O... oohhh!

Belustigt sah ich einer Schar Spatzen zu, die sich um den Rest eines Zwiebacks zankten. Ein großer Dicker schaffte es immer wieder, Sieger in der Hackordnung zu sein, er eroberte sich die größten Brocken. Die frühlingswarme Sonne beleuchtete das muntere Treiben. An Sträuchern und Bäumen zeigten sich die ersten grünen Spitzen. Endlich hatte sich der extrem lange und kalte Winter verzogen und alles erwachte zu neuem Leben.

 

In meinem Lieblingskaffee waren die Tische mit Frühlingsblüten verschönt. Alles strahlte Frische und Gemütlichkeit aus. Hier fühlte ich mich wohl. Seit zwei Wochen schrieb ich an der Dissertation eines Freundes. Mit der Druckvorlage unter dem Arm war ich in mein Café geflüchtet. Meine Wohnung wurde mir mit dem beginnenden Frühling zu trist, zu eng, wie ein Kleidungsstück aus dem ich rausgewachsen war. Hier pulsierte das neu erwachende Leben, das meine Gedanken beflügelte und die Aufmerksamkeit der Sinne schärfte. Für mich genügend Argumente, dass Korrekturlesen an den Kaffeehaustisch zu verlegen.

 

Das Beobachten der Spatzen hatte meinen Kopf von unnötigem Ballast befreit, ich wartete auf den bestellten Latte Macchiato, um mit der Arbeit beginnen zu können. Als dieser vor mir stand, schaltete ich um. Die einfallende Sonne spendete Wärme und eine Spur von Leichtigkeit. Augen und Gehirn begannen zu arbeiten, ehe sich die immer noch lächelnden Gesichtszüge dem anpassten. Die Umgebung verschmolz zu einem tragenden warmen Summen. Mein Kokon hatte sich geschlossen.

 

Eine scheinbar nicht hier hin gehörende Bewegung störte meine Arbeitskonzentration. Am Tresen stand eine atemberaubende Erscheinung. Schlank, auf langen Beinen, mit sinnlichen Kurven. Ähnlich einem Jäger, dem ein Zwölfender vor die Flinte läuft, schoss mir das Adrenalin durch den Leib. Die Luft um mich vibrierte! Hier, musste ich genauer schauen! Das Kostüm in einer undefinierbaren Farbe, ich glaube sie heißt Mauve, mit pulvrig weißen Nadelstreifen, passte wie eine zweite Haut. Im tiefen Ausschnitt erkannte man die anmutig gehobenen Rundungen eines nicht zu üppigen Busens. Kurz blitzten Gedanken auf, wie ich diese lustvollen Hügel auf das köstlichste verwöhnen würde. Nicht zu üppige Oberweiten sind nach meinen Erfahrungen dafür besonders geeignet. Für die anmutige Präsentation stellte ich mir ein Halbschalenkorsett vor. Ich liebe Korsetts, auf der eigenen Haut und bei anderen! Zu der Jacke trug sie einen mehr als engen Rock in Ballerinenlänge. Er betonte die sanfte Rundung der unteren Partie, wurde bis unter die Knie extrem schmaler, ehe er wieder aufsprang.

 

Ihre üppig gelockte, fast weißblonde Mähne hielt im Nacken eine zur Kostümfarbe passende Seidenschleife zusammen.  Das auffälligste in ihrem ebenmäßigen Gesicht: die blaugrauen, strahlenden Augen und die niedliche Stupsnase. Das No Make up musste ein Profi gemacht haben, so perfekt sah es aus, zu dieser samten schimmernden, hellen Haut. Ich überlegte wie ich diese himmlische Erscheinung näher kennenlernen könnte, als ein Durchschnittsmann im Managerdress auf sie zuschritt. Sie drehte sich zu ihm, schlug die Augen nieder und zwang ihren aufreizenden, schönen Körper in eine Haltung, die ich nicht hätte einordnen können, wenn ich nicht die Bedeutung des fein gearbeiteten, gebürsteten Halsreifens und seines Anhängers gekannt hätte.

 

Dieser fadenscheinige Hungerhaken griff unter ihr Kinn und zerstörte mit seinem Daumen das Kunstwerk ihres Gesichts. Rüde öffnete er den obersten Knopf der Jacke, dass sie den Atem anhielt und die Augen aufriss. Mir erging es ebenso, was kam jetzt? Schnell vergewisserte ich mich, dass keine Kinder im Lokal waren, die Bedienung aber auch nicht. Er schien nicht zufrieden zu sein: „Wehe ich höre einen Ton!“, knurrte er zwischen den schmalen, verbissenen Lippen hervor. Ich schaltete erst, als ihre Augen in Tränen schwammen. Prall stachen ihre Nippel durch den Stoff der Kostümjacke. Ihre elegante Ausstrahlung... es war ein Mal, wirkte nur noch ordinär. Zynisch grinsend streckte er verlangend die Hand aus, stöpselte sich die Kopfhörer ihres I-Pods in die Ohren.

 

Mir lief das Wasser im Mund zusammen, als hätte jemand neben mir in eine Zitrone gebissen. Von so einem Weib träumte ich schon lange... eine... O... hhh! Mir fehlten die Worte... Sie drehte sich um und folgte gesenkten Hauptes dem Herrn an einen der hinteren Tische. Die raffinierte Rückseite ihres Rockes war mit einem strassbesetzten Reißverschluss verziert, der weit unter die Knie reichte. Ein kleines, verziertes Vorhängeschloss sicherte den Verschluss. Ich stellte mir vor, wie ich hinter ihr kniete, dass Schloss entfernte und genussvoll mit meiner Nase den Reisverschluss öffnete, dem weiblichen Geruch folgend, die Schenkel mit der Zunge befeuchtete und voller Hingabe genießerisch in ihre Backen biss. Animalische Lustströme rieselten mir den Rücken hinunter.

 

Für den sie begleitenden Herrn hatte ich nur ein müdes Lächeln übrig. Meine Intuition sagte mir, dass er nur Durchschnitt war und sein Wissen aus gängigen Pornostreifen bezog. Die Ärmste, auf diese Weise würde sie nie erfahren, was ihre wahre Berufung war. Ich hasse Schläge, Brutalität und Gewalt gegenüber Frauen. Diese Frau zu völliger Hingabe zu verführen, sie um Ekstase betteln zu lassen, wäre viel reizvoller. Aus den Augenwinkeln beobachtete ich die Zwei. Er gab eine Bestellung auf. Mehr als den Rücken sah ich nicht von ihm. Dafür aber ihre Körperhaltung, ihr Gesicht. Plötzlich riss sie erschrocken die Augen auf und holte jappsend Luft. Er fauchte sie an! Sie starrte gerade aus! Ihre Augen wurden dunkel, glitzerten wieder, als würden Tränen über ihre zarten Wangen rollen wollen. Schwer hoben und senkten sich die Brüste. Dann ein Aufatmen. Ich bemerkte einen Rhythmus, nach dem sie tanzte und er gab den Takt an. In ihrem Gesicht offenbarten sich mir die Kapitel einer Geschichte über die bizarren Qualen der Sünde. Gleich... gleich würde sie explodieren! Nein! Noch ließ er sie nicht! Er trank, stellte ruhig die Tasse ab. Panisch versuchte sie jegliche Reaktion zu unterdrücken! Als sie den Mund wie zum Schrei öffnete, schlug er zu. Der Schrei blieb aus! Sie kurz anschnauzend, stand er auf und verließ das Café.

 

Anfangs faszinierte mich die Aufmachung der Unbekannten. Noch mehr interessierte mich inzwischen die erotische Sehnsucht der Frau hinter dieser hübschen Fassade. Ja, ich würde sie leiden lassen! Nicht in einer zehn Minuten Session mit abschließendem Knalleffekt, sondern sie sollte erfahren, dass wirkliche Leidenschaft auch Leiden schuf. Leiden, die aus ihr selbst kommen, sie treiben, tragen würden, in die Ekstase, der sie sich hingeben müsste, nicht entziehen könnte, die sie betteln ließe. Eine Ekstase, die sie süchtig machen würde, nach mehr! Sie dürfte bitten, betteln, flehen nach meiner liebevollen Behandlung. Ich würde es genießen, andere Gegenleistungen zu verlangen und sie warten, genussvoll leiden zu lassen. Meine Seele würde sich an ihrer wachsenden Begierde laben, bis ich den Druck selbst nicht mehr aushielte und ihr wieder und wieder Erfüllung brächte.

 

Als sie die Kellnerin rief und bezahlte hatte ich schon längst meinen Kram unter dem Arm, stand an ihrem Tisch und befahl: „Den einfältigen Kerl vergiss! Komm mit, ich zeige dir deine wahre Berufung! Wage nicht... zu widersprechen!“

Mit großen Augen schaute sie mich an, schloss den Mund. Gemeinsam verließen wir das Café. Sie, zwei Schritte hinter mir, so wie es sich gehörte.

 

Nächsten Monat werden wir in eine gemeinsame Wohnung ziehen. Was wir vorher nicht ahnten, dass wir beide viel Spaß an diesem Rollenspiel haben und unsere Leidenschaften ausleben werden: als Switcher!

 

© murr