Brief der Erkenntnis

 

Giorgio sah aus dem offenen Fenster. Das Wetter war strahlend schön, Sonnenschein und blauer Himmel, ein paar weiße Zirruswölkchen und ein lauer Wind, der die Blätter an dem Apfelbaum dort draußen sanft bewegte. Er saß am Schreibtisch und schrieb an seinen Bruder Enzo. Seit einem Jahr war er nun schon hier in Deutschland zum Studium. Sein Vater hatten gemeint, einer von ihnen beiden müsse perfektes Deutsch sprechen, wenn sie das Restaurant übernehmen wollten - und natürlich hatte er Recht. Das Los war auf ihn gefallen. Er würde der Erste sein, und zunächst gefiel ihm das überhaupt nicht. Es war aber auch eine dumme Idee gewesen, ausgerechnet im Winter nach Deutschland zu kommen. Hier war es noch kälter, als in Rom gewesen, aber heute, heute war es wunderbar. Ein heißer Sommertag, wenn auch schon September war.

 

****

 

„Weißt du, Enzo, caro mio!“,

schrieb er. „Ich vermisse dich und unser altes Leben in Rom, obwohl es hier nicht so schlecht ist, wie wir glaubten. Im Gegenteil. Wenn man die Leute erst kennt und auch die Sprache, dann sind die Deutschen überhaupt nicht so übel. Außerdem stimmt es nicht, dass sie keinen Humor hätten. Ich hab in diesem letzten Jahr hier so viel gelacht, wie zuhause nicht in fünf Jahren. Und wenn du Anna kennen würdest! Sie ist die Tochter des Hauses und - natürlich - als Tochter meines Gastgebers tabu! Leider! Sie ist eine Wucht! Und mein Herz fängt an Synkopen zu klopfen, wenn ich nur ihre blauen Augen strahlen sehe!“

 

Pause

 

„Gerade bin ich aufgestanden, um mir etwas zu trinken zu holen. Mittlerweile habe ich den „Rotweinentzug“ hinter mir. Mann, wir haben wirklich zu viel gesoffen, Kleiner! Du solltest auch etwas kürzer treten. Jetzt trinke ich Apfelschorle - so was Ähnliches wie Cidre - nur ohne Alkohol. Schmeckt ausgezeichnet, wenn man es erst gewöhnt ist. Anna liebt das Zeug. Anna! Ach Enzo, Anna! Sie ist im Garten vor meinem Fenster, und ich kann nur noch an sie denken. Ein fleißiges Mädel! Sie würde in unser Ristorante passen! Enzo! Hast du jemals erlebt, dass ich solche Gedanken hatte? Ich glaube, es hat mich erwischt. Mit aller Macht! Aber bitte, erzähle Mamma nichts davon. Sie weiß sonst nicht, ob sie ausflippen soll vor Begeisterung, weil ich ENDLICH eine Frau heimbringe, oder vor Entsetzen, dass es eine Tedesca ist!

 

Mann, merkst du, wie abseits ich bin? Ich denke über eine Ehe nach! ICH! Dabei weiß sie noch gar nichts davon! Anna! Sie ist auch viel zu jung für mich. Erst gerade mal 17! Und ich bin fast acht Jahre älter. Sie ist auch gar nicht interessiert an mir, obwohl sie nicht mehr so ablehnend ist, wie am Anfang. Aber das lag wohl daran, dass ihr Bruder sie gewarnt hat - vor mir, dem italienischen Papagallo! Italiener vernaschen alle deutschen Mädchen! Finger weg! So ähnlich wird es gewesen sein. Na ja, wenn ich ehrlich bin, habe ich ja wirklich schon ein paar deutsche Touristinnen beglückt, aber die wollten alle! Anna will nicht! Es ist wie verhext. Ich könnte hier jede haben - bis auf die Eine! Die, die ich will!“

 

Pause

 

„Gerade war sie hier! Anna! Sie bat mich ihr eine Leiter aufzustellen - an dem Apfelbaum vor meinem Fenster. Sie muss Äpfel pflücken. Das habe ich natürlich getan - und nun klettert sie da draußen auf dieser ausgesprochen hohen Leiter herum und sammelt Äpfel in einen Korb. Du müsstest sie sehen! Sie sieht einfach aus wie ein Engel. Da steht sie - barfuß, mit dem Korb am Arm. Ihre bloßen Arme und Beine schimmern im Sonnenlicht bronzen und das blonde, lange Haar glänzt wie ein Heiligenschein. Sie hat nur ein einfaches, weißes T-Shirt an, gar nichts Tolles - und einen weiten, kurzen Rock. Blau! So blau, wie ihre Augen! Gar kein besonderes Outfit und doch ...! Sie kann jedem Modell das Wasser reichen! Beine hat sie, die sind mindesten ein Meter fünfzehn! Lang und perfekt geformt, und wie sie da draußen auf dieser Leiter herumturnt - wie eine Artistin. Graziös und hinreißend geschmeidig. - Merkst du was, Enzo? Ich bin verrückt! Verrückt nach ihr!“

 

Pause

 

„Mir ist gerade die Luft weggeblieben. Anna ist hinaufgeklettert - ganz hinauf in die Krone. Ich hatte plötzlich Angst um sie! Dieser Baum ist doch zu hoch für so ein Mädchen. Also bin ich hinaus. Frag mich nicht warum! Was hätte ich denn tun sollen, wenn sie heruntergefallen wäre? Sie aufgefangen? Ja, sicher! Aber, aber, aber! Enzo! Du hast keine Ahnung, wie das aussieht, wenn du am Boden stehst und hinaufschaust zu so einer süßen Bellissima auf einer hohen Leiter über dir! Besonders dann, wenn sie nur einen kurzen - wirklich sehr kurzen - Rock anhat! Braune Beine! Und... und... und! Mann, sie hat fast nichts - NICHTS - drunter! - Enzo! Ich krieg die Krise! Ich platze! Was hat meine Anna für einen heißen Arsch! Nie! NIE! Niemals habe ich so was unglaublich Schönes, Heißes, hinreißend Geiles gesehen. Natürlich habe ich völlig unbeteiligt getan. So als würde ich nichts bemerken. Gar nichts! - Weißt du noch, fratello mio, wie wir übten möglichst „cool“ auszusehen, damals mit 12? Das konnte ich jetzt sehr gut gebrauchen. So „cool“ bin ich gewesen! Gerade eben! Mister Ice! - Aber der Vulkan brodelt in mir! - Enzo verzeih! Ich schreibe nachher weiter.“

 

Pause

 

„Ich habe ihr helfen müssen, Enzo! Verstehst du das? Natürlich verstehst du es! Ich bin hinunter in den Garten und habe ihr gezeigt, wo noch Äpfel hingen, die sie übersehen hatte. Und ich habe ihr das Körbchen ausgeleert, dass sie nicht immer rauf und wieder runter musste, von dieser Leiter! Oh ja! Sie konnte oben bleiben - dank meiner gütigen Mithilfe. Oh Bruder! Sie ist ein Engel! Und doch sieht sie aus, wie ein aufregendes Teufelchen! Eine entzückende Hexe, die mir den Kopf verdreht! Dieses kurze Röckchen hat mich geschafft. Wie sie da so über mir auf der Leiter stand, konnte ich direkt in den Himmel sehen. Sie war nicht ohne Höschen! Natürlich nicht! So etwas würde mein süße Anna nicht tun - „unten ohne“ herumlaufen, aber sie hatte nur ein winziges Etwas an. So was wie einen String! Spitze! Ich habe es genau gesehen. Ich hab mir aber auch Mühe gegeben, es zu sehen. Kurz oberhalb ihres Steißbeins hat sie einen Schmetterling aus blauer Spitze sitzen! Oh, wie gern würde ich ihn verscheuchen!

 

Ihr Po ist weiß wie Schnee, denn meine Anna sonnt sich nicht nackt! Sie hat ein bezauberndes, blasses Hinterteil und - Wahnsinn! - bestimmt auch genauso weiße, kleine, süße Brüste. Dazwischen ist alles braun und golden, überhaucht von den winzigen, blonden Härchen, die ihre weiche Haut bedecken. Mann, fühlt sie sich gut an! So zart! - Nein, nicht was du denkst! Ich hab nicht gefummelt! Jedenfalls nicht sehr! Nur in allen Ehren. Ich hab nur ihre Knie umfasst - um sie festzuhalten, dass sie nicht fällt. Und einmal hab ich sie um die Hüften gepackt und sie herunter gehoben - von der Leiter! Weich und warm ist sie, meine Anna! Enzo, ich bin verrückt nach ihr! Meinst du, Mamma wird mich enterben, wenn ich ihr eine deutsche Schwiegertochter mitbringe? Ich muss sie einfach haben! Enzo, sie ist es!“

 

Pause

 

„Bruder, ich kann nicht ohne sie - nicht mehr! Natürlich bin ich wieder in den Garten. - SIE ist doch dort. Und natürlich haben meine Blicke wieder geforscht - unter diesem unsäglich aufregenden Röckchen. Ich konnte es einfach nicht lassen. Sie hat sich doch so wundervoll nach vorn gebeugt - und ich konnte solch himmlische Einblicke tun! Rund und prall! Und ganz dicht vor mir. Vor meiner Nase - vor meinen Händen. Griffbereit! Ob sie das gewusst hat, dass ich ...? Ob es Absicht ...? Nein! Sicher nicht! - Aber wer kann da widerstehen? Sag du es mir, Bruder! Ich hab mich beherrscht, wie nie in meinem Leben, aber, weißt du, ich konnte ihren Duft wittern. Nach Sonne - nach Sommer - nach Lust! Nach Weib! - Großer Gott! Du hast keine Ahnung, wie sehr ich sie begehre, aber keine Angst! Ich werde sie nicht anrühren. Denn sie wird die Mutter meiner Kinder!

 

Aber als sie fertig war - es war kein einziger Apfel mehr auf dem Baum - da drehte sie sich um auf dieser Leiter, und sie lachte mich an! Ihre Augen haben es mir gesagt ... dass sie genauso fühlt wie ich! Oh ich hoffe es! - Doch! - Bestimmt! - Sicher! Ich habe sie um die Taille gefasst. Wie zart sie ist! Wie schmal! Ein Leichtgewicht, meine Anna! - „Ich helfe dir herunter!“, hab ich gesagt. Und sie schlang ihre Arme um meinen Hals und dann hob ich sie von der Leiter. Meine Lippen haben - ganz aus Versehen - ihr Ohrläppchen gestreift und mir war, als hätte ich einen Stromstoß bekommen. Ich konnte spüren, wie auch sie eine Gänsehaut bekam! Sie weiß es, Enzo! Sie hat sich in meine Arme geschmiegt! Und weißt du was? Da gehört sie hin! Genau da gehört sie hin!

 

Fratello mio, ich danke dir, dass du für mich da bist. Ich danke dir, dass ich dir schreiben durfte, denn jetzt weiß ich, was ich will! Ich will Anna - und du kannst es Mamma ruhig sagen, denn SIE ist es!

Ciao caro mio!

 

Giorgio

 

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