Recht! Ich schwöre dir, genau das wollen sie, „die hier versammelten "Herren"“!“ Sie fand es witzig.

 

„Ja, und nun? Was machen wir nun?“, fragte Toni. Pia wusste, was sie wollte. „Ich geh nicht Blumen betteln! Nicht dieses Jahr! Nicht, wenn ich es vermeiden kann! Und ich KANN es vermeiden! Die paar Schmatzer sind mir das auf jeden Fall wert, aber sagen müssen sie es uns jetzt. Das nehmen wir ihnen nicht ab!“ Die Schadenfreude stand ihr ins Gesicht geschrieben. Sollten sie sich winden, sollten sie sich schämen, ob dieser Bedingung!  Sie platzte fast vor Vergnügen. Küssen war eine geile Beschäftigung. Sie hatte schon mal … Doch, sie würde es genießen. Mehr war allerdings nicht drin! „Also, was meint ihr dazu?“, stellte sie die entscheidende Frage. Toni nickte. „Ich bin dabei!“ Marion zuckte die Schultern. „Mal sehen!“ Wohl war ihr nicht in ihrer Haut. Andrea aber grinste breit: „Mal sehen, wie die „Herren“ jetzt aus dieser Klemme rauskommen!“

 

Wiesenfest - 8 Jahre später:

 

Natürlich mussten sie sich das wieder anhören. Jedes Jahre auf’s Neue! Die Mädels grinsten sie jedes Mal spöttisch-vielsagend an, wenn sie sich im Zelt trafen. „Na, wollt ihr … küssen?“ Und dann bekam jeder einen dicken Schmatz, so wie es damals gewesen war. Oh wie hatten sie sich geziert, die Knaben, bis dann doch einer – Jürgen – bereit gewesen war mit der Sprache herauszurücken. Mutig hatte er sich hingestellt und laut gesagt: „Wir besorgen euch die Blumen, wenn … wenn …“ Er räusperte sich und sah zu Boden. „Wenn … wir euch … küssen dürfen!“ Er war immer leiser geworden, und das letzte Wort war unhörbar, fast nur noch gehaucht gewesen. Natürlich bekam er jährlich den Spott besonders dick. „Na Jürgen, küssen? Wie wäre es diesmal mit Zunge?“ Andrea feixte, ihre Zunge spielte aufreizend im Mundwinkel, und als er sie in die Arme nahm und herzhaft auf den Mund küsste, lachte sie laut. „Viel besser als damals, Süßer!“

 

Nein, diese Episode hatte ihrer Freundschaft nicht geschadet, und so saßen sie nun alle – fast alle – im Bierzelt und amüsierten sich. Marion fehlte in diesem Jahr. Sie war zum Studium in Amerika und hatte Email-Grüße und „dicke Küsse“ geschickt. Die Freunde stießen auf ihr persönliches Wiesenfest an und wiederholten ihr geheimes Ritual in Gedanken und Erzählungen. „Weißt du noch …“

 

Oh wie aufregend das gewesen war, als die Jungs mit zwei Waschkörben voll Blumen zu ihnen kamen. Bei Toni im Garten hatten sie sich eingefunden, rot bis über die Ohren und nervös bis in die Zehenspitzen. Auch den Mädchen war gar nicht wohl in ihrer Haut gewesen und so fragte Toni barsch: „Na, wer küsst wen?“ Aber dann kam wieder der mutige Jürgen und reklamierte. „Nicht jeder einen! Jeder jeden! Das sind schließlich … sehr viele Blumen!“ Den Mädels blieb die Luft weg. So eine Frechheit! Andererseits … Sie waren vier und die Jungs drei. Eine würde leer ausgehen müssen und insgeheim hatte jede Angst, sie würde es sein, die keiner haben wollte! So konnte das nicht passieren – und drei Küsse … Es waren wirklich ziemlich viele Blumen, die die Jungs gesammelt hatten! Und insgeheim wollten sie doch auch.

 

„Also, dann los!“, hatte Antonia kommandiert, war aber ziemlich blass geworden, als Thomas auf sie zutrat. Er war ihr heimlicher Schwarm, also musste sie nun besonders cool tun. Sie hatte seinen Kopf in beide Hände genommen und ihm einen Schmatz aufgeschmettert, dass es nur so knallte. Anschließend hätte sie sich am liebsten in den Allerwertesten gebissen. Diese einmalig tolle Chance hatte sie vertan, und als er dann Marion in die Arme nahm und mit den Lippen zärtlich ihren Mund berührte, wäre Toni fast geplatzt vor Eifersucht. Irgendwie war es aber dann ziemlich rasch drunter und drüber gegangen und sie hatte den Überblick verloren. Jürgen und Peter wollten sie ja auch noch küssen. Einer von beiden hatte sogar seine Zunge ins Spiel gebracht. Igitt! Aber dann war es vorbei. Schließlich standen sie sich alle wieder gegenüber, atemlos, peinlich berührt, ratlos, und so waren sie dann ganz schnell verschwunden. Still und unauffällig – jeder nach Hause. Sie hatten genug zu denken, zu fühlen und zu sortieren.

 

Heute konnten sie darüber lachen. Der Abend wurde ziemlich lustig und immer fröhlicher und so kam es dann wohl dazu, dass irgendeine der Mädels anfing zu necken: „Na, wie viele Blumen besorgt ihr uns heute?“ Pia staunte. Das war Andrea gewesen! Und selbstverständlich hakten sie ein, ihre illuminierten Freunde! „Locker einen Waschkorb voll!“, tönte Jürgen und sah Andrea mit leuchtenden Augen an. „Was krieg ich dafür?“ Sie wurde rot. „Einen Schmatz!“, konterte sie. „Reicht nicht!“, flüsterte er zurück. Auf einmal knisterte die Luft, und die Spannung zwischen den beiden hätte einem Blitz zur Ehre gereicht.

 

Atemlos beobachteten die Freunde, was sich da zwischen diesen zweien tat, aber Andrea wiegelte ab: „Ich muss jetzt sowieso Schluss machen, ich bin müde!“ – „Feigling!“, tönte es ihr im Chor entgegen. „Wir hatten doch abgemacht, dass wir uns bei Toni im Gartenhaus treffen – so wie jedes Jahr!“, monierten die Freunde, männliche und weibliche. Das war schon lange ein fester Bestandteil ihres Rituals. Was war nur in sie gefahren? Andi wusste es selber nicht so genau, aber Jürgen ging ihr seit damals einfach nicht aus dem Kopf. Das war eben so. Vielleicht wollte sie die Gunst der Stunde nutzen – ihn herausfordern! Nun, dann aber richtig! „Okay! Ich komm hin. Ist ja schließlich Ehrensache!“, stimmte sie zu. „Aber erst muss ich noch mal zum Festplatz!“ – Toni schmunzelte. „Wir treffen uns dort - in einer Stunde. Die Tür ist offen! Bis später!“ Plötzlich schien es jeder eilig zu haben. Andrea blieb mit Pia zurück und staunte den überstürzten Abschied an.

 

„Warum hast du das gesagt?“ Mist! Nun schlug die Stunde der Wahrheit. „Nur so aus Spaß!“, versuchte sie sich rauszureden, aber Pia kicherte. „Wer’s glaubt, wird selig! Du willst ihn haben, Schätzchen! Ich kenn dich doch!“ Andrea wurde rot. „Na ja!“, stimmte sie zu, „könnte schon sein!“ – „Ja und nun? Dir ist doch klar, dass die Jungs mit einem Waschkorb voll Blumen aufkreuzen – und dann? Dann wollen sie eine Belohnung!“ Sie lachte. Der Gedanke gefiel ihr. „Blödsinn!“, widersprach Andrea. „Die kriegen gar nichts zusammen! Heute war Wiesenfest. Die Gärten sind leer!“ Pia wiegte gedankenverloren ihren Kopf: Halt unsere Jungs nicht für dumm! Die kriegen alles, wenn sie … uns kriegen … dafür!“

 

Andrea wurde heiß. Hatte sie das gewollt? Ja, eigentlich schon! Sie liebte diesen süßen, schlaksigen Kerl, den Gescheiten, der sie schon zu Schulzeiten immer hatte abschreiben lassen. Seine schwarzen, strubbeligen Haare und die blitzenden, dunklen Augen hatten sie schon immer fasziniert – und seine Hände - aber sie hatte selbstverständlich nicht weiter gedacht. Was sollte denn werden – nachher? Wenn sie wirklich die Blumen brachten, woran sie eigentlich nicht zweifelte, was sollte sie dann tun? Die anderen Jungs waren beteiligt – und auch ihre Freundinnen hatte sie hineingezogen. Verflixt! Sie konnten doch kein Ringelpietz mit Anfassen veranstalten! Aber warum eigentlich nicht? Sie hatten doch schon immer alles gemeinsam gemacht. Auch damals … also warum nicht heute? Wenn die anderen Lust hätten …

 

„Duu Piaa …“ Konnte sie das fragen? Ihre Freundin grinste sie über alle vier Backen an. „Jaaha?“ Klar, die kannte sie! Kein Wunder, dass sie sich köstlich amüsierte. „Könntest du dir vorstellen … meinst du, du hättest vielleicht Lust …?“ Sie kam ins Stottern. „Dooooch!“, kam es sehr gedehnt zurück. „Ich könnte es mir seehhr gut vorstellen … mit Peter … ein Nümmerchen zu schieben! Es würde ihm sicher gefallen!“ Und dann kam der Hammer: „Das hatten wir schon lange nicht mehr!“ Andrea wurde krebsrot. „Wie bitte? Was hast du da eben von dir gegeben?“ Sie hatte sich sicher verhört. „Lange nicht mehr???“ – „Hast du das nicht gewusst? Peter und ich … na ja, wir …“ Sie kicherte plötzlich verschämt. „Eigentlich dachte ich, das wüsste jeder!“

 

In Andis Kopf machte es Klick, und dann hatte sie es begriffen. Es würde gehen. Die anderen wären nicht sauer, beleidigt, was auch immer. Pia und Peter waren längst ein Paar und Thomas war schon immer scharf gewesen auf Toni – und sie war verliebt bis in die Haarspitzen gewesen in ihn, damals! Also! Warum nicht? Andrea strahlte plötzlich. Sie würde alles bekommen, wovon sie insgeheim träumte, seit sie überhaupt solche Träume hatte: Jürgen und … mehr! – Vielleicht! Gott! Wenn sie bloß an seinen sexy Hintern dachte! Auf jeden Fall hatte sie feuchte Hände und eine noch feuchtere Muschi, als sie im Gartenhaus ankamen. Diese Sommernacht war wie für ein Liebesabenteuer geschaffen. Es war endlich nicht mehr ganz so heiß, denn schließlich war Mitternacht fast vorüber und der Vollmond strahlte mit ihr um die Wette. Er spiegelte sich im Fluss und überbot mit den glitzernden Wellen beinahe noch die Sterne.

 

„Ich denke, wir bleiben gleich hier. Drin ist es bestimmt viel zu warm!“, bestimmte Pia und holte Matten und Decken, verteilte malerisch bunte Kissen am Ufer und zündete die Gartenfackeln an. „Ist das nicht ein schönes Hippielager?“, schmunzelte sie und ließ sich in der Mitte nieder. „Ich hol uns noch was zu trinken! Andrea holte Gläser, Fruchtsäfte und Wasser. Seit damals, als sie gemeinsam den Konfirmandenunterricht besuchten, war es Brauch bei ihren privaten Feiern keinen Alkohol zu trinken! Als auch sie sich setzte, kam Antonia aus der Dunkelheit auf sie zu geschlendert: „Wo sind denn unsere … „Blumenkinder“?“ Sie lachte laut, als wäre das der beste Witz der Welt und ließ sich zu ihren Freundinnen fallen. Andrea war noch nicht überzeugt, dass Toni ihr das verzieh. „Bist du sauer … auf mich?“, fragte sie kleinlaut, aber Antonia schüttelte vehement den Kopf. „Ich warte doch schon seit damals auf meine zweite Chance – und nun habe ich sie! Hoffentlich!“ Pia reichte ihnen die Gläser. „Auf … einen besonderen Abend!“ – „Auf eine … besondere Nacht!“ – „Auf … uns!“

 

© BvS


Wiesenfest 2