Sonntagabend in Yinchuan am Gelben Fluss


Montag in Yinchuan am Gelben Fluss







Dass die Lilienfrau in der Nacht zum Montag die Protagonistin meiner Träume war, ist wohl klar. Dass ich mich am Morgen mit guter Laune in meinem einsamen Bett räkelte und gemeinsam mit meiner Latte eine Trainingseinheit Frühsport hinlegte, dürfte auch nicht erstaunen.

 

Mich erstaunt aber, dass um viertel nach sechs Uhr in der Früh mein chinesisches Handy klingelt. „Scheiße! Baustelle!“, schießt es mir durch den Kopf, und ich schieße patschnass aus der Dusche. „Lentzen, nĭ hăo!“ Stille, ein Atmen, eine weibliche Stimme „Nĭ hăo!“, ein Brummeln, dann „Guten Morgen!“ Gehaucht. Ich merke nur, wie sich alles in mir dreht. „Guten Morgen meine Lilienfrau!“ Mit allem hätte ich gerechnet, aber nicht mit ihr. Reflexartig schmatze ich einen Kuss durch den Äther. Ein erstauntes „OHHHH!“ Ein Wortschwall - … ein Schmatzer kommt zurück. Verlegene Stille. „Tschüss“, ein urdeutsches „Tschüss“ kriecht in mein Ohr, … eine mächtige Feuchte drückt in meine Augen. Ein kratziges „Tschüss“ bringe ich noch raus, dann ist die Leitung tot. Prompt laufe ich gegen die Glastür der Dusche.

 

Mein Gott, wie freue ich mich! Was für ein Glückspilz bin ich! Ich habe ein Frauenherz - ein chinesisches zum Hüpfen gebracht, ich ein alter, steifbeiniger, triefäugiger, schmerbauchiger Graubart.

 

Beim Frühstück bewahrheitet sich der Spruch: „Wer Freunde hat - braucht keine Feinde!“ „Na, die Finger nicht bei dir gehalten!“ „War sie wenigstens schön?“ „Hat es sich gelohnt?“ - Ohne nach dem wie und was zu fragen, denn meine Beule an der Stirn war für jedermann sichtbar.

 

Das Tagesgeschehen sorgt für kurzweilige Stunden mit wenig Raum für Schwärmereien. Hach… - immer, wenn ich den Helm aufsetzte, zuckt es an der Beule, und ich wünsche mir Lilienfraus sanftes Küsschen und ein bisschen bedauert… betüddelt zu werden. Als der Ruf durch die Container schallte „… der Bus!“, da denke ich intensiver an meine Lilienfrau. Auf der Fahrt zurück ins Hotel schlafen die Businsassen den Schlaf der Gerechten. Meine Träume drehen sich um meine Lilienfrau, als in der linken Beintasche meiner Hose das Handy rappelt.

 

„Lentzen, nĭ hăo.“ Wie auf Kommando – gehen alle Köpfe hoch, listiges Gucken, breites Grinsen, alle ganz Ohr. Fiese Bande! Dabei hat über die Hälfte der Busbesatzung selber chinesische Frauen – sind teilweise sogar verheiratet.

 

Ein Schmatzer kitzelt mein Ohr, und als ich meinen Schmatzer ins Mikrofon schmatze, da schmatzt der halbe Bus mit. „Brigde?“ nur dieses für mich verständliche Wort. „Yes?“ wie zur Bestätigung.

 

Krame mein Spickzettel aus der Brusttasche. „Shémne shíhou?“ – Wann?

 

Günther neben mir, Martin auf der anderen Gangseite, Rudi hinter mit setzen verschwörerische Mienen auf.

 

Kurzes Nachdenken auf der anderen Seite, was mein Gestammel wohl bedeuten könnte. Höre, wie sie das Wort wiederholt, fühle förmlich ihr Lächeln, und mein inneres Auge sieht, wie sich dabei ihre Nase kräuselt. „two – zero.“ Und wie zur Bestätigung –„OK!“ Spickzettel… „Shìde!“ – Ja – Yes. Doppelküsschen. Stille, bevor ich zurückküssen kann.

 

„N’schönen N’Abend noch!“, quetscht Günther durch die Lippen. Beim Weggehen drückt seine Pranke meine Schulter: „Maximaler Erfolg!“. Und Martin - mit einer chinesischen Metallurgin verheiratet: „Wenn’s was wird… Samstag ist bei mir Party… nur für gemischte Paare. Huan kommt zum Wochenende her!“

 

Langsam, ganz langsam schlendere ich durch die Lobby zum Aufzug. Lasse die Bande vorliften. Ganz allein im Lift genieße ich das schöne Gefühl, in einer Stunde eine bezaubernde Frau in die Arme zu nehmen. Ihren Körper zu fühlen. Ihr Emotionen zu entlocken und mit Zuneigung beschenkt zu werden. Genieße die heiße Dusche, entspanne mich und träume, wie wir beide uns gegenseitig einseifen… Ich ihr die Haare wasche!

 

Sie steht im Schatten vom Torbogen, wartend, dass ich auf der Brücke erscheine. Ich stehe zwei, anderthalb, einen Schritt hinter ihr. Eine halbe… eine Minute, und ich genieße diese Vorfreude, diese innere Spannung, die meinen Körper durchflutende Erregung, diese Frau in den nächsten Momenten zu küssen, zu fühlen, zu riechen, zu schmecken… zu FRESSEN zu VERSCHLINGEN!

 

Das Licht eines vorbeifahrenden Autos wirft einen Schatten. Erschrocken dreht sie sich um und duckt sich mit der Geschmeidigkeit eines Geistes weg und ist verschwunden. Genau so schnell taucht sie wieder auf und fliegt auf mich zu. Ich fühle, wie sich unsere Arme um unsere Körper schlingen. Aufgestaute Erwartung auf beiden Seiten. Ein Pärchen quetscht sich an uns vorbei und bringt uns ein klein bisschen ins Jetzt zurück. Sie ergreift die Initiative. Zieht mich über die Brücke, schlüpft mit mir durch eine kleine Öffnung in der Mauer.

 

Wir stehen in einem schmalen Hof, nur vom Restlicht der alles überragenden Leuchtreklamen erhellt. Schräg an die Wand gelehnt öffne ich meine Jacke. Ich will diese Frau näher fühlen, direkter, ihre Wärme, ihren Duft! Hastig zieht sie den Reißverschluss ihrer Jacke auf, schiebt ihre Knie zwischen meine Beine und drängt sich an mich. Wir fühlen nur unsere Körper, die gegenseitige Wärme, unsere Düfte. Hören unseren Atem… zwischendurch des einen oder des anderen entspannende Knurrlaute. Kein Fummeln, kein Streicheln… mentales Ankommen. Wie gestern Abend steckt meine Nase in ihrem Haar. Es riecht frisch gewaschen, verstärkt erdig, das Aroma von Henna. Wie zwei steppende Tausendfüßler tanzen meine Fingerkuppen über ihre Kopfhaut. Sie bewegt ihn meinen Fingern entgegen, da wo der Kitzel am meisten reizt, - schnurrt, gurrt und genießt. Sie legt ihren Kopf in den Nacken, ihre Augen sind halb geschlossen. Mit ihrem Gewicht liegt sie angelehnt an meinem Körper. Sie murmelt ständig sanfte Laute, als würde die ein Gedicht, eine Geschichte rezitieren. Meine Finger tanzen die Schläfen entlang, hüpfen in den Nacken… nehmen die Ohren in Besitz. „Bù – Néo!“ Nein - nicht. Heftig schüttelt sie den Kopf, versucht meine Hände wegzuziehen. Weiche geschickt aus, fasse zu, eine fließende Bewegung und mit spitzer Zunge ein kurzes Wühlen in ihrem Ohr… fliegender Wechsel, kurzes Wühlen im anderen Ohr, gebe sie frei.

 

Atemlos blicken wir uns an, meine Handgelenke von ihren Händen gefangen. Ihre Augen sprühen, funkeln, glitzern voller Schalk und Tatendrang. Ihr Gesicht ist entspannt, ihre Nase kraus gezogen und fröhlich lachend - ein Schwall Worte. Alle unverständlich - und doch eine erregende, eine sinnliche, eine erotische Antwort auf meinen kleinen Überfall. Sie legt meine Arme um ihre Taille, „You!“ - und schon fühle ich, wie ihre Fingerkuppen in meinen Haaren wühlen. Sie erkennt sofort, dass wir den gleichen „Weak Point“ haben. Mein Gott, wie genieße ich diese Hände. Wie lange ist es her, dass mir eine Frau aus Anmache, aus Lust durch die Haare pflügte, mir meine Ohren umschmeichelt, sich ihr kleiner Finger hinein stiehlt… zärtlich stupst, schmeichelt, in mir Autoreaktionen auslöst. Reaktionen, die einfach ablaufen, die ich nur noch im Unterbewusstsein steuern kann. Ich dränge ihr ein Ohr entgegen und fühle die weiche, nein die spitze, nein, die breite, doch weiche Zunge. Reiße den Kopf hoch und presse das andere Ohr auf ihren Mund. Und sie wühlt und knabbert und beißt, links… rechts und zurück. Ich implodiere, komme wieder zurück ins Jetzt. Meine linke Hand hinten in ihrer Hose, fest um ihre nackte Pobacke gekrallt. Sie auf meinen rechten Oberschenkel reitend, strahlt, lacht, streichelt zärtlich mein Gesicht und wiederholt immer wieder flüsternd die gleichen Worte. „Měngliède lóng!“

 

Eine steife Brise huscht unter die aus den Hosen gezogenen Blusen, Hemden, Hemdchen und Leibchen, erinnert uns, dass es am östlichen Ende der Wüste Gobi Ende Oktober ist. Verlegen und erstaunt über unsere Courage, so viel aus uns heraus zu lassen, uns dem anderen so zu offenbaren, stehen wir uns gegenüber. Unfähig uns verbal über das Geschehene zu artikulieren. Ich bin gefangen in meinen Gefühlen. „Nimm ein Taxi, ab ins Hotel mit ihr und eine heiße Nacht ist dir sicher!“, kichert meine schwarze Seele.

 

Und das genau empfinde ich nicht… Teufel und zugenäht - und mache das Falsche. Ich gehe vor ihr in die Hocke, öffne den Hosenknopf und stopfe ihr Leibchen und Bluse in die Hose – schließe die Hose. Ihr Gesicht wird zur Maske. Ich sehe es nicht, zu sehr bin ich mit mir und meinen Gefühlen dieser Frau gegenüber beschäftigt. Als ich meinen Gürtel und Hosenknopf öffne um mich anzuziehen, reißt sie mir mit einem schrillen Wortschwall den Reißverschluss auf und fasst fast brutal nach meinem harten Sporn. Eine Schimpfkanonade prasselt auf mich nieder, und wie ein Geist ist sie in der Nacht verschwunden.

 

„Das war es! - Scheiße.“ Warum immer wieder die verkehrten Aktionen? Dieses Missverständnis? Diese Fehlinterpretationen?

 

Durchatmen! – "Was ist wie zu retten?", ist die rationale Frage, die sofort im Selbstmitleid ersäuft. Du hast sie als Frau beleidigt. Sie hat sich dir gegenüber geöffnet, und du hast sie zurückgewiesen! Sie ist schneller bereit gewesen als du. Sie ist es nicht gewohnt, dass Männer warten können. Kann ich sonst auch nicht… meistens nicht – nur WENN... Wenn was? Wenn ich es wüsste!

 

Zweiter, vierter, sechster Anruf weggedrückt, kein Kontakt…! Traurig und mich beschimpfend gehe ich ins Hotel zurück, lasse mir Zeit um nicht noch Fragern in der Lobby zu begegnen. Ich bemerke sie erst am Tresen stehend, als ich mitten in der Lobby durch die Begrüßung des Türstehers aus meiner Lethargie geweckt werde.

 

Wortlos und ohne Scheu und all diesen Kram bewegen wir uns aufeinander zu, nehmen uns in die Arme. Ihre Küsse sind tränennass, meine einen Augenblick später auch. Sie reißt sich los, drückt mir den Zettel in die Hand und entschwindet durch die Drehtür.

 

©S‘Rüebli                                                                                  Ihre Meinung?

 

 

 





Dienstagmorgen in Yinchuan am Gelben Fluss