Die Blume zu Saron

 

„Guten Tag, Herr Kreuter.“ Joachim erschrak und hätte sich fast an den harten Dornen des Rosenbusches gekratzt. Ein wenig mürrisch blickte er hinüber zum Gartentor. Eine junge Frau sah ihn ruhig und erwartungsvoll an. Eine junge Frau? In den Klamotten? „Sicher eine von diesen Spinnern, die sich unten in der alten Turnhalle breit gemacht haben.“ schoss Joachim durch den Kopf, während er aufstand. „Ja, bitte?“ Egal, woher sie kam – konventionelle Höflichkeit war nie fehl am Platz.

 

„Ich heiße Astrid. Astrid Weisman“, stellte sich die Frau vor. „Ich bin von der Freikirche ...“ Joachim schnaubte unwillkürlich. Irritiert sah Astrid Weisman den kräftig gebauten Mann an. „Schon gut, Frau Weisman“, meinte der. „Ich kann mit Religion im Allgemeinen nichts anfangen und mit … hm … fundamentalistischen Ansichten erst recht nicht. Aber egal. Was wollen Sie von mir? Eine Spende?“

 

Die Röte, die in Astrids schmalem Gesicht flammte, kam nicht von Verlegenheit oder Scham. Eher, fand Joachim, von aufwallendem Zorn.

 

„Wir arbeiten gerade an unserem neuen Bethaus und der Akkuschrauber ist kaputt gegangen. Ich wollte Sie eigentlich nur fragen, ob Sie uns für ein paar Stunden so ein Ding leihen können.“ Sie seufzte und wandte sich ab. „So unter Nachbarn.“

 

Die Röte, die Joachims hagere Züge überzog, kam eindeutig von Scham.

 

„Entschuldigen Sie bitte, Frau Weisman. Ich bin unhöflich. Ja, ich habe einen Akkuschrauber. Und ich werde Ihnen das Ding leihen.“ Er grinste knapp. „So unter Nachbarn.“

 

Astrid freute sich offensichtlich. „Vielen Dank, Herr Kreuter.“ – „Ich danke Ihnen.“ Ein fragender Blick. Brummelnd bekannte Joachim: „Es war wohl mal wieder Zeit, dass ich und meine ver... meine Arroganz eins auf die Ohren bekamen.“ Ein verlegenes Grinsen. Seine Besucherin lachte. „Sie sehen süß aus.“ – Oops! Joachim schluckte. Was war das?

 

„Ich hole Ihnen das Ding mal eben“, brummte er, immer noch verlegen. Erinnerte sich an seine Absicht, höflich zu sein, und fuhr fort: „Es kann einen Moment dauern. In meiner Werkstatt sieht‘s … hm … wüst aus. Wenn ich Ihnen was zu trinken anbieten kann …?“

 

„Einen Kaffee nehme ich gerne.“, beschied Astrid und öffnete das Gartentor. Joachim sah seine Besucherin genau an. Nicht ganz einen Kopf kleiner als er. Drahtig und sportlich. Braun gebrannt. Fröhlich blitzende Augen. Glatte, blonde Haare. Ganz und gar nicht, was er sich unter einer religiösen, fundamentalistischen Fanatikerin vorstellte.

 

Mit großen, beschwingten Schritten kam sie auf ihn zu und reichte ihm die Hand. Eine kleine, feste, kräftige Hand, fand Joachim. „Kommen Sie ums Haus rum.“, lud er ein. Sie gingen nebeneinander den schmalen Kiesweg entlang. Aufmerksam und neugierig ließ Astrid ihren Blick schweifen. Sog die Eindrücke in sich auf. „Sie haben einen wundervollen Garten, Herr Kreuter.“, sagte sie, als sie schließlich auf der Terrasse Platz nahmen. „Brombeersträucher, Kirschbäume, sogar Quitten!“ – „Öh ...“

 

Astrid sah ihn erstaunt an. „Oh! Sie wissen gar nicht, welche Schätze Ihr Garten bietet. Kennen Sie sich nicht damit aus?“ – „Ich hab‘ das Haus erst vor drei Monaten bezogen und es gab jede Menge Zeug zu tun.“ Joachim lächelte, um seinen Worten die Schärfe zu nehmen. „Sie hätten vermutlich erst den Garten und dann die Heizung hergerichtet.“

 

Astrid nickte ernsthaft. „Wir haben Mai, Herr Kreuter. Die Heizung hat noch ein paar Monate Zeit. Dem Garten muss jetzt geholfen werden.“

 

Joachim fühlte Verwirrung, Ärger, Freude, Neugier, Abneigung, Interesse und … „Ich mach mal den Kaffee“, lenkte er sich selbst ab. „Wie hätten Sie Ihren gerne?“ – „Wenn‘s keinen Aufwand macht, dann einen Caffè Latte.“ Soviel zum Thema „Christen und Askese“, schoss Joachim durch den Kopf, als er in der Küche verschwand. „Dauert nur eine Minute“, rief er über die Schulter. Fuhr fort: „Wollen Sie ein Stück Kuchen dabei?“ – „Was haben Sie für welchen?“ – „Sandkuchen.“ – „Sehr gern. Und keine Sahne, bitte.“

 

„Sie sind … hm … ganz anders, als ich mir Leute wie Sie vorgestellt habe.“, bekannte Joachim, als er das Tablett mit Kaffee und Kuchen auf den Gartentisch stellte. „Wie haben Sie sich denn ‚Leute wie mich‘ vorgestellt?“, neckte Astrid und nippte an ihrer Schale. „Hm … ich weiß nicht … hm … verbiestert. Verhärmt.“

 

Das helle Lachen war ansteckend. „Lieber Herr Kreuter ...“, japste Astrid. „Wie soll ich denn verhärmt und verbiestert sein? Ich lebe in der Freude. Jeder Tag, jedes Erlebnis ist Freude.“ – „Vorhin … da fanden Sie meine erste Reaktion aber nicht sonderlich freudvoll.“, stichelte Joachim. Astrid nickte schmunzelnd. „Das ist doch logisch.“, befand sie. „Ich bin nicht perfekt. Kein Mensch ist das. Ich habe meine … hm … Momente. Da hängen Sie mich am Besten auf die Wäscheleine zum Durchlüften.“ – „Was tun Sie in solchen Momenten? Beten?“ – „Das auch. Ganz gewiss. Das ist für die Seele.“ Sie legte eine Hand auf ihren formlosen Pullover, dessen wohlproportionierte Füllung allerdings eher an ganz und gar unchristliche Gottheiten denken ließ.

 

„Allerdings tut es mir in trüben Stimmungen am Besten, wenn ich Sport treibe.“ Interessiert blickte Joachim von seinem Kuchen auf. „Was machen Sie?“ – „Turnen. Leichtathletik.   Schwimmen. Seit gut zwei Jahren fahre ich ernsthaft Rad.“ Sie grinste Joachim schelmisch an. „Das ist ja mal toll“, freute der sich und lächelte. Dann verdüsterte sich seine Miene.

 

„Was haben Sie, Herr Kreuter?“ – „Joachim. Nennen Sie mich bitte Joachim. Wenn Sie wollen.“ – „Gerne. Wenn Sie mich Astrid nennen.“ – „Ich hab gerade dran gedacht, Sie zu fragen, ob Sie Interesse hätten, mit mir zusammen zu trainieren.“ Joachim fuhrwerkte ziellos mit der Gabel auf seinem Teller herum. „Da kam Ihnen der Gedanke in die Quere, dass ‚christliche Fundamentalistinnen‘ nicht unbeaufsichtigt mit Männern Sport treiben, hm?“ – „Hm. Ja.“

 

Astrid kicherte. „Sie sind süß“, befand sie erneut. „Können Sie sich mal bitte mit der Vorstellung vertraut machen, dass ich eine ganz normale Frau bin?“ – „Schon. Würde ich gerne. Aber Ihre Klamotten … Jedes Mal, wenn ich Sie ansehe, sehe ich das Bild von … von sowas wie einer Amish vor mir.“ Astrid lachte schallend. „Joachim! Sie sind ein Kindskopf! Was würden Sie denn anziehen, wenn Sie eine alte Turnhalle renovieren? High-Heels und Halterlose?“

 

Joachim fiel der Unterkiefer herab. „High ...“ – „Wenn ich in der Stimmung bin, gewisse … Geschenke, die der Herr uns nun mal gegeben hat, in gebührender Weise auszukosten, trage ich jedenfalls nicht meine älteste Klamotten, die gerade noch zur Gartenarbeit und sowas taugen. Oh! Apropos Arbeit ...“

 

Enttäuschung zeichnete sich auf Joachims hagerem Gesicht ab. „Ja. Ja, ich werd‘ mal den Schrauber suchen.“ Mit einem unverständlichen Gefühl des Verlustes erhob sich Joachim. Astrid legte ihm eine Hand auf den Unterarm.

 

„Eigentlich habe ich keine große Lust, an so einem herrlichen Tag Profilbretter festzuschrauben. Ich rufe eben unten an, dass die einen von den Knirpsen herschicken, um den Schrauber zu holen. Ich würde Ihnen gerne noch ein wenig auf die Nerven fallen, wenn Sie wollen.“ Mit leuchtenden Augen nickte Joachim seine Zustimmung.

 

Während Astrid telefonierte – ihr Smartphone war das aktuelle Spitzenmodell eines weltbekannten Herstellers –, dachte Joachim über die Verwirrung in seinem Kopf nach. Für gewöhnlich war er viel souveräner. Beherrschte, bestimmte Situationen und – meist – die Menschen, mit denen er umging. Wieso konnte diese Frau ihn dermaßen aus seinen gelassenen Bahnen schießen? Wieso wollte er einen Menschen, mit dem er rein gar nichts zu tun hatte, nicht einfach aus seinem Leben verschwinden sehen?

 

Er war zu keinem befriedigenden Ergebnis gekommen, als Astrid ihr Telefon zusammenklappte. „Wenn die unterwegs nicht wieder mehr Unfug pro Nase anstellen als auf eine Kuhhaut geht, sollten in den nächsten zehn Minuten hier ein paar von den Kindern auftauchen, um das Ding  abzuholen.“, gab sie Bescheid. „Und welches Ei sind Sie gerade am Ausbrüten?“

 

Verlegen räusperte sich Joachim. „Astrid … hm … ich habe darüber nachgedacht, warum Sie mich so beeindrucken.“ Er zögerte. „Verwirren.“ Ein leises, geheimnisvolles Lächeln. „Die Frage habe ich mir auch gestellt. Nicht, warum ich Sie verwirre. Was mich an Ihnen fasziniert.“ Sie schlug kurz die Augen nieder. Blickte ihn schweigend mit einem seltsamen Gesichtsausdruck an. Eine kleine, warme, feste Hand legte sich zögerlich auf Joachims schlanke, kühle Rechte. Drückte sanft zu – und blieb da liegen.

 

„Und?“ Joachim hoffte, dass er sich nicht ganz so anhörte, wie er sich fühlte. „Zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen?“ Wieder ein Lächeln. Mit der freien Hand deutete Astrid über ihren Kopf. „Ich hab‘s … hm … outgesourct.“ – „Guten Tag und herzlich Willkommen bei der Himmlischen Hotline. Zurzeit sind alle unsere Engel belegt ...“, spottet Joachim schwach, doch lachte ihn Astrid kopfschüttelnd aus. „Da ist nie besetzt, Joachim. Und Sie kriegen immer den Chef persönlich.“

 

Ungläubig schüttelte Joachim den Kopf. „Das ist … Sie versuchen mit keiner Silbe, mir etwas über … über Ihren Glauben zu erzählen. Zu missionieren oder sowas. Aber egal, was ich sage … Sie glauben einfach.“ Astrid strahlte. „Mit Ihnen über Religion zu reden, ist ungefähr so sinnvoll wie … wie mit einem Ozean über Wassertropfen zu reden!“ – „Danke.“

 

Astrid erhob sich halb, beugte sich vor und gab Joachim einen kurzen Kuss auf die Stirn. Seine Hand hatte sie dabei nicht losgelassen und was er am Handrücken spürte, fühlte sich … begehrenswert an. Joachim fühlte, wie sich sein ganzer Körper anspannte wie eine Bogensaite, die leise und tief zu summen begann. Dann setzte sich Astrid wieder hin, ließ seine Hand los und blickte sehr ernst drein.

 

„Ich werde – gegen meine Gewohnheit – mal eine kleine Predigt vom Stapel lassen.“ Sie zögerte. „Einverstanden?“ – „Ihre … Predigt vorhin am Rosenbusch hat mir klar werden lassen, dass ich vor … vor lauter Hochmut mal wieder kaum gerade gehen konnte.“ Missmutig schwieg Joachim, suchte nach Worten. „Ich hasse das. Wenn ich so … so obendrüber weg bin. Aber … manchmal brauche ich wohl auch eine Wäscheleine.“ Leise lachte Astrid. „Also einverstanden.“ seufzte Joachim, zögerte – und streckte bittend seine Hand aus. Mit leisem Lächeln legte Astrid ihre Hand in die seine. Dann straffte sie sich.

 

„Joachim, warum reden die meisten Menschen die meiste Zeit über … hm … Geld? Oder beruflichen Erfolg? Oder ihre Urlaubspläne?“ – „Öh … Ich denke, weil sie keins haben. Oder mehr wollen. Einen noch besseren, exotischeren Urlaub, mehr Thrill, und natürlich, weil sie damit angeben.“ Langsam nickte Astrid. „Und warum reden so viele Menschen über … Sex? Beziehungen? Hm … Liebe?“ Joachim spürte, dass er etwas bleich geworden war. Hielt seinen Blick fest auf ihre verschränkten, verbundenen Hände fixiert. „Weil sie das wollen und nicht haben. Sex, meine ich. Zumindest keinen guten. Und weil sie sich danach sehnen. Nach … nach einer echten Beziehung. Nach … Liebe.“ Er hob den Kopf, blinzelte und blickte die schweigende Astrid an. „Weil es da drin …“ Er legte die Linke auf seine Brust. „... so leer ist, dass es schmerzt. So leer, dass der Schmerz unerträglich wird und … man aufhört, irgendetwas zu fühlen.“ Sanft und schnell wischte Astrids Daumen über seinen Handrücken. Er drückte ihr sacht die Hand. Schweigend, Blick und Hand ineinander verschränkt, saßen sie sich gegenüber. Langsam, zögernd bewegten sich ihre Körper. Rutschten aufeinander zu.

 

„Tante Astrid?“ Eine helle, etwas piepsige Stimme. Eine Kinderstimme. Mit mehr Neugierde als Verärgerung blickte Joachim auf. Eine Elf- oder Zwölfjährige in neongrünen Leggins und einem schrill rosafarbenem Top. Barfuß. Drei … fünf … weitere Kinder. Nein, sechs. Dahinten begutachtete ein kleiner Junge mit ernsthaftem Gesicht etwas in einer der Rabatten. „Papa hat gesagt, ich soll hier was abholen.“

 

Astrid nickte „Joachim … Herr Kreuter ist so freundlich und leiht uns seinen Akkuschrauber. Bring den bitte zu Jens, Lisa.“ – „Ich hole das Ding mal schnell“, sagte Joachim und verschwand im Haus.

 

Als er nach einer gefühlten Viertelstunde mit dem Gerät wieder auftauchte, hatten sich die Kinder sowohl im Garten verteilt, wo sie Grasbüschel, Hecken, Büsche und Bäume inspizierten, als auch um Astrid versammelt. Helle Kinderstimmen plapperten aufgeregt mit der älteren Frau.

 

„Hier ist der Schrauber.“ Joachim reichte Lisa den Plastekoffer. Mit ernster Miene, den Blick angestrengt an Joachim vorbei gerichtet, griff das Mädchen danach. „Ich bringe das gleich runter. Papa wartet drauf.“ Dann, zögerlich: „Astrid, kommst du nochmal runter?“ – „Ich weiß  nicht. Vielleicht. Mal sehen.“ Enttäuschung zeichnete sich im Gesicht des Kindes ab. Da piepste eine andere, helle Stimme: „Die is' verliebt.“

 

Joachim spürte, wie sein Gesicht die Farbe einer reifen Tomate annahm. „Iris!“ bellte Astrid, während auch ihr Gesicht dunkelte. Ein jüngeres Mädchen – mit lustig abstehenden, dünnen Zöpfen, khaki-farbenen Shorts und einem ziemlich verdreckten T-Shirt mit rosa Einhorn – kicherte. Joachim fing sich. „Astrid, darf ich mich fürchterlich rächen und der ganzen Bande einen Zuckerschock verpassen?“ Sie lachte. „Woran denkst du?“ – „Sechs Stücke Kuchen gibt‘s mit Sicherheit noch.“ – „Das ist ein Wort.“, entgegnete Astrid und Joachim verschwand wieder in der Küche.

 

Die Kinderschar zog mit Kuchen, Akkuschrauber und großem Lärm ab. Joachim blickte ihnen nach. „Das sind 'ne Menge Kinder.“ – „Etwa die Hälfte der ganzen Bande.“ Er drehte sich zu Astrid um. Ging die zwei, drei Schritte zu ihrem Stuhl. „Ist das … üblich bei euch?“ Astrid nickte langsam. „Wenn … wenn Lust, Sex, Zuneigung, Freundschaft, … Liebe zu einer festen Beziehung geführt haben … wir glauben, dass Kinder in eine echte Familie gehören. Alte Menschen auch. Kranke ebenso.“ Sie schwieg kurz. „Wir haben nicht exakt Großfamilien, aber sie sind deutlich größer als der Durchschnitt.“

 

Langsam und zäh, wie gegen eine starke Strömung, legte Joachim seine Hände auf Astrids Schultern. Sie schauderte. Zögerte. Griff nach oben und legte ihre Hände auf die seinen. „Ich  habe mir immer eine große Familie gewünscht.“ entfuhr es Joachim. Und mit Bedacht: „Was diese Kleine – Iris? – gesagt hat … ich … ich bin verliebt.“ Astrid schwieg. Streichelte mit ihren Daumen langsam seine Hände. Zog seine Hände dann ganz langsam von ihren Schultern und vor ihren Körper. Tiefer. Noch tiefer. Bis sie sie schließlich sacht auf die Rundungen ihres Pullovers legte.

 

„Ich weiß auch nicht.“, murmelte sie. „Warum ich hierher kam und nicht die Straße runterging. Oder in den Baumarkt fuhr. Warum ich mich auf unsere Wortgefechte eingelassen habe.“ Sie streichelte wieder seine Hände, die sich sacht bewegten. Durch und mit dem rauen Stoff des Pullovers ihre Brüste liebkosten. Joachim spürte, dass Astrid nichts unter dem groben Stoff trug. Sein Atem ging schwer, sein Blut begann zu singen.

 

Astrid stand auf, drehte sich in seinen Armen zu ihm. Der Gartenstuhl aus leichter Formplaste erhielt einen Tritt, dass er über die Terrasse kegelte. Dann standen sie eng aneinander gelehnt. Seine Hände massierten ihr Kreuz, streichelten empor zu den Schultern und wieder hinab, hoben den Saum des Pullovers, um die zarte Haut zu kosten. Ihre Hände berührten sein Gesicht, seine Wangen, streichelten mit unmerklich zitternden Fingern über die Ohren, die Schläfen.

 

Joachim senkte den Kopf, Astrids Augen fest mit den seinen verschränkt. Lippen berührten sich, öffneten sich wie Rosenblätter, vom Tau genetzt. Ihr Atem fuhr in seinen Mund, entfachte die verhaltene Glut in seinem Innern zu lohender, gieriger Flamme. Seine Hände hatten ihren Pullover hochgeschoben. Mit den Fingerspitzen und Handballen massierte er langsam ihre nackten Schulterblätter. Kratzte über ihre bebenden Flanken, ihr Rückgrat. Ihre Hände waren tiefer geglitten, hatten sein Hemd aus der Hose gezogen und waren darunter geschlüpft wie kleine Vögel. Glühende Bahnen zogen sie auf seiner bloßen Haut. Schaudernd genoss Joachim die Wonne. Vergalt Gleiches mit Gleichem.

 

Astrid löste sich aus dem Kuss, warf den Kopf in den Nacken. „Lass … uns … hineingehen.“, bat sie, als Joachim ihre Kehle mit Lippen und Zunge liebkoste. Schwer fiel es ihm, sich zu lösen. „Komm … meine Liebe.“ Eng umschlungen betraten sie das Haus, schlossen die Küchentür. „Astrid …“ Sie sah ihn fragend an. Er schüttelte den Kopf. „Ich wollte nur deinen Namen fühlen.“ Ein strahlendes Lächeln. „Joachim ...“

 

Er deutete mit einem Kopfnicken. „Oben ...“ Er stockte. „Oben ist … mein Schlafzimmer.“ Astrid drücke seine Hand. „Ich stehe in Flammen. Ich kann nicht mehr denken, meine Süße.“ – „Ich auch nicht. Ich brauche nicht zu denken.“ Ein guter, ein sehr guter Vorschlag. Nicht denken. Fallen lassen. Hingeben.

 

Die beiden taumelten ineinander verschlungen durch den unordentlichen Flur, die schmale Treppe hinauf. Irgendwo unterwegs verlor Joachim sein Hemd, empfing einen schmerzhaften, lustvollen Biss in den Brustmuskel.

 

Dann standen sie im einigermaßen aufgeräumten Schlafzimmer. „Ein Wasserbett“, meinte Astrid genießerisch. „Ein großes Wasserbett.“ Sie schenkte ihrem Liebhaber ein strahlendes Lächeln. „Ein sehr großes Wasserbett.“ Dann zog sie sich mit einer flinken Bewegung den Pullover über den Kopf.

 

Joachim stöhnte auf. Krümmte sich fast, so schmerzhaft wurde seine Erektion, als er unvermittelt Astrids prachtvolle, schwere Brüste vor Augen hatte. Etwas heller als ihr Oberkörper kannten sie doch das Sonnenlicht. Die dunklen Vorhöfe waren leicht geschwollen. Die Brustwarzen – lang und groß – standen erregt hervor. „Deine beiden Brüste sind wie zwei Kitze, Zwillinge der Gazelle, die in den Lilien weiden.“, murmelte er ergriffen, begann, die Kostbarkeiten mit kreisender Bewegung zu streicheln, ohne Höfen und Warzen nahe zu kommen. Astrid lachte guttural. „Du bist ja bibelfest.“

 

Er beugte sich vor, berührte das Gipfelchen einer Brustwarze mit spitzen Lippen, genoss das unvermittelte Vorzucken von Astrids Becken, hauchte seinen heißen Atem auf die andere Warze, ohne sie zu berühren. Tiefes, kehliges Wimmern war sein Lohn. „Lass mich mal den Rock ausziehen“, sagte Astrid, doch hielt er ihre Hände fest. Deutete auf das Bett. „Setz dich bitte.“

 

Sie krallte sich in seinen Haaren fest, als er vor ihr niederkniete. Langsam und mit wachsender Freude schob er den Saum ihres derben Rocks nach oben. Ihre festen Schuhe entpuppten sich als Bundeswehrstiefel. Praktisch bei handwerklicher Arbeit. Sanft massierte er Astrids Knöchel durch das weiche, geschmeidige Leder. „High-Heels“, kommentierte er.

 

Er ließ seine Hände genüsslich höher und immer höher wandern, schob dabei mit den Handgelenken den Rock vor sich her bis zu ihren Knien, die er streichelte, massierte, küsste. Joachim fuhr mit dem Zeigefinger in den Saum eines dicken, wollenen Kniestrumpfs. „Halterlose“, kicherte es von oben.

 

Glucksend vor Freude schob er den Strumpf tiefer und tiefer. Küsste jeden Zentimeter des nackten, festen Fleisches, folgte mit der Zungenspitze den sanften, Rundungen, nagte und knabberte an Astrids zartem Fleisch - biss einmal voller Lust zu.

 

Joachim löste die Schnürsenkel der Stiefel, zog erst den einen, dann den anderen langsam von  ihren Füssen, rollte die Strümpfe ab, kratzte mit dem Daumennagel sanft über eine Fußsohle. Seine Gespielin … Gefährtin … Geliebte zuckte zusammen. Mit kreisenden Daumen massierte Joachim Astrids Füße von den Fersen zu den Zehen, küsste ihre schönen, kleinen Zehen und genoss den salzigen Geschmack ihres Schweißes. Dann blickte er empor in ihr Gesicht.

 

Sie hatte den Kopf leicht zurück gelehnt. Ihre Zunge leckte wieder und immer wieder über ihre vollen Lippen. Ihre langen, geschmeidigen Finger zausten sein Haar und liebkosten ihre schweren, vollen Brüste. Sie streichelten einerseits seine Ohren, neckten andererseits die geschwollenen  Warzen, massierten seine Schläfen.

 

Joachims Blick glitt tiefer über ihren Schoß, die bloßen Knie, die nackten Unterschenkel und wieder empor, wo der feste Stoff des alten Rocks seinen Blick versperrte. Astrids Hand griff herunter, zog aufreizend langsam den Rock immer höher. Mit zitternden Fingern, mit Zunge, Mund und Hand folgte er dem Locken seiner Geliebten, küsste ihre lustvoll zuckenden Schenkel, ihren  vibrierend Bauch. Seine Finger hakten sich ins Gummi ihrer Unterhose – hellblau mit kleinen, gelben Entchen – und zogen ihr das Kleidungsstück vom sich windenden Leib.

 

Lustvoll tauchte er hinab, atmete den schweren, würzigen Duft, hauchte seinen heißen, feuchten Atem an Astrids Scham, folgte ihren Konturen mit Nase, Mund, Lippen und Zunge. Er schlürfte den schweren, schweren Wein ihrer Weiblichkeit, genoss ihr Zucken, ihr Wimmern, ihre Lust, aber auch die schmerzhafte, die lustvolle Härte seines Gliedes, gab sich dem tobenden, gierigen Rausch seiner eigenen Wollust hin, bis …

 

Ein Bild blitzte durch seinen Geist. Ein kleiner Junge, der mit ernsthafter Miene eine Gartenschnecke beobachtete. Ein Mädchen, verlegen im ersten Atem ihrer knospenden Weiblichkeit, zu schüchtern, einem unbekannten Mann ins Gesicht zu sehen. Seine Sehnsucht wuchs ins Unermessliche. „Astrid … Liebste … verhütest du?“ Sie schüttelte den Kopf. „Hast du … hast du … keine … Gummis?“ – „Doch. Doch, aber ich will nicht … verhüten. Ich will … Astrid ...“

 

Ihre Beine, zwischen denen sein Oberkörper lag, spannten sich an. Ihre Hände krallten sich in seine Haare, zerrten an ihm. „Komm!“ Ihr Körper spannte sich auf die Schultern, als er sachte nach oben glitt. „Oh, Joachim … Schatz … Liebster …“

 

Finger, Hände, Zungen, Münder … krallten, kratzten, streichelten … ein … unbeschreibliches Gefühl von kurz geschorenem Haar … Nässe, Weichheit, Härte, Wärme … Feuer. Ein uralter Rhythmus der Leiber, des Atems, der Herzen … der Seelen. Wimmern, Winseln, Stöhnen … ein einziger doppelter Schrei, der hinaus schallte als Opfer, als Gabe, als … Gebet.

 

***

 

Joachim stand schweigend in dem großen, mit hellem Holz schön getäfelten Raum. Betrachtete unverwandt das schlichte, hölzerne Kreuz.

 

Jens machte Anstalten, etwas zu sagen, doch ließ ihn eine Geste seiner Schwester innehalten.

 

Joachim lächelte die beiden an. Einen Freund. Und seine Geliebte. Seine Partnerin. Seine … Frau. Wieder blickte er auf das Kreuz, gab sich einen Ruck.

 

„Weiß du ...“, sagte er in ruhigem Plauderton. „Ich habe nicht die geringste Ahnung, ob es dich gibt oder wie du bist, oder was der Sohn eines judäischen Zimmermanns mir über 2000 Jahre hinweg zu sagen hat, aber ich weiß, was ich dir zu sagen habe.“ Er schwieg kurz. „Danke.“

 

© Arne