Weiblich

 

Ich bin eine Frau! Ganz bestimmt! Ich bin eine Frau - auch wenn ich einen gottverfluchten Schwanz habe. Seit ich denken kann, bin ich weiblich. Innen drin war ich es schon immer. Nur gesehen hat es keiner. Nicht mal meine Eltern! Und als ich es ihnen sagte, waren sie empört. Dabei hätten sie es wissen können - wissen müssen! Seit damals habe ich sie nicht mehr gesehen. Sie haben mich... Nun! Es war unerfreulich in höchstem Maße. Aber das ist nun auch schon 25 Jahre her, denn mittlerweile bin ich 45 und äußerlich - ich meine ganz außen - bin ich seither eine Frau. Ich bin Beate, die Glückliche, denn „nomen est omen“. Vielleicht hilft es ja. Aber vielleicht bin ich auch Norman geblieben. Der Mann aus dem Norden.

 

Besonders schön bin ich zwar nicht, aber schon ganz hübsch. Ein bisschen zu groß und ein bisschen zu kantig. Aber seit ich die Hormone nehme, ist mein Gesicht viel weiblicher geworden, und dieser unglückliche Bartwuchs hat aufgehört. Mein Busen ist klein aber fein und abgesehen davon ist er hochempfindlich. Gott sei Dank habe ich wirklich schöne Beine, und heutzutage gibt es ja auch schon sehr schicke Schuhe in Größe 43. Wenigstens nicht 45! Hätte mir ja auch passieren können. Mein dunkles Haar ist, seit ich eine Dauerwelle habe, viel fülliger, und auch der rote Stich von der Tönung passt zu meinen etwas spröden Typ. Es reicht mir bis in den Nacken, und ich bin stolz darauf, eine wirklich attraktive Windstoß-Frisur zu haben. Wie habe ich meine Schwester beneidet, die immer langes Haar tragen durfte! Jetzt darf ich auch! Und meine Schwester liebt mich immer noch - auch als Beate!

 

Nur Sex - ja, das ist ein Problem. Ich sehne mich nach einem Mann, aber wie gesagt: Das ist mein großes Problem. Wie soll ich vermitteln, dass ich einen Schwanz habe? Ja, einen Schwulen, den könnte ich haben. Aber ER ist nicht das, was ich möchte - und auch ich wäre nicht, was ER will. Denn er möchte ja einen Mann - und das bin ich nur für 20 cm. Ich verzehre mich nach zärtlichen Händen und sanften Küssen, nach liebevoller Zuwendung. Ich bräuchte die starke Schulter eines liebenden Mannes so sehr, aber ich weiß - mit hoher Wahrscheinlichkeit - wird das ein Wunschtraum bleiben.

 

Dann allerdings lernte ich einen Mann kennen. Einen richtigen Mann! Hannis! Es ist irgendwie ein Wunder. Wenn er mich ansieht, spüre ich seine Bewunderung für mich, und auch noch etwas anderes spüre ich: Dieselbe unterschwellige Traurigkeit, die auch in mir ist. Ich bin mir ziemlich sicher: Auch er führt ein falsches Leben! Ein Leben, aus dem es kein Entrinnen gibt. Vielleicht ist er mir deswegen so nahe. Er ist der erste Mensch, dem ich wirklich vertraue. Zusammen mit ihm bin ich glücklich.

 

Hannis ist sehr viel älter als ich, aber er sieht gut aus. Graumeliert, stattlich, mit blauen Augen, in die ich hineinfallen möchte. Sein Mund ist weich und sinnlich, und manchmal träume ich davon, ihn zu küssen. Die steilen Falten, die ihn einrahmen, erzählen mir von seinem Kummer. Eigenartig ist es schon. Er wäre der Mann, an den ich mich anlehnen könnte - glaube ich. Und doch wäre er auch der Mann, den ich schützend in meine Arme nehmen möchte. Hannis ist alles!  Er ist Wissenschaftler und Künstler, Vater und Kind, stark und schwach zugleich. Er ist mein Freund - und - Hannis ist verheiratet!

 

Warum passiert so etwas immer mir? Ich gab dieser „Beziehung“ keine Woche - und doch treffen wir uns nun schon viele Jahre. Damals habe ich mich entschieden, ihm die Wahrheit zu sagen. Die Wahrheit über mich - und über mein Leben, denn ich vertraue ihm aus tiefster Seele. Also weiß er, dass ich 20 cm Mann bin, ansonsten aber eine echte Frau. Er weiß auch, dass ich manchmal anschaffen gehe. Etwas, das ich nur sehr ungern tue. Aber manchmal... ja, manchmal muss ich essen. Das Geld, das ich verdiene in meinem Job - ich bin Kassiererin in einem Supermarkt - spare ich für die Operation. Und ich habe ihm gesagt, was ich fühle - für ihn.

 

Wir kannten uns schon fast ein Jahr, und er wusste alles von mir, als er sich entschloss, mir sein Herz zu öffnen. „Manchmal brauche ich eine weibliche Hand!“, hat er gesagt! Eine WEIBLICHE Hand! Gott, ich liebe ihn! Er erzählte mir von der Frau an seiner Seite. Vierzig Jahre sind sie jetzt verheiratet, und er liebt sie von Herzen. Immer noch! Doch ob sie ihn liebt? Er sagt es. Ich glaube es nicht! Seit 35 Jahren schläft sie nun an seiner Seite, in seinem Bett und doch ist er ihr so fern wie der Mond. Keine Nähe, keine Zärtlichkeit, keine Intimität - und kein Sex!

 

Es ging ihm wie mir. So ähnlich! Obwohl er ein ganzer Mann ist und ich nur eine halbe Frau! Mein Herz blutete für ihn, und ich hätte mich ihm angeboten - wenn ich denn... vielleicht aber irgendwann einmal. Danach!

 

Aber das war noch nicht alles. Als er weitererzählte, geriet er ins Stocken, stotterte beinahe. Er vertraute mir seine geheimsten Wünsche an, Sehnsüchte, die sie ihm nicht erfüllte - und die er sich - nur manchmal - sehr selten - selber erfüllte, bei Frauen wie mir! Käuflichen Frauen! Er druckste herum, und ich wappnete mich - machte mich gefasst... auf schreckliche Perversitäten. Wenn mein Hannis es für so verwerflich hielt, musste es abartig sein. Schändlich und widernatürlich! Aber nachdem er längst in meinem Herzen ist, war ich bereit mildernde Umstände für ihn zu finden. Und dann gestand er mir, dass er sich sehne danach... verprügelt zu werden.

 

Völlig perplex saß ich da und starrte ihn an. - „Ähm, ja? Und weiter?“ Aber da kam nichts mehr. Das war all seine verderbte Perversität! Das, was ihn so sehr belastete. „Könntest du dir vorstellen...? Ich meine... wäre es möglich, dass du mich - na, du weißt schon! - Jaahh?“ Ich legte ihm meine Hand aufs Knie und sah in seine Augen. „Natürlich!“ Natürlich würde ich... ihm zu dem verhelfen, wonach er sich sehnte. Noch dazu, wenn es so einfach schien. Zumindest würde ich versuchen, seine Wünsche zu erfüllen. Obwohl ich damit nun gar keine Erfahrung hatte. „Könntest du... nächste Woche?“ Tatsächlich wollte er einen Termin - wie bei einer Professionellen, bei einer Domina! Aber wenn es ihm so leichter wurde... Gut!

 

Als er dann kam, war er wirklich durch den Wind. Nervös, flattrig - gar nicht er selber. Wie immer hängte er seinen Mantel auf und betrat mein Wohnzimmer. Ich hatte Kaffee gekocht - für uns. „Würde es dir etwas ausmachen... zuerst...“ Er räusperte sich. „Ich hätte zuerst gerne meine... äh... Schläge!“ Ich nicke. Nun war es an der Zeit, in meine Rolle zu schlüpfen. Aber er verwirrte mich. Hannis zückte sein Portemonnaie und entnahm ihm ein paar Scheine. Er musste sie bereitgelegt haben. „Vorher wird bezahlt!“, entschuldigte er sich. „Ja - bei einer Domina! Nicht bei deiner Freundin!“ Er wurde rot. Jetzt war es ihm unangenehm - peinlich. Aber vielleicht war das ja gar nicht so übel. So konnte ich glaubhaft gekränkt sein - ruppig!

 

Ich richtete mich hoch auf und sah auf ihn „herunter“. „Zieh dich aus!“, befahl ich streng. Beinahe hatte es den Eindruck, als ducke er sich - aber seine Augen begannen zu glitzern. So war das gut. „Wenn du es stoppen willst...“ - „Terpsichore! - Das Codewort ist Terpsichore!“, kam blitzartig. Er hatte wirklich Erfahrung auf diesem Gebiet. Im Gegensatz zu mir. - Aufgeregt zog er sich aus - Schuhe und Strümpfe. „Weiter!“ Er riss sich beinahe die Kleidung vom Leib - und dann stand er vor mir - nackt! Gut, es war sein Spiel, und er bezahlte, aber ich bin auch wer. Also ließ ich meine Blicke schweifen - genüsslich. Sein nackter Körper gefiel mir. Groß und ein bisschen hager, aber gut proportioniert und für sein Alter straff und fest. Langsam und bewusst schritt ich um ihn herum. Dieser Hintern schmeckte mir. Ich würde mich ihm gerne widmen. So oder so!

 

Hannis trat von einem Fuß auf den anderen. Ob er sich das so vorgestellt hatte? Egal! Er wollte sich unterwerfen. Also wurde es jetzt zu meinem Spiel. Er würde da jetzt durch müssen. Und nun sah ich, dass Hannis es nicht gänzlich unangenehm empfand. Ich lächelte überlegen und deutete mit ausgestrecktem Arm auf meine Sofalehne. Mein schweres Ledersofa ist genau das Richtige dafür. „Leg dich hin!“, schnappte ich ihn an - und er beeilte sich, mir zu gehorchen. Behutsam bettete er seine Männlichkeit in Leder, aber bevor er darüber nachdenken konnte, ob das jetzt geil war, spürte er meinen Rohrstock.

 

Klatsch! Hannis stöhnte. Klatsch! Rhythmisch schlug ich zu, zählte laut mit. Klatsch! „Drei!“ - Klatsch - „Vier!“ - Klatsch - „Fünf!“ Seine Backen zuckten und er stöhnte keuchend. Nein, das war nicht das Wimmern eines schmerzgepeinigten Mannes. Es klang vielmehr... zufrieden... erlöst beinahe... sinnlich! Sein Körper begann sich zu winden, aber ich ließ nicht nach. Wenn er wollte - er konnte es stoppen. Klatsch! - „Achtzehn!“ - Klatsch - „Neunzehn!“ - Klatsch - „Zwanzig!“ Danach ließ ich ab, gönnte ihm eine Pause  - ihm und mir. Wüsste ich nicht, dass er es braucht, ich könnte es nicht. Ich setzte mich auf die Couch und legte ihm meine Hand auf die Schulter, streichelte leicht seinen Nacken. „Bald! Bald hast du es überstanden!“, flüsterte ich - und als er aufblickte, strahlten mich dankbare Augen an - in denen Tränen glitzerten.

 

Zumindest er hat wohl gefunden, was er gesucht hatte!

 

© BvS                                                                                           Ihre Meinung?