Asuka* - Unter freiem Himmel

 

Er stand in seinem Wohnzimmer und betrachtete nachdenklich ihre Bluse. Das schlechte Gewissen stieg in ihm auf. Er hatte ihr Kleidungsstück einfach eingepackt. Irgendetwas von ihr musste er haben, und ihre Bluse duftete so angenehm. Er nahm sie, hielt sie vor sein Gesicht und zog die Luft durch den dünnen Stoff. Da war Sie – ihr Geruch. Er schloss die Augen. Für einen kurzen Moment glaubte er, sie würde direkt vor ihm stehen, spürte er ihre Wärme.

 

„Einen Moment nur –  nur noch einen kurzen Moment!“, dachte er bei sich.

Dieser Duft – SIE. Verdammt, er hatte sich in sie verliebt.

Das Unmögliche war geschehen – und es kam so überraschend für ihn.

 

Im Moment war er nicht mehr er selbst. Sie kreiste ständig in seinen Gedanken. Sie und die Erinnerung an das, was geschehen war. Dabei war nichts zwischen ihnen passiert, nichts Gravierendes - zumindest nach außen nicht. Aber tief in ihm sah das anders aus. Tief in seinem Innern war verdammt viel passiert, denn da hatte er sich von ganzem Herzen in sie verliebt. Trotzdem! Eine Liebe zwischen ihnen war unmöglich, einfach ausgeschlossen!

Er war viel zu alt, bzw. sie war einfach zu jung. Hinzu kam, dass er ein wirklich passionierter Junggeselle war. Nein, er konnte sich einfach nicht auf eine ernsthafte Partnerschaft einlassen, nicht nach all den Jahren der Einsamkeit. Das würde nie und nimmer gut gehen. Es waren seine Zweifel die das verhinderten. Aus diesem Grund durchlebte er gerade gefühlsmäßig die Leiden des jungen Werther.

 

„Da ist nichts und da war nie etwas!“, versuchte er sich einzureden. „Wir hatten nicht einmal Sex! Außerdem bin ich sowieso viel zu alt für sie!“

>>Ha, ha alter Knabe, wem macht du etwas vor? Wenn da wirklich nichts war, wieso hältst du dann ihre Bluse? Wieso kreisen deine Gedanken nur um sie? Vielleicht bist du wirklich zu alt für sie, aber solltest du das nicht lieber sie selbst entscheiden lassen? Wieso wohl hat sie dich in ihr Zelt gelassen, als das Schnarchen deines Freundes dir neben dem Schlaf auch den letzten Nerv raubte? Sicher, der Schulungsleiter hatte offiziell den Vorschlag gemacht … aber auf keinen Fall hätte sie darauf eingehen müssen. Und unter freiem Himmel? In der kalten Nacht … als du vor Kälte zitternd neben ihr lagst? Hätte sie da ihren Schlafsack mit dir teilen müssen? Hätte sie dich zusätzlich mit ihrem Körper wärmen müssen?

NEIN! Was fühltest du noch alles außer ihren warmen Brüsten? Als sie so eng an dich gekuschelt bei dir lag? Und tagsüber? - Eure kurzen intensiven Augenblicke? Eine versehentliche Berührung hier, ein viel zu langer Augenkontakt da.

Da war also NICHTS?

Wieso hattest du dann ständig das Gefühl, da sei so viel mehr zwischen euch? Lag da nicht auch mehr in ihren Blick? Im Grunde hast du es noch, das Gefühl, dass da mehr ist, so viel mehr als je zuvor! Ist allein nicht schon ihre Nähe, jede Berührung von ihr besser - als SEX?<<

 

Oh, wie er diesen Dämon, der gerade in ihm sprach, verfluchte, und doch konnte er nicht umhin, er musste ihm Recht geben! Denn es war sein Herz das sprach und bitte … wer wusste genauer um seine Gefühle, als sein eigenes Herz?

Die Hausklingel riss ihn aus seinen Gedanken. Als er die Tür öffnete traf ihn fast der Schlag. Sie stand vor der Tür.

„Hallo Herr Ikelos, haben Sie vielleicht … oh da ist sie ja!“ Ihre Hand deutete auf die Bluse über seinem Arm. „Ich habe sie schon überall gesucht, daher wollte ich Sie fragen, ob sie vielleicht versehentlich bei ihnen gelandet ist. Da bin ich aber froh!“

 

Sie war froh?

 

>>Klar ist sie froh ihre Bluse wiederzuhaben, nun gib sie ihr schon endlich!<<

 

Nur zögernd folgte er der mahnenden Anweisung seines Verstandes und überreichte sie ihr wortlos. Hastig nahm sie ihr Kleidungsstück entgegen. „Danke, ich will Sie auch nicht länger stören!“, schon drehte sie sich um und war im Begriff zu gehen.

 

„Sie stört doch nicht. Los, lade sie zu einer Tasse Kaffee ein, schnell – bevor sie weg ist!“, schrie sein Herz in ihm.

 

„Aska!“ Mist! In seiner Hektik hatte er sie versehentlich mit ihrem Vornamen angesprochen. „Frau Janneck***“, verbesserte er sich schnell. „Darf ich Sie auf eine Tasse Kaffee einladen?“

Da war er wieder - der Blick von ihr, der ihm wohlige Gefühle durch seinen ganzen Körper schickte. Sein Herz schlug augenblicklich höher. Die Welt um sie beide verschwand. Selbst die Zeit blieb augenblicklich stehen. Es gab nur sie und ihn.

„Gerne – aber Tee wäre mir noch lieber, falls Sie welchen haben.“ 

Selbstverständlich hatte er.

 

 

Als sie sich in seinem Wohnzimmer setzte, drückte sie ihre Bluse an sich wie einen wiedergefundenen Schatz. „Das ist meine Lieblingsbluse!“, erklärte sie. Sie schmiegte ihre Wange in den Stoff. Ihre Augen schienen zu leuchten. Sie strahlte ihn an. Er konnte sie sehr gut verstehen, es war auch seine „Lieblingsbluse“ geworden, allerdings auf eine andere Art … aber das konnte er ihr schlecht erzählen. Gleich würde sie gehen und ihre Bluse mitnehmen. Schnell lenkte er das Gespräch auf ein neues Thema, um nicht nur „daran“ zu denken.

 

Aus einer Tasse Tee wurden zwei, aus zwei - drei. Irgendwann war die Anzahl der Tassen nicht mehr wichtig. Die Zeit flog nur so dahin. Lange hatte er sich nicht so frei gefühlt, derartig beschwingt, ja geradezu jung. Sie sah sich um, entdeckte Gegenstände in seinem Wohnzimmer, und sie sprach genau die an, die in seinem Herzen eine besondere Bedeutung hatten. Kannte sie sein Herz oder war das nur Zufall? Zufall oder nicht, sie hatten einander eine Menge zu erzählen, es gab so viel zu lachen.

 

Sie hatte Esprit, und ihre Anziehung auf ihn wuchs stetig. In ihr fand er eine verwandte Seele. Er fand einen Teil von sich, den er längst verloren glaubte, und er konnte sein Glück gar nicht fassen. Also suchte er nach Fehlern, kleinen Makeln und doch war sie wie ein Traum für ihn. Sein Verstand versuchte innerlich auf Abstand zu gehen. Er fand allerdings bei aller Mühe nichts an ihr auszusetzen.

 

>>Es ist schon spät, schau mal nach draußen wie dunkel es schon ist! Was sollen die Nachbarn denken, wenn du so eine junge Frau zu dieser Zeit noch zu Besuch hast? <<

 

>>Lass die Nachbarn denken was sie wollen, du weißt schließlich genau was passiert ist und was nicht. Fühle in dich hinein, spüre die Kraft und Lebensfreude. Genieße diese Zeit mit ihr. Du willst sie doch – dann nimm sie! Nimm sie in Deine Arme, küss sie und …<<

 

>>Noch bin ich da, aber nicht mehr lange! Dann gibt es nur noch Gefühl. Dann wirst du über sie herfallen wie ein wildes Tier. Wild, wie ein ausgehungerter, einsamer, alter Wolf. Willst du das wirklich? Sie lediglich poppen, durchvögeln?  - Oder willst du mehr? Was ist mit ihren Gefühlen? Noch hat sie nicht mal angedeutet, Sex mit dir zu wollen. <<

 

„Es ist spät, Sie müssen nun gehen!“, sagte er plötzlich laut. Irritiert schaute sie ihn an, dann auf die Uhr. „Tatsächlich – so spät ist es schon?!“ Sie sprang auf. Er begleitete sie durch den Flur bis zur Haustür. „Wie die Zeit vergeht – also dann …“, ein tiefer Blick von ihr, sie kam näher.

 

>> Nimm sie in deine Arme – halt sie fest! Los küss sie, das ist deine letzte Chance! – Du NARR!!!<<

 

Schon war sie an ihm vorbei, ging über den Hof. Er schloss die Tür. In ihm tobte sein Herz.

Draußen auf dem Hof entfernte sie sich langsam von seinem Haus. Für einen kurzen Augenblick hatte sie gedacht, er würde sie in seine Arme schließen. Sie hatte es sich erhofft, ersehnt, dass seine Lippen die ihren berühren - sie küssen würden. Vielleicht hätte sie ihn sich einfach schnappen sollen? Die Versuchung war groß gewesen, als sie so dicht an ihm vorbeiging. Aber sie war eine Frau, und was war wenn er sie gar nicht wollte?

 

Als die Tür hinter ihr ins Schloss fiel, war es zu spät! Verdammt, sie war feige gewesen. Erneut war sie zu feige gewesen, ihm ihr Herz zu offenbaren. Dabei war sie sich innerlich so sicher. Er löste Gefühle in ihr aus, wie kein Mann zuvor.

Es war Liebe, eine tiefe, endlose Liebe. Sie beide gehörten zusammen, sie wusste es einfach! Was sollte sie nun tun? Als sie grübelnd den Weg hinablief, fiel ihr Blick zurück - auf sein Haus und sie sah ihn durch das Fenster. Da stand er - in seinem Wohnzimmer und hielt etwas dicht an seine Brust gepresst. So eng, als wolle er es nie wieder hergeben. Es war ihre Bluse, die er so hielt! 

 

Ihre Bluse! – Sie musste unbedingt zu ihm!

 

 

© Azraela

 

 

 

 *    Asuka, japanisch, gesprochen Aska: Der Duft von Morgen

**   Ikelos: griechischer Gott des Traumes

*** Janneck: Koseform von Johannes, hebräisch: der Verführer

 

 

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