72 Stunden



© Sinnenflut


 

Anne räkelte sich. Das Bett neben ihr war leer. Schade. Sehr schade. Mit einem Seufzer kuschelte sich die junge Frau tiefer ins Kissen. Dachte an die vergangene Nacht. An den Mann, der so gar nicht dem Schema ihrer gewöhnlichen Liebhaber entsprach. Selbstbewusst, zielstrebig, kraftvoll. Eine gewisse Härte, ja: Grausamkeit. Feine, geschliffene Ironie. Warmes, kraftvolles Lachen. Und Zärtlichkeit. Tiefe, berauschende Zärtlichkeit. Sie war in dieser Zärtlichkeit ersoffen. Hatte sich daran besoffen. Hatte sich ihr – und ihm – hingegeben.

 

Mit leisem Bedauern erinnerte sich die junge Frau an eine warme Hand auf ihrer Wange, an leise Worte, die keinen Sinn ergaben. „Wenn ich blödes Huhn mal richtig wach geworden wäre!“ schimpfte Anne. Sie hatte keine Ahnung, was das geändert hätte. Vielleicht hätte sie seine Abschiedsworte verstanden. Vielleicht hätte sie ihn zu einem gemeinsamen Frühstück überreden können. Das wäre hübsch gewesen. Ein passender Schlusspunkt. Sie dachte an den vergangenen Abend. An Olafs Interesse, an seine Aufmerksamkeit, seine … Fürsorge. Die junge Frau spürte einen Kloß im Hals. Warum hatte er das getan?

 

Sie hatte sich – ihren Körper – angeboten. Eine Frau im sexuellen Notstand. Interessiert, begierig, auf der Jagd nach Fleisch. Warum hatte er nicht einfach ihren Körper genommen? Warum hatte er … Gefühle in ihr geweckt? Anne knurrte unwillig. Seit sie vor etwa drei Jahren ihre Beziehung mit Reinhard beendet hatte, lebte sie alleine. Zwei, drei Mal im Jahr überkam sie eine unbezähmbare körperliche Gier und sie schnappte sich den nächsten, verfügbaren Mann. Manchmal auch eine Frau. Hier und da beides. Doch waren diese One-Night-Stands im Allgemeinen unbefriedigend. „I don't need to read the fucking manual. I know how to fuck.“ knurrte die junge Frau und mit einem tiefen Seufzer der Frustration: „Wenn's denn mal nur so wäre, ihr Bubis.“

 

Olaf hatte sich Zeit genommen. Viel Zeit. Die meiste Zeit in dem Versuch, sie kennenzulernen. Ihr Wünsche, ihre Bedürfnisse, ihr Vorlieben und Abneigungen. Sie erinnerte sich an seinen Schrei, als er tief in ihr gekommen war. Daran, wie seine Augen nach hinten kippten, wie sich harte, verkrampfte Muskeln schlagartig zu völliger Schlaffheit entspannten und der Mann mit einem seltsamen Schluchzen über ihr zusammenbrach. Sie erinnerte sich nicht an ihren Schrei. Nur daran, dass sie endlos gefallen war, durch tosende Feuer, durch berstendes Eis. Dass eine gewaltige Welle sie erfasst und mit brachialer Gewalt gegen das Ufer geschleudert hatte. Dann war da ihr zitternder, bebender, schweißnasser Körper, eng an Olaf gepresst. Ihr Kopf an seiner Brust, dem tiefen, gelassenen Rhythmus des Herzens lauschend. Seine Hand auf ihrem Rücken, streichelnd, liebkosend, schützend. Dann war Schlaf.

 

Unwillig schüttelte Anne den Kopf, warf die Bettdecke zurück und stand auf. Ihre Beine waren seltsam kraftlos. Sie nahm es lächelnd zu Kenntnis. „Da findet man mal einen Mann, der weiß, was er tut, und …“ Anklagend blickte sie den Kleiderschrank an. „Wenigstens war er nicht schwul, Mädchen“, sagte sie zu sich selbst. „Vielleicht verheiratet.“ Und wenigstens hatte ich seit Jahren mal wieder Sex, der den Namen verdient, schloss sie in Gedanken.

 

Sie verließ das Schlafzimmer, um die Toilette aufzusuchen. Irgendetwas irritierte sie, doch war der Harndrang wesentlich dringlicher. Dusche? Später. Im Augenblick genoss sie das Gefühl von Schweiß und eingetrockneten Körpersäften auf der Haut. Sie betrachtete sich im Spiegel. Keine Schönheit. Gerade eben mal hübsch. Unbezähmbar wuschelige kupferrote Haare, die sie nur als Kurzhaarfrisur ertragen konnte. Mehr Sommersprossen auf der bleichen Haut als ein Hund Flöhe im Fell. Natürlich grüne Augen. Etwas kleiner als der Durchschnitt, mager bis zur Knochigkeit. Zu kräftige Oberschenkel und – ihr Fluch – diese … Titten.

 

Vorsichtig fasste sie erst die eine, dann die andere Brust an. Viel zu groß für den schmächtigen Körper. Viel zu schwer und mit mehr als deutlichen Anzeichen von Hängebusen. Und viel zu empfindlich. Das übliche Zwirbeln an den Brustwarzen verursachte ihr eher Schmerzen als Lust. Olaf hatte es raus gehabt. Kaum spürbare, federleichte Berührungen mit Fingerkuppe und Zungenspitze. Ein Schauder überlief Anne und sie spürte, wie sich die Brustwarzen stellten. „Mist.“ fauchte sie ihr Spiegelbild an, rief sich zur Disziplin und dachte über den jungen Tag nach. Als erstes ... eine große Tasse starken Kaffee. Dann konnte sie sich dem Tag – ihrem 27. Geburtstag – stellen.

 

Sie verließ das Bad, um sich im Schlafzimmer etwas anzuziehen. Blieb mitten im Flur stehen, als sei sie gegen eine Wand gelaufen. Die Küchentür. Die Küchentür war zu. Erstens machte sie die Tür nie zu und zweitens hatten sie gestern Abend in der Küche noch etwas getrunken. Wieso …? Mit klopfendem Herzen und einer wilden, blödsinnigen Hoffnung riss Anne die Tür auf. Starrte mit offenem Mund auf die Szene.

 

Olaf stand mit zufriedenem Grinsen in Hemd und Hose am geöffneten Küchenfenster und rauchte. Der Küchentisch war hübsch mit ihrem dunkelgrünen Steinzeug eingedeckt. Ein kleiner Kuchen, frische Brötchen, Marmelade, Käse, Schinken … „Du … du“, stammelte die junge Frau überwältigt. Olaf schnippte die halb gerauchte Zigarette aus dem Fenster und kam auf sie zu. Nahm sie sachte in die Arme. „Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, liebe Anne.“ Sie starrte den groß gewachsenen Mann an, Tränen in den Augen. Dann riss sie ihn an sich und küsste ihn leidenschaftlich. Er ließ sanft die großen Hände auf ihre Schultern gleiten, kratzte dann langsam und voll genüsslicher Schmerzhaftigkeit über ihren Rücken, bis seine Hände sich um ihre Pobacken schlossen und das feste Fleisch kneteten. Anne stöhnte auf. Sie stand wieder in Flammen, spürte die unvermittelte Reaktion ihres Körpers.

 

„Frühstücken wir oder …?“ Seine Stimme klang rau. „Und, Olaf. Und. Ich brauche und will und kriege jetzt einen Riesenpott Kaffee. Anschließend …“ Sie leckte sich mit aufreizender Langsamkeit über die Lippen. „Was hast du heute vor?“ – „Abgesehen davon, dass ich mit dir schlafen will?“ – „Ja.“ – „Ich will schwimmen. Wenn's geht anschließend in die Sauna. Heute Abend muss ich auf ein klassisches Konzert und den nachfolgenden Empfang, obwohl ich für beides kein Interesse habe. Und du musst dringend einkaufen, sonst nagst du übers Wochenende am Hungertuch.“ – „Pizza, Döner und Chinese“, spottete Anne und nickte. „Ja, ich muss noch einkaufen.“

 

Olaf reichte ihr den Kaffee, goss sich selbst eine Tasse ein und nippte gedankenversunken. „Ich bin bis Montag hier. Montagabend geht mein Flieger.“ sagte er zögernd. „Ich will nichts interpretieren und keine Versprechungen machen. Mein Vorschlag: wir tun uns für die kommenden 72 Stunden zusammen. Einkauf, Haushalt …“ – „Schwimmen, Sauna, Konzert. Den Empfang kannst du für dich behalten.“ Lächelnd schüttelte Olaf den Kopf. „Ganz oder gar nicht.“

 

Anne dachte ernsthaft nach. „Ganz“, entschied sie und verschwand lachend Richtung Bad, während sich Olaf – mit einem seltsam nachdenklichen Lächeln im scharf geschnittenen Gesicht – seinem Kaffee widmete.

 

 

© Arne                                                                                          Ihre Meinung?