Süßer die Glocken... 1





  

Im Dezember war es immer ein besonderes Vergnügen, die große Parfümerie in den Passagen zu betreten. Auch während des restlichen Jahres war sie schon die schönste, geschmackvollste und nobelste der Stadt, um sich in der Adventszeit noch einmal selbst zu übertreffen. Kein Tannen-, Kugel- oder Engel-Kitsch, nein, eine Farbensymphonie in Grün und Rot und vor allem Gold, glänzende Dekorationen, lockend platzierte Flakons und Tiegel und Verpackungen. Und dieser diskrete Duft, eine Melange der schönsten Gerüche. Lucien ging gerne dorthin, auch wenn es dem hübschen Endzwanziger an Geld fehlte, um nach seinem Geschmack einzukaufen. Es war, als würde er in ein knisterndes erotisches Feld eintreten. Die perfekt geschminkten, gut gekleideten Verkäuferinnen, alte und junge, die adretten jungen Männer und, wie der Inbegriff des Ganzen, der Inhaber, ein Herr von etwa fünfzig Jahren, stets tadellos gekleidet, in gutsitzenden Anzügen, mit Krawatte und kleinem, passenden Tüchlein in der Brusttasche, stattlich und mit gepflegtem, schon leicht schütterem, silbergrauem Haaren.

 

Lucien hatte zwei Mal länger mit ihm gesprochen, weil er ein bestimmtes After Shave bevorzugte, das er vor Jahren in Frankreich kennengelernt hatte und das in deutschen Parfümerien kaum zu finden war. Der Inhaber kannte es natürlich und hatte es Lucien dank seiner Kontakte besorgt. So kam es auch, dass er Luciens Namen wusste und ihn begrüßte, als er am Samstag vor dem dritten Advent das Geschäft betrat. Lucien war immer wieder fasziniert, wenn dieser elegante, weltgewandte Herr ihn ansprach und sich mit einem charmanten Lächeln nach seinen Wünschen erkundigte. Doch er wollte sich lieber nicht den Kopf zerbrechen über die Gründe für diese Faszination, er hatte schließlich eine Freundin, mit der es im Augenblick mehr schlecht als recht lief, und er wäre vor Scham wohl in den Boden versunken, wenn jemand von den betörenden Schwingungen gewusst hätte, die ihn jedes Mal beim Anblick dieses Mannes in seinem duftendem Reich erfassten.

 

„Brauchen Sie wieder Ihren Duft?“, fragte Herr W. lächelnd. Lucien nickte verlegen, fast verstört, als habe der attraktive Mann die Gedanken gelesen, die ihm gerade durch den Kopf gespukt waren. Dann räusperte er sich leicht und erwiderte: „Eigentlich noch nicht…“, doch weil er so verlegen war, blieb der Satz in der Luft hängen, so dass sein Gegenüber ihn anlächelte und fortfuhr: „Und uneigentlich? Soll es ein Geschenk sein? Für die Freundin? Oder gefällt es Ihnen hier so gut, dass Sie einfach nur mal hereinschnuppern und Guten Tag sagen wollten?“ Lucien war froh, dass er nicht zu den Menschen gehörte, die erröten, aber sein Gesichtsausdruck, seine ganze Haltung mussten auch so deutlich genug sein. Für einen Mann wie Herrn W. zumindest. Gewandt überspielte der Inhaber der Parfümerie Luciens Verlegenheit, indem er ihn aufforderte mitzukommen und sich ein neues Eau de Toilette vorführen zu lassen.

 

Lucien folgte ihm in eine Ecke des Geschäfts, ließ sich ein wenig aus dem Probeflakon auf die Hand sprühen und sog den Duft ein. „Gefällt es Ihnen?“, fragte her W. gespannt. Lucien nickte, hielt den Handrücken noch einmal unter die Nase und sagte dann forsch: „Da könnte ich schwach werden! “Als er dann den Kopf hob und dem Chef des Hauses ins Gesicht sah, lächelte der ihn wissend an. „Sie haben ja eine Gänsehaut“, sagte Herr W. mit leichter Süffisanz in der Stimme, „sind Sie etwa schon schwach geworden?“ Und bei diesen Worten berührte er leicht Luciens Hand, der zurückzuckte und sich dem charmanten Lächeln in den gut geschnittenen Zügen seines Gegenübers hilflos ausgeliefert sah. Auf einmal war ihm heiß, es kribbelte, und voller Scham spürte er, dass sich in seiner Hose etwas regte. Dieser Mann, diese grünrotgoldene, duftende Atmosphäre, all das brachte ihn aus der Fassung, er fand keine Worte, obwohl er sonst wirklich nicht auf den Mund gefallen war.

 

Die paar Sekunden Stille kamen ihm vor wie eine halbe Ewigkeit. Erst als er die Hand von Herrn W. auf seiner Schulter fühlte, brachte er ein leicht krächzendes „Es geht schon wieder“ hervor. „Das ist gut“, hörte er Herrn W. durch die wirbelnden Gedankenfetzen in seinem Kopf sagen, während die Hand ihn immer noch berührte - und seine Erektion wuchs. Und wie von ferne hörte er die angenehme Stimme des Parfümeriebesitzers flüstern: „Dann muss ich mir ja keine Sorgen machen, dass Sie absagen, wenn ich Sie für heute Abend zum Essen einlade. Wir schließen um 19 Uhr. Mögen Sie um 19.30 Uhr hier sein?“ Lucien konnte gar nichts anders, als wortlos zu nicken. „Ich freue mich!“, sagte sein Gastgeber leise. „Bis heute Abend“.

 

Lucien verabschiedete sich höflich, und als er aus dem hellen, betörenden Laden in den grauen Dezembernachmittag trat, klangen die Glocken von der nahe gelegenen Kirche, die gerade vier Mal schlugen - so süß wie noch nie. „Ja, ich will!“, murmelte Lucien in sich hinein, ein leichter Schauer durchlief ihn, und sein Geschlecht pochte sehnsüchtig.

 

© Pierre

 

 





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