Zum 2. Advent


Ankunft für zwei

Der Zweifel, ob es eine gute Idee war die Dienstreise in die Nähe meiner Heimat zu verlängern, um am Wochenende auf vergangenen Spuren zu wandeln, bricht jetzt mit Macht heraus. Mich schüttelt nicht die Kälte, nicht die Nässe. Mich schütteln die Erinnerungen an diese Stelle, an die Stelle wo ich stehe, „Schrittgenau“. Mit beiden Knien an die gemauerte Brüstung gelehnt, beide Hände in den Manteltaschen vergraben starre in das strömende Wasser, in dem sich die gegenüberliegende adventlich illuminierte Uferpromenade matt widerspiegelt. Es ist die Stelle in der Stadt, wo ein wenig bekannter Arkadenstieg direkt am Fluss vorbei führt.

 

Es ist Abend, acht Uhr vorbei… Es war auch acht Uhr vorbei, als wir vor 42 Jahren hier entlang gingen, eigentlich nicht gingen – wo ich sie hindirigierte. Wissend ob der Macht dieses Ortes.  Nicht Tag-genau… „Zweiter Advent genau“. Hier hat sie mir erklärt, dass sie sich ein Leben mit mir gut vorstellen kann. Hier haben wir uns einander versprochen, hier hat alles begonnen, was 42 Jahre bestand hatte. Wie zur Bestätigung hat vor wenigen Minuten dichtes Schneetreiben eingesetzt, wie damals. Mein Seelenzustand deutet es als ein Zeichen von ihr, mir zu sagen: „Hey Kopf hoch!“ In Momenten wie jetzt bricht alles heraus, was so ein geschäftiger Alltag mit seinen Routine überrollt, verdeckt, versteckt. Schon seit dem Vormittag, als ich an meiner ersten eigenen Wohnung vorbei ging, schlich sich eine Melancholie in meine Seele, die sich von Station zu Station meiner Erinnerungen vertiefte. Von den Schneeflocken gedämpft dringt das Bimmeln der Tram über den Fluss. Der Schmerz wurde nicht weniger, auch wenn ich Szenen auftauchen lasse, die nicht zu den Höhenpunkten unserer Ehe zählten, die mich sonst schnell wieder ernüchtern, mir mein Leben erträglich machen – auch das funktioniert heute nicht. Es ist, als wäre diese Stelle wirklich ein magischer Ort.       

 

Hier in dieser Stadt habe ich meine späte Jugend, meine Jungmannzeit, meine ersten Niederlagen und Erfolge im Sport, Beruf und Liebe erlebt. Von hier aus bin ich zuerst allein in die Welt gezogen, habe SIE in den Weiten der Welt gefunden und mitgenommen in diese Stadt. Wir waren ein Gespann, ich der Sattel, sie das Handpferd. Wir sind erneut zusammen in die „Weite Welt“ gegangen. Zusammen haben wir  Erfolg gehabt, als Gespann, als Eltern, als Großeltern. Im Beruf mäßig, da sich bei uns beiden das Verbiegen in Grenzen hielt.  

 

Es ist Scheisssse allein zu sein. Es ist Scheisssse, zu wissen, dass es niemand gibt der auf dich wartet, der sich freut wenn du wieder kommst… der sich in deine Arme schmiegt. Niemanden, der Nachts rüber rutscht, über den Graben und ein Bein auf dich legt, dir eine kleine Hand in deine Achselhöhle drückt… und knurrt oder schnurrt… je nach dem, wenn sich meine Hand zu tief in ihr Delta wagt. 

 

Keine Stimme in mir, die mich versucht aus diesem Tief zu holen. Wie magisch magnetisch klebe ich hier fest, als würde mich eine Bestimmung fest halten. Das Schneetreiben wird immer dichter, das Ufer nur noch als diffuses Lichtband schimmernd. Das Kreischen der Tramräder im engen Rank am Centralplatz ist nicht mehr zu hören.

 

Das Klappern von hohen Absätzen nehme ich erst wahr, als sie hinter mir vorbei gehen. Langsam zögerlich, die Schritte fast unmerklich verhaltend. Erst als sie hinter der Säule der Arkade erklingen wage ich einen Blick – zu spät. Sie bleibt stehen – im nächsten Fach. Einen Augenblick später sehe ich ihre Silhouette, die - wie ich, an die Brüstung gelehnt- auf das Wasser hinaus schaut. Ihre Anwesenheit unterbricht meine Endlosschleife. „Die will sich doch nichts antun?“, ist seit Stunden mein erster vernünftiger Gedanke an die mich umgebende Gesellschaft. Immer wieder drehe ich mein Gesicht für einen kurzen Blick zu ihr hin. Jedesmal erwidert sie den Blick. Mit jedem Blick verlängere ich den Kontakt und war sie es, die eben noch den Blick unterbrach – jetzt bin ich es, der ihn unterbricht. „Tut es weh? Sie stellt die Frage mit direkt auf den Fluss hinaus gerichteter Stimme. Sie schreit es fast bis ich es verstehe, dass ich gemeint bin. „Ja, verdammt weh!“ „Bei mir auch!“ Minutenlang hängt jeder wieder seinen Gedanken nach.

 

Ein Schub, ein Schubs in mir lässt mich mein Herz in beide Hände nehmen, gibt mir den Mut: „Und warum tut es bei Ihnen weh?“ Merke wie meine Stimme erstirbt und die Tränen laufen. „Vermutlich wegen aus demselben Grund wie bei Ihnen!“ Ihre Stimme klingt trotzig, beherrscht. Ich höre, wie sie gleichzeitig mit den Füssen, den Absätzen auf den Boden stampft. Fast synchron drehen wir uns von Fluss weg und stehen uns Säulenbreit gegenüber. Ein Kopftuch umrahmt ihr schulterlanges Haar, ihr Gesicht. Hochgeschlagener Mantelkragen, kleine Handtasche, elegante Handschuhe, Mantel bis Mitte Wade, Strümpfe und der Witterung absolut unangepasste Stöckelschuhe. Auch sie mustert mich, sieht eine alte irische Schirmmütze, einen dicken Wollschal, eine Barborjacke bis knapp über die Knien, braune Hose, Timberlandschuhe mit Profilsohle.  Ihre Augen sind hinter einer halb beschlagenen Brille verborgen, die Nase wirkt spitz, der Mund – die Lippen schmal - ein Strich nur. Meine Brille ist auch beschlagen und meine Hakennase ist wie ein Erkennungsmerkmal und meine „Maulecken“ hängen auf den berühmten Achtuhrzwanzig. Sie lehnt sich an die Säule: „Erzähl!“

 

Und es sprudelt aus mir heraus… ´65, Zweiter Advent, um diese Zeit. Prüfung bestanden, meine erste Stelle direkt ins Ausland, in die Nähe ihrer Heimat… sie, als meine Frau. Jetzt seit zwei Jahre ohne sie durchs ein „leeres Leben“… „Auch Enkel können die Leere nicht füllen im Gegenteil!“ Erzähle wie es mir nach den Besuchen besonders mies geht, es besonders weh tut. „So wie heute?“, kommt ihre Zwischenfrage. „Nein, heute ist es, als würde ich von der Vergangenheit Abschied nehmen. Vertrautes, Liebgewonnenes, Eingeschliffenes, Geprägtes zurücklassen!“ „Glaubst du an die Vorsehung?“ Ich fühle ihren Atem in meinem Gesicht. Unbemerkt während meiner Erzählung bewegten wir uns aufeinander zu. „Ich JA!“ Ihr Mund lächelt dabei. Ich sehe in ein mitfühlendes nicht mehr trauriges Gesicht. Ihre Hände kommen nach oben – legen sich auf meine Brust und sie beginnt zu erzählen. „Am gleichen Advent `65 hat mich mein Freund hierher dirigiert, um viertel nach Sechs. Wir waren auf dem Weg zum Adventessen seiner Eltern. Ich wurde der Familie vorgestellt. Hier an der Stelle  wo du gestanden hast hat mir mein Mann gesagt: „Wenn du JA sagst, werde ich dich heiraten.“ Zwei Stunden vor dir und deiner Frau. Sie holt tief Atem und weicht meinem Blick nicht aus. Ich fühle ihren Finger auf meinen Lippen. Merke wie sie sich sammelt. Sie erzählt weiter: „An das Essen erinnere ich mich nur in Bruchstücken, ich merkte, dass mich nur noch mein zukünftiger Mann interessierte. Auf dem Nachhauseweg bugsierte ich ihn zu dieser Stelle und wir verlobten uns… zwei Stunden nach euch beiden!“

 

Während des Erzählens liefen ihr einfach die Tränen und ich wische sie weg, mal links, mal rechts und bei jedem Mal fühlte ich, wie sie mir fast unmerklich die Wange zuwendet. „Vor drei Jahren dann die Diagnose, sechs, maximal neun Monate. Mein Mann hat mich gebeten, sich dort von mir verabschieden zu dürfen, wo wir uns genommen haben… hier, wo wir jetzt stehen, am zweiten Advent vor zwei Jahren!“ Sie erzählt weiter, wie sie ihre Kinder mobilisierte und ihn mit Rollstuhl und Arzt in der Nähe hierher brachte, sich von ihm verabschiedete. Wie er eine Woche später verstarb. „In meinem Armen!“

 

„Entweder liege ich mit dieser Frau heute Nacht im Bett, oder wir sehen uns nie mehr wieder.“, donnert es durch meinen Kopf.

„Heute war wieder Adventessen seiner Familie.“, beginnt sie aufs Neue. „Mein Schwager hat jetzt das Sagen übernommen. Er hat mich nach unten an den Tisch gesetzt. Seine Tochter und ihr Mann auf meinen, auf unsere Plätze gesetzt… und ich habe mich nicht gewehrt. Ich weiß, dass ich zum letzten Mal dabei bin - war.“

 

„Ich bin in dieser Stadt geboren, trage den weiblichen Namen der Schutzheiligen, es ist halt so Brauch in unserer Familie. Mein Ältester halt den männlichen.“ „Rägeli… Felix und Regula!“ Flüstere ich. „Und du?“ Kommt die schnelle Frage. „Flurin!“ „Bündner!“ konstatierte sie sofort. „Nicht ganz, nur eine Hälfte.“

 

Glaubst du an Zufälle?“, ist ihre nächste Frage. Ich habe eher praktische Fragen im Kopf. „Deine Füße müssen eiskalt sein.“ Sie lächelt versonnen. „Ich kenne eine Stelle wo meine Füße schnell wieder warm werden.“ Ein verlegenes Lächeln huscht über ihr Gesicht. Ich fasse ihren Arm und ziehe in unter meinem Arm, hake sie bei mir ein. Sie ist mit Absatz so lang wie ich und geht federleicht aufrecht an meiner Seite. Ich erzähle weiter, dass ich an meiner alten Wohnung vorbeiging, dass ich durch die stillen Gassen und Plätzen pilgerte, immer mit meinen Erinnerungen. In dem Café einkehrte und mich an „unseren Tisch“ setzte. Das ich heute Morgen vor dem Dessousladen KOWÄ stand, wo wir adventsgenau ein Jahr später von sehr weit hierher kamen, damit sie ihre Unterwäsche für die Hochzeit kaufen konnte.

 

Mitten auf dem Lindenhof bleibt sie ruckartig stehen. „Welche Zeit, wann hast du davor gestanden?“ Hecktisch, fast panisch die Frage. Um elf Uhr- kurz nach Elf, so um den Dreh. Warum?“ Mitten im Schneegestöber öffnet Regula den Mantel eine übergezogene Strickjacke. Präsentiert sich im eleganten Partykleid. „Öffne deinen Mantel, Jacke, bitte - mach schon!“ und schon fühle ich ihren Körper, nur getrennt von Hemd und Kleid und unserem Unterzeug.

 

„Flurin, hier hat der Herrgott seine Finger im Spiel! Ich war kurz vor elf Uhr bei KOWÄ und habe mir nach zwei Jahren zum ersten Mal neue Dessous gekauft.“ Sie hat eine Hand an meinem Hinterkopf gelegt und wispert mir direkt in mein Ohr. „Ich habe tantenhafte Sachen probiert. Auf einmal hatte ich das Gefühl, als ob mir ein Mann lüstern zusieht und ich hatte Lust für ihn zu posieren, ich habe sie für ihn gekauft. Seit ich diese Dessous anprobierte, weiß ich, dass die Zeit der Trauer vorbei ist. Ich wusste den ganzen Tag, dass sich heute mein Leben verändert. Ich habe mir auch dieses Kleid geholt, diese Schuhe und mir eine extravagante Frisur machen lassen.“ Ich halte sie einfach mit beiden Armen fest umschlungen.

 

„Vorhin, als du deine - eure Vita erzähltest, als du geendet hast, stürmte ein Gedanke durch meinen Kopf.“ Regula nimmt mir das Wort ab: „Mit der liege ich gleich im Bett, oder sie verschwindet in der Nacht!“ Rau ihre Stimme an meinem Ohr. „Und du hast den Gedanken aufgegriffen, als du mir sagtest, dass du eine Stelle kennst, wo deine Füße schnell wieder warm werden!“ Auch ich habe eine Kröte im Hals.

 

Mittlerweile haben die Bäume, die Zäune, Sträucher und Dächer alle eine weiße Puderschicht. Wie verzaubert schweben wir beide auf einer entrückten Ebene. Wir beide wissen, dass wir in dieser Adventnacht ein neues Leben beginnen werden. Das Erlebte, als unser beider Schatz bewahrt. Nur, wie wir es anfangen wollen… sollen, da warten wir noch auf den großen Fingerzeig. „Was habt ihr dann in dieser Nacht noch gemacht?“ S’Rägeli ist überhaupt nicht neugierig. „Lustvoll gevögelt… es war der letzte Tag bevor sie fruchtbar wurde!“ Wir beide prusten los. „Pille gab es nur für verheiratete und mit Pariser machte es ihr keinen Spaß!“  „Und wo?“ Wir stehen Stirn an Stirn, tief unsere Augen fixierend. „Im Wartehäuschen der Polybahn!“

 

Mitten in diesem Schneetreiben auf einem Platz mit Sicht über die Stadt, heizen wir und gegenseitig auf, als ob wir kein Zuhause hätten. „Es war ja noch die „Vorstrumpfhosenzeit“ mit Strapsen und Strümpfen! Ich zog ihr einfach das Höschen aus und wir vögelten – von hinten.“  Ich zog sie enger an mich, sie schmiegte sich enger an mich… wenn es gegangen wäre… wir wären in einander geschlüpft. „Es war der erste von fünf Ritten in dieser Nacht. Die anderen vier dann sehr gesittet in meiner Studentenbude.“

 

„Wir kamen vom Essen und taten es da, wo wir eben noch gestanden waren… uns verlobten!“ Ihre Stimme wird rau und kehlig. „Frech, wir ihr Kerle alle seid, setzte er mich auf die Brüstung und es war ein schneller, bis heute unvergessener Ritt. Das Höschen hatte ich schon vorher auf der Toilette ausgezogen!“  

 

Wir rannten fast, wir eilten, so schnell es ihre Schuhe zuließen. Ich drängte sie in die mittlere Öffnung der Arkaden. Kniefall, ein Griff unter ihr Partykleid, Unterrock  Strümpfe – halterlos, - Höschen. Ein Kichern von oben, ein Glucksen fast, „Es ist ein Ouvert!“ Sie zieht mich einfach an den Ohren nach oben und geht in die Hocke. Ich helfe ihr beim Öffnen von Gürtel und Hose - ein Griff. Halb auf der Brüstung, halb an die Säule angelehnt, klammert sie sich mit den Beinen an mich. Wir kommen beide bei den ersten Stößen.

 

Das Aufwärmen der Füße auf meinem Bauch dauerte eine Stunde. Das Warmduschen eine weitere Stunde, wobei ihre raffiniert teure Frisur dran glauben musste. Fünf Mal haben wir nicht mehr geschafft, auch nicht bis zum Mittag. Am Abend gingen wir zusammen zur Abendandacht in den St. Peter, auch der Große Peter genannt.

Wir mussten einfach jemandem „Danke“ sagen.

 

©S’Rüebli                                                                                               Ihre Meinung?