Kurschatten

 

Man hatte es ihm gesagt: In Füssing war der Haslinger Hof ein MUSS! Robert war jetzt schon seit vergangenem Mittwoch hier und noch nicht aus seiner Klinik heraus gekommen. War ja aber klar! Er war schließlich hier, um seiner Wirbelsäule Gutes zu tun. Sachfremde Interessen hatte er nicht. Bestimmt nicht! Er war verheiratet - und das zumeist glücklich. Also! Andersartige Wünsche auf diesem Gebiet hatte er - fast - nicht.

 

Aber heute war Samstag und er hatte nur einen Termin gehabt. Irgend so eine Gymnastik mit dem Gummiband. Er hatte es zunächst ziemlich lächerlich gefunden, bis er feststellte - sehr schnell feststellte - dass das eine schweißtreibende und anstrengende Angelegenheit war. Trotzdem! Diese halbe Stunde hatte ihn nicht sehr beansprucht und so war er fit genug, um...

 

Haslinger Hof! Nur zu Studienzwecken wollte er hingehen! Nur ansehen wollte er diese „Sehenswürdigkeit“, die bekannt war über ganz Deutschland und darüber hinaus. „Der größte Baggerschuppen aller Zeiten“ hatte sein Freund Paul ihm erklärt. Der ging übrigens regelmäßig nach Füssing. „Einmal Füssing - immer Füssing!“ Und er ging regelmäßig in den Haslinger Hof! Bestimmt nicht nur zum Anschauen - so wie er selber! Schließlich kannte Paul ihn ja schon, den Haslinger Hof, aber er, Robert, wusste schließlich was er wollte - oder auch nicht! Nur interessehalber ging er hin! Ausschließlich zum Zwecke der Allgemeinbildung!

 

Irgendwann musste er selber grinsen. Er betete sich Entschuldigungen und Ausreden vor, wie ein Primaner, der zum ersten Mal die Tanzschule besuchte. Wenn er aber ehrlich war, dann wollte er schon etwas anderes. - Nein! Er wollte nicht fremdgehen! Nicht wirklich! Zumindest nicht mit Vorsatz. - Gut, wenn es sich ergab... aber daran glaubte er eigentlich nicht. - Trotzdem! Er wollte... Ja, wenn er ehrlich war, dann wollte er... seinen Marktwert testen. Er wollte wissen, ob er noch Chancen hätte - bei der holden Weiblichkeit.

 

Früher - ja da! Da war er ein toller Hecht gewesen. Er hätte sie alle haben können, die Mädels in seinem Dorf - und er hatte ja auch eine wirklich hübsche Kleine geheiratet, nicht wahr! - Trotzdem! Ausprobiert - wirklich getestet - hatte er es nicht. Nicht wirklich! Hätte er sie haben können? Seit er die 60 überschritten hatte zweifelte er manchmal. Oder war er nur ehrlicher mit sich selber geworden? - Seltsam! Was hatte er nur für eigenartige Gedanken - seit er hier war? Lag es daran, dass das seine erste Kur war? Dass er seit Jahren zum ersten Mal alleine war? Getrennt von Weib und Kind? - Was hieß schon Kind? Seine Söhne waren erwachsen. Sie brauchten ihn nicht wirklich. Und seine Frau? Brauchte sie ihn? - Ja! Aber brauchte sie ihn - als Mann? Begehrte sie ihn noch? Zu intensiv wollte er darüber lieber nicht nachdenken.

 

Vielleicht waren es ja seine Zweifel daran, die ihn dazu trieben, den „größten Baggerschuppen aller Zeiten“ aufzusuchen? Vielleicht wollte er sich einfach wieder einmal als Mann fühlen. Als richtiger Hengst! Vielleicht wollte er aber auch... Schluss damit. Er stieg in seinen Benz und fuhr hin.

 

Halb sieben! Man ging nicht um halb sieben zum Tanzen. Aber Paul hatte gesagt: „Wenn du nicht vor Sieben dort bist, bekommst du keinen Platz mehr!“ Das konnte doch nicht sein, aber trotzdem. Sicher war sicher. Es war Oktober. Die Nacht war schon beinahe hereingebrochen und der Nebel hing über den Wiesen und verhüllte gnädig die Härten des Lebens. Romantische Laternen verbreiteten ein weiches, orangefarbenes Zauberlicht. Normalerweise war er für solche Erscheinungen blind. Robert war kein Romantiker. Hier fiel es ihm auf. Es sah wundervoll aus. Auf einmal sehnte er sich...

 

Als er auf den Parkplatz fuhr, traute er seinen Augen nicht. Paul hatte Recht gehabt. Mühsam suchte er eine freie Stelle für seinen Wagen und stieg aus. Hübsch war das hier. Ein richtiger bayrischer Stadel, grobe Holzbalken und ein Balkon - blumengeschmückt - tauchten aus den Nebenschwaden auf. Zielsicher fand er den Eingang. Die schwere Holztüre schwang auf - und Robert stand inmitten einer Menschenmenge. Er kam sich vor, wie auf dem Hauptbahnhof zur Hauptverkehrszeit. „Der größte Baggerschuppen aller Zeiten“ fiel ihm ein. Er grinste und bahnte sich einen Weg. Zuerst wollte er sich umsehen. Langsam schlängelte  er sich um Tische, Stühle, Tresen, Bedienungen und Gäste. Unglaublich, wie voll es hier war.

 

Sein erster Eindruck war überwältigend. Wenn er es nicht gesehen hätte - mit eigenen Augen gesehen hätte - er hätte er nicht für möglich gehalten. Ganz vorne konnte man essen. 3000 Essen am Tag fiel ihm wieder ein. Wenn er sich hier umsah, glaubte er es. Dann kam der Saal mit der Tanzfläche und der Livemusik! Gerammelt voll! Weiter! Der nächste Raum war beinahe noch größer. Tanzfläche! Immerhin war sie noch als solche zu erkennen. Die Musik der Kapelle wurde hierher übertragen. „Hinten kommt der Panoramastadel.“ Er erinnerte sich.

 

Hier war noch Platz. Die Tanzfläche war noch leer. Paul hatte erzählt, hier gebe es einen Diskjockey. Aber noch wollte er nicht tanzen. Er wollte eigentlich überhaupt nicht tanzen. Er tanzte nicht gerne. Mit seiner Frau tanzte er überhaupt nicht mehr, obwohl sie schon gern ab und zu... Hier war das etwas Anderes. Hier war es Mittel zum Zweck. Robert drehte sich um und steuerte zurück. Er suchte sich einen Platz an einem der Tresen und bestellte ein Pils. Aufmerksam betrachtete er sie tanzenden Paare. Wie viele davon wohl wirkliche Paare waren? Echte? Solche, die zusammen gehörten - verheiratet waren? Bestimmt nicht viele. Er grinste schon wieder. Die Gäste hier waren alle in seinem Alter. - Gut! Ab 50 circa - Open End. - Und! Sie knutschen sogar auf der Tanzfläche! Paul hatte wirklich Recht und ihm wurde heiß. Mit einem Zug leerte er sein halbes Glas. Ein Euro für die Musik! Das war nicht viel. Aber bei dieser Menschenansammlung läpperte es sich. Auch die Preise waren kommod. Doch ja! Es gefiel ihm hier.

 

Jetzt sah er auch genauer hin. Normalerweise gab es kein solches Angebot an Weiblichkeit - und hier waren alle alleine! Das heißt, die meisten waren es nicht mehr. Aber trotzdem konnte man... sie zum Tanzen holen. Sein Interesse bekunden. Er hatte doch gar kein Interesse! Er doch nicht! Er wollte nur schauen. Sich informieren. - Allerdings - die da hinten tanzte, die Blonde, die sah wirklich sehr gut aus. Kein Wunder, dass sie schon vergeben war. Mit ihr hätte er es sich vielleicht überlegt. Wie schnuckelig sie sich hergerichtet hatte. Ein rot-weißes Dirndl mit einem roten Nicki-Tuch um den Hals. Klein und zierlich war sie, mit goldblondem Haar. Und was für einen frechen Haarschnitt sie hatte! Dumm, dass sie schon tanzte! Sie hätte ihm gefallen können.

 

Robert suchte die Toilette. Donnerwetter! Da hing ein Pariser-Automat, der seinesgleichen suchte. Riesig. Und was für eine Auswahl! Sogar mit Erdbeer-Geschmack! Die Welt wurde immer verrückter.

 

Dann fiel sein Blick in den Spiegel. Er sah hin. Ob er ein Frauentyp war? Wahrscheinlich nicht. Er war groß und schlaksig. Zu wenig Masse um ein richtiger Muskelmann zu sein. Sein Haar war voll und immer noch dunkelbraun - und seine Frau fand es zu lang. Ihm gefiel es so. Es fiel in Wellen über seine Ohren und in den Nacken - stumpf geschnitten und sehr gepflegt. Darauf legte er wert. Er trug noch immer den Trenchcoat, in dem er gekommen war. „Wie ein französischer Kriminalkommissar!“, fiel ihm ein. Also öffnete er seinen Mantel und zog ihn aus. Darunter hatte er ein blaues Jackett und eine beige Hose an - ein weißes Hemd. Auf die Krawatte hatte er verzichtet. Doch! Er sah ganz passabel aus - fand er! Seine Nase war zu groß - aber schließlich sagte man ja, dass das bei Männern gewisse Rückschlüsse zuließ. Und das war ihm wiederum nicht unangenehm.

 

Als er zurückkam, stand sie neben ihm am Tresen, die hübsche Kleine und lächelte. Er überragte sie um Haupteslänge. Aber genauso gefiel es ihm - wenn sie zu ihm aufsahen - mit großen Augen. Und diese Dame hatte zauberhafte Augen! - Braun! Ein Rehlein! Der Tänzer war fort! Robert atmete auf. Es wäre ihm sehr unangenehm gewesen, wenn ausgerechnet sie mit ihrem eigenen Mann hier gewesen wäre. Jetzt musste ihm nur noch ein Gesprächsstoff einfallen. Das Wetter? Nein, dass war zu fantasielos. „Was ist das, was Sie da trinken?“ Als er seinen Mund zumachte, fiel ihm ein, dass das auch nicht besonders einfallsreich war. Na ja, er war eben nicht geübt im Smalltalk. Aber sie lächelte ihn an - süß mit einem sehenswerten Augenaufschlag: „Es ist Mostschorle! - Meine ist herb, aber es gibt sie auch in süß!“, beantwortete sie seine Frage. Eigentlich interessierte ihn das nicht die Bohne, aber immerhin! Sie war einem Gespräch nicht abgeneigt. „Sind Sie auch zur Kur hier?“, fragte sie.

 

So hatte es begonnen. Schnell fanden sie sich in einer angeregten Unterhaltung, vermieden aber alle persönlichen Themen. Das war wohl auch besser so. Sie trug einen Ring und auch er trug normalerweise einen. Jetzt konnte man einen weißen Streifen an seinem Finger bewundern. „Warum haben Sie Ihren Ehering abgenommen?“, fragte sie prompt - sah zu ihm auf mit diesen unglaublichen milchkaffeebraunen Augen Er räusperte sich.. Mit soviel Chuzpe hatte er nicht gerechnet. Und eigentlich wusste er auch gar keine richtige Antwort zu geben, denn eigentlich hatte er ja gar nicht vor....

 

Robert spürte, wie seine Ohren rot wurden. Er würde es mit der Wahrheit versuchen. „Ehrlich gesagt, ich weiß es selber nicht genau. Vielleicht weil ich dachte, es wird von mir so erwartet.“ Sie lachte. „Ja, so habe ich es auch empfunden. Aber eigentlich - will ich gar nicht...“ Sie brach ab und wurde genauso rot, wie seine Ohren. Süß, sah sie aus. Er wollte ihr helfen. „Wissen Sie, ich bin seit 31 Jahren verheiratet - und ich bin schon glücklich mit meiner Frau. - Die meiste Zeit über jedenfalls!“ - Was redete er da bloß? War das jetzt gut oder schlecht? Was dachte sie nun von ihm? Dass er ein Hallodri war, der eben doch nur ein Abenteuer suchte? Robert schloss verzweifelt seine Augen. Wo hinein hatte er sich da manövriert? Er wollte doch gar nicht... Oder vielleicht doch? - Sie sah wirklich so süß aus - und diese Augen! Und außerdem! Dieses Kribbeln im Bauch hatte er schon lange nicht mehr gefühlt. Es war ein aufregendes Gefühl! Er kam sich vor wie ein Jüngling.

 

Nur deshalb verbeugte er sich formvollendet und fragte: „Wollen wir tanzen?“ Ihre Augen blitzten und dann ergriff sie seine Hand und folgte ihm zur Tanzfläche. Foxtrott. Gott sei Dank! Ein Stein fiel ihm vom Herzen. Aber dann vergaß er alles. Sie schmiegte sich vertrauensvoll in seine Arme, lehnte sich gegen seine Brust - und plötzlich hatte er den Duft ihres Haares in der Nase. Er fühlte sich wie im Himmel. Ein Mann, in der Blüte seiner Jahre. Sie zu halten, an sich zu drücken - welch ein Genuss! Sie schwangen im Gleichklang, drehten sich, wirbelten herum. Ihm war, als könne er fliegen. Wie lange hat er solche Hochgefühle vermisst? Diese Frau - Angelika - machte ihn schwindelig vor... Wovor? Vor Glück? Begierde? Sehnsucht? Wonach?

 

Und doch war es so. Alles neu! Keine Reaktion bekannt. Alles überraschend, ungewohnt und wundervoll. Wie sie ihn ansah! Es war nicht zu übersehen, dass er ihr gefiel. Wie sie strahlte - ihn anblitzte. Er war ihr „weißer Ritter“ - und so fühlte er sich auch. Begehrenswert, edel, maskulin!

 

Seine Frau nahm ihn hin - selbstverständlich. Er kannte ihre Reaktionen. Er wusste, dass sie erwartete, dass er sie zum Tanz aufforderte - obwohl sie genauso wusste, dass er nicht gerne tanzte. Warum war es ihm jetzt ein Vergnügen - mit dieser wundervollen Fremden? Er spürte ihren Körper warm und lebendig an seinem. Wie aufregend sich das anfühlte! Und er reagierte. Er reagierte als Mann! Immer näher zog er sie, beobachtete sie sorgfältig. War ihr mehr Nähe unangenehm? Es schien nicht so zu sein. Im Gegenteil! Er hatte den Eindruck, sie schmiege sich noch dichter an ihn...

 

Sie tanzten die ganze Nacht! Nein! Das war nicht wahr, aber er hatte das Gefühl. Die Zeit flog dahin - in ihren Armen. Aber um 10 Uhr war alles zu Ende. Die Kurgäste hatten „Zapfenstreich“. Er musste zurück in seine Klink und auch sie... Arm in Arm verließen sie den Haslinger Hof. „Ich danke Ihnen für den wunderschönen Abend!“, flüsterte sie mit gesenktem Kopf. „Sehen wir uns wieder?“, fragte er. Langsam hob sie ihr Gesicht zu ihm auf. Ihre Augen schimmerten feucht. Sie lächelte bezaubernd und nickte. War sie erleichtert? Hatte sie geglaubt...?

 

Ganz behutsam senkte er den Kopf zu ihr hinab. Ob sie...? Ja! sie hob ihren Mund zu ihm empor und er legte seine Lippen zärtlich auf ihn, fühlte ihre Wärme. Wie lange hatte er nicht mehr geküsst? Richtig geküsst? Seine Frau bekam bestenfalls noch ein Bussi zum Abschied. Aber einen Kuss? Einen richtigen, erotischen Kuss? So einen, wie diesen? Feuerschauer ließen seinen Körper erglühen. Wie sehr er sie wollte, diese berückende Fremde, dieses süße Rehlein. Und er zeigte es ihr. Ließ sie spüren, wie sie auf ihn wirkte. Robert hielt sie fest an sich gedrückt, drängte sein Becken an sie - und sie wich nicht aus.

 

Angelika wollte ihn. Sie spürte es mit jeder Faser ihres Körpers und so küsste sie ihn leidenschaftlich zurück. Seit langer Zeit einmal wieder eine Frau sein. - Begehrenswert! - Begehrt! Oh ja, sie würde ihn wieder sehen. Da war sie sicher. Was dann geschehen würde, das stand in den Sternen. Aber jetzt - hier, in seinen Armen - war sie glücklich. Unendlich glücklich!

 

 

© BvS                                                                                          Ihre Meinung?