Zabaione

 

“Calamare siziliana.” – „Si Signore.”

Ich sitze bei einem Italiener in einer ferneren Stadt in Deutschland. Er ist nicht der beste! Auch nicht der teuerste! Er ist der urigste… der „italienischste…“ - der, an dessen Sprache man noch den Süden erkennen kann.

 

In der Nische diagonal gegenüber sitzen sieben Frauen - „Von- Bis“ - um die, bei ihrem Training verbrannten Kalorien zu ersetzen. Nach der Gestik und den platten Frisuren zu urteilen - Schwimmerinnen.

 

Sie sitzt an der Stirnseite vom Tisch - die Donna, die Hoheitsvolle - Wortführerin. Ihr streng nach hinten gekämmtes Haar zu einem Pferdeschweif (Kühe haben Schwänze) gefasst, jedoch meisterlich die Spitzen in die Nackenhaare eingeflochten. Es gibt ihr etwas Elegantes, Raffiniertes, Hervorhebendes - gegenüber den anderen Frauen. Ihr Halbprofil erregt Aufmerksamkeit in meiner Gefühlswelt. Mein Körperchen registriert ihre Anwesenheit, sie wird bewertet und für eine weitere Erkundung freigegeben. Ihre Stimme, nur bruchstückhaft zu hören, setzt Schwingungen frei. Ihre Gestik feinmotorisch präzise gesetzt wirkt unterstützend. Das Essen der Sieben kommt… Spagetti à la irgendetwas… Portionen für Sportlerinnen. Oh, sie kann’s - mit Löffel und Gabel - in einem Tempo bei dem sie sicher nicht verhungert und Anmut ist mit dabei.

 

Meine Calamares mit Kapern in Tomate - mit getrockneten Tomaten! - kommen und meine Sinne sind streckenweise abgelenkt. Zweimal hat sie schon zu mir hingeguckt, mich wahrgenommen! Mit jedem Bissen werden die Calamares zarter, die Sauce pikanter, der Wein süffiger. – Gockel! Ich interessierter - sie Guckiger… Ups! Das Spiel beginnt! Lachen, erzählen, Stimme senken… tuscheln – huschige Blicke. Die Stutenherde vergibt Punkte.

 

Plötzliches Stühlerücken und Aufspringen. Halbleere Gläser, angeknabberte Desserts. Ein Bruch in der Stimmung! Jacken von Haken zerren – reißen, und die Süchtigsten haben den Glimmstängel schon im Mundwinkel hängen, meine „Donna“ allen voran. Im Vorbeigehen harte abschätzende- taxierende Augen… kalte Augen, hängende Mundwinkel - kein Liebreiz in diesem Gesicht. Kalkuliertes Gehabe - Brust raus - Pullover stramm ziehen, Becken kippen, Hosen hochziehen… Schambein präsentieren. Ach neee, so nicht, Madameke!

 

Plooop… in mir stürzt das zarte Luftgebilde in sich zusammen. Das war es! Alle vier drängen fast ungestüm nach draußen. Ich zerdrücke mit der Zunge eine Kapernknospe, genieße das bittere Aroma und blicke zum fast leeren Tisch. In einer Lücke zwischen den restlichen Mänteln an der Gardarobe und der Trennwand sehe ich in ein Paar dunkle neugierig- fragende Augen, Augen die mich fixieren, mich beobachten. Sie müssen mein Minenspiel, mein „Plooop“ registriert haben, denn die Falte über der Nasenwurzel verschwindet und feine sinnliche Lachfältchen gruppieren sich um die Augenwinkel. Ein Glitzern vermeine ich zu erkennen. Die Karten sind neu gemischt. Ich hebe mein Glas und trinke den Augen zu! Das Augenknipsen habe ich gesehen, unstrittig.

 

Ich widme mich wieder meinem Tintenfisch, sie sich dem Tischgespräch. Die vier Raucherinnen kommen zurück und verbreiten neben einer Unruhe auch noch den in den Kleidern hängenden Kaltrauch - ein alle Sinnlichkeit killender Geruch. Telepathie? Na, na! Wenn ich den Blick suche… kein Wimperschlag später hebt sie ihren Augenlider… meine Augen werden magisch hochgezogen und ich sehe in ihre Augen.

 

Mein zweiter Wein kommt und meine Neugierde, was denn der liebe Gott um diese Augen herum so modelliert hat, steigt. Umständlich, Zeit schindend, kurve ich um die Stühle in Richtung Toilette. Sie sitzt hinten in der Ecke und was meine Blicke so einfangen… Der liebe Gott hat nicht geknausert.

 

Toilette - hm, eher „na ja“. Der Vorraum großzügig für beide gedacht - mit doppeltem Waschbecken, langer Spiegel für die „Eitlen“ und diskret hinter der Tür der Automat mit einem erlesenen Angebot an Spezialitäten. Ein Mini-Kontakthof. Nun stehe ich am Töpfchen, der, der eigentlich gar nicht muss und drücke, presse ein paar Tröpfchen heraus, als die Tür geht und nebenan ein Geraschel. Geräuschvolles Spülen und als ich in den Vorraum komme, treffen sich unsere Blicke in den Spiegeln. Sende einen gehauchten Kuss via Spiegel… Sie erwidert ihn auf dem gleichen Weg. Ein kurzes Trocknen der Hände und husch ist sie weg. - Für den Fall der Fälle… ich wähle die Schwarzen mit den Noppen… damit habe ich immer gute Ergebnisse erzielt.

 

Er wäre kein Kalabrese, wenn er das Spielchen nicht schon längst bemerkt hätte. „Sie trinkt Chianti, wie du!“, lacht er mir entgegen. „Gib mir ein zweites Glas mit!“ Bis zu den Ohrläppchen grinsend… „Hier“. „Sie mag Zabaione!“, kommt die nächste Information.

 

Sie sitzt jetzt vorn an der Ecke, wir haben ungehinderten Blickkontakt. Feinsinniges Lächeln, als sie das zweite Glas bemerkt - sieht wie ich es fülle. Ein paar Minuten später ist auch schon Aufbruch. „Tschüss, Tschüss! Bis Samstag.“ Sie nimmt ihren Mantel… „Schade!“ grummelt es in mir. Sie steht als Letzte in der Reihe… lässt alle vor, die Tür schließt sich vor ihr… ihr Mantel fliegt auf meinen.

„Ich bin Jacqueline!“

„Ich der Tom!“

Ein kurzer gemeinsamer Blick zur Theke… zwei schleckende Zunge im Lippenwinkel und einen Moment später erklingt aus der Küche der unverkennbare Rhythmus eines Schneebesens beim Schlagen von Eiweiß.

 

© S’Rüebli                                                                             Ihre Meinung? 

 


 

 

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„Wer nichts hat -

suche sich ein Stein, baue eine Mauer umhin

und er hat ein Altar um für seine Sehnsüchte zu opfern.“

 

Zitat eines Nomaden aus der algerischen Sahara.