Tausendmal berührt

 

Sie kannten sich schon lange. Er war ihr Arzt - sie seine Patientin. Sie hatten ein Vertrauensverhältnis. Außerhalb seiner Praxis waren sie Freunde. - Und jetzt?

 

Sie stand neben ihm in seinem Sprechzimmer und er drehte sich leicht, wandte sich um zu ihr, berührte sie - und verhielt dann plötzlich die Bewegung. Sie führten ihre Unterhaltung weiter - und doch spürte sie überdeutlich, wie ihre Körper sich berührten. Wärme! Eine Gänsehaut überzog ihren Leib. Ihr Atem beschleunigte sich. Nein! Sie konnte keinen Schritt zurückweichen. Sie wäre in dem Augenblick gestorben, indem sie den Kontakt zu ihm verloren hätte. Die Berührung seines Körpers war lebenswichtig. Jetzt - auf einmal - war sie lebenswichtig.

 

Er verschluckte seine Worte, schwieg plötzlich - sah sie nur an. Ob sie genauso empfand? Wenn er sie nicht sofort in seine Arme nehmen konnte, würde er laut aufschreien. Qual! Es fühlte sich an, wie ein Entzug. Ein Entzug von etwas, das er nie genossen hatte. Er spürte den sanften Druck ihrer Brust an seinem Arm, die Hitze, die sie überflutete. Er presste sich dagegen, sah wie unter dem Stoff eine Knospe erblühte, hob seine Hand. Er musste es tun. Sie anfassen, halten, an sich drücken. Seine Hand hing in der Luft. Die Zeit stand still. Er und sie.

 

Keine Fragen - keine Erklärungen. Alles verändert in einem Augenblick. Ihr Leben reduziert auf die schmale Stelle der wundervollen Wärme zwischen ihnen, da wo sie eins waren. Sie drückten sich aneinander, als könnten sie  dort Erfüllung finden ... Seine Blicke versanken in ihren. Ein Band, das stärker und stärker wurde. Ein Austausch von intuitivem Wissen um die Gefühle des anderen. Anziehung - Magnetismus - Magie.

 

Stöhnend schlang er die Arme um sie, zog sie ganz in seine Wärme. „Was ist das nur?“, murmelte er an ihrem Hals, spürte wie sie ungläubig den Kopf schüttelte und sich doch immer enger an ihn drängte. Sie schmiegte sich dicht an ihn, als könne sie mit ihm verschmelzen, in ihn hineinkriechen, sich für immer in seiner Wärme verstecken. Sehnsucht - Verlangen - Geborgenheit.

 

Seine Lippen berührten sanfte Haut. Berauschender Duft kroch in seine Nase - vernebelte sein Gehirn. Himmel! Was für eine Frau! Behutsam küssend verfolgte er die Linie ihres Halses - höher - immer höher hinauf.

 

Sie drehte sich, kam ihm entgegen, sorgsam darauf bedacht kein Gran seiner Persönlichkeit zu verlieren. Wunderbare, feuchte Abdrücke seiner Küsse brannten auf ihrer Haut, wie Stempel, die er ihr in die Seele prägte - und dann hatte er ihren Mund erreicht. Minutenlang sahen sie sich an - zögerten die Erfüllung hinaus, steigerten die Erwartung. „Deine Lippen sind so feucht - so glänzend! - So - verlockend!“ Geflüsterte Zärtlichkeit umarmte sie. „So wie deine!“

 

Pures Verlangen trieb sie weiter. Sehenden Auges vollzogen sie die Vereinigung. Berühren – küssen - verschmelzen! Und dann spürte er sie - ihren weichen Mund, der seinen eroberte. - Er schloss stöhnend die Augen, um nur noch aufzugehen in Gefühl. Lippen die ihn verbrannten - eine süße Zunge, die ihn erregte - dieser Mund, der plötzlich Heimat war. - Sie!

 

„Oh mein Gott!“ Er atmete schwer. - Es klopfte. - Als wäre es die größte Aufgabe - der größte Verlust seines Lebens - so empfand er das unabänderliche Muss sie jetzt loszulassen. Dieses Gefühl, das er für sie empfand, würde ihn nie mehr verlassen. Es erfüllte ihn, brodelte in seinem Inneren wie flüssiges Gold. „Was ist das - zwischen uns?“, fragte er fassungslos.

 

Ganz langsam fand sie zurück - aus der Einheit. Die Sehnsucht, die sie erfüllte, verschleierte ihr den Blick und verwehrte ihr geistige Klarheit. Der Schmerz ihn nicht mehr zu spüren, raubte ihr fast die Sinne. Und dennoch wusste sie die Antwort. „Alles!“, flüsterte sie. „Es ist - alles!“

 

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