Jungbrunnen

Lieber Besuch zu Beltane





Der Winter war Vergangenheit! Bruder Lenz hatte endlich wieder an ihre Behausung geklopft, um ihr mitzuteilen, dass er wieder im Lande sei, und sie hatte ihn überzeugen können, eine Tasse Tee mit ihr zu nehmen. Natürlich war das eine kleine List gewesen, aber sie mochte Bruder Lenz wirklich schrecklich gern, und er wusste natürlich auch, dass es ein klein wenig mit ihrer Eitelkeit zu tun hatte, dass sie jedes Jahr so eifrig darauf aus war, mit ihm Tee zu trinken. Allerdings war ihr Tee der beste, den er im ganzen Wiesenland bekommen konnte, und so freute er sich insgeheim schon immer auf ihre Einladung und ließ sich nur zum Schein bitten. Es war ein Spiel zwischen ihnen beiden. „Sag mir, wie machst du nur diesen köstlichen Tee?“, frage er und überreichte ihr - mit einer kleinen Verbeugung - eine Sumpfdotterblume. Fay lachte silberhell. „Danke schön!“ zwitscherte sie knicksend. Ihr Lächeln strahlte mit der Sonne um die Wette. Wie war sie froh, dass sie heute Morgen das weiße Glockenblumenkleid angezogen hatte. Sie hatte ihn schon sehnlich erwartet!

 

„Aber, mein liebster Freund, wer wird denn so neugierig sein? Du weißt doch, dass man seine Geheimnisse bewahren muss!“ Abwehrend hob sie die Hände. „Ich kann dir höchstens ein paar Grundzutaten verraten - aber nicht das ganze Rezept!“ Graziös setzte sie sich ihm gegenüber und goss Tee in seinen hochstieligen Kelch. „Also die Hauptsache ist das hellblaue Wiesenschaumkraut und Huflattichblüte, dann noch ein paar Veilchenblätter und Magnolienknospen - die ganz kleinen! Aber nicht zu viele, die schmecken sonst vor!“, verriet sie geheimnisvoll. Lenz nickte ernsthaft, obwohl er von der Kunst des Tee-Kochens überhaupt gar nichts verstand. Seine Kunst war eher der Malerei zu vergleichen, und Fay hatte längst ihre Aufmerksamkeit von ihm abgezogen und beobachtete den Garten.

 

Es war ihr jedes Jahr ein Wunder zu sehen, wie der Garten aufblühte, wenn Bruder Lenz bei ihr saß. Schneeglöckchen wetteiferten mit blauen Krokussen die noch ziemlich harte Erde zu knacken. Bunte Primeln schmiegten sich an den Rand des Gartens, umarmten den weißen Steinweichselbusch. Hübsch sah das aus, aber dazwischen… kaum hatte sie den Gedanken zu Ende gedacht, sprossen violette und enzianblaue Schwertlilien empor. Oh, Bruder Lenz wusste um ihre Vorliebe für Blau. „Ich danke dir, du Lieber!“, murmelte sie, und dann gab sie sich einen Ruck: „Du darfst es niemandem verraten, aber das Geheimnis dieses wundervollen Geschmackes ist das Adonisröschen!“ Sie legte die Fingerspitze an die Lippen und zeigte ihm so, dass sie ihm soeben ihr größtes Arkanum verraten hatte.

 

Er lächelte. Oh nein, er würde es niemandem verraten. Um der Wahrheit die Ehre zu geben, er würde es vergessen haben, sobald er ihren Garten hinter sich gelassen hatte. Galant beugte er sich zu ihr, küsste ihre schmale Hand und bedankte sich artig, dann trank er den letzten Schluck Tee und verabschiedete sich. „Du weißt, meine Liebe, ich muss weiter!“ Natürlich wusste sie… und so geleitete sie ihn zum Gartentor und küsste ihn zärtlich auf beide Wangen. Bruder Lenz wurde doch tatsächlich rot. Das hatte sie noch nie getan, aber er fand es hinreißend - und beinahe hätte er seine Pflichten darüber vergessen, aber Fay schob ihn liebevoll zur Türe hinaus. Sie wollte nun… Ihr war jetzt nach dem rosa Seerosenkleid, das so hübsch durchsichtig über ihre Schultern fiel, und dann wollte sie hinaus - und ihr Reich erkunden. Sie hatte schließlich eine Verabredung heute.

 

Mit bloßen Füßen streifte sie durch den Wald und genoss das Streicheln der weichen, frischen Grashalme. Doch, es war noch empfindlich kühl, aber sie spürte es nicht. Ihre Blicke sogen begehrlich die bunte Pracht des Frühlings ein, und mit jedem Schritt fühlte sie sich wohler. Die dumpfe Gleichgültigkeit des Winters fiel von ihr ab. Bald würde sie an ihrer Lieblingsstelle sein! -

 

„Oohhh!“, entschlüpfte es ihr. Wo war der See? Eigentlich sollte sie am Ufer eines kleinen Weihers stehen, aber… er war verschwunden! Da war nur noch ein leerer Tümpel. Fay sah sich um. Ihre Enttäuschung wich. „Oh, das hast du gut gemacht!“, lobte sie ihn insgeheim. Dieser hübsche, junge Mann hatte das bestimmt nur für sie getan. Er hatte den See geleert und seine Maschinen hatten ihn gesäubert. All der Abfall, den bedenkenlose Spaziergänger hineinwarfen, und der schmutzige Schlamm waren verschwunden. Tiefer war er geworden, der Teich, und das Ufer hatte er mit großen weißen Steinen befestigt. Schön sah das aus! Und jetzt noch… Sie klatschte in die Hände - dachte dankbar an Bruder Lenz - und in einem Augenblick hatte sich das ganze Ufergelände mit Buschwindröschen und blau-blühendem Immergrün überzogen. Erst jetzt sah sie das Wasser, das auf einer Seite in den See strömte. Behutsam kletterte sie über die Felsenböschung und stieg hinein. Kalt und klar umplätscherte es ihre nackten Füße. Doch, es gefiel ihr hier! Es fehlte nur noch… langsam legte sie ihre Handflächen auf das Wasser, drehte sie um und hob sie an - um so die gesamte Oberfläche des Sees zu heben. Das Wasser reichte ihr nun schon bis zu den Knien, den Oberschenkeln, den Hüften, der Taille…

 

„Ja, zum Donner…, Hubert!“ Fay war zu Tode erschrocken. Lautlos ließ sie sich tiefer ins Wasser sinken. Da stand er, der hübsche, junge Menschenmann Albert und sprach mit seinem Hund, der aufgeregt um seine Füße sprang. „Was ist denn hier passiert? Schau nur, Hubert, wie schön das ist!“ Begeistert sah er sich um und staunte mit großen Augen. „Dass der See schon so voll ist… und schau nur… diese Blütenteppiche! Oh ja! Es ist Frühling geworden, Hubert.“ Hubert machte „Wuff“ und zwinkerte Fay zu, von der nur noch das hübsche Köpfchen aus dem Wasser schaute. Er schmunzelte. Diese Menschen! Die sahen wirklich nicht, was vor ihren Augen geschah. Als sein Herrchen allerdings begann sich auszuziehen, wurde ihm doch etwas mulmig zumute. Er wusste, dass das so sein musste, aber er erlebte es heute zum ersten Mal. „Ich werde baden gehen!“, verkündete Albert - und sein Hund blickte bedenklich - das hätte er beschwören können.

 

Nackt, wie er war, stieg er über die Felsbrocken, um dann seine Zehen in den weichen Schlamm zu graben. „Es ist gar nicht kalt!“, lockte er seinen Hund, der am Ufer auf und ab lief. Langsam tauchte er tiefer, schritt weiter hinein zur Mitte des Sees. Das Wasser umspülte seine Oberschenkel, und als seine Männlichkeit eintauchte, durchrieselte ihn namenloses Wohlbehagen. „Seltsam ist das - jedes Mal!“, murmelte er. Normalerweise zog sich sein „Temperaturfühler“ bei solch unterkühlten Reizen tief in seine Bauchhöhle zurück. Diesmal jedoch… „Sag mal, Hubert, hast du diese herrliche Seerose gestern schon gesehen? Wo kommt die bloß her?“, fragte er seinen Hund und näherte sich ihr. Das Wohlgefühl nahm zu. Zufriedenheit und Glück erfüllten ihn, so dass er fast meinte davon überzufließen. Als seine Finger zärtlich über die rosaroten, fast durchsichtigen Blütenblätter streichelten, stöhnte er laut auf vor Lustgefühl. Langsam drehte er sich um die eigene Achse und verließ den See. „Weißt du was, Hubert? Weißt du, was ich hier habe? Ich habe hier wirklich einen echten Jungbrunnen, und ich werde hier immer - immer - immer wieder baden solange ich lebe!“

 

Sein Hund sah ihn an. Diese Menschen! Das wusste er doch längst, denn er war schließlich der Wachhund seines Herrn - in der 9. Generation. Aber die Menschen sahen wirklich nicht, was vor ihren Nasen geschah! Schade nur, dass diese Magie bei ihm nicht wirkte. Das konnte selbst Fay nicht vollbringen… denn was hier geschah, war der Zauber der Liebe! Ihrer Liebe!

 

© BvS