Sonntagabend in Yinchuan am Gelben Fluss




 

 

Ich überlasse mich dem Menschenstrom im sonntäglichen Treiben auf der Shoppingmeile. Eilende Händler, flanierende Familien,  Aufmerksamkeit heischende Paradiesvögel, neugierige Kinder, sanft aufdringliche Bettler und ich mitten drin: Eine Langnase. Meine Kollegen haben an der letzten Querstraße den „Dreher“ gemacht und gehen zurück ins Hotel, dort, an der Querstraße, wo das neue, das aufgestelzte China halt macht.  Wie genieße ich das Gewusel, das Anpreisen, das Feilschen… allein beim Zusehen juckt schon die Lust mitzubieten… mitzumischen.

 

Mitzumischen -  die verstohlenen Blicke neugieriger Kinder, oder ein schüchternes „Allo“ zu erwidern - mit einem freundlichen Blick, ein noch freundlicheres „Hallo“ zurückzugeben. Das schelmische, neugierige Lächeln und den schon direkteren Blick der Teenager - meist weiblich - begleitet von ihrem Kichern und Tuscheln mit Augenzwinkern und breitem Grinsen als Zeichen der Aufmerksamkeit zu quittieren.  Das Imponiergehabe und das kumpelhafte „Hey Mister“ der Jungs, gönnerhaft mit einem kleinen Kopfnicken zur Kenntnis zu nehmen.

 

Die direkt abschätzenden, taxierenden Blicke der Männer aufzunehmen… ihnen meine Männlichkeit zu demonstrieren, damit meinen Platz signalisierend.

 

Dieses Spiel wird subtil von der umgebenden Weiblichkeit aufgenommen. Sie reagiert… vom huschigen schnellen, mit schlechtem Gewissen behafteten Blick, bis zum offenen, zur Reaktion auffordernden Blick. Diese Blicke zu erwidern, als würde mir ein Geschenk gemacht, als würde mir Kostbares… Kostbarstes  angeboten, ist das Schöne... das Schönste beim Schwimmen in der Menge.

 

Herrlich, die oft nur einen verlängernden Wimperschlag dauernden Flirts. Die Stimmung in mir ist, seit dem Verlassen meiner Kameraden, um einige Grade gestiegen. Sie überträgt sich auf meine Umgebung und es vergehen keine zehn Schritte, ohne eine Gelegenheit, diesen kurzen Moment wieder aufzunehmen.

 

Der Nachmittag geht in den frühen Abend über und erste Geschäfte schließen. Die fliegenden Händler scharen mit Attraktionen und Einfällen Publikum um sich - erheischen Aufmerksamkeit. Auch ich sehe zu, wie sich einer auf einem niedrigen Hocker sitzend, mit geschickten Fingern eine Handnähmaschine ähnlich unserer Klammerhefter, bedient. Flicken im Minutentakt aufnäht.

 

„Etwas“ lässt mich aufsehen… direkt in dunkelbraune Augen, die mich offen und neugierig unter einem Pony hervor mustern. Mehr sehe ich nicht, hat sie sich doch zum Schutz ein Tuch vor Mund und Nasen gebunden, wie die Bankräuber in billigen Westernfilmen. Viele Menschen tragen hier in der Öffentlichkeit ein Staubschutz, ein Mund- und Nasenschutz. Auch meine Dolmetscherin, sobald wir das Gebäude verlassen.

 

Sie hält meinem Blick stand, ich bin es, der ihn unterbricht um ihn nach einem Wimperschlag erneut aufzunehmen und die feinen Fältchen in den Augenwinkeln zeigen, dass sie es mit einem Lächeln erwidert.

 

Sie richtet sich auf, löst sich aus der Menschentraube und geht ein paar Schritte. Ein Blick zur Seite. Ja, ich habe das fiktive Taschentuch aufgehoben, ich wandle auf ihrer Spur, fünf Schritte hinter ihr. Sie ist fast so groß wie ich. Ihr, an eine Uniform erinnernden Hosenanzug ist mit einer voll erblühten Frau gefüllt. Der Gang durch einen halbhohen Absatz gestreckt ist fließend, grazil gesetzt, raumgreifend. Das Gesäß schwingt, ihre Schulter im Gleichklang mitnehmend. Stehenbleibend betrachtet sie die Auslagen eines Händlers - und mich, wie ich an ihr vorbei gehe zum nächsten Stand. Nun ist es an mir, ihr meine Aufmerksamkeit zu zeigen. Nur unsere Augen tasten einander ab. Je mehr ich sehe, je länger ich das Mehr sehe, desto mehr möchte ich länger sehen.

 

Sie steht am Eingang zu einer Markthalle, kauft ein paar Äpfel. Zehn Schritte weiter ist ein Blumenstand, die Verkäuferin bindet weiße Lilien. Ich hebe eine auf… zwei Handzeichen, bezahle. Ein verschwörerischer Blicke, ein verstehendes Nicken und ich gehe weiter, überlasse die Lilie ihrer Obhut.

 

Ein Blick zurück durch eine Glasvitrine. Meine Blumenverkäuferin ruft ihr etwas zu… überreicht ihr die Lilie… flüstert… und bindet weiter ihren Strauß.

 

Sie steht mitten in der Gasse, betrachtet einfach nur die Lilie, steht Eilenden im Wege, die sich alle - sie behütend - um sie herum winden.

 

Sie geht weiter, sucht mich mit Blicken. Als sie mich sieht, erhebt sie wie zum Gruß die Lilie vor ihr verschleiertes Gesicht. Wir necken uns, tauchen unter im Gewimmel um den Suchenden Schritte weiter zu überraschen. Stehe ich bei den Gewürzen, steht sie gegenüber bei den Hühnern, wechsle ich in ihre Reihe, huscht sie in die meinige -  und…  steht bei den Kartoffeln -  ich gegenüber bei den Fischen. Die Lilie immer aufrecht, für jeden sichtbar vor ihrem Gesicht. Ich strahle sie an wie ein Leuchtturm.

 

Langsam lässt sie die Lilie sinken, dreht sich weg, schwimmt mit der Menge zum Ausgang. Dazwischen immer ein kurzes Stehenbleiben, ein verharren der Schritte, um mir Gelegenheit zu geben ihr zu folgen. Wir gehen zwei Armlänge getrennt nebeneinander, uns immer nur mit kurzen Blicken ansehend die breite Flanierstraße Richtung Tempel.

 

Am Eingang zum Tempelgarten bleibt sie bei einem Losverkäufer stehen, spricht mit ihm, kauft ein Los, und beobachtet mich ständig dabei. Langsam gehe ich in den Garten, in den Park, in diese Oase der Ruhe. Frappierend wie der Lärm, die Hektik, die Anspannung nach wenigen Schritten draußen bleibt. Das Großstadtgewühl hört man nur als fernes summendes Geräusch, das Hupen der Fahrzeuge wie ferne Tupfer.

 

Die Teiche sind schon geleert, winterfest gemacht. Ich sehe sie im Torbogen am Eingang stehen. Ich zweige ab, gehe auf die Bogenbrücke – auf den höchsten Punkt und warte, schaue zurück. Noch immer steht sie am Eingang, wissend dass ich auf sie warte… Mit sich im Widerstreit und doch neugierig ob sie der uralten Bestimmung sich Fremdem zu öffnen oder den anerzogenen Traditionen und Tabus erliegen werde.

 

Das Licht der Dämmerung, die Schatten der Bäume und der Sträucher verleihen ihrem Gang eine Leichtigkeit, als ob sie schwebt.

 

Banges Warten… Zweigt sie ab zur Brücke, oder entschwindet sie in die hereinbrechende Nacht?

 

Dann steht sie vor mir. Die Lilie wieder vor dem Gesicht. Ihre Fingerkuppen berühren meine Brust, ihr Blick abwartend - neugierig auf das Kommende. Ich fasse den Stiel der Blüte unterhalb ihrer Hand, berühre mit meinen Fingerkuppen ihre Brust und gebe der Lilie einen gehauchten Kuss. Ich ziehe ihr die Lilie aus der Hand, lege sie auf die Brüstung, nehme ihr die Einkäufe ab, stelle sie auf den Boden. Ohne Hast löse ich den Knoten von ihrem Tuch am Hinterkopf. Ihr banger gespannter Blick bohrt sich im meine Augen, der Blick von Menschen die auf ein Urteil warten.  

 

Meine Augen müssen ihr die Wahrheit gesagt haben, denn die Spannung wandelt sich in Weichheit. Ihr Lächeln, scheu noch und fordert mich doch auf den nächsten Schritt zu tun. Ich umfasse mit beiden Händen ihren Kopf. Ihre Augen sind geschlossen, sie lässt sich führen, von ihren Gefühlen… von meinem Gefühlen, vertraut meinem Handeln,  Meine „Langnase“ teilt ihren Pony, meine Lippen küssen ihre Stirne, ihre Nasenspitze… die Augen, beide Ohren. Ich bemerke den Zug ihrer Hände an meinen Unterarmen, ihr Kopf liegt am meiner Brust. Der erdige Duft der Haare erinnert an Henna, im letzten Licht schimmert ihr schwarzes Haar mit einer zarten Übermalung ins rötliche.

 

Kein Wort wurde bis jetzt gesprochen, denn wir wissen, dass uns diese Barriere trennen kann, dass das Unwissen des anderen diese schönen Momente zerbrechlich machen.

 

Ich fühle ihren warmen Atem an meiner Schulter, ihren Busen an meiner Brust. Erst nur ahnend, dann hörbar ihre Stimme, flüsternd an meiner Schulter. Mir ist so weit ums Herz. Von dieser Weite fast gelähmt, beginne ich ein Kinderlied zu summen. „Ein Männlein steht im Walde!“

 

Irgendwo brummt ein Handy, auch so ein segenreicher Fluch unserer Zeit. Fast panisch reißt sie sich los, kramt in ihrer Tasche. Noch im Aufrichten meldet sie sich mit drei Worten. Bis zu mir höre ich, wie sich eine junge weibliche Stimme schimpfend wie ein Wasserfall über sie ergießt. „Daughter“ nur dieses Wort knurrt sie und kreist mit der zur Faust geballten Hand vor ihrer Stirn. Schreibt mit dem Zeigefinger in die andere Handfläche eine Eins und eine Sechs.

 

Der Zauber ist verflogen. Eilig rafft sie ihre Sachen zusammen. Ich mache das Zeichen für telefonieren. Sie nickt, ein schneller Griff und wie eine alte Vertraute zieht sie mir meinen Stift aus der Hemdbrusttasche. Ich zeige ihr meine Nummer und sie schreibt die Nummer in einem Durcheinander in ihre Handfläche – grinst dabei und sagt ein Wort, das ich nicht verstehe, aber ahne: Tarnen! Ich greife ihre andere Hand… schreibe in die Handfläche „GUTE NACHT!“

 

Einen Augenblick später ist sie in die Nacht eingetaucht.

 

Dankbar für diese schönen Minuten einerseits, gehe ich andererseits etwas traurig über den schnellen Verlust ins Hotel zurück und beginne diese Geschichte aufzuschreiben. Ich war wohl über dem Laptop eingenickt, denn das Handy weckt mich. Ich höre eine zarte wispernde Stimme nur zwei Worte sagen:

 

„GUTE NACHT!“

 

©S‘Rüebli                                                                                  Ihre Meinung?

 

 

 





Montag in Yinchuan am Gelben Fluss