Süßer die Glocken... 1





Süßer die Glocken... 2


  

Unterm grauen Nachmittagshimmel wurde es Lucien dann doch ein wenig mulmig zumute. „Jetzt hast Du Angst vor der eigenen Courage!“, sagte er sich. Es war doch gar nicht seine Art, sich von wildfremden, na ja, gut, ziemlich fremden Männern einfach zum Abendessen einladen zu lassen. In seinem 29-jährigen Heteroleben war ihm das noch nie passiert, und um zu erkennen, dass Herr W. junge Männer bevorzugte, dafür musste man kein Experte sein. Man(n) musste sich nur das männliche Personal in der Parfümerie genauer anschauen. „Will ich das wirklich?“, fragte er sich, um sich gleich zu fragen: „Will er das wirklich?“

 

Seine Schritte wurden schneller, er musste, bevor er nach Hause ging und sich umzog, noch bei seiner Freundin den Briefkasten ausleeren und die Blumen gießen, weil sie übers Wochenende zum Adventstreffen mit ihrer Familie gefahren war. Als er das erledigt hatte und in ihrer Wohnung stand, kam ihm eine verwegene Idee. Er ging in das Schlafzimmer seiner Freundin und öffnete die Kommode, in der sie ihre Wäsche aufbewahrte. Er nahm den dunkelblauen, seidig glänzenden Body, den er ihr zum letzten Geburtstag geschenkt hatte. Er schloss ordentlich ab und legte den Weg nach Hause im Eilschritt zurück.

 

Es brodelte in ihm. Noch zwei Stunden, dann musste er los. Er duschte ausgiebig, rasierte sich, legte jenen Duft auf, der ihn in die Parfümerie geführt hatte, dann stieg er vor dem Badezimmerspiegel in den Body. Er war erregt, so erregt, dass er die kleinen Knöpfchen im Schritt nicht schließen konnte. Er malte sich aus, wie Herr W. ihn berührte, seinen festen Popo massierte und ihm seine Hand auf den Bauch legte. Unwillkürlich streichelte er seinen steifen Penis und betrachtete sich im beschlagenen Spiegel. Sein unscharfes Spiegelbild gefiel ihm - ob er ihm so auch gefiele, fragte sich Lucien sofort, mit seinen halblangen Haaren, dem eher weichen Gesicht, dem schlanken Knabenkörper in der seidigen Hülle? Er genierte sich ein wenig für seine Eitelkeit und seine dummen Fragen.

 

Er riss sich zusammen, verließ das Bad und zog sich an. Frische Jeans, ein schwarzes Seidenhemd, die sein kleines Geheimnis perfekt verbargen, blankgeputzte schwarze Stiefeletten. Er trödelte herum, hörte Musik, blätterte in der Zeitung, ohne wirklich zu lesen, bis es Zeit war aufzubrechen. Sein Herz pochte, seine Hände waren ein wenig zittrig, je näher er der Parfümerie kam. 19:25 Uhr, zu früh, natürlich. Er musste jedoch nicht lange warten. Herr W., im eleganten Kaschmirmantel, kam aus dem Seiteneingang: "Wie schön, Sie zu sehen! Ich hoffe, Sie essen gerne Italienisch." Lucien, der seine Nervosität kaum kaschieren konnte, nickte wieder nur und folgte Herrn W.

 

Er kannte das Restaurant, auch wenn er dort noch nie gegessen hatte, es war zu teuer für seine bescheidenen Einkünfte. Herr W. war augenscheinlich Stammgast. Sie wurden in eine Nische geführt, und der Ältere studierte mit Kennerblick Speisen- und Weinkarte. Er empfahl Lucien das Wildgericht und suchte den Wein aus. Und weil er die Anspannung seines Gegenübers bemerkte, verwickelte er ihn geschickt in eine Konversation über die italienische Küche. Lucien wurde lockerer. Sie aßen, sehr gut im Übrigen, sie plauderten, und beim Dessert waren Sie beim Du und bei einem Gespräch über Thomas Mann. Gerhard hatte ihm erzählt, dass er sein Germanistikstudium abgebrochen hatte, um damals die väterliche Parfümerie zu übernehmen, und Lucien, der seit drei Jahren mit seinem Studium fertig war, fühlte sich auf sicherem Terrain. Der Wein machte ihn gelöster und forscher, und ehe er sich's versah, waren sie bei Manns Tagebüchern, bei seiner verdeckten, unterdrückten Homosexualität.

 

Lucien wurde auf einmal etwas schwummerig zumute, mit seiner Sicherheit war es vorbei. Eben noch hatte er seine Vorliebe für den "Felix Krull" erwähnt, da sagte Gerhard schon: "Ist es Felix als Page, der dir so gut gefällt, wie er von der reichen, älteren Madame Houpflé verführt wird?" Und während Lucien noch nach den passenden Worten suchte, fuhr Gerhard fort: "Hast Du eigentlich auch gelesen, dass Mann ein eigenes Erlebnis mit einem jungen Mann oder wenigstens den Wunsch danach in dieser Geschichte verarbeitet hat?" Bei diesen Worten legten sich Gerhards sorgfältig manikürte Finger sanft auf Luciens Hand. Lucien spürte, wie sein Glied sich unter der seidenen Hülle aufrichtete, ihm war, als stünde er unter Strom und habe nur die Wahl, sofort zu fliehen oder sich sofort hinzugeben.

 

Er erhob sich und ging auf die Toilette. Mechanisch öffnete er die Hose und sah die mächtige Beule unter dem Body. Er konnte nicht urinieren, er war zu steif. Er war geil, durchfuhr es ihn. Gerhards Worte hatten ein so heftiges Echo gehabt, dass er an nichts anderes mehr denken konnte. Seine Eichel war feucht und pochte gegen den Stoff. „Ob er auch so erregt ist?“, fragte sich Lucien, während er sich Gerhards Erektion unter der Hose des eleganten Anzugs ausmalte und sich nackt in seinen Armen sah, bedrängt von dem großen, steifen Geschlecht des Älteren. Ihm wurde ganz heiß. Schließlich gab er sich einen Ruck. Er zog die Hose hoch und ging zurück ins Restaurant.

 

Gerhard lächelte ihm entgegen, sein Blick war wissend auf Luciens Schritt gerichtet. Er hatte bereits bezahlt und sagte: "Ich dachte, wir nehmen noch einen kleinen Grappa bei mir, wenn es dir recht ist." "Es ist mir recht", erwiderte Lucien so leise, dass es kaum zu hören war. An der Garderobe half Gerhard ihm in den Mantel, und diese Geste erregte Lucien nur noch mehr. „Wie sicher er sich ist!“, dachte er. „Wie selbstverständlich er mir meine Rolle zuweist.“ Und er ertappte sich bei dem Gefühl, dass dieses Verhalten den Älteren nur noch attraktiver machte.

 

Als sie draußen vor dem Restaurant standen und auf das Taxi warteten, weil Gerhard beschlossen hatte, seinen Wagen lieber in der Tiefgarage zu lassen, sah Lucien ihr Spiegelbild in dem Schaufenster neben dem Restaurant, und weil er seinen Kopf leicht zur Seite gedreht hatte, sah er dort auch, wie sich Gerhards Kopf dem seinen näherte. Lucien drehte ihm den Kopf zu und spürte die Lippen auf seinem Mund, er fühlte sich innerlich ganz weich und ließ Gerhards Zunge gewähren, die vorsichtig Luciens Zunge berührte. Dann lösten sie sich voneinander. Gerhard schaute ihn an und sagte: "Du erinnerst dich doch bestimmt, wie Madame Houpflé Felix küsst und sagt: 'Nimm dies als Pfand'." Lucien blieb stumm, er wusste, wie die Einlösung des Pfands aussah. Das Taxi fuhr vor, sie stiegen beide hinten ein, dann fuhr der Wagen los.

 

© Pierre

 

 








Süßer die Glocken... 3