Erinnerung


 

 

Schwungvoll betrat er das Zimmer und schloss die Tür. Als er sich zu ihnen umdrehte, sah er plötzlich nur noch blaue Augen. Er schluckte. Mit allem hatte er gerechnet - damit nicht! Diese blauen Zauberaugen drangen in sein Herz, bohrten sich in sein Hirn und stöberten vergessen geglaubte Erinnerungen auf, die ihn erschreckten - die ihn erschütterten bis zum Grunde seiner Seele.

 

„Mein Name ist Dr. Manuel Zeschner!“, sagte er krächzend und drehte sich zur Wandtafel, griff nach der Kreide und schrieb in markanten Lettern seinen Namen. Seine Hand zitterte. „Ich bin Ihr neuer Klassenlehrer!“ Als er die Klasse ansah, stand sie immer noch wie ein Mann - bis auf - SIE! Zusammengesunken saß sie da und starrte ihn an - wie ein Gespenst. Sie wusste es! Sie musste es einfach wissen! So wie sie reagierte - musste sie es wissen!

 

„Setzen Sie sich bitte, meine Damen!“ Auch er musste sich setzen. Seine Beine würden nachgeben, wenn er sich nicht sofort irgendwo festhalten konnte. Da saß sie! Zauberhaft und jung - gerade mal 17 Jahre alt - und er hatte nur noch eine Sehnsucht! Sie endlich wieder zu spüren - in seine Arme zu nehmen und zu halten. Oh Gott! Was war geschehen - mit ihm und mit ihr?

 

Seine letzte Erinnerung an sie war so grauenvoll, dass er jetzt nicht daran denken durfte. Er würde es nicht ertragen. Er griff zum Klassenbuch. „Ich werde jetzt die Namen vorlesen - und Sie werden so gut sein, mir zu offenbaren, welches Gesicht zu dem entsprechenden Namen gehört!“ Es interessierte ihn nur ein einziger Name: Ihrer!

 

Er hatte schon fast alle Mädchennamen durch, als er den richtigen fand: „Mia Traynar?“ Sie hob die Hand. „Das bin ich!“ flüsterte sie leise, doch dann räusperte sie sich und sagte deutlich: „Das bin ich - auch!“ Fragende Blicke sahen sie an, aber sie kümmerte sich nicht darum. Als er zum nächsten Namen kam, war es bereits vergessen. - Nein - nicht von ihm! Er vergaß es nicht! Er wusste, was sie ihm sagen wollte - damit! Auch sie erinnerte sich! Auch sie wusste, wer er war! Oh großer Gott! Wie sollte er das nur durchstehen? Wie konnte er das durchstehen?

 

Die einzige Frau, nach der er sich sehnte, war ein süßes, 17-jähriges Mädel! Und er war 45 - und ihr Klassenlehrer! Und doch wusste er schon jetzt, dass er nicht verzichten konnte. Sie war der sehnsüchtigste Traum seines Lebens, das tiefste Verlangen seines Herzens, die Wunde, die niemand heilen konnte - bislang - und sie war verboten!

 

Irgendwie brachte er diese Stunde hinter sich, und als die Klasse in die Pause stürmte, blieb er sitzen. Er war erschöpft bis ins Mark. Die Tür schlug zu, und dann saß er ihr gegenüber - sah sie an. Er brachte kein Wort heraus. Kein einziges Wort - und ihre Augen glänzten wie dunkelblaue Saphire - wie damals! Mia stand auf und ging langsam zur Türe.

 

Die Erinnerung zuckte wie ein Blitz durch sein Gehirn. Erst als er ihren Rücken sah, das blonde Haar, das wie eine Flut aus Sonnenschein darüber floss, gelang es ihm, ein paar Worte hervorzuwürgen. „Verlass mich nicht! Ich bitte dich, verlass mich nicht!“ Flehend stieß er die letzten Worte hervor, die er zu ihr gesagt hatte, aber sie konnte sie schon nicht mehr hören - damals!

 

„Das war es nicht!“, krächzte sie atemlos und drehte sich langsam um - zu ihm. Manuel holte tief Atem. „Ich liebe dich! Ich liebe dich - in Ewigkeit! Vergiss es niemals! - Ich liebe dich! - Verlass mich nicht! Ich bitte dich, verlass mich nicht!“ Tonlos wiederholte er seine Worte. Ihre Augen wurden noch größer, Tränen rannen über ihre Wangen - und sie nickte. Sie wusste es! Wieso konnte sie das wissen? Wieso wusste er es?

 

Langsam kam sie näher. Manuel erhob sich, und dann standen sie voreinander, sahen sich an - ungläubig. Noch einen winzigen Schritt kam sie näher. Er konnte nicht widerstehen. Behutsam nahm er sie in seine Arme und zog sie an sich. „Marie!“ stöhnte er. „Meine Marie!“ Als sie ihm ihr Gesicht entgegenhob, musste er es tun. Sanft legte er seinen Mund auf ihre Lippen und küsste sie zärtlich. „Pierre!“ flüsterte sie in seinen Mund. „Je t’aime, Pierre, dans l’éternité! - In Ewigkeit, mein Pierre!“

 

Fassungslos standen sie voreinander und sahen sich in die Augen. „Wie kann das sein?“ fragte sie leise. „Wie kann das sein?“, Manuel schüttelte den Kopf - ungläubig. „Ich weiß es nicht - wirklich nicht! Ich weiß nur, dass ich gleich wahnsinnig werde!“ Erneut drückte er seine Lippen in ihr weiches Haar. Sie duftete so wie damals - so wunderbar - nach Sommer! Als er spürte, dass ihre Lippen seinen Mund suchten, kam er ihr entgegen. Erregung durchströmte seinen ganzen Körper. Niemals hatte er sich so lebendig gefühlt. „Wir bekommen noch eine Chance - Marie! Gott will, dass wir noch eine Chance bekommen!“ Seine Stimme brach. - Als die Türe aufging, ließ er sie abrupt los!

 

Wem konnte er das erklären? Wer würde ihm das glauben? Er konnte es selber nicht glauben! Mia Traynar war die Frau, die er liebte, seine Frau - seine ihm rechtmäßig angetraute Ehefrau! Er hatte sie im Jahre 1790 in Paris geheiratet - in einer kalten Winternacht! Und am nächsten Tag war sie gestorben - auf der Guillotine. Gerade eben hatte er ihr die letzten Worte wiederholt, die er schrie vor ihrem letzten Atemzug - in heller Panik. Er hatte geglaubt, er würde ihr in den Tod folgen, denn auch er sollte sterben! Und gerade in diesem Moment kam die Nachricht seiner Begnadigung. Man hatte ihn losgebunden und gesagt: „Geh!“ Er hatte sie angefleht, ihn zu töten, aber sie hatten nur gelacht.

 

Als ihm das Bild in den Sinn kam, das ihn ein Leben lange verfolgt hatte, schluchzte er laut auf. Ihr zusammengesunkener Körper - nach vorne gebeugt - und weiter hinten - der Kopf - ihr Kopf - ein wirres Knäuel blondes Haar. Einer der Männer hatte ihm einen Stoß versetzt, und er war vom Richtblock gefallen. Das war das Ende seiner Seele gewesen - er erinnerte sich! Das Ende seines Lebens! Der unsagbare Schmerz war heute noch gegenwärtig.

 

Und nun stand sie vor ihm, und ihre blauen Augen leuchteten. Er musste hier weg. Sofort! Sonst würde er durchdrehen! Oder war er schon durchgedreht? War er noch bei Trost? Er hielt seine kleine Schülerin, diesen süßen blonden Engel, in seinen Armen und war so glücklich, wie niemals vorher in seinem Leben. Er musste verrückt geworden sein! Anders konnte man das sicher nicht erklären! Er musste jetzt raus hier. „Verzeih mir! - Anscheinend muss ich dich jedesmal wieder um Verzeihung bitten!“, stieß er hervor, und dann drehte er sich um und verließ fluchtartig den Raum, der ihn plötzlich so sehr einengte.

 

Mia stand da - wie vor den Kopf geschlagen. Was war ihr widerfahren? „Pierre, mein Pierre!“ flüsterte sie fassungslos! Er war ihr Leben! Dr. Manuel Zeschner - ihr neuer Klassenlehrer - war ihr ganzes Leben! Sie hatte sich noch niemals verliebt, sie hatte noch niemals geküsst! Und doch waren seine Küsse - geradeeben - für sie Heimat gewesen. Waren Seligkeit - Erfüllung - Himmel auf Erden! „Oh mein Gott!“ stöhnte sie. Ein süßes, sehnsüchtig-ziehendes Gefühl strömte durch ihren gesamten Körper.

 

Sie konnte sich nicht rühren, stand nur da wie versteinert. Petra, ihre Freundin kam auf sie zu. „Na, was sagst du dazu?“ fragte sie - „Wozu?“ fragte Mia konsterniert. „Wozu? Wozu? Na, wozu wohl? - Zu ihm!“ Petra war ganz zappelig. „Der Junge hat Pfeffer im Arsch!“ Mia brachte kein Wort heraus. Auch sie musste jetzt alleine sein. Sie packte ihre Tasche und lief zur Türe. „Ich bin krank!“ erklärte sie kurzentschlossen, und dann floh sie. Sie brauchte Zeit, sich über die Ereignisse klar zu werden. Sie hatte französisch gesprochen - zu ihm, hatte ihn „Pierre“ genannt. Wer, um Himmelswillen war Pierre? Und sie hatte ihn geküsst - hingebungsvoll, als gehöre sie in seine Arme, als wäre sie sein eigen!

 

Sie warf sich in ihrem Zimmer auf das Bett und zermarterte sich das Hirn. Nein, sie fand keine Erklärung - dafür! So lange sie auch grübelte, es verwirrte sich jeder Gedanke in ihrem Kopf. Es konnte doch nicht sein. Sie glaubte zu wissen, dass Pierre zu ihr gehörte, dass er und sie ...! Es konnte nicht sein! Sie wusste es doch! Sie hatte ihn niemals vorher gesehen in ihrem Leben! „In diesem Leben!“ Verbesserte sie sich sofort! Und das konnte erst Recht nicht sein! Sie hatte nur dieses eine Leben! - Oder?

 

Woher konnte sie so gut französisch? - Gut! Es war ihr nie sonderlich schwer gefallen! Sie hatte anscheinend ein Talent für die französische Sprache! - Weil sie selber Französin war? - Es gewesen war? - In einem Leben - vor diesem Leben? - In einem Leben mit Pierre - einem anderen Leben? Er hatte ihr genau die Worte wiederholt, die sie so oft gehört hatte - in ihren Träumen. Bisher hatte sie immer geglaubt, es seien nur Träume gewesen - schreckliche Alpträume! Und sie wusste bis heute nicht, was sie bedeuteten. Und jetzt?

 

Zumindest wusste sie jetzt, dass sie und er dieselben Träume teilten! Es gab eine Bedeutung - die nur er kannte - sie nicht. Nur Pierre konnte es ihr erklären - und er hatte sie verlassen! Wieder verlassen! Die Sehnsucht nach ihm überfiel sie. Sie musste zu ihm - egal, wie das aussehen würde. Sie musste es wissen. Aber konnte sie jetzt zu ihm gehen? Sie wusste nicht einmal, wo sie ihn finden würde. Er war neu an ihrer Schule. Nur in ihrem Leben - da war er nicht neu. Da gehörte er hin!

 

Sie wälzte sich auf ihrem Bett hin und her - gequält von unfasslichen Ahnungen. Als sie schließlich in einen unruhigen Schlaf fiel, wurde sie heimgesucht von wilden Träumen. Und da war er: Pierre - Manuel! Sie fand sich in einer riesigen Kirche - gemeinsam mit ihm, und er zog sie vor einen großen Altar, und dann kniete sie an seiner Seite, hörte die Worte, die er sprach: „Ich nehme dich, Marie, zu meiner rechtmäßigen Frau - vor Gott und den Menschen! - Ich kann dir nur versprechen, dich zu lieben, nicht dich zu beschützen, denn ich weiß, dass ich dich nicht beschützen kann! - Aber lieben werde ich dich bis an das Ende der Welt! - Auch der Tod kann unsere Liebe nicht enden - Ich werde dich wiederfinden und mit dir leben in einem nächsten Leben und dir alles Glück dieser Welt zu Füßen legen - das schwöre ich dir, mein Weib! - Herr segne uns!“

 

„Auch der Tod kann unsere Liebe nicht enden.“ Manuel hatte es geschworen! Er hatte sie gefunden! Er hatte seinen Schwur gehalten. Hatte sie gesucht und gefunden. Und nun? Was, um Himmels willen würde nun geschehen? Sie war 17 Jahre alt, und sie war Jungfrau! Und er zog sie an wie ein Magnet! Sie wollte nur noch bei ihm sein. Er gehörte zu ihr. Sie waren ein Fleisch! Wie sollte sie das irgendjemandem erklären können? Wie sollten ihre Eltern das verstehen? Sie verstand es ja selber nicht! Nur in ihrem Herzen wusste sie, dass es die Wahrheit war!

 

Wo war dieser Tag geblieben? Es dämmerte bereits, als sie ihr Haus verließ. Sie ging zurück - zurück zur Schule. Sie konnte ihre Familie jetzt einfach nicht ertragen. Langsam stieg sie die Treppen hinauf. Wohin wollte sie eigentlich? Sie wusste es nicht, aber da sie kein Ziel hatte, stieg sie höher - immer höher. Und dann stand sie vor einer verschlossenen Türe. Wahrscheinlich dem Dachboden. Erschöpft setzte sie sich auf die Treppe und ließ den Kopf auf ihre Knie sinken. Tief seufzend atmete sie ein.

 

Als er um die Ecke kam, war sie nicht einmal überrascht. Natürlich fand er sie auf der Treppe des alten Schulhauses, hoch oben unter dem Dach. Er hatte sie auch hier gefunden - in diesem Leben! Ohne ein Wort zu sagen setzte er sich neben sie und griff nach ihrer Hand, hielt sie zärtlich! Sie brauchten keine Worte. Schweigend saßen sie beieinander und waren glücklich.

 

Und dann begann Manuel zu reden. Erzählte von seinem Leid um sie. Er musste zusehen, wie sie starb, aber er sah es gefühllos - in dem Wissen, in wenigen Minuten ihr Schicksal zu teilen, wieder vereint zu sein mit ihr. Doch dann war plötzlich alles zu Ende. Das Morden hörte auf. Er wurde nicht mehr hingerichtet - und doch war das Ende seines Lebens gekommen! Als er begriff, dass man ihn verschonen wollte, verzweifelte er. Er flehte seine Henker an, ihn zu töten, aber sie lachte ihn aus. Sie verspotteten ihn. Waren froh, endlich selber aufhören zu dürfen - ihr grausiges Handwerk beenden zu können. Als er nicht aufhörte, sie zu belästigen, warfen sie ihn kurzerhand vom Richtblock.

 

Und dort lag er dann. Zusammengekrümmt, fassungslos vor Schmerz. Fünf Minuten hatten sein ganzes Leben zerstört. Hätte er sie doch niemals geheiratet! Marie, seine Marie musste sterben, weil er ein egoistischer Mistkerl war, der sie in den Tod mitnehmen wollte. Er war schuld! Schuld an ihrem Tod! Jetzt musste er weiterleben, während sie gegangen war. - Und er lebte - nein, er lebte nicht, er vegetierte nur noch - mit dieser unendlichen Schuld auf seinen Schultern.

 

Auch Mia fühlte seinen Schmerz. Sie sah die Tränen, die seine blauen Augen glitzern ließen, wie Edelsteine - und sie wusste, was sie tun musste. Langsam legte sie ihre Arme um ihn, zog ihn an sich, hielt ihn wie ein Kind, streichelte seinen Kopf auf ihrem Schoß. Tröstend wiegte sie ihn, summte leise beruhigend vor sich hin. Und Manuel, ein erwachsener Mann, ließ sich von dieser zauberhaften Kleinen den Trost spenden, nach dem er sich seit Ewigkeiten verzehrte. Nur sie alleine konnte sein Herz heilen. Nur sie allein konnte ihm vergeben. Die Last von seinen Schultern nehmen - die Schuld, die ihn erdrückte.

 

Stockend sprach er weiter. Gestand ihr seine übergroße Angst, ihrem Bruder gegenübertreten zu müssen. Pascal erklären zu müssen, warum er lebte, seine geliebte Schwester aber tot war. Er fand nicht die Kraft, aufzustehen und zu gehen. Zusammengekrümmt blieb er einfach liegen - in Staub und Blut - unterhalb der Guillotine. Innerlich war er tot. Seine Seele, sein Herz, sein Lebensmut war gebrochen - gestorben, zusammen mit ihr! Zwei Tage und Nächte lag er da - unbeweglich - in der Hoffnung, jemand möge ihn erlösen, seinem Leben, das ihn so sehr beschwerte, ein Ende machen. Er fühlte nicht mehr, dachte nicht mehr, lebte nicht mehr!

 

Nach endlos langer Zeit spürte er Hände, die ihn packten und auf einen Karren warfen. Er schloss die Augen, und das Rütteln der Holzräder auf dem steinigen Weg war das erste, das wieder in sein Bewusstsein drang, aber immer noch fand er nicht die Kraft, sich um sein Schicksal zu sorgen. Er sollte sie noch lange nicht finden. Auch als er wusste, dass eine Frau in „gerettet“ hatte, dass sie ihn mitnahm, raus aus der Stadt, kam er nicht zu sich.

 

Er brauchte fast ein Jahr, bis er den Mut fand, Pascal aufzusuchen - ihm zu gestehen, dass seine Schwester sterben musste, weil er, Manuel, nicht verzichten konnte. Und als er zu ihm ging, geschah das in der Hoffnung, dass Pascal ihn töten würde! Pierre wollte sterben! Er hasste dieses Leben. Ein Leben ohne sie - ohne seine geliebte Frau, die durch seine Schuld ihr Leben verloren hatte.

 

Aber Pascal tat ihm diesen Gefallen nicht. Im Gegenteil. Er überschüttete ihn mit Hohn. Sein Hass war so groß, dass sein Zynismus keine Grenzen kannte. Er verspottete sein Leid, sein schlechtes Gewissen. „Du hast gewusst, dass sie sterben würde. Diese Hochzeit war ihr Todesurteil! Du hast es gewusst - und du hast ihren Tod gewollt!“ höhnte er. „Warum bist du jetzt so unglücklich? - Du hast doch dein Ziel erreicht! Sie ist tot! Marie ist tot! - Also geh nach Hause und freu dich!“

 

Und er hatte ja Recht. Er hatte gewusst, dass sie verurteilt war in dem Moment, als er ihr seinen Namen gab. Es war auch keine Entschuldigung, keine Rechtfertigung zu sagen, dass sie es gewusst hatte. Ja! Natürlich hatte sie es gewusst, sogar gewollt, aber er, Pierre, hätte es besser wissen müssen. Er hätte niemals zulassen dürfen, dass sie sich opferte.

 

Es war zu spät! Pierre atmete weiter. Er aß, er schlief, er arbeitete - aber sein Leben war vorbei. Die Frau, die ihn „gerettet“ hatte, wurde seine Frau - irgendwann. Er hätte nicht einmal ihren Namen sagen können. Sein Verstand war umnachtet. Er wollte diese Welt nicht mehr sehen. Er tat, was man ihm sagte, aber er hatte nur noch eine Sehnsucht: Den Tod! - Die Vereinigung mit Marie!

 

Manuel konnte ihr nichts erzählen aus seinem Leben - danach. Er nahm es nicht wahr. Erst jetzt - in diesem Leben hatte er Erinnerungen - aber auch die waren seltsam verschwommen. Und nun war SIE da! Marie stand vor ihm, sah in seine Augen, hielt ihn in ihren Armen, und er erwachte zu Leben.

 

„Marie!“ flüsterte er. „Marie! - Meine Marie!“ Er drückte sie an sich, fühlte ihre Wärme, atmete ihren Duft. Seine Leidenschaft erwachte. Stöhnend ließ er seine Hände über ihren weichen Körper wandern. „Ich muss dich fühlen - endlich wieder leben! Deine weiche Haut, deine Lippen, die Küsse, die mir den Himmel schenken. Marie!“ Schwer atmend hielt er sie in seinen Armen. Seine Sehnsucht drohte ihn zu überwältigen. „Was sollen wir denn jetzt tun? Marie? - Du und ich? Wir können doch nicht ...? Wie sollen wir denn ...?“ Hilflos brach er ab.

 

Aber auch Mia sehnte sich. Er hatte ihre Erinnerungen geweckt - ihre Sehnsüchte. Sie spürte seine Haut, fühlte sich so angezogen, so beschützt in seinen Armen. Stöhnend schmiegte sie sich an ihn. Seine breite Brust, die verführerischen Liebkosungen seiner Lippen erregten sie! Verlangend hob sie ihm ihren Mund entgegen, spürte seine weichen, zärtlichen Küsse, fühlte, wie er sanft seine Zungenspitze tiefer schob. Begierig saugte sie, leckte, traf ihn, tief innen, spielte ein süßes aufregendes Spiel der Leidenschaft. „Ohh jaah, bitte!“, stöhnte sie in seinen Mund. „Ich gehöre dir! - Ich habe dir immer gehört, oh Pierre, mein Pierre! - Bitte!“

 

Er fasste ihre Hand und zog sie mit sich. Atemlos liefen sie durch das Schulhaus, weiter hinein in den dämmrigen Abend. Mia folgte ihm sehnsuchtsvoll. Wo immer er sie hinbrachte, was immer auch kommen würde ... Sie wollte ihn! Sie wollte endlich „Heimat“! Als sie vor seinem Haus angekommen waren, zitterte er am ganzen Leib. Beinahe schaffte er es nicht, den Schüssel ins Schloss zu stecken. Erst recht nicht, als er ihre Hände spürte. Manuel erstarrte. Ihre Hände berührten ihn - an höchst intimer Stelle. Oh Gott, sie wollte ihn!

 

Mia wusste nicht mehr, was sie tat. Sie brannte vor Ungeduld. Er und Sie! Es war keine Frage! Sie wollte nicht mehr denken. Sie wollte ihn lieben, berühren, streicheln, liebkosen, verrückt machen - und endlich endlich - in seinen Armen liegen. Geliebt werden von Pierre - ihrem Mann - dem Mann, den sie liebte, den sie begehrte - sie eine 17-jährige Jungfrau!

 

Aber da war ja die Erinnerung - ihre Erinnerung. Sie wusste ja, wie es sich anfühlte, wenn er sie berührte. Sie hatte es nicht vergessen. Es hatte nur eines kleinen Anstoßes bedurft, es ihr ins Gedächtnis zu rufen. Und jetzt brannte dieses Wissen in ihr - das Verlangen nach ihm durchglühte ihren ganzen Körper. Als er sich drehte, um die Tür zu öffnen - sie sah, wie sich die Hose über seinen strammen Hinterbacken spannte, konnte sie ihre Finger nicht mehr bei sich behalten. Sie griff zu.

 

Manuel zuckte zusammen, stöhnte in heißer Leidenschaft. „Nicht! - Liebes! - Nicht hier!“ Er musste sich beeilen. Er musste sie aus der Öffentlichkeit wegbringen. Sie durfte - würde - sollte es ja tun. Er sehnte sich so sehr nach ihr. Er wollte sie haben, besitzen, sie unter sich fühlen, verschmelzen mit ihr - aber doch um Gottes Willen nicht hier!

 

Als er die Tür endlich offen hatte, zog er Mia ins Haus, oder hatte sie ihn hineingedrängt? Begierig klammerten sie sich aneinander. Ihre Lippen fanden sich. Feuchte, tiefe, sehnsüchtige Küsse, die sie aufheizten - indiskrete Hände, die sich zwischen Schenkel drängten, unter die hinderliche Wäsche. Fingerspitzen, die die feuchte Hitze tiefer Geheimnisse erkundeten. Gegenseitig zerrten sie sich die Kleidung von den heiß ersehnten Körperteilen, begierig endlich nur noch nackte Haut zu fühlen - zu betrachten. Als Mias Hand seine prallen Hoden fand und sanft zudrückte, erkannte er es.

 

„Du weißt es? Liebes! - Du hast nichts vergessen! - Nichts von dieser einen Nacht! Dieser endlosen, süßen, verrücktmachenden Nacht - unserer Nacht, die seitdem mein ganzes Leben beherrschte? Ich habe nur daran gedacht - immer und immer wieder - habe ich es getan - in meinen Gedanken! - Mit dir! - Marie - Mia! Immer nur mit dir! - Du bist mein Leben! Mia! Ich lebe nur in dem Gedanken an dich! In dem Wissen, dass es dich für mich gibt!“, keuchend küsste er sie. Ihre Lippen, den Hals, ihr Dekolleté, hinunter zu ihren Brüsten. Seine Hände rissen an dem unerwünschten Stoff, der sie ihm vorenthielt. Und Mia half ihm eifrig.

 

Als sie ihre nackten Brüste sah, hielt sie inne. Niemals waren sie ihr so verführerisch erschienen. Groß und dunkel leuchteten ihre festen Brustwarzen auf weißer Haut, schimmerten im Halbdunkel. Manuel fiel auf die Knie, näherte sich ihnen - ehrfurchtsvoll, küsste sie sanft. Drückte seine Lippen auf diesen spitzen Beweis ihrer Lust, ihres Verlangens - und Mia presste sie ihm entgegen, tiefer in seinen Mund, hingerissen von dem entflammenden Gefühl seine Zungenspitze zu spüren. Stöhnend griff sie in sein Haar, drückte ihn noch fester an sich. Dieses saugende Gefühl an ihrem empfindlichen Busen fuhr ihr wie ein Blitz heißer Lust durch den Leib. Hingebend sank sie zu ihm auf den Boden.

 

Kein Bett - kein weiches Kissen. Sie brauchte nur ihn! Seine Härte! Seine Lust! Seine Begierde! Jetzt! Liebe? Später vielleicht! Zärtlichkeit? Nein - Nicht jetzt! Rücksichtnahme? - Irgendwann! - Zittern! - Sehnsucht! - Lust! - Erfüllung! Handgreiflich - auf hartem Boden. Öffnen! - Eindringen! - Stoßen! - Fühlen! - Stöhnen! - Explodieren! - Ekstase!

 

„Bitte! - Bitte, bitte!“ flüsterte Mia und spreizte ihre Beine, zog ihn näher. Sie konnte nicht mehr denken - nur noch er - in allen Gedanken - in all ihrem Sein. Hitze durchflutete ihren Körper, lustvolles Ziehen erfüllte ihren Unterleib. Sie musste ihn spüren! Jetzt! Sehnsüchtig ließ sie sich fallen, bot sich ihm an, streckte die Hand aus - nach ihm. „Pierre!“

 

Da kam er über sie, beugte sich zärtlich hinunter, fand ihre Lippen. Seine aufrechte Männlichkeit berührte ihre Scham. Laut stöhnten sie auf - gemeinsam. Sie wollten es - beide. Ersehnten die Vereinigung ihrer Körper. „Jaahh!“ flüsterte sie, in seinen Mund verschmolzen - und Manuel ließ sich langsam auf sie sinken, erweckte die heiße, weiche, feuchte, gierigste Erinnerung seines Seins zum Leben. Erweckte die Frau in seinen Armen zum Leben.

 

Ihr Fleisch umschloss seine Spitze. Behutsam drang er tiefer ein - in den Urquell seiner Sehnsucht. „Ich will nur dich!“ Keuchend stieß er zu, fand sich geborgen in ihr - ihrer Liebe - ihrer hinreißenden Weiblichkeit. Wie in Trance hielt er inne, wollte jede Sekunde genießen. Er musste diese Frau lieben - so wie er es sich erträumt hatte - seit Ewigkeiten! So, wie sie es verdiente! Er wollte sie küssen, streicheln, lecken, verrückt machen nach ihm - und doch konnte er es nicht. Nicht jetzt! Jetzt musste er sie nehmen - auf der Stelle, oder er würde sterben - zum zweiten Mal!

 

Immer härter stieß er zu, immer schneller wurden seine Bewegungen. „Marie!“ Sie bog ihm ihren heißen Unterleib entgegen, schob ihre nasse Scheide über seinen Phallus und versenkte ihn tief in ihrem hungrigen Leib. Stöhnend stieß auch sie zu, beseelt von dem Gedanken an die Verschmelzung in einem unglaublichen Höhepunkt, dem niemals vergessenen Höhepunkt ihrer beider Leben.

 

Wild loderte die Flamme der Lust auf, brandete hoch und verschlang zwei Menschen, um sie als ein Wesen erneut freizugeben. Stöhnend wanden sie sich - ineinander verschlungen - auf dem Boden. Endlich, endlich waren sie am Ziel. - Erfüllung! - Ekstase! - Himmel! Selig schmiegte sie sich an seinen warmen Körper, genoss die weiche Haut. Sie schloss die Augen und bog sich zurück, eine Gänsehaut überzog ihren sensiblen Leib. „Pierre! - Plus!“ stöhnte sie. „Pierre, je t’aime!“

 

Er brauchte diese Aufforderung nicht. Er konnte noch nicht aufhören, nicht jetzt. Seine Sehnsucht war immer noch nicht gestillt, trotz der überquellenden Lust seiner Lenden. Konnte er sie jemals wieder betrachten, ohne die brennende Sehnsucht in seinem Fleisch zu spüren? Noch nicht! Nicht jetzt! Manuel zog sie an sich, drehte sie behutsam in seinen Armen. Sie schmiegte ihren prallen Po an seinen Bauch, spreizte ihre Beine, drückte sich ihm entgegen. Erneut drang er in sie ein. Hörte beglückt ihr helles Fiepen. „Oh jaah! Schööön, oh so schöön, Pierre!“ Sie schloss die Augen, konzentrierte sich auf die Lust in ihrem Inneren. „Oh Gott, jaah!“ Sanft bewegte sie ihre Hüften, fiel ins Hohlkreuz, drängte sich an ihn, drückte ihre gierige Muschi auf ihn. Ihr hungriger Körper dehnte sich, streckte sich ihm entgegen, und dann spürte sie seinen Arm, der sie umschlang. Seine Hand presste sich auf ihren Venushügel, seine Finger versanken in Feuchtigkeit. Als seine Fingerspitze ihren Kitzler berührte, schrie sie auf in aufschäumender Geilheit.

 

Seine Wildkatze! Ihre spitzen Schreie machten ihn wahnsinnig. Er fasste ihre Hüften und zog sie hoch auf die Knie. Verrückt vor Gier stieß er tief in sie hinein. Erneut suchte er ihren Lustpunkt, fand ihn und machte sie damit völlig verrückt. Keuchend wand sie sich unter ihm. „Jahh!“ Sie rang um Atem. „Oh jaa! Jah! Jah! Bitte!“ Wild stieß sie gegen ihn, warf sich an ihn, verschlang seine Männlichkeit - immer und immer wieder!

 

„Jetzt, oh jaah, jetzt! In dich hineinkriechen - nie mehr verlassen - dich - jetzt haben - besitzen - jetzt, oh Gott - jetzt!“ Er konnte sich nicht länger beherrschen, er musste sie überschwemmen, sie seiner Lust unterwerfen. Jetzt! Er bäumte sich auf, stöhnend - und explodierte tief in ihrem sinnlichen Leib.

 

Trotz all der gierigen Lust, die ihn schüttelte, spürte er ihr jähes Zittern, fühlte die Krämpfe, die sie erschütterten. „Liebste! Mia, Mia, Mia, Mia!“ Erlösung in körperlicher Ekstase. Immer und immer wieder wiederholte er ihren Namen - wie ein Gebet. Erschöpft ließ er sich auf sie sinken. Ihre Wärme, ihr sanftes Fleisch waren für ihn wie ein Wunder. „Ich liebe dich!“ Loslassen konnte er sie noch nicht, als hätten seine Arme Angst, sie erneut zu verlieren, aber sein Herz sang. Es sang ihren Namen - betete Liebeslieder für Mia, die Liebe seines Lebens, die Liebe all seiner Leben. Er war am Ziel! Endlich! Endlich wieder glücklich - nach so endlos langer Zeit!

 

„Komm, Liebes!“ flüsterte er und zog sie hoch. Jetzt musste er sie in sein Bett bringen, in die Arme nehmen und halten. Und Mia schmiegte sich dicht an ihn. Nie war sie so selig gewesen, wie in diesem Augenblick. „Kannst du mir vergeben?“ Das war es, was er wissen musste. Das war es, was sein Herz und seine Seele vergiftete. Sie sah ihn an - mit ihren großen Augen und lächelte. „Alles, mein Pierre - alles!“ Zärtlich küsste sie seinen Mund. „Und jetzt können wir es endlich vergessen! Den ganzen Schmerz, all das Leid, alle Schuld - all die dunklen Träume!“ Manuel seufzte tief auf. Das war einfach zu schön um wahr zu sein, aber sie hatte recht. Das war die Wahrheit - seine Wahrheit! Er hatte sie wieder, seine Marie. Sie hatten eine zweite Chance - und er würde sie nützen! -

Diesmal würde er sie nützen!

 

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