Flug CA 931

24. Dezember 2009

Abflug:         14:05 BJS

Ankunft:       22:15 DUS


…Ich bin einfach nur konsterniert über so viel Ignoranz. Dass die Welt von der Dummheit regiert wird, ist mir schon lange klar. Dass ich wegen schlapper 140 Euro Mehrkosten erst am zweiten Weihnachtstag nach Hause fliegen darf, ist Hohn pur. Dabei ist dieser „fitnessgetrimmte Arsch in seiner maßgeschneiderten Hose“ überhaupt nicht berechtigt, diese Entscheidung zu treffen – er muss sie seinem Chef vorlegen. „Ist auf Dienstreise, kommt im Neuen Jahr wieder!“ Diese herablassende, süffisante, hämisch durchs Telefon grinsende Stimme bringt meinen Magen zum Knurren und mich zum Würgen, aber mit Hilfe meiner Dolmetscherin und meiner Hartnäckigkeit …

 

Ankomme Donnerstag, 24. 12. - 22:40  DUS.

 

Fred hat mir einen Baum besorgt und Regina, seine Frau, Kerzen und Brot und auch das Vogelhäuschen aufgestellt - bei dem vielen Schnee. Eine vorgebratene Hammelkeule liegt noch im Tiefkühler. Endlich wieder Fleisch am Stück! 

 

Noch ein paar Kleinigkeiten für meine Enkel im Duty Free und eine entspannende Stunde bis zum Abflug in der Lounge. „Komm doch zu uns! – Komm doch zu mir!“ Mehr als ein halbes Dutzend Einladungen habe ich bekommen. Für mich ist aber Heilig Abend ein Heiliger Abend der Familien, und die sind für mich tabu, selbst bei Sohnemann & Co. Die Solisten brauchen ein Alibi zum Saufen, und auf die Solistinnen habe ich keinen Bock, denn da soll ich bloß den Bock spielen. Also selbstgewählte Einsamkeit - und jetzt bitte kein Selbstmitleid. Schließlich habe ich dem Fitnessarsch ein Businessticket aus den Rippen geleiert, und mit diesen zusätzlichen Meilen ab jetzt Senatorstatus.

 

„Good afternoon!“

 

Die Nachbarschaft für die nächsten Stunden hätte schlimmer ausfallen können, sehr viel schlimmer.

 

Sie ist Chinesin. Wouw… eine schöne Frau mit klassisch chinesischer Frisur – einem Haarknoten. Ein Dutt mit einer kunstvoll gearbeiteten Fibel verziert. Elegant ist sie - im Businesskostüm. Zu elegant, zu unbequem für den langen Flug. Außer „Danke“ für einmal Gepäck verstauen und ein paar Lächeleinheiten beim Blickkontakt war erst einmal Stille. Nach dem Start - wuschel, wuschel - und als sie zurück kommt … ist sie flugtauglich gekleidet. Bequeme Schlabberhose, weites Shirt - in dem die zwei „Zofen“ frei zappeln - und Jacke. Die Businessuniform hat die Stewardess elegant weggehängt.

 

In der Zwischenzeit habe ich für sie den Champagner gehortet, die Kräcker, Saft und Kopfhörer. „As an attentive husband!“ Dabei grinst sie mit einem Schalk im Gesicht der einfach zu mehr einläd: „With such a charming wife!“ Ich sehe, wie die Fröhlichkeit stirbt.

 

„Verd ... Schei ...!“ In mir stirbt meine kleine Euphorie mit. Ich will mich entschuldigen für meine Avancen: „Sorr…“, als ich ihre Hand auf meinem Handrücken fühle. Sie hat sich wieder gefangen, wenn auch ihre Augen dunkel und die Falten in ihren Mundwinkeln bleiben. „Do we play married couple on the flight?“ Irgendwie scheint sie von der Idee angetan zu sein. „Liebend gerne ... nur, mir fehlt die Übung!“ Langsam drehe ich meine Hand, und ihre zierliche, kleine Hand verliert sich fast in meiner „Pranke“.  „Generell oder in letzter Zeit?“ Die will es aber genau wissen. „Letzte Zeit!“, knurre ich mit einem entschuldigenden Schulterzucken.

 

„Ich habe noch gar keine Übung, und wenn er nicht am Flughafen ist - werde ich auch in Zukunft keine bekommen!“ Was soll „man/n“ da antworten? Handeln ist besser – ein Hauch von Küsschen auf ihre Fingerspitzen.

 

Sie scheint hauptsächlich aus Neugierde und einer Menge Selbstbewusstsein zu bestehen. Wenn ich es nicht besser wüsste! Ihre Fragen sind für unsere Verhältnisse schon beinahe indiskret.  

 

Ganz bewusst stelle ich keine Fragen. Drittes Glas Champagner ein paar Gaumenkitzler und das „Verhör“ wird immer persönlicher - schon recht intim. Wenn ich mit der Antwort zögere, dreht sie die Frage um, so, als hätte ich sie nicht verstanden.

 

„Du hast wirklich gute Eigenschaften für eine Ehefrau!“ Ich konnte es mir nicht mehr verkneifen. Ein irritierter Augenaufschlag, (für den ich sie am liebsten geküsst hätte), kurzes Nachdenken und wieder dieser Schalk im Gesicht, inklusive krauser Nase. Man hörte förmlich den Groschen fallen. „Bin ich so schlimm ... mit meinen Fragen?“ - „Hmmmm!“ - „Also schlimm!“ konstatiert sie. Hatte sie sich während den Fragen zu mir hin gewandt, so setzt sie sich jetzt gerade in den Sessel und schließt die Augen. Ihre Hände liegen im Schoß. Die gute alte 747 grummelt vor sich hin und unten, zweiunddreißigtausend Fuß unter uns, zieht die Wüste Gobi vorbei.

 

Bei den Stewardessen werden wir als Paar gehandelt und irgendwie macht mich das, na, nicht glücklich, aber verdammt zufrieden. Versöhnung signalisierend lege ich meine Hand auf die ihrige. Jetzt ist es sie, die meine Fingerspitzen küsst. „Darf ich doch noch ein paar Fragen stellen?“ - „Ja!“

 

Sie stellt keine Fragen mehr, sie erzählt ihr Leben – zumindest die letzten 24 Monate.

 

Sie ist Niederlassungsleiterin bei einem chinesischen Logistikunternehmen in einer mittelgroßen Stadt mit schlappen 2,5 Millionen Einwohnern. Diese Firma hat Ambitionen sich an europäischen Unternehmen zu beteiligen, zumindest zu kooperieren. Dann kam ein „Sven“ aus Germany – für neun Monate in ihre Niederlassung. Er schwor ihr Liebe, Treue und Ehe. Seit neun Monaten ist er nun wieder Zuhause, und außer ein paar mageren Mails ist Funkstille.

 

„Klassisch!“ Diese kleinen, feigen Ficker! Warum kann man(n) einer Frau nicht sagen „In drei Monaten bin ich wieder weg!“ Die meisten verstehen es – verdrängen es auch nicht. Ein paar kneifen zwar die Beine zusammen und sind „schwups“ weg. Okay, dann auf zur nächsten Runde ... dauert halt ein paar Tage länger, wenn man(n) Pech hat. Mir ist es aber auch schon ein paar Mal passiert, dass die "Beinekneiferinnen" dann versuchten - meine Ehrlichkeit honorierend - mich mit einer "Willigen" zu verkuppeln!

 

„Was erwartest du in Frankfurt?“ - „Ich habe ein Zimmer im Airporthotel gebucht. - Und für den 26.12. ein Rückflug reserviert.“ - „Pessimistin?“ - „Ja, und meine berufliche Pläne wären dann auch tot. Wenn es klappt, würde ich Repräsentantin meines Unternehmens in Deutschland.“ Ein schiefes Lächeln – leichtes Schulterzucken. „Allein geht das nicht. Ich habe Angst allein in Europa zu arbeiten!“

 

Das Essen kommt – wird zelebriert und die Unterhaltung bekommt moderate Formen – über trockene Weine, ob rot oder weiß und zu welchem Essen. Also, ihr Mann müsste mit Stäbchen essen, sie findet es eleganter. Aber ich würde ja sehr elegant mit Messer und Gabel umgehen.

 

„Meine Finger sind sehr steif. Als alter Mann ist das halt so, und mit Stäbchen habe ich so meine Probleme.“ Das Flachsen kommt an. Ob nur meine Finger steif wären, nimmt sie den Faden auf. „Nein, auch die Knie und dazwischen auch einige andere Teile.“ Ein Aufleuchten der Augen und ein genüssliches Grinsen signalisiert „Verstanden!“ 

 

Als intelligente Frau und mit der Perspektive nach Old Germany zu gehen hat sie in den neun Monate einiges an Deutsch gelernt. „Mein Bettdeutsch ist sogar hervorragend, meint Sven ...“ Sie bemerkt die Pointe, wird über und über rot, kiekst. „Nicht das Thema jetzt!“ Energisch beendet sie es.

 

„Ich bin 44 Jahre ... wie alt bist du?" Zwischen zwei Bissen Schokoladentörtchen. „Dein Alter durch zwei, mal drei, minus zehn Prozent… zu alt für dich!“ - „Dann bist du nur 16 Jahre älter.“ – „Nur?“ Irgendwie fängt das Ganze an Spaß zu machen. Irgendwie ist in dieser Story aber auch ein Bruch.

 

Mein Grinsen, dieser Gesichtsausdruck müssen in ihr Signale ausgelöst haben. Große Augen mit Fragezeichen schauen mich an, steile Windbraue, und als ich nicht reagiere – kurzes Aufblitzen ihrer Zungenspitze zwischen den Lippen, mit Schulterzucken.

 

Ich schreibe auf die Speisekarte „Paulsen“ und „Gunnar“ als zweites, wie in China üblich. Neugierig sieht sie mir zu, und ich bin noch nicht richtig fertig - schwups - Blatt und Stift werden mir weggezogen, und sie malt andächtig ihre Zeichen.

 

Unter Paulsen - und daneben Cui und unter Gunnar - - Bao.

 

Ich höre, wie sie leise übt – Gunnar. „Gunnar! Welche Bedeutung hat der Name?“ - „Er bedeutet Kämpfer – Fighter. Ist ein nordischer Name!“ Helles Lachen und ihre Hand legt sich auf meine. „Bao bedeutet auf Deutsch Schatz, Edelstein… Gemstone auf Englisch – Jewel.“ - „Kämpfer haben immer Edelsteine, haben immer einen Schatz!“ - „Sven bedeutet junger Mann!“ Ihre Stimme wird bissig, ihre Augen zornig. „Er ist ein bornierter, junger Mann!“ Sie benutzt das Wort „borning“ und nicht „stupid“.

 

Bao merkt, dass durch ihren Ausbruch die Stimmung gelitten hat und zieht sich zurück. Sie muss sich wieder fangen.

 

Wie elegant Bao den Bogen schlug zwischen unseren Vornamen. Kämpfer haben Schätze, besitzen Edelsteine, Juwelen. Raffiniertes Weib! Wehe dem, der die zur Feindin hat. „Du lächelst… warum? Ich bin traurig, bin zornig und du lächelst?“, klinkt sie sich wieder in unseren „Ehedialog“ ein.

 

„Eine Ehe mit dir wird nicht langweilig!“ - „Du stellst dir eine Ehe mit mir vor?“ Ihr Gesicht ist auf einmal total angespannt, konzentriert. Jetzt wird es prickelnd, interessant, jetzt wird das Spiel philosophisch, und mein Englisch stößt an seine Grenzen. „Eine Feststellung - nur festgestellt!“ - „Du stellst fest, mit Bao ist es lustig zu leben ... möchtest du lustig leben ... oder nicht?“, kontert sie direkt. Herrlich, diese Abkürzungen, das Kappen von Argumenten durch Suggestionsfragen - und eine Herausforderung für mich ihr zu antworten, ohne in den Fehler zu fallen, ihre Argumente als falsche Sichtweise hinzustellen. Sie bemerkt selber den Widerspruch. „Du bist schlimm, Gunnar, schlimm!“ Man kann sehen wie bei ihr die Festplatte rattert und wie Bao bei einem schiefen Lächeln ihre Zungenspitze durch die Lippen schiebt „Okay!“ Wieder dieses Sammeln, dieses Sich-Zurückziehen, ein neues Projekt aushecken. Eine Strategie, die auch zwei meiner Enkel prächtig beherrschen – nur die Themen sind weniger verfänglich!

 

Plötzlich schnappt sie sich unsere beiden Weingläser, meines noch halb voll und gibt sie der Stewardess mit einer kurzen Bemerkung mit. Mein fragender Blick wird mit kraus gezogener Augenbraue beantwortet. „Warmer Weißwein?“, gefolgt von einem schelmischen Lächeln „Ich habe ihr gesagt, dass mein Mann keinen warmen Wein mag!“

 

Langsam wird es ruhig im Flieger. Rund um uns herum kippen die ersten Stühle in die Fast–Horizontale. Der Wein sorgt für Trägheit, die Kleinmonitore in den Rückenlehnen flimmern und die Unterhaltung kommt zum Erliegen. Wir stülpen uns die Kopfhörer über, schirmen uns nach außen hin ab. Ich träume alles Mögliche durcheinander, und beim Erwachen ist nichts haften geblieben. Ich muss zur Toilette. Bao schläft in ihrem nur halb ausgefahrenen Sitz. Aus dem verrutschten Kopfhörer dudelt Musik. Ein großer, grätschender Schritt über sie hinweg. Beim Verlagern meines Gewichtes auf das andere Bein - wie schwebend über ihr - durchzuckt mich wie ein Blitzschlag das Verlangen nach ihr - Verlangen nach einer Frau. In meinem Körper steigt Wärme auf, lässt mich einen Augenblick zögern, den Flash auskosten. Die mich ergreifende Erregung verteilt sich in meinem Körper.

 

Im Gang stehend, beuge ich mich über Bao, entferne sanft und vorsichtig den Kopfhörer und lege ihr die Decke über. Einer spontanen Regung folgend, streiche ich ihr eine dünne Haarsträhne aus der Stirne ... und hauche an diese Stelle einen kleinen Kuss.

 

Bis zu diesem Zeitpunkt war das mit Bao ein netter Flirt. Eine Frau, auf die man sich keine weiteren Hoffnungen machen sollte. „Schöne Frauen hat man(n) nie allein!“ Mit diesem Gedanke öffne ich meine Hose ... und beim Herausnehmen beginnt er sich mehr, als nur leicht anzusteifen, liegt sehnsüchtig in meiner Hand. Meine Gedanken über Bao eben sind auf einmal verrauchtes Geschwätz. Bao beginnt sich in mir zu manifestieren, einzunisten. Was macht diese Frau für mich so anziehend? Dass die Chinesen allgemein neugierig sind und Chinesinnen besonders? Das ist für mich nichts Neues. Im Moment habe ich keine Antwort, und ich will auch keine Antwort. Das Auf-Mich-Zukommen-Lassen hat den schönsten Reiz, und den kann ich jetzt gut gebrauchen.

 

Und Sven möge den größten Dünnschiss der Welt haben und an der Schüssel kleben – die Krätze dazu und in der geschlossenen Quarantäne liegen - ein Delirium Tremens durchleben, denn man muss nach Abartigem süchtig sein, um so eine Frau laufen zu lassen!

 

... und welcher Gott auch immer: „Bitte, lasse ihn nicht zum Flughafen kommen!“

 

Ich lasse mir Zeit mit der Rückkehr. Ich unterhalte mich mit einem Belgier bei einem Whisky an der Pantry über den Unterschied zwischen einem australischem und einem chinesischen Steak. Wir beide kommen zu dem Schluss, dass nur der Koch wichtig ist. Im Weggehen meint er, wenn man(n) „Steak“ durch „Frau“ ersetzen würde ... wären Australierinnen chancenlos im Nachteil. Sein Stubbs in meine Rippen hat den Charakter der verschworenen Bruderschaft. Ich sehe ihn auf der anderen Seite der Kabine wieder, wie er sich in einen Sitz lümmelt und mit dem "Nachbarsitz" spricht ... Ein Schwarzköpfchen kommt hoch – zwei dunkle Glutaugen, die nach mir gucken, und als sie realisiert, dass ich sie beobachte, kommt eine Hand mit winkenden Fingern nach.

 

Beim Zurückgrätschen zu meinem Sitz überzieht ein bezauberndes Lächeln Baos Gesicht. Ihre Augen blinzeln im Wechsel. Die geschürzten Lippen fordern einen richtigen Kuss und zwei kleine Hände legen sich um mein Nierenfett. Dieser kurze einfache Kuss verändert nicht nur mich. Bei Bao schießen Tränen in die Augen und laufen an den Nasenflügeln entlang zu den Mundecken, wo unsere Zungen sie lüstern auflecken ... sich ins Gehege kommen und um die Tröpfchen kämpfen!  Stopp! In mir blinkt es, und meine Selbstbeherrschung bringt mich halbwegs zur Räson. Bao kramt, sucht, wuschelt voller ablenkender „Konzentration“ nach einem Taschentuch um die Tränen zu trocknen, kippt sich senkrecht und entschwindet in Richtung Toilette.

 

Träge lümmle jetzt ich mit geschlossenen Augen in meinem Sitz, als sanft ein Finger über meine Augenbraue streichelt, zuerst rechts, dann links - weiter an der Schläfe vorbei zum Ohr - um das Ohr herum - anm Kinn entlang zum rechten Ohr - zurück zur Augenbraue. Der Fingerdruck verstärkt sich an der Nasenwurzel und verharrt, gleitet weiter neben dem Nasenrücken nach unten -  ein zweiter Finger parallel auf der anderen Seite - beide finden die Wurzelbetten der Eckzähne und erhöhen erneut den Druck – verharren. Ich fühle ihre beiden Finger auf meinen Lippen - drucklos - sanft entschwinden.

 

Ich öffne meine Augen und sehe in das entspannte, ja vergeistigte Gesicht von Bao. Sie muss mit ihren Gedanken und Gefühlen, ihren Wünschen und Träumen auf einer anderen Ebene sein. Ihr scheues verlegenes Lächeln, die entschuldigende Haltung, hat nichts mit der selbstbewussten, fast vorlauten Bao von vor fünf Stunden zu tun. Und mein mühsam aufrecht erhaltener Anschein von Desinteresse an ihr, erodiert wie die Sandburg bei einer Flutwelle. Still setzt sie sich wieder in ihr Sessel, irgendwie in sich versunken.

 

Leichtes Zittern der Maschine, ein „Pling“ aus dem Lautsprecher, Aufleuchten des Gurtsignals. Die 747 grummelt ungerührt durch die leichten Turbulenzen und wird in Kürze am Ural sein. Innerlich habe ich den Zeitpunkt, wo ich meine zu ihr ausgestreckte Hand zurückziehen wollte, schon dreimal verlängert, als ihre Hand meine Fingerspitzen umfasst und fest drückt. „Ich habe eine Entscheidung getroffen!“ Mit leiser, fester Stimme höre ich Bao sprechen. Ihr Druck an meinen Fingern spiegelt ihre innere Spannung wider. „Für Sven bin ich „Talmi“, im Urlaub bei einer Straßenhändlerin gekauft.“ Ihre Stimme wird schärfer, aggressiver. „Beim Abflug hat er ihn auf dem zerwühlten Bett zurückgelassen ... für das Zimmermädchen oder für den Mülleimer!“ Als ich zu ihr rüberschaue, sehe ich, wie sie mich mit Adleraugen betrachtet, alle meine Regungen registriert. Ich fühle mich richtig auf dem Prüfstand. „Er weiß nicht, dass ich ein Edelstein bin! Er ist borniert und er wird es bleiben. Er ist ein Talmimann!“

 

Nach tiefem  Atemholen fährt sie fort:

„Sven ist bei seiner Firma der große Fachmann für China, und ich soll seine Assistentin werden. Das ist der Vorschlag von der deutschen Firma ... von Sven. Unser chinesischer Vorschlag ist, ein gemeinsames Ressort China zu gründen, wo ich der CEO bin und Sven mein Stellvertreter. Sven kennt die Forderung meiner Firma!“

 

„Der 24. Dezember ist mit der höchste und heiligste Feiertag in Deutschland, der schlechteste Tag, den dein Chef und du ausgesucht haben!“ Bao ereifert sich: „Nein, der „beste Tag“… Wenn es der Firma ernst ist, werde ich abgeholt und würdig empfangen… das ist meine Idee!“

 

„Wurde das von der Firma bestätigt?“, meine Gegenfrage. „Nein! Warum? Eine Nicht- Ablehnung ist Zustimmung! So verstehe ich das!“

 

Die Schärfe in ihrer Stimme nähert sich verdammt einer Rasierklinge, und meine Finger erfahren einen Härtetest.

 

Plötzlich lässt sie meine Hand los… schiebt, schubst sie mit ihrem Handrücken achtlos zur Seite, um sie sofort wieder fest zu packen… mit beiden Händen. Die walkenden Hände erzählen von dem inneren Kampf der Emotionen – gefühlte Stunden lang.

 

„Gunnar… dein Flug geht doch erst später?“ Flehender Blick – und auf mein Nicken: „Kannst du einfach nur an meiner Seite sein… wenn ich hinausgehe, ihn eventuell sehe!“

 

Weiß der Teufel warum, ich weiß es nicht… warum ich ihr jetzt erzähle, was ich Sven an seinen schwärigen Balg gewünscht habe! Baos Augen werden immer größer, ihr Gesicht wieder fröhlich und ihr Mund ein großes O.

 

Mein Ego schimpft Tiraden über mein Vorpreschen. „Aufgeblähter alter Gockel! Du machst dich zum Affen, du schwanzgesteuerter Bock!“, trommelt es durch alle Hirnwindungen.

 

„Erzähl mir eine schöne, eine liebe Geschichte.“ Wobei sie die Wörter beautiful und charming verwendet. „Erzähle mir von Weihnachten - von Heilig Abend!“ Sven & Co ist auf einmal kein belastendes Thema mehr. Bao hörte zu, keine Fragen, keine Unterbrechung. Nach kurzer Zeit streckt sie ihre Hand aus, zu mir rüber. Ich schiebe meine Hand unter ihre Hand… umschließe sie.

 

Bao hat die Tür zu ihrem Herzen geöffnet. Wenn eine Frau eine schöne, liebe Geschichte von dir hören will… dann Junge, nimm dich an die Kandare, damit du nicht über die Schwelle stolpert und bäuchlings auf der anderen Seite wieder raus segelst!

 

Ich erzähle ihr von der Bedeutung von Weihnachten, von Nikolaus und St. Martin, erzähle von meiner Kindheit und den Empfindungen. Später als Vater, als ich versuchte, es meinen Kindern zu vermitteln. Wieder merke ich, wie mein Englisch erneut an die Grenzen stößt, wie ich nach Wörter suche, sie durch deutsche Wörter ersetzte. Ich höre ein fast seufzendes Lächeln oder vielleicht ein lächelndes Seufzen, sehe ein entspanntes, wunderschönes Gesicht einer schönen Frau. Während ich erzähle, öffnet sich fast unbemerkt mein Herz und schon hat Bao sich eingenistet, bevor ich es noch bemerkt habe. Zögere ich einen Wimperschlag zu lang, um nach den Wörtern zu suchen, kommt ihr: „And then!“

 

Ich bin so konzentriert in meiner Erzählung, dass ich nicht bemerke, wie sie einfach einschläft, ihre Hand schlaff in meiner Hand liegt, voller Vertrauen, dass in Frankfurt der Teufel, in welcher Gestalt auch immer, keine Gefahr ist. Ich lege ihre Hand auf ihr kleines, flachgewölbtes Bäuchlein, fahre meinen Sitz aus und bin sofort in eine Traumwelt entrückt, in der Bao einmal als Luftgeist mich Erdhaften mit ihren Flugkünsten neckt, mich mal als Wassergeist in die Fluten lockt, oder als kühne Reiterin ihren Schabernack treibt… Jedenfalls hält sie mich immer auf Trab. „Eine Ehe mit dir wird nicht langweilig!“  Das zieht sich wie ein Leitfaden durch meine Träume…

 

solange bis geschäftiges Treiben an Bord das „Frühstück“ anzeigt und mich weckt. Noch knapp zwei Stunden bis FRA. Bao fehlt, und als ich Richtung Toilette gehe, steht sie mit „Schwarzköpfchen“ im Türbereich - in tiefer weiblicher Konversation. „Darf ich dir Lizou vorstellen? Sie ist mit einem Mann aus Belgien verheiratet.“ Lizou, kleiner und zierlicher als Bao lächelt verstehend und antwortet mir in Französisch, habe ich mich doch mit ihrem Mann in dieser Sprache unterhalten. Bao macht nur große Augen und hat jetzt noch ein zusätzliches Thema mit ihr zu klären. Sie verquasselt das Frühstück, wie „Schwarzköpfchen“ auch und hat eben noch Zeit sich wieder in „Schale“ zu werfen!

 

Jetzt bin ich es, der große Augen macht, der mit einem O–Mund dasteht. „Und so eine Frau hat dich um einen Minnedienst gebeten. Beim Abflug war das Wahrnehmen dieser Frau, als Nachbarin der nächsten Stunden, ein logischer Prozess. Jetzt hat sie sich deiner Obhut anvertraut Du bist ihr weißer Ritter, der ihre Ehre verteidigt. Sie stellt sich unter deinen Schutz.“

 

„Schwarzköpfchen“ und Bao koordinieren den Ausstieg und den Gang zur Passkontrolle meisterlich, beide Frauen vor uns wandelnd, sich weiblich emotional austauschend, und wir Charles und ich hinter ihnen, uns ebenfalls, aber männlich emotional austauschend.

 

„Gunnar, beim Abflug hatten wir nicht den Eindruck, dass ihr ein Paar seid!“ - „So ändern sich die Zeiten!“ Mein entschuldigendes Lächeln irritierte ihn nicht. „Lizou und ich hatten damals auch nur vier Stunden Zeit!“ - „Och, die letzten vier Stunden waren bei uns auch schon ein… aneinander gewöhnen!“ „Drei! Drei Stunden… die letzte Stunde haben unsere Frauen zu unserer Beweihräucherung gebraucht!“ Charles wissendes Grinsen ist nur sympathisch. „Suisse Allemande?“, ist seine beiläufige Frage. „Oui, et doite un Flamand?“ Sein Schubs mit dem Ellenbogen quittiert ein „Oui!“

 

„Gun… Schatz, in welcher Stadt werden wir wohnen!“ – „Schatz“ hat sie mich genannt nicht Gunnar. Nein, auf Deutsch „Schatz“ und „…wir wohnen!“ auf Englisch. Ich höre, wie Charles brummend lacht. „Ich glaube ihre Entscheidung ist gefallen.“ Lizou flüstert Charles etwas zu. Er nickt… und kichernd erfolgt der Transfer zu Bao, die mit bejahendem Nicken bestätigt.

 

„Schatz, wo werden wir im neuen Jahr sein?“ Mich juckt wieder einmal der Schalk und Necken gehört zur Liebe! „Liege – Luik“ flüstert mir Charles zu. „Aix la Chapelle – Aken“, flüstere ich zurück. „Ein paar Minuten nur, um Lizou zu besuchen!“ Baos etwas irritiert fragender Blick in die Runde zwingt Charles und mir ein Schmunzeln ab. „Etwa soweit wie von Peking Süd nach Peking Nord!“

 

Passkontrolle – kleine Beklemmung. Ist Bao doch zum ersten Mal in Europa. Nein, soooo schlimm wie die Amis sind wir nicht. Der Freiraum zwischen Bao und mir wird immer enger. Jetzt muss Bao vorgehen. Eine halbe Drehung von ihr und eine energische Hand packt mich - „schleift“ mich mit. Das Grinsen des Passbeamten ist wissend, verstehend. Zwei Minuten später sind wir durch und eine verblüffte Bao fragt: „That‘s all!“ - „Except for the custom!“ - „Ist der auch so lieb?“

 

Das gewohnte Durcheinander im Abholbereich. Charles und Lizou werden sofort vom Fahrer erkannt und eingesammelt. „Ja, wir melden uns… dritter Weihnachtstag! Versprochen!“ Bao ist nur halb bei der Sache. Sie lugt und linst umher. Entdeckt zwei Männer in der Arbeitskleidung von Svens Firma. Sie halten halbherzig ein Schild mit ihrem Name hoch. Beim Hinzukommen höre ich nur noch… „Ein Kurierbrief aus der Zentrale! Gestern gekommen! Wir sollen ihn an Frau Cui aushändigen… und bitte hier quittieren! Nein, keine weiteren Information! Frohe Weihnachten!“ Beide verschwinden durch eine Seitentür.

 

Vom wütenden Blick mit hochroten Kopf eben noch, über wächserne Blässe mit hängenden Schultern, mutiert sie zur stolzen Chinesin. „Öffne ihn, Gunnar! Bitte, öffne den Brief!“ Sie drückt mir das Kuvert in die Hand. „Not read now. What is the result?” Ein aggressives Flüstern nur. Fast zeitgleich rappelt ihr Handy.

 

Bao in so einem Plastiksessel sitzend, den Trolley mit den Koffern vor sich wie ein Tisch… liest ihrem Chef den Brief vor, diskutiert, debattiert, deklamiert, unterstreicht ihre Worte mit Mimik und Gestik… schwingt den Kugelschreiber wie einen Taktstock, um ihn mit der kleinen Faust zu umklammern, als wäre er das Heft eines Dolches. Beim Strecken des Armes braucht man(n) keine Phantasie, um sich vorzustellen, wie dieser Dolch in ein imaginäres Herz gestoßen wird. In der nächsten Sekunde wirbelt der Stift in ihrer Hand, und sie malt Zeichen in die Luft, um sie anschließend auf Papier zu verewigen… ein faszinierendes Schauspiel, dem ich mehr und mehr verfalle.

 

Fast abrupt endet das Gespräch. Meinem fragenden Blick wird mir der Brief vorgehalten. „Holidays until January 4th!“ säuselt es von der Rückseite des Briefes.

 

„We can play furthermore married couple!“ Ihr Gesicht - ein einziger Schalk!

 

„Only playing or also living?“ Meine Frage scheint nicht anzukommen - dem Blick nach. „Bitte sage es noch einmal, und bitte langsam sprechen!“ Sie hat mir den Brief weggezogen und ihre Augen sind voller Emotion, ihr Gesicht ist fast hässlich verzerrt. Ich wiederhole: „Nur spielen oder auch leben!“ „What is the difference? -  The bed?“ Eine gepresste Stimme, zornig fast - Enttäuschung kaum verborgen!

 

„Oh yes. We become playing in your bed!  But if you come in my bed - in my bedroom – then, it is for a long time… - perhaps forever!”

 

Wir stehen noch immer in der Ankunftshalle vom Flughafen und handeln wie im Puff Konditionen aus, so kommt es mir vor. Diese Frau hat mich in ihren Bann gezogen. Entweder jetzt ein schneller, radikaler Schnitt mit kleinem Schmerz… Ihr Vasall will ich nicht sein.

 

Empörung! Die ganze Bao ist eine einzige Empörung. „Du machst einen Unterschied zwischen meinem Bett und deinem Bett?“ Sie zittert richtiggehend. Die Fäuste vor ihrer Brust, als wolle sie im nächsten Augenblick auf mich losstürmen. Der Trolley, halb zwischen uns, verhindert Baos Sturmlauf. „Bao… wenn du in deinem Bett die Bettdecke anlupfst, werde ich zu dir kommen. Wenn du sie wieder anhebst, werde ich gehen. Wenn du aber in mein Schlafzimmer kommst und in mein Bett schlüpfst, werde ich dich nicht mehr heraus lassen!“ - „Also deine Konkubine, deine Sklavin!“, fauchte sie wie ein Puma. „Es gibt noch eine dritte, die eine - meine Möglichkeit!“ Ihr zornroter Kopf kehrt zur Normalfarbe zurück, ihr Blick wird wieder tief und das Denken nimmt überhand. Wäre ich ihr gleichgültig oder eine Rechnungsgröße X… Emotionen sind nur bedingt spielbar. „Tell me this once again.“ Sie hat die Feinheiten nicht mitbekommen, und das werden wohl unsere zukünftigen Reibungspunkte sein.

 

„If you decide to come in my bedroom - in my bed – then, it is for a long time… - perhaps forever!” - „Repeat this!” Erneut die Bitte es zu wiederholen. “It will be Bao’s own decision to chance the bed!” - „Wir gehen in dein Haus und haben nicht das gleiche Zimmer?” Ich nicke. „Wenn ich denke, Gunnar ist ein guter Kerl (sie benutzt das Wort „fellow“) lasse ich die Tür offen!“ Ich nicke erneut. „Wenn ich die Tür zu dir aufmache, Gunnar, habe ich mich entschieden bei dir zu bleiben!“ Ich nicke nur „Ja!“ „… Let‘s go!“ Eine halbe Stunde später rollen wir durch den verschneiten Westerwald, ins Rheintal hinunter, wieder rauf Richtung Eifel – und dann stramm auf Aachen zu.

 

Bao steht im Wohnzimmer.  Da steht der Baum - noch ohne Schmuck, leise Musik und der Haufen mit Post, achtlos in der Ecke. Ich ziehe diese Frau mit dem Rücken an meine Brust, umschlinge sie mit den Armen, lege mein Kinn auf ihre Schulter und schmiege meine Wange an ihr Ohr: „Du bist nach meiner Frau und meiner Tochter die dritte Frau, die mit mir den Baum schmückt! Wenn die Kerzen brennen werde ich ein Fondue machen!“ - „Wenn ich in diesem Haus lebe – darf ich mir auch einen Altar bauen… für meinen Gott?“ - „JA!“ Sie schält sich aus meiner Umarmung. „Wo ist mein Zimmer?“ - „Da wo auch der Schmuck für den Weihnachtsbaum ist. Komm!“ In der Einliegerwohnung ist es kuschelig warm, hatte ich doch Renate vom Flughafen aus angerufen.

 

Bao schmückt mit Eifer und Andacht den Baum. Verteilt die Glaskugeln, begutachtet, ändert – langsam entsteht Harmonie im Baum. Die Kerzen - echte Bienenwachskerzen von meinem Imker - darf ich ihr nur anreichen. Sie klettert auf den Hocker, springt vom Stupp –(Stupp - Stepp - Tritt) ist wie in Trance. „Liebling, ich gehe…“ Das Wort ist noch nicht verklungen, als Bao neben mir steht. „Gunnar, bitte! Bitte ruf mich nicht…  „LIEBLING“ es ist ein Wort, das mir Schmerzen bringt. Es war das Wort von Talmimann!“ - „Mon Amour!“, flüstere ich ihr ins Ohr. Zwei Arme schlingen sich um meinen Hals und ein schmatzender Kuss. „Ja, so wird Lizou auch genannt!“ Hoppla, hier ist eine Seilschaft im Entst… Sie ist schon entstanden.

 

Wir stehen am Terrassenfenster, mit einem dampfenden Töpfchen Glühwein in der Hand, schauen in die Stadt hinunter, sehen die erleuchtete Kirche, die durch den Schnee gedämpften Reflexionen der Straßenbeleuchtung, die verschneiten Dächer… In und an vielen Häusern glitzert Weihnachtsbeleuchtung. Das Telefon klingelt. Renate: „Kommt ihr mit zum Weihnachtsgottesdienst – in einer halben Stunde?“ Renate … absolut nicht neugierig. Sie möchte nur gerne wissen, was ich jetzt wieder an- bzw. abgeschleppt habe!

 

Bao ist überhaupt nicht diskret, nein im Gegenteil, wie eine Ehefrau… Achtsam ihre Schätze bewachend. Sie zupft energisch an meinem Ärmel: „We go to the christmas church - with crib figurines and german christmas carols?“ Ich nicke nur und eine Hand zieht mir den Hörer weg. Bao steht auf Zehenspitzen und jauchzt fast in den Hörer. „Yes, we come!“

 

Sie merkt, dass ihr Temperament sie wieder mal hat vorpreschen lassen und macht ein verlegenes Gesicht, aber sie weiß, dass mich ihre Spontanität amüsiert und packt meine Hände. „We go! Please, let’s go!“

 

„Keinen Hunger, Durst, nicht müde?“ - „Nein, nein! Später, jetzt in die Kirche, ich muss mich umziehen, schön machen für die Kirche! Muss Haare machen, Make-Up…!“, und Bao trippelt in ihre Reich zum „Landfein machen!“

 

OK, jetzt erklärt sich Vieles! Jetzt weiß ich, warum Bao so einen Riesenkoffer mit schleppt. Dunkelblaues, langärmliges, hochgeschlossenes Seidenkleid mit klassischen chinesischen Motivstickereien. Ihr Haar wird seitlich als Wulst gerollt und hinten zu einem Dutt gefasst und mit einem Netz aus Glasperlen umspannt… im Licht ein Glitzern in allen Spektralfarben. Über dem Arm trägt sie einen eleganten Pelzmantel mongolischen Zuschnittes, mit einer weiten Kapuze. Die Stiefeletten sind schon an ihren Füßen.

 

Wouw! Und mit dieser Frau bin ich heute Nacht in der Kirche! Hier im Städtchen, wo mich eine Menge Leute kennen… die alle auch in der Kirche sind. Das ist schon fast ein Versprechen, und irgendwie freue ich mich diebisch unseren Klatschmäulern Nährstoff zu liefern. Jetzt bin ich ein richtiger eitler Gockel, und ich fühle mich richtig gut und wohl dabei. Bao macht mir und meinem Ego ein wirklich schönes Geschenk, ein tolles Weihnachtsgeschenk.

 

„Ich möchte durch den Schnee laufen! Nicht mit dem Auto!“ Sie verblüfft mich immer wieder aufs Neue und steht schon an der Tür - gehbereit.

 

Fred wartet am Portal. „Wir haben vorn Plätze! Kommt!“ Bao wird einen Kopf größer und stolziert an meinem Arm durch das ganze Mittelschiff. Sie sitzt kerzengerade neben Renate und ist während des ganzen Dienstes nur noch Augen, Ohren und ein alles aufsaugender Schwamm. Spätestens beim zweiten Refrain versuchte sie die Melodie mitzusingen.

 

Füße scharren. Aufbruch… Sich gegenseitig begrüßen. Frohe Weihnachten wünschen. Eine feste Hand zieht mich aus der Menschentraube… bugsiert mich Richtung Altar, Richtung Krippe. „Tell me about the figurines.“

 

Es ist schon weit nach Mitternacht, die Kerzen am ausglimmen, als wir es uns vor dem Weihnachtsbaum bequem machen. Keiner will ins Bett, wir haben Angst die eine Entscheidung zu treffen.

 

Schließlich sind wir beide über 24 Stunden auf Tour, ich noch ein bisschen länger, da ich am Morgen den ersten Flieger nach Peking nehmen musste. Langsam kriecht die Müdigkeit in uns hoch. Die warme Felldecke tut ihr übriges. Mit einem halben Auge registriere ich das Verlöschen der letzten Kerze und einen entspannten Seufzer von Bao, der klingt wie eine lang vermisste Melodie am freien Ohr.

 

Seit ich allein bin, kann es passieren, dass mich das „arme Dier!“ packt, dann mag nicht allein im Schlafzimmer übernachten. Dann ist eben die Ottomane mein Nachtquartier - mit der schön weichen Kaninchendecke, einem Erbstück meiner Großmutter.

 

Mit den „G’schmusis“ -  wenn ich sie überhaupt mit nach Hause nehme - ziehe ich immer in die Einliegerwohnung. Das ist unverfänglich und gibt nichts von mir preis. Eben meine Garçonnière.

 

Es war schon guter Vormittag, als das Klingeln vom Telefon zu mir durchdringt. Bao, wie ein kleines Klammeräffchen, klebt an meinem Rücken. „Hallo Papa, pflegst wohl noch deinen Jetlag. Wir wollten Morgen mit den Rackern vorbeischauen. Wir würden direkt von Soest aus rüber kommen. Melde dich auf meinem Handy!“ Und der Anrufbeantworter schaltet sich mit einem dreifachen Piep aus. „Dein Sohn?“

 

Bao kniet, mit dem Oberschenkel an meinem Rücken angelehnt, hinter mir. Sie  beugt sich zu mir runter und stützt sich mit den Händen auf der Liege ab.

 

Ihre Frisur hat sich aufgelöst, und eine zerzauste Bao strahlt mich an. Sie muss wohl in der Nacht ihr Kleid und ihren BH ausgezogen haben, denn in ihrem tiefroten Unterkleid schaukeln die beiden hübsch ungebändigten „Zofen“.

 

„Bao überlege es dir gut. Wenn du bleibst, bist du mit 44 Jahren nicht nur eine „OEM“ sondern auch eine „OMA“ und hast sechs Enkel am Hals!“ Ich kann es einfach nicht lassen, diesen Feger von Frau zu necken. Aber sie merkt, dass wieder eine kleine Neckerei läuft: „Oma is the same as Gandma?“ Ich nicke und rolle mich auf den Rücken. „How many children?“, kommt wie aus der Pistole geschossen. „Ein Sohn, eine Tochter! 

 

Aufheulend wirft sie sich auf den Rücken. Reißt ihr Unterkleid hoch, schiebt ihren Slip bis zu den Knien und zieht mit beiden Händen ihre Bauchdecke nach oben. „Look here! Twice Caesarean section. One has me stolen two children!" Zwei fast nicht sichtbare sichelförmige Narben, knapp über ihrem herrlich gepflegten – getrimmten Busch. Wie gelähmt starre ich auf Bauch, Busch… Vulva - auf die nackte Bao. Eine Flutwelle von Zuneigungs-, Beschützer- und Was-weiß-ich-was-sonst-Noch für Gefühle stürzen auf mich ein. Mit einem Schwung zieht sie den Slip hoch, macht eine Rolle und bevor ich reagieren kann, ist sie aus dem Wohnzimmer, Richtung Einliegerwohnung entschwunden… Toll! „Eine Ehe mit dir wird nicht langweilig!“ brummt es in meinem Schädel. „Bestimmt nicht!“

 

Langsam stehe ich auf. Ganz langsam gehe ich zur Toilette. Ganz konzentriert mache ich mein Geschäft. Ganz langsam und sehr sorgfältig wasche ich die sensiblen Teile. Ganz nackt ziehe ich mich aus, denn nach dieser Zeremonie weiß ich eines: „Die bleibt bei mir.“

 

Ich öffne in meinem Schlafzimmer die Geheimtür im Wandschrank und gehe über einen kleinen Flur rüber in die Garçonnière. Setze mich im Schlafzimmer auf das Bett… und warte, denn Bao ist, wie ich höre, unter der Dusche. Nicht lange, und sie steht ebenfalls nackt, noch halb nass, im Schlafzimmer… Sie erstarrt, als sie mich sieht. Ohne ein Wort schnappe ich mir dieses Frauchen, lege sie wie einen Sack Zement über die Schulter. Die zappelnde, mit den Fäusten auf meinen Rücken boxende, Bao bekommt einen kräftigen Klaps auf ihren strammen, gut duftenden Arsch. „Der Raub der Sabinerinnen“, und ich bin schon wieder in meinem Schlafzimmer. Bao fliegt mit einem kräftigen Ruck auf mein Bett, die Bettdecke gleich hinterher. „Lady Butterfly… ich gehe jetzt duschen, und wenn ich zurückkomme und du bist noch hier, bleibst du hier! Wenn du drüben bist, dann bringe ich dich nachher nach Frankfurt… Capito Capricciosa?“ Große, weite Augen staunen. Die Bettdecke an ihren Körper pressend, kommt nur ein kleines, sehr kleines Nicken.

 

War das richtig? Mit Sicherheit nicht, wenn man… Schiet! Heißes Wasser prasselt auf Rücken, Kopf, Schulter. Vor meinen geschlossenen Augen läuft ein Film: Die berühmte Wochenschau der letzten Monate. „Will ich überhaupt eine neue Beziehung eingehen? Will ich überhaupt jemanden neben mir haben, mit dem ich mich auseinander setzten soll - muss? So eine blöde Kuh, läuft wegen zwei Narben davon… hysterische Zicke! Eben eine richtige Capricciosa!“  Blind greife ich nach der Tür hinter mir, wo mein Shampoo steht… und habe eine feste, runde Brust in der Hand. Zwei Hände legen sich um meinen Arm und die, an dieser Brust hängende Frau, schmiegt sich in meine Arme, presst sich an meinen Körper. Ich habe ihr Mit-unter-die-Dusche-Schlüpfen nicht bemerkt.

 

Abwartend was ich nun mache, was ich nun von ihr verlange, so liegt sie in meinen Armen. Oder… ist es nur das Ankommen, nur das Genießen in den Armen eines Mannes? Ich fühle ihre Brüste an meinen Rippenbögen… ihr Kinn über meinem Brustbein. Meine Nase liegt in ihren Haaren. „Gunnar!“ Ich stelle die Brause auf rieseln - leise und doch schön warm. „Bevor ich gehe… bevor du mich zurück bringst nach Frankfurt…“ Ich fasse in ihr Haar und ziehe ihr Gesicht hoch. „Im Flieger war ich traurig und zornig auf Sven, weil meine neue Zukunft zu Ende schien, bevor die begonnen hat. Sven ist so alt wie ich, ohne Frau, ohne kompliziert zu sein.“ Ihr Gesicht ist verspannt, die Augen hart. „Jemand hat Sven erzählt, dass ich eine Konkubine gewesen bin… zwei Mal. Meine beiden Kinder musste ich an ihre Väter abtreten, die mit ihren Frauen nur Töchter haben… Er kam an diesem Morgen zurück vom Saufen, und als ich am Mittag in die Wohnung kam, war er weg. Nur ein Zettel lag da: „Huren heiratet man nicht!“ Er ist ins Hotel gezogen.“  Ihr Mund war nur noch eine schmale Linie.

 

„Und jetzt du! Deine Augen, als du die Schnitte gesehen hast… du hast sie wie gelähmt angestarrt. Dein Gesicht dabei…“ Ich fühle, wie sie sich lösen will.

„Die bleibt!“ - „Du bleibst!“

 

Ich beuge mich vor. Ein Griff zwischen ihre Arschbacken, und ich fühle mit den Fingerkuppen ihre weiche Fraulichkeit. Ein kräftiger Ruck, und sie hängt vor meinem Bauch – klammert mit sich mit Armen und Beinen fest, um nicht runter zu fallen. - Ein harter Stoß, die Tür springt auf, und triefend nass wie wir sind, lasse ich mich mitsamt ihr aufs Bett fallen. Ich begrabe sie unter meinem Körper ohne mein Gewicht abzudämpfen. Meinen halbsteifen Schwanz presse ich gegen ihre Kleine und mache einen runden Rücken. Ich raufe, wühle mit beiden Händen in ihren Haaren… hart, fast brutal.

 

„You think,

I would think,

that you think,

I would have thought.“

 

Ich knurre – keuche - krächze ihr diese Worte ins Gesicht. Und fühle wie ER den Eingang gefunden hat und ganz langsam stärker und steifer werdend an Tiefe gewinnt. Ihre Hände in mein Haar gekrallt fiept, zischt, gurgelt, presst sie heraus:

 

“Yes my warrior! My fighter!”

 

 

 

Epilog:

 

Gut, dass Altweiber-Karneval und Chinesisches Neujahr fast zusammen fallen. Eben kommt Bao hicksend und glucksend mit Renate vom Möhnenball zurück. Beide sind ganz schön angeschickert!

„Stell dir vor – da hat mich doch einer gefragt ob es stimmt, dass wir Chinesinnen unsere Muschi quer hätten!“

Sich wohl an die Antwort erinnernd, giggeln beide los und Renate auf dem Weg zum WC rennend. „Oh, deine Bao ist nicht auf den Mund gefallen!“

„Oh, ich habe nur gesagt: ‚Bei deinem Blick haben alle Frauen ihre Muschi quer!‘ und ich habe… - und zeigt mit ihrer Hand auf ihre schielenden Augen – so gemacht!“

 

 

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Ach ja, noch was!  Die Einliegerwohnung ist jetzt ihr Büro, und sie nicht CEO sondern Owner ihrer eigenen, kleinen Logistikvermittlung - und im Nebenjob OMA.

 

©S’Rüebli                                                                                     Ihre Meinung?