Weihnachtliches Logbuch 2


Weihnachtliches Logbuch


6. Dezember 2009


6. Dezember

 

Leider wurde die himmlische Ruhe am Pol heute durch eine äußerst hitzige Diskussion gestört. Schlimmer noch, einem Streit! Ruprecht hatte Lucie zur Rede gestellt, ihr geradezu unterstellt den Test mit ihrem frevlerischen Verhalten manipuliert zu haben - zugunsten von Mark.

 

„ABER WARUM HAST DU IHN ZUERST GEKÜSST?! HIMMEL NOCH MAL, LUCIE! ICH HABE DICH AUF IHN ANGESETZT, WEIL DU DIE BESTE BIST – ZUMINDEST NOMALERWEISE! ALSO WAS?“, verlangte Ruprecht zu wissen. Lucie, ein speziell ausgebildeter Testengel für Menschenkinder, sah sich in ihrer Berufsehre angegriffen. Entsprechen vehement verteidigte sie sich.

 

„ICH WEISS ES NICHT!“, gab Lucie also genauso laut zu zurück. Dann fuhr sie leiser fort. „Er hielt mich sicher und warm, war sanft und doch bestimmt. Seine Augen – mir war als konnte er direkt in mein Herz schauen. Und auch ich! Ich sah seine Sehnsucht tief im Ozean seiner Seele! So unglaublich tief. Ich tauchte tiefer hinein durch seinen Blick. Tiefer und tiefer – mir blieb die Luft weg. Es war einfach fantastisch! Noch immer war ich weit vom Grund entfernt. Seine Seele ist so unglaublich groß. Nur seine Stimme rief mich zurück, zurück in die Realität. Das war gut so! Wahrscheinlich hätte ich mich sonst in ihm verloren - wäre verloren! Und doch – kam es mir so vertraut vor! Heimisch! Ich fühlte mich plötzlich – zuhause. Sicher, geborgen und gleichzeitig auch angeregt, aufgeregt etwas falsch zu machen. Doch er war da, hielt mich noch immer sanft an seiner Brust. Seine grauen Haare, sein Bart - so nah. Endlich! Seine Lippen… verlockend. Waren sie hart oder weich?  Ich musste es einfach überprüfen! Er stand da, wirkte wie verzaubert von mir – als könne er es nicht glauben. Zur Bestätigung habe ich erneut … seine Sehnsucht kam nach oben, zur Oberfläche. Nur für einen kurzen Moment – durch mich! Ich spürte sein Verlangen nach mir und die enorme Kraft, mit der er sich zurückhielt. Seine Lippen schmecken – himmlisch. Und überhaupt ist er so sanft, verführerisch so … so … unheimlich gut eben!

 

Der Gesichtsausdruck von Lucie sprach ganze Bände. Alle Zuhörer dieses Streites hatten gebannt ihrer Ausführung gelauscht. Ihr verliebter Gesichtsausdruck hielt sie alle wie in einem magischen Bann. Selbst Ruprecht schien für einen kurzen Augenblick berührt zu sein.

 

„Aber du hast ihn geküsst. Du weißt, dass hättest du nicht tun sollen. Das war ein Fehler. Außerdem ist es ein Zeichen dafür, wie voreingenommen du bist. Es steht dir regelrecht im Gesicht geschrieben! Der Test ist nicht objektiv. Du bist nicht objektiv! Wie unprofessionell! Und das von einem Engel wie dir!“ Der letzte Satz von Ruprecht war eindeutig zu viel. Lucie brach einen Eiszapfen ab und ging zum Kampf über. Ruprecht entkam nur knapp ihren Attacken. Wild wälzten sich beide auf dem Boden. Nun wurde es allerhöchste Zeit einzugreifen. Unter großen Mühen trennten wir die beiden. Ich fuhr dazwischen.

 

„RUPRECHT! – Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich meinen, du wärst eifersüchtig!“ Hatte ich damit etwa den berühmten Nagel auf den Kopf getroffen? Ruprecht schaute auf einmal merkwürdig beschämt. Lucie hingegen gingen die Augen auf. Doch sie war wütend.

 

„Ha – Ruprecht. Du glaubst doch nicht ernsthaft, dass sich je irgendjemand in dich verliebt? Wie denn auch? Du bist eine eiskalte Persönlichkeit. Los, geh doch hinaus in deine heißgeliebte Schneelandschaft. Was denkst du, weshalb wirst du nur zum Bestrafen eingeteilt? Du hast einfach kein Herz! - Kein Gefühl! Deswegen wird deine Sondermission auch fehlschlagen. ALLE wissen es! Nicht umsonst stehen die Wetten…“

 

„NUN IST ABER GUT!“ fuhr ich dazwischen.

 

„WAS FÜR WETTEN?“, verlangte Ruprecht zu wissen. „SANTA? WAS FÜR WETTEN? KLÄRE MICH GEFÄLLIGST AUF!“

 

„Also gut!“, seufzte ich, „Es sind Wetten im Umlauf, bezüglich des Spezialauftrages. Sie stehen 1:100.000.“

 

„Eins zu einer Million!“ korrigierte Lucie triumphierend.

 

„Herrje wirklich?“, fragte ich überrascht. Einige Kobolde nickten. Bis auf die Schnee-Elfen – hatten nun fast alle gewettet. „Also gut! - Dann erhöhe ich auf 2 zu einer Million. Und nun – gehe ich in meine über alles geliebte Eislandschaft. Ihr entschuldigt mich!“, äußerte Ruprecht grimmig und stampfte davon. Die  Schnee-Elfen folgten. Wahrscheinlich war es für sie hier sowieso viel zu hitzig hergegangen.

 

 

Später traf ich Ruprecht in der Eislandschaft. Ich kannte die Stelle. Ein paar Schnee-Elfen waren dabei wunderliche Gebilde zu schaffen. Wahrscheinlich wollten sie Ruprecht damit aufheitern. Sie schienen es zu schaffen, denn Ruprecht begrüßte mich mit strahlendem Lächeln.

 

„Hallo Santa – komm setzt dich zu mir! Schau was die Schnee-Elben machen, ist das nicht wundervoll?“

 

Ich setzte mich dazu. Die Schnee-Elfen zauberten mehrere nackte Frauen aus Eis. Alle hatten zwar nur die Größe von Barbiepuppen, waren aber äußerst fein und detailliert gearbeitet. Selbst ihre Brustwarzen, sogar Schambehaarung falls vorhanden, war zu erkennen. Einige hatten zart erregte Brustwarzen. Andere lagen mit lasziv geöffneten Beinen.

 

„Die hier gefällt mir besonders gut.“ flüsterte Ruprecht. War die Ähnlichkeit mit Lucie Zufall? „Also mir gefällt diese hier besser“ erwiderte ich und zeigte auf eine Rose, deren Blütenblätter eine Frau bildeten.

 

Ruprecht nickte zustimmend. „Frosti ist verliebt in Kush, daher die Anlehnung an seine Werke. Schau diese Birne hier. Erst recht die zwei Liebenden, die eng ineinander geschlungen wie eine Muschel wirken – Zauberhaft!“  Ruprecht schaute verträumt.

 

„Und? In wen bist du verliebt?“, wollte ich wissen, kam aber bei Ruprecht nicht durch. Um das Thema zu wechseln bot ich an den Spezialauftrag wieder zu übernehmen.

 

 

„Um nichts in der Welt, Santa!“ bekam ich zur Antwort. „Wie mir scheint, muss ich einige am Pol überzeugen, was ich alles kann! Ich nehme es ihnen nicht mal übel. Die Zeit verstreicht viel zu schnell. Die meisten wissen gar nicht mehr, dass ich früher durchaus auch Süßes beschert habe.“

 

Ich musste lächeln denn Ruprecht hatte Recht. Wir hatten uns damals die Arbeit nur besser teilen wollen. Es gab immer mehr Menschen auf der Welt – was auch gut war. Um den Aufträgen besser nachzukommen hatten wir uns lediglich spezialisiert.

 

„Ich habe nachgedacht, über das was Lucie sagte und hier, in dieser einsamen Landschaft ist mir eine Idee gekommen. Auch die Eis-Elben haben mir sehr geholfen. Ich habe schon viel Zeit und Aufwand in diese Sache hineingesteckt. Daher möchte ich sie auch weiterhin ausführen dürfen. Zum Glück streiten sich die Menschenkinder immer ob der Nikolaus vom 5. auf den 6. kommt oder am 6. abends.

 

Uns kommt es ja nur zu Gute… etwas mehr Zeit zu haben. Wenn du also nichts dagegen hast – werde ich den Spezialauftrag zuletzt machen. Darf ich?“

 

„Selbstverständlich Ruprecht!“

 

„Danke Santa – auch dafür, dass du an mich glaubst!“

 

„Natürlich glaube ich an dich! Ruprecht, du wirst es schon machen! Aber du entschuldigst – ich habe noch jede Menge zu erledigen. Wie ich gerade erfahren habe, wurden die Rentiere ausgetauscht, der Schlitten somit wieder startklar.“

 

„Rentiere – wie gut, dass ich Ruprecht bin. Für meinen Spezialauftrag darf ich doch meine gewohnte Maschine nehmen – meinen heiß geliebten Feuerstuhl?“

 

Ich musste auflachen, so war Ruprecht eben. „Selbstverständlich darfst du – auch deine Kleidung musst du nicht unbedingt ändern! Vielleicht solltest du lediglich den Ruß weglassen?“ meinte ich augenzwinkernd.

 

Nun war es an Ruprecht zu lachen „Wird gemacht Santa! Wird gemacht! - Und Santa? Mach dir keine Sorgen – ich werde diesem Menschenkind schon eine süße Bescherung liefern.“

 

So optimistisch wie Ruprecht dabei schaute, war auch ich mir plötzlich sicher. Auf meinen Weg zum Schlitten dachte ich, „Ja, Ruprecht, das wirst du! – Glaub nur an dich!“

 

© Azraela







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