Friesengeist

„Wie Irrlicht im Moor …“




Als er erwachte, war er allein. Warum auch nicht? Er war immer allein. Oder…? Gestern war da etwas… jemand… gewesen. Oder nicht? Gestern war Halloween gewesen. Vielleicht war er einem Spuk aufgesessen. Aber gab es so beeindruckende… Geister?

 

Gestern...

empfing ihn die Nacht mit kalter, frischer Luft, als er auf den Balkon trat, um seine Zigarette zu genießen. Gleich würde der Film anfangen. Sein Feuerzeug flammte kurz auf und nur ein richtig passionierter Raucher kann nachvollziehen, wie sehr er den ersten Zug genoss, den er nun tief in sich einsog.

 

Ihm war, als würden augenblicklich all seine Sinne erwachen. Die herrliche, sternklare Nacht um ihn herum glitzerte. Aus einigen Nachbarhäusern schien noch warmes Licht aus den Fenstern. Es waren nur wenige, die noch nicht verschlossen waren. Dahinter war alles dunkel. Auf der Wiese bei den Bäumen zogen leichte Nebelschleier empor. Im diffusen Mondlicht wirkte alles ruhig und unwirklich. Plötzlich flackerte in der Ferne ein kleines Lichtchen auf.

 

Zuerst hielt er es für das Licht eines Fahrradfahrers, der spät noch den nahe gelegenen Waldweg befuhr und dessen Scheinwerfer durch die Bäume gebrochen wurde, dann aber bemerkte er, dass es sich um eine viel kleinere Flamme handeln musste. Ein Feuerzeug vielleicht? Nein, die Flamme war breiter. Sie schien an einer bestimmten Stelle, kurz über der Wiese zu schweben. Es wirkte wie ein kleiner Tanz, dann erlosch sie plötzlich.

 

„Was das wohl war?“, dachte er bei sich, dann aber fiel ihm der Film wieder ein. Nun wurde es aber Zeit. Hastig rauchte er seine Zigarette zu Ende und schaffte es pünktlich zum Film. In der ersten Werbepause verschlug es ihn dann wieder auf den Balkon. Schon früh hatte er es sich angewöhnt nur dort zu rauchen. Gerade, als er seine Zigarette angezündet hatte, fiel ihm das merkwürdige Licht wieder ein. Gespannt schaute er zu der Stelle, wo er das Licht gesehen hatte. Was das wohl gewesen war? – Daaaa! Nur ein paar Meter von der mit seinen Augen anvisierten Stelle, flammte es erneut auf. Wieder schien es knapp über den Boden zu schweben, um dann plötzlich wieder zu verschwinden. Was, in aller Welt, war das nur?

 

Den zweiten Teil des Filmes verfolgte er nicht mit der gewohnten Konzentration. Zu häufig wanderten seine Gedanken ab zu diesem ominösen Licht. Es ließ ihm irgendwie keine Ruhe - was ungewöhnlich war, zählte er doch normalerweise nicht zu den neugierigen Menschen. Aber dieses Licht schien ihn zu meinen! Rief es ihn? Energisch schaltete er den Film ab, um wieder auf seinen Balkon zu gehen, doch es blieb alles dunkel. Was würde passieren, wenn er sich noch eine Zigarette anzündete? Gedacht getan. Gespannt inhalierte er den Rauch. Im Geiste spielte er alle Möglichkeiten durch. Am einfachsten war es wohl hinzugehen und nachzuschauen. Dann musste er sich aber beim ersten Anzeichen sputen, denn es hatte nie länger als etwa eine Minute geflackert.

 

In diesen Augenblick entdeckte er es erneut! Kurzentschlossen schnappte er sich seine Hausschlüssel und spurtete los. Ziemlich atemlos stand er gleich darauf auf der Wiese und bereute er sein spontanes Handeln. Eine Taschenlampe wäre beispielsweise hilfreich gewesen. Er hätte denken sollen, bevor er handelte. Auch eine Jacke hätte er mitnehmen sollen, es war empfindlich kühl. Schließlich war schon Ende Oktober. Egal! Nun war er schon soweit gekommen. Vorsichtig tastete er sich durch die Finsternis, kam dem Teil der Stelle näher, wo er das Licht vermutete. Leise schlich er weiter. Der Nebel umwallte seine Beine und zog in seine Hose hinein. Wie eisige Geisterfinger schien er durch den Jeansstoff zu fahren. Mit einem Mal wurde ihm noch kälter - oder war ihm gruselig?

 

Was war das da vorne? Ein merkwürdiges Gebilde? Was auch immer, es wirkte unwirklich. Nun war ihm echt gruselig zumute. Ein kalter Schauer kroch ihm den Rücken empor. Er spürte wie sich jedes einzelne Haar in seinem Nacken aufstellte und erstarrte augenblicklich. Plötzlich traute er sich nicht mehr zu rühren. „Falls Sie mich suchen, ich bin hier drüben!“, hörte er mit einem Mal eine leise, weibliche Stimme wispern. Ihr beruhigendes Timbre bewirkte, dass seine Anspannung augenblicklich von ihm abfiel. Er fand sie unter einem Baum auf einer Isomatte sitzend. „Hallo! Was tust du hier um diese nachtschlafende Zeit?“, begrüßte er sie. „Ich sitze hier auf meiner Wiese - meiner Lieblingswiese - und warte!“ Nach einem kurzen Zögern fügte sie hinzu: „Ich habe auf dich gewartet!“

 

„Auf mich?“ Er war verwirrt: „Hier?“ - „Ja! Auf dich – hier!“ Sie klang amüsiert, so als müsse er das doch wissen. Tat er aber nicht. Wie sollte er das denn nun verstehen? Was sollte er sagen? Er wusste es nicht, also schwieg er. „War nur ein Scherz!“, kicherte sie. „Heute ist Halloween – da habe ich mir gerade eben einen kleinen Spaß erlaubt.“ So war das! Also wirklich … aber nun, das konnte er auch! „Ein Spaß? Tatsächlich? Tja, du hast meinen Geist gerufen - nun bin ich da! Nur dir zu Diensten!“ Es stimmte ja irgendwie. Es hatte ihn wirklich etwas gerufen, beziehungsweise… gelockt. „Ich weiß!“, schmunzelte sie. Himmel! Sie konnte das wirklich gut… so zu tun, als sei er wirklich einer Art Ruf gefolgt, so als hätte sie ihn zu sich befohlen. Er sah genauer hin. Was war das bloß für eine Frau? Vielleicht, war sie ja nicht normal? Vielleicht sollte er besser gehen?

 

„Du zitterst ja! Hast du etwa Angst?“ Donnerwetter! Sie war wirklich sehr gut, wollte ihn provozieren. Aber Angst? Hatte er Angst? - Er? Vor einer Frau? - Wie lächerlich! „Es ist nur die Kälte!“, knurrte er empört. „Wahrscheinlich kannst du es nicht sehen, es ist wirklich dunkel hier… aber ich habe nur ein leichtes Oberhemd an.“ - „Ich sehe es schon…“, gab sie gelassen zurück. „Zugeknöpft bis zum letzten Knopf - dein Hemd! ergänzte sie spöttisch. Das war richtig - aber wie konnte sie es sehen in dieser Nachtschwärze? „Setz dich doch zu mir! Ich gebe dir ein Stück von meiner Decke gegen die Kälte.“ Er setzte sich zu ihr auf die Isomatte und schmiegte sich dankbar in ihren Schlafsack. Deutlich spürte er die körperwarmen Stellen. Ihr Duft fing ihn ein. Tat das gut!

 

„Magst du einen Friesengeist?“ Ohne seine Antwort abzuwarten, hörte er ein leises Gluckern aus einer Flasche, dann sah er kurz ein Feuerzeug aufleuchten. Vorsichtig reichte sie ihm ein Pinnchen mit einer brennenden Flüssigkeit. „Achtung! Er hat 56 Umdrehungen! Und nach dem Löschen ist der Rand vom Glas ziemlich heiß. – Pass also beim Trinken auf.“, warnte sie ihn. Jetzt ging ihm sozusagen das Licht auf! Daher kam das merkwürdige Lichtlein, das er gesehen hatte. Er hielt es in seiner Hand. Sie löschte die Flamme, und er kostete behutsam. War ihm vor einer Sekunde noch kalt gewesen, so änderte sich das jetzt schlagartig. Heiße Lava schien durch seine Kehle zu rinnen, um in seinem Magen eine richtig Glut zu entfachen. Er schnappte nach Luft.

 

„Wie, bitte, heißt dieses Zeug?“  Es schmeckte ungewöhnlich, aber auch außergewöhnlich gut. Das würde nicht sein letztes „Lichtlein“ bleiben. Bestimmt nicht! Dazu schmeckte es zu gut und wärmte zu schön! Der Effekt änderte sich von Glas zu Glas. Ihm war, als würde sich ein lebendiges Wesen in ihm breit machen. Ein feuriges dazu. Zurück blieb ein minziger Geschmack auf der Zunge, der Lust auf mehr machte. Sie zitierte ehrfürchtig:


„Wie Irrlicht im Moor - flackert’s empor,

lösch aus,

trink aus,

genieße leise

in echter Friesenweise!

Den Friesen zur Ehr - vom Friesengeist mehr!“


Er lernte, dass die Flamme bis zu einer Minute brennen sollte, um die richtige Temperatur zu erreichen, und er übte brav. Seine Gastgeberin hieß Ivonne – für ihn Ivi! Sie tranken überflüssigerweise, aber genussvoll Brüderschaft. Als er sie danach „versehentlich“ küsste, spürte er auch hier die Hitze. Ihre Lippen glühten auf den seinen, ihre Zungenspitze begehrte einlass. Diese Lehrmethode brannte sich wie der Friesengeist in sein Bewusstsein. Da saßen sie, mittlerweile dicht aneinander gekuschelt, und sie zeigte ihm den wahren Grund, ihrer Anwesenheit auf der nächtlichen Wiese: Sie fotografierte Eulen. Angeschlossen an ein Nachtsichtgerät, hatte sie schon ein paar schöne Bilder geschossen. Jetzt ging ihm das zweite Licht auf: Daher also konnte sie im Dunkeln so gut sehen. Sie hatte wirklich schon ein paar sehr schöne Bilder bekommen – nicht nur von Eulen. Er sah sein Gesicht grün leuchten in der Dunkelheit. Die ganze Situation, hier - mit ihr - auf der nächtlichen Wiese, war schon verrückt - irgendwie. Er kannte wirklich viele Frauen. Sie aber, sie war einfach aufregend anders.

 

Vielleicht war es auch der Schnaps? Die ungewöhnliche Intimität der Situation? Vielleicht, ihr Duft oder ihre Wärme? Er sehnte sich plötzlich – nach ihr – ja, er hatte das Gefühl vor Sehnsucht und Begierde zu zerfließen. Verrückt! Er war ihr so nah, saß dicht neben ihr und wollte einfach… mehr! Dabei kannten sie sich nicht. Dennoch fühlte er sich in ihrer Nähe unglaublich wohl, als hätten sie einander ein Leben lang gekannt, so als wäre er auf der Reise an seinem Ziel angekommen. Er, ein Dürstender  - kurz vor einer klaren Quelle. Seine überwältigenden Gefühle zu ihr, wühlten ihn auf.  Sie verwirrte ihn. Seine zitternde Hand verschüttete den Friesengeist – ein Versehen. Ihre Lippen auf den seinen – wohl nicht. Ihre Brüste so aufreizend spitz an seiner Brust, wohl auch kein Versehen.

 

Er stöhnte. „Ich will…!“, gestand er ihr leise seine Sehnsucht. Warme Hände schoben sich unter sein Hemd, streichelten seine Brust. Flüsternd bettelte er: „Bitte - komm mit mir nach Haus!“ Und sie kam. Kam sie? Gespreizte Schenkel. Eine lockende Lotusblüte. Ein Schwert, das tief in ihr verglühte. Eine viel zu kurze Nacht lang.

 

Heute...

war er allein erwacht. Was war das gewesen? Ein Geist? Ein Traum? Ein Wunschtraum vielleicht? Wohl kaum, dazu war es zu real, zu schön gewesen. Auf seinem Nachttisch stand eine leere Flasche Friesengeist, und er hörte sie in seinem Kopf:


„Wie Irrlicht im Moor – flackert’s empor,

lösch aus,

trink aus,

genieße leise

in echter Friesenweise

Den Friesen zur Ehr - vom Friesengeist mehr!

 

Er musste schmunzeln.

Ja, genossen hatte er – SIE!

 

© Azraela

 

 










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