Unrecht

Niedlich war er, der Knabe, der ganz vorne rechts am Fenster! An wen erinnerte er sie bloß? Sven hieß er. Ein nordischer Name. Fiel ihr dabei etwas ein? Nordische Namen waren hier eher selten, kamen aber immer mehr in Mode. Er war allerdings schon 20 – da gab es diese Mode noch nicht. - Lars! Lars war auch ein nordischer Name, und Lars war auch noch etwas anderes: Er war ihre große Liebe gewesen. Lars Kaufmann und sie, Lisa Maria Neubauer waren ein Paar gewesen. Ein glückliches Paar – solange bis Lars ihre Freundin Kathrin geschwängert hatte!

 

Damit war ihr Glück beendet. Das war auch der Grund gewesen, warum sie ihr Elternhaus und ihren kleinen Ort verließ. Sie wollte ihn nicht sehen! Ihn nicht und auch Kathrin nicht, deren Bauch immer runder werden würde. Sie wollte nicht einmal dran denken. Nur leider konnte sie das nicht so steuern, wie sie es gerne getan hätte. Ihr Herz dachte! Es konnte einfach nicht vergessen. Den Schmerz nicht, aber auch die Liebe nicht!

 

Stopp! Sie war nicht hier, sich in der Vergangenheit zu verlieren. Sie sollte Unterricht halten. Lisa sah sich den Klassenspiegel an. Sven Lehmann. Er war es nicht! Trotzdem hatte sie das Gefühl, sie sähe in Lars’ Augen. Weiter, verdammt! Sie griff zur Kreide und schrieb ihren Namen an die Tafel. Lisa Maria von Eisenherz. Damals, als sie Karlfried geheiratet hatte, war ihr dieser Name durchaus passend erschienen. Ihr Herz war versteinert. Warum sie ihn geheiratet hatte? Nun, letztendlich wohl, um nicht mehr länger alleine zu sein.

 

Lisa war zum Studium nach Paderborn gegangen - weit weg von zuhause! Sie hatte nicht erwartet, ausgerechnet hier jemanden von daheim zu treffen: Karlfried. In ihrem kleinen Städtchen hätte er sie vermutlich keines Blickes gewürdigt, der adelige Spross des Hauses von Eisenherz, aber hier in „der Fremde“ war sie „Heimat“. Als er sie in der Mensa sitzen sah, hatte er sich freudestrahlend zu ihr gesetzt, hatte sie begrüßt, als seien sie die engsten Freunde - und das waren sie dann auch geworden. Karlfried war ein echter Kumpel. Er studierte Wirtschaft und Recht, sie Englisch und Religion - Lehrfach.

 

Es war angenehm mit ihm zusammen zu sein. Karlfried war gescheit, hilfsbereit und humorvoll. Außerdem bedrängte er sie nicht. Er half ihr, wo immer er konnte. Natürlich machte er kein Hehl daraus, dass er sie liebte, aber er leitete keine Forderungen daraus ab. Alles was er wollte, war bei ihr sein. Zumindest vermittelte er ihr diesen Eindruck. Sogar als er ihr den Heiratsantrag machte, hatte er sie nicht einmal richtig geküsst. Und als sie ihn fragte... da sagte er salomonisch, dass er warten würde, bis sie so weit sei! Das war wohl der Grund gewesen, warum sie „Ja“ gesagt hatte.

 

Die Hochzeitsnacht war ihre erste Liebesnacht gewesen. Überraschenderweise war es schön geworden. Nicht so liebestrunken und voller Leidenschaft wie mit Lars, aber zärtlich und liebevoll, voller Rücksicht aufeinander. Und - es war eine gute Ehe geworden, geprägt von Respekt und Fürsorge. Karlfried war ihr dankbar für die Wärme und Zuwendung, die sie ihm angedeihen ließ, und Lisa hatte durch ihn den sicheren Hafen gefunden, den sie brauchte, um diesen Vertrauensbruch halbwegs unbeschadet an ihrer Seele zu überstehen.

 

Ihr zuliebe waren sie nicht in die Heimat zurückgekehrt. Karlfried hing nicht zu sehr an seiner adeligen, blasierten Familie. Er war glücklich mit seiner hübschen bürgerlichen Frau, die ihm ein Nest baute. Erst als er wusste, dass er sterben würde - vor eineinhalb Jahren - bat er sie, zum Stammsitz der Familie zurückzukehren. - Die fast 20 Jahre in Paderborn waren auch „zuhause“ nicht spurlos vorüber gegangen. Seine Eltern waren tot und nur Morton, der alte Hausdiener, wohnte noch in seinem Zimmer. Er war beglückt, dass Karlfried und seine Frau zurückkamen - auch wenn sie kinderlos waren, und es keinen Erben für diesen Zweig der Familie geben würde.

 

Karlfried verfiel in einen wahren Schaffensrausch. Er renovierte den alten Kasten, der sein Zuhause war und schaffte es, ein behagliches Heim daraus zu machen, in dem sich seine Frau wohlfühlen würde. Ihr Glück war sein Sinnen und Trachten - auch über seinen Tod hinaus. Und da stand sie nun, seine Witwe, und starrte einen Schüler an, als sei er ein Geist. Diese Ähnlichkeit war aber auch gespenstisch. „Ich begrüße Sie in meinem Unterricht. Ich bin streng, aber gerecht!“ Was für einen Blödsinn gab sie denn da von sich? Sie war doch hier nicht mehr in der Sonderschule, in der sie früher „ehrenamtlich“ ausgeholfen hatte! Das war die Abiturklasse des hiesigen Gymnasiums. Hier wehte ein anderer Wind. Wenn sie nur sah wie diese Herrschaften sie musterten: Die männliche Hälfte glotzte ihr gierig auf ihre etwas groß geratenen Brüste, und die jungen Damen musterten herablassend ihr Outfit von oben nach unten und zurück. Das konnte ja heiter werden.

 

Vielleicht sollte sie jetzt besser den Mund halten, aufhören zu grübeln und unterrichten. Nach dem Tod ihres Mannes hatte sie schließlich deshalb wieder angefangen zu arbeiten. Sie musste sich ablenken, sonst würde sie durchdrehen. Karlfried war ihr Halt gewesen und er hatte sie verlassen. - Aber sie überstand den schwierigen Anfang und gewöhnte sich daran, wieder in die Schule zu gehen. Es gefiel ihr sogar.

 

Nur als der Direktor sie fragte, ob sie nicht den Sportunterricht übernehmen könnte, wusste sie nicht so recht. Wenn sie sich allerdings das überalterte Lehrerkollegium ansah... dann war sie mit ihren knapp 40 immer noch die Beste. Sie war sportlich und konnte es zumindest schaffen. Nur die Blicke, die sie erwarteten - ob sie die verkraften würde? Bevor sie zustimmte, hatte sie dann aber die Erleuchtung. Man würde sie nicht sehen - sie würde blenden mit dem was der Jugend so wichtig war: Teueren Outfits! Ihre Figur konnte sich durchaus sehen lassen. Nachdem sie ja nie ein Kind getragen hatte, war ihre Taille schmal und ihre Brüste straff, wenn auch ziemlich groß. Sie entschied sich für Leggings und Body von Lacoste und Turnschuhe von Adidas, denen man den Preis ansah! Als sie die Kids dann beim Waldlauf abhängte, hatte sie sich ihren Respekt verdient.

 

Am nächsten Morgen hing eine schwarze Reitgerte unter ihrem Scheibenwischer. Sie verstand die Anspielung. Sie hatte schon vier der fragilen Zeigestöcke geliefert, wenn sie wieder mal - im Eifer des Gefechts - zu schwungvoll „zeigte“. Langsam verstand man sich. Von wem dieses „Geschenk“ wohl kam? Als sie mit der Gerte in die Klasse kam, lief Ulla knallrot an und knirschte mit den Zähnen. Lisa wunderte sich. Ulla hatte sich also wohl nicht an ihrem Auto zu schaffen gemacht. Aus den Augenwinkeln beobachtete die Lehrerin, wie ein Zettel durch die Klasse flog - und hob ihn auf. Er war für Sven.

 

„Das kostet dich etwas, was ich mit dir gerne privat unter vier Augen besprechen möchte! Ich sehe dich dann in der Raucher-Ecke.“ Ulla war Reiterin. Lisa konnte sich den Rest zusammenreimen. Sie schmunzelte. Sven himmelte sie an, seit sie zum ersten Mal das Klassenzimmer betreten hatte - das hatte sie längst bemerkt. Und sie fühlte sich sehr angezogen von diesem Jungen. Er hatte ihr dieses „Geschenk“ gemacht. Nur woher er es hatte...

 

In der Pause fragte sie einen Kollegen und erfuhr nicht viel. Er konnte ihr nur sagen, dass Svens Eltern vor vielen Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen waren und er seitdem bei seinem Patenonkel lebte. Dann ging sie in den Pausenhof. Als sie an die Raucher-Ecke kam, hörte sie Ulla aufgeregt flüstern. „Was das werden soll? Ich habe dir meine Lieblingsgerte gegeben. Das kostet dich was. Da kommst du mit einem flüchtigen Kuss nicht aus. Oder willst du etwa, dass alle wissen, wie geil du auf die Eisenherz bist?“ Lisa schmunzelte. Er war verliebt in sie. Es ging aber noch weiter. „Sven, fass mich an, begrapsche mich. Lass mich deine Hände spüren!“, keuchte die Kleine aufgeregt - bis sie der Lehrerin ansichtig wurde. Dann machte sie einer Glühbirne alle Ehre.

 

„Geh zurück in die Klasse, Sven!“ Ullas Augen wurden riesengroß - und Sven verschwand. Lisa sah sie an. Was war das für eine hübsche Maus! Die hellblau-umrandeten Augen glitzerten feucht und ihr blondes Haar hatte sie mit einem Stirnband gebändigt. Die halboffene Bluse ließ einen süßen Spitzen-BH sehen.  „Komm doch mal mit!“, forderte sie das Mädchen auf. Die ließ den Kopf hängen und erwartete eine gehörige Standpauke, aber Lisa ging ganz lässig vor ihr her - zur Toilette! Ulla verstand die Welt nicht mehr, als ihre Lehrerin sie vor den Spiegel schob. „Schau dich an!“, befahl sie ihr. - „Was? Wieso...? Ich...“ - „Du bist wirklich eine schöne junge Frau, Ulla!“ Ihre Schülerin wurde immer unsicherer. Nach Standpauke hörte sich das nicht an. Frau von Eisenherz lächelte - und strich ihr eine Strähne Haares aus der Stirn. „Weißt du, Ulla, du solltest dir überlegen, ob du das wirklich willst! Du, ein Bild von Mädchen... willst du wirklich einen Mann erpressen müssen... dass er Sex mit dir hat? Weißt du, mit der Liebe klappt das sowieso nicht. Die kann man nämlich nicht erzwingen, auch dann nicht, wenn man es möchte!“ Ulla schossen die Tränen in die Augen. So hatte sie das nicht gesehen. Sie hatte eigentlich nur reagiert ohne nachzudenken - und sie hatte sich unsterblich blamiert. Schweigsam gingen sie nebeneinander her ins Klassenzimmer. Bevor Frau von Eisenherz die Türe öffnete, zupfte sie Ulla an ihrer Bluse. „Dieses Gespräch bleibt unter uns! Versprochen!“ - „Danke!“, flüsterte die Schülerin und schlüpfte ins Zimmer.

 

Lisa wartete noch eine Weile, bevor sie selber hineinging. Wie nötig diese jungen Erwachsenen doch noch einen Menschen hatten, der sich um sie kümmerte. Sie lächelte. Wie dankbar konnte sie sein, ihren Mann getroffen zu haben. Er konnte zwar den Schmerz nicht auslöschen, aber er konnte ihn lindern, und nun hatte sie gelernt damit zu leben.

 

„Ich würde gern heute Abend mit deinem Patenonkel sprechen, wenn das möglich ist!“ Sven fühlte sich gar nicht wohl in seiner Haut. Natürlich wusste sein Onkel von der heißen Lehrerin, und natürlich wusste er, dass er verschossen war bis über beide Ohren. Das war kein Problem. Lars war ein dufter Typ, der so was verstand… aber ob er auch wissen musste, dass er seine Geschenke an die schöne Lisa mit Liebesdiensten bezahlte? Mist! An dieser Peinlichkeit führte wohl kein Weg vorbei und so erzählte er seinem Onkel, dass die Frau Gräfin von Eisenherz ihn zu sprechen wünsche, und er nahm sich vor bei diesem Gespräch dabei zu sein - gleich vor der Türe, mit dem Ohr am Schlüsselloch!

 

Lisa saß im Klassenzimmer und korrigierte Hefte. Sie wartete auf den Patenonkel von Sven, und als es klopfte, hob sie nicht einmal den Kopf. „Herein!“ Die Türe wurde geöffnet und geschlossen, und sie hörte ein kaum unterdrücktes Keuchen. Da sah sie hoch. Vor ihr stand Lars Kaufmann! Wäre sie nicht gesessen, sie wäre mit Sicherheit umgefallen. Sie hatte mit allem gerechnet - damit nicht!

 

Auch Lars sank auf den nächstbesten Stuhl. „Seit wann nennst du dich Lisa von Eisenherz, Maria?“, krächzte er. Er war kreidebleich. Diese Frau Gräfin, Lisa von Eisenherz, war seine Maria Neubauer. Die Frau, die er mehr geliebt hatte als sein Leben! Die Frau, die er so verletzt hatte - und nun saß sie vor ihm, als habe sie ein Gespenst gesehen. In ihrem Gesicht arbeitete es. Natürlich fühlte sie sich zu Sven hingezogen. Er war seinem Vater so ähnlich. Seinem Vater und Kathrin, ihrer ehemals besten Freundin! Aber wieso hieß er dann Lehmann und nicht Kaufmann oder Menzing, nach seinen Eltern? Und wieso glaubte er, Lars sei sein Patenonkel? Schweigend starrten sie sich an - und Sven - vor der Türe - verstand die Welt nicht mehr.

 

Er presste sein Ohr an das Schlüsselloch und hörte - nichts! Verdammt! Das gab es doch nicht. So schlecht hörte er doch nicht. Oder warum redeten die beiden nicht? Das gab es nicht, verflixt! Flüsterten sie miteinander? Was war da los? Sven kniete sich vor die Türe und schaute hinein. Er hatte genau das Pult im Blick. Seinen Onkel sah er nicht, aber die Gräfin. Sie sah krank aus. Angestrengt öffnete sie den Mund und versuchte zu sprechen. Er hörte sie krächzen. Dann räusperte sie sich. „Erklär... erklärst... du mir das... Lars!“ - Wie bitte? Du? Lars? Kannten sich die beiden? Woher? Das versprach wirklich interessant zu werden.

 

Es dauerte eine ganze Weile, bis er seinen Onkel genauso krächzen hörte, wie seine Lehrerin. „Ich... ich... Maria! Ich... kann nicht.... Ach Liebling!“ Er brach ab. Hatte er „Liebling“ gesagt? Zur Gräfin? Sven lauschte. Er spitzte seine Ohren, war völlig konzentriert auf das, was da drinnen vor sich ging, aber seine Lieblingslehrerin saß nur da und starrte vor sich hin. Dann hörte er wieder Lars, seinen Paten - stockend: „Ich konnte nicht... ich... Maria... ich konnte sie nicht... heiraten! Wir... konnten nicht! Verstehst du?“ Er schluchzte auf. „Nicht, nach dem, was wir dir... was ICH dir... MARIA! Verzeih mir! Maria - verzeih!“ Jetzt schluchzte er hemmungslos - und Sven sah, dass auch Lisa von Eisenherz bittere Tränen weinte.

 

Er wurde Zeuge einer Tragödie. Die beiden da drin teilten ein düsteres Geheimnis, und er hatte keine Ahnung worum es ging. Am Liebsten wäre er hineingestürmt und hätte sie in seine Arme genommen, um sie zu trösten. Allerdings würde er dann nichts erfahren - und so rührte er sich nicht von der Stelle und wartete. Lisa stand auf. Sie hielt es nicht mehr auf ihrem Stuhl. Erregt lief sie hin und her, drehte sich um und sah ihn an - oder sah sie Lars an? „Warum? Lars - warum? Warum? Warum? - Warum hast du das... KATHRIN! Ausgerechnet Kathrin! Ich... oh, ich hasse dich! Dich und Kathrin!“ –

 

Kathrin? Sprach sie von seiner Mutter? Sie hasste seine Mutter? Ihm drehte sich der Magen um. Gut, er kannte seine Mutter nicht. Sie war gestorben, als er drei Jahre war. Sie und sein Vater waren verunglückt. Und er war verliebt in Lisa - aber ging das nun nicht zu weit? Wieso hasste sie seine Mutter - und seinen Paten? Was hatten sie getan, die beiden? Er fühlte sich plötzlich hilflos - und ziemlich verloren. Da stand sie, die Frau die er liebte und weinte verzweifelt. Sie schluchzte, dass ihre Schultern zuckten - und dann kam Lars in sein Blickfeld. Er erschien ihm kleiner als sonst, in sich zusammengesunken. Seine Fingerspitze berührte Lisas Gesicht. Er strich ihr eine Locke aus den Augen.

 

„Nicht!“, murmelte er. „Bitte Maria! Bitte nicht! Nicht weinen!“ Beschwörend flüsterte er auf die verzweifelte Frau ein, aber sie ließ sich nicht trösten. „Verdammt Lars! Er hätte unser Sohn sein sollen!“ Lars zog sie in seine Arme und schluchzte laut. „Ich weiß es doch, Maria. - Ich weiß es ja! - Ach Liebes! - Ich liebe dich so sehr! - Verzeih mir! - Verzeih du mir - denn ich kann es nicht!“ Da standen sie, hielten sich in den Armen und weinten. „Wir waren betrunken - alle beide. Sturzbesoffen! Liebling, glaub mir, wir hätten niemals... Wir haben es uns nie verziehen... auch Kathrin hat sich gehasst... dafür! Als du dann weg warst... ich dachte, sie bringt sich um... und niemand wusste, wo du bist... Deine Mutter hat mich... sie hat mich verflucht - mich und Kathrin! Zu Recht!“

 

Lisa schob den Mann weg und sah ihn an - mit verweinten Augen, dann griff sie an seine Schulter und schüttelte ihn. „Warum heißt DEIN Sohn Lehmann?“, fauchte sie. Sven stand wie vom Donner gerührt. Was war das? Lars war... sein VATER? Das konnte doch nicht sein! Lars war doch... Aber es stimmte! Er war der einzige Vater, den er je gekannt hatte! War es nicht völlig unwichtig, wie er ihn nannte? - „Kathrin und ich konnten - wollten - nicht heiraten. Wir liebten uns nicht, und wir waren schuld... Oh Gott, was hätte ich getan - gegeben, es ungeschehen machen zu können! Sie hat Kurt, Kurt Lehmann kennen gelernt, da war Sven ein Jahr alt. Als sie heirateten... bekam der Junge seinen Namen - und Kurt war ein guter Vater für Sven. Aber dann starben sie unter einem LKW - und ich... ich nahm Sven zu mir. Er ist doch mein Sohn - und ich liebe ihn!“

 

Lars riss die untröstliche Frau an sich, klammerte sich verzweifelt an sie und flüsterte auf sie ein, den Kopf an ihrer Schulter vergraben. Sven verstand nichts mehr. Seine Welt stand Kopf. Gestern hatte er noch feuchte Träume gehabt von dieser Frau - und heute war sie ihm näher, als je ein Mensch zuvor gewesen war. Er sah, wie Lars sie küsste. Hoffnungslose, kleine Küsse. Er küsste ihre Tränen fort, küsste ihr Gesicht - Augen - Nase - Stirn - alles, was er erreichen konnte. „Liebling... ich habe nie aufgehört dich zu lieben. Ich habe nie geheiratet! Habe gehofft... gebetet... so sehr gewünscht... Bitte! Maria! Bitte, bitte, bitte... Lass mich gut machen, was ich angerichtet habe. Bitte! Lass mich dich lieben! Ich liebe dich!“

 

Lisa starrte ihn an - mit großen Augen - und dann küsste sie ihn. Wild packte sie seinen Nacken und zerrte seinen Kopf zu sich, biss in seine Lippen. Es sah aus, als würden zwei Raubtiere übereinander herfallen um sich zu zerfleischen. Sven erschrak vor der Wildheit dieses „Liebesspiels“. Seine Lieblingslehrerin fasste das Hemd seines Paten und riss es einfach auseinander - und er raffte ihren engen Rock über ihre Hüften - und schon wieder verbissen sie sich ineinander. Sie trieben den Teufel aus! Sven wusste es. Er starrte auf ihre nackten Beine, das schwarze Höschen, dass ihr sein Vater nun über die Schenkel riss - wie wunderschön sie war, wie sexy - und wie sehr er sie liebte! Sie würden es tun! Jetzt! Und er würde...

 

Sven wandte sich ab. Das wollte er nicht sehen. Seine Gedanken schossen hin und her, wie die Kugeln in einem Flipperautomaten. Hatte nicht er sie haben wollen? Andererseits… Es wäre unrecht.  Er wusste es. Sven war verwirrt und erleichtert, völlig entgeistert und dankbar. Heute hatte der Himmel ihm etwas geschenkt, das er sein Leben lang vermisst hatte - denn da drinnen liebten sich seine Eltern!

 

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