Der Fremde



© Sinnenflut



Finger berühren meine Knospen, berühren sie sehr zart. Vorsichtig streichen die Handteller über die kleinen, prallen Hügelchen. Das kitzelt doch! Ich muss verrückt sein, jetzt träume ich schon von dem Kerl! Seine Hände, langgliedrig, beweglich, gepflegt und die kurz gehaltenen Nägel poliert, erwecken Sinnlichkeit, schon beim Betrachten. Die Nägel gleiten sanft über die empfindliche Haut der Brüste. Auf jeder Seite fünf Fingernägel, von unten nach oben bis sie sacht in die Knospen kneifen. Die Brüste schwellen an, als wären sie das alleinige Ziel der Begehrlichkeit. Meinem Körper gefällt dieses Spiel. In meinem Kopf flattern Bilder ausschweifender Sinnlichkeit und Begierde. „Ich will doch nicht mit ihm schlafen!“  Aber...

 

Wir sind bei der letzten Tasse Kaffee und Zigarette. Mein Schatz hat heute Geburtstag und ich habe ihm aus diesem Anlass die Minitorte spendiert. Ein Schokoladenherz, nur für uns zwei. Ich freue mich auf den gemeinsamen Nachmittag und Abend.

 

In den vergangenen Wochen, seit der gemeinsamen Silvesterfeier, haben wir uns selten gesehen. Zeit ist Geld und Geld ist knapp! Schon am vergangenen Abend bastelte ich voller heimlicher Freude die kleine Torte liebevoll zusammen. Meine Gedanken schweiften immer wieder ab, wurden lüstern, wenn ich an den Empfänger dachte. Wir kennen uns jetzt ein halbes Jahr und außer kuscheln und einigen zarten Küssen passierte nichts zwischen uns. Langsam muss ich aufpassen, dass kein Frust entsteht. Mein Schatz ist ein wirklich attraktiver Mann, nach dem sich jede Frau sehnt. Mit Sicherheit kennt er seine Wirkung auf Frauen und nutzt das schamlos bei jeder sich bietenden Gelegenheit aus. Auf Arbeit liegt ihm die gesamte weibliche Belegschaft zu Füßen. Zum Glück gehöre ich nicht dazu.

 

Er kam damals als Anhängsel einer Kusine, zur Geburtstagsfeier meiner Freundin Ursula und wurde vorgeführt. Irgendwann tat er mir echt leid und ich schleppte ihn mit in die Küche, weg von den Damen. Scheinbar war er dafür dankbar, wir kamen ins Gespräch, stellten fest, dass wir viele gemeinsame Interessen hatten. Das Wichtigste, er bewunderte meine Kochkünste. Danach trafen wir uns ab und an zu verschiedenen Freizeitaktivitäten. Daraus wurden regelmäßige Dates und gemeinsame Wochenenden. Inzwischen war ich zu der Auffassung gelangt, mich nicht länger hinhalten zu lassen und Nägel mit Köpfen zu machen. Ich wollte wissen, woran ich war.

 

Als ich den Kaffeetisch abräume, klingelt es an der Tür. Chris kommt mit einem hoch gewachsenen, blonden, drahtigen männlichen Wesen wieder. Mir bleibt fast der Mund offen stehen. Soviel Schönheit und Ausstrahlung, erotische Ausstrahlung, einfach umwerfend! Sören, so wird er mir vorgestellt, nimmt Chris kurzerhand die Blumen wieder ab und überreichte sie mir. Mit einer nonchalanten Verbeugung: „Entschuldigung, ich wusste nicht, dass eine Dame anwesend sein wird.“ Und überreicht mir die Geburtstagsblumen. Ich pruste los, weil Chris nun plötzlich mit leeren Händen da steht. Das Lachen vergeht mir im Laufe des Nachmittags, als ich erahne, dass Sören ein Dauergast für das Wochenende ist.

 

Nun liege ich im Wohnzimmer auf dem Schlafsofa und habe diesen seltsamen Traum. Mich wundert es eigentlich nicht, hat Sören doch seit seiner Ankunft mit mir sehr offen und heftig geflirtet. Heißer Atem streifte meinen Nacken, als er es in mein Ohr flüsterte: „Ich mag sinnliche Frauen... dich noch mehr, denn du bist dazu noch verführerisch und so heiß...!“

 

Ich schnurre nur und räkle mich unter den erotischen Liebkosungen. Ein wunderschöner Traum... „Was möchtest du, dass ich tue?“ Ich muss nicht lange überlegen. „Mach mich lüstern... und... dann heiß... ganz heiß!“ Denke ich, oder kommt es doch flüsternd über meine Lippen? Die zärtlichen Hände nehmen mich in Besitz, der Mund liebkost meine empfindlichsten Hautpartien, schickt Wellen der Lust und Sinnlichkeit durch meinen Körper. Die Wellen schlagen an, rollen zurück, nehmen Besitz von mir. Als die süße Zunge mich sanft berührt, schlagen sie über mir zusammen, schaukeln sich gegenseitig hoch, lassen zügellos ihre Kräfte walten und treiben mich in die Unendlichkeit der Begierde.

 

Ich stehe in Flammen! Das Feuer wird aufmerksam und kundig erhalten, geschürt. Sanft erfasst es den Körper, züngelt hoch, schlägt in den Himmel und beruhigt sich wieder. Es tut soooo gut. Die nächsten Wellen bäumen sich hoch, überschlagen sich, tragen mich weit, so weit... und legen mich sanft im Bodenlosen ab.

 

„Du bist mein, nur mein! So ein sinnliches Weib habe ich mir immer gewünscht. Ja,... lass dich treiben... lass los! ... Ich bin bei dir! Du bekommst alles... alles, was du dir wünschst! ... Und brauchst! Dein Genuss ist die Erfüllung aller Sehnsüchte... Oh, ja!“ Habe ich das gehört oder geträumt? Die nächste Welle trägt mich wieder nach oben, dem Licht entgegen. „Du bist ein Traum!“ - „Ja, ein schöner Traum...“, hauche ich atemlos, eh ich abermals im Bodenlosen versinke.

 

„Oh, Gott!", denke ich, „Lass diesen Traum nicht so schnell zu Ende gehen. Etwas so Schönes, Erfüllendes habe ich noch nie erlebt!“ Ich wünsche mir mehr, mehr wie ein nimmersattes Tier. Vielleicht bin ich es auch, ein Nimmersatt. Denn ich flüsterte: „KOMM!“ Und er kommt zu mir! Heiß, prall, langsam, sehr langsam... klopft sacht an die innere Pforte. Mit einem seligen Lächeln lasse ich es geschehen. Das sanfte Klopfen, bis sich der Wiederhall im ganzen Körper ausbreitete, ihn in Schwingungen versetzt... höher, immer höher bis zum Licht. Sein aus den Tiefen kommender Schrei holt mich aus dem Taumel der Erlösung zurück. Kräftige Arme umschlingen mich und verführerisch flüstert es mir ins Ohr: „Für immer, Liebste, ... für immer!“ - „Ja, für immer...“

 

Kaffeeduft steigt mir in die Nase. Ich riskiere ein Auge, um zu sehen, wie spät es ist. In meinem Rücken registriere ich Hitze... einen heißen Männerkörper und einen Arm fest um meine Taille. Anscheinend habe ich nicht geträumt. Schlagartig drehe ich mich um, dass es neben mir unzufrieden knurrt. Sprachlos schaue ich auf Sören, den fremden Mann. Scharf frage ich: „Was machst DU in meinem Bett?!“ Statt einer Antwort bekomme ich einen Kuss und den Mann zu spüren, so dass mein Verstand das Weite sucht. Vage höre ich noch: „Meins, alles meine bis in alle... Ewigkeit!“ Dann gebe ich auf, denn es hört sich gut an!

 

Als ich die Augen wieder aufschlage, sitzt Chris auf der Sofalehne und grinst mich unverschämt an. „Na, gut geschlafen ihr Zwei?“ Mir steigt brennende Röte ins Gesicht. „Du... bist nicht... wütend?“, stottere ich hilflos. Chris schüttelte nur den Kopf. „Warum soll er wütend sein? Es war doch seine Idee, dass wir miteinander schlafen. Hast du davon nichts gewusst?“, setzt Sören verblüfft nach. Wütend schaue ich von einem zum anderen und will mich auf Chris stürzen. Sören rettet ihn! „Sch... sch... ganz ruhig... Chris wird dich nie als Frau lieben können. Ich werde seinen Part mit übernehmen... Für Freunde tut „Mann“ das, ein Leben lang!“ Sören weiß am besten wie ich zu bändigen bin. Mein letzter Gedanke: „Männer! ...“  Chris ist schwul und ich habe es nicht mitbekommen! „... und Weiber sind so... herrlich dumm... hmmmmmm!“ Manchmal hat auch was Dummes sein Gutes.

 

© murr - 24.01.2010