Das Gespann

 

Sekt. Seidenstrümpfe. Stringtangas. Vertraute Zutaten der Erotik. Edle, doch unauffällig Düfte, hautenge Haute Couture, wohlgeformte Körper. Unentbehrlich für ein Fest der Sinne? Hier ein­mal der Geruch von Abgas, der Geschmack von Öl und das Nageln eines Zweitakter-Boxers.


Bernd schluckte ein paar Mal. Sein Mund war völlig ausgedörrt. Das hatte nur am Rande mit den knapp 30 Grad in der Halle zu tun. Oder seiner alten Lederkombi, die von Minute zu Minute zu schrumpfen schien. Bernd schnappte sich eine Flasche Mineralwasser aus dem Kasten ne­ben der Werkbank. Gierig schluckte er das lauwarme Nass, ohne den Blick von der Ursache seines Unwohlseins zu wenden. „Hör' auf zu glotzen, du Blödmann!“ fauchte eine dunkle, tiefe Frauenstimme unter einem großen SUV hervor. „Woher willst du denn wissen ...“ --- „Weil ihr Kerle alle gleich seit. Und weil ich weiß, wie mein Hintern und meine Beine aussehen, wenn ich unter 'ner Karre liege. Jetzt beweg' deinen Hintern gefälligst her und gib' mir 'n 3/4-zölliges Muffenfutter!“

 

Bernd zog seine schwere Jacke aus und warf sie nachlässig auf die Werkbank. Dunkle Schweißflecke verunzierten das ausgebleichte T-Shirt, das er darunter trug. Ein bisschen war ihm das peinlich, genau wie der doch recht stattliche Bauchansatz, der das T-Shirt sanft wölbte. Er trank noch einen Schluck und ging zu Beinen, Hintern und Auto. Nach einigem Kramen in Werkzeug- und Ersatzteilkisten fand er das gewünschte Stück und reichte es unter den Wagen. Eine große, kräftige Hand nahm es in Empfang. „Ah … Danke. Passt.“ knurrte es unter dem Fahrzeug hervor. „Wie lange brauchst du noch für die Eierschaukel da?“ fragte er. „Hm … Stunde oder so. Wenn du helfen willst, geht' s schneller. Der Blödmann hat seinen Audi mit 'nem echten Geländewagen verwechselt und sich den Auspuff abgerissen.“ Bernd kicherte. „Ok, Chefin. Ich helf' dir gern. Dann kannst du dir schneller meinen Bock angucken.“ – „Deiner Hose und den Stiefeln nach hat er zwei Räder.“ Die Stimme klang erfreut. Bernd grinste. „Nö.“ Die kräftigen, in derbe Hosen gehüllten Beine be­wegten sich. Mit den Hacken der Sicherheitsschuhe zog sich die Frau auf ihrem Rollbrett unter dem Auto hervor. Kurz blitzte blanke, braune Haut, wo sich Jacke und T-Shirt aus der Hose ge­zogen hatten. Dann blickte Bernd in ein langes, herbes Gesicht unter einer schmierigen Base­ball-Mütze. Grau-blaue Augen bohrten sich in seine braunen. „Sag's nicht!“ bat die Frau. „Steht auf'm Hof.“ gab Bernd Bescheid. Die Mechanikerin stemmte sich mit einer Hand hoch, zog T-Shirt und Jacke zurecht und hielt Bernd die andere Hand hin. Ölig und rau. Kaputte Fingernägel und rissige, hornige Haut. Malocherhände. Bernd schlug ein und ließ sich hochziehen. Sie war gut drei Finger größer als er. Breite Schul­tern, breites Kreuz. Bernd deutete mit dem Kinn Richtung Hof. Ohne ein Wort gingen sie aus der Halle in die flirrenden Hitze.

 

„Jiiiiiiiipeeeeeee!“ Sie schlug ihm so kräftig auf die Schultern, dass Bernd Mühe hatte, sein Gleichgewicht zu halten. „Ein Gespann! Eine echte, alte Zündapp!“ Schon kniete sie neben der Maschine und ließ ihre zerschundenen Finger über Fahrgestell und Motor gleiten. Bernds Kehle war wieder trocken wie die Sahara. Was war das für ein … Weib? „Das ist der Original-Motor!“ jubelte die Frau. „Woher hast du das Schätzchen? Wie bist du da ran gekommen?“ Dann, vor­wurfsvoll: „Und hast du sie so lackiert?“ – „Ich bin doch nicht verrückt!“ Bernd streichelte über eine babyblaue Seitenschwinge. „Der Typ, der sie fahrbereit gemacht hat, hat sie verschandelt. Und das is' einer der Gründe, warum ich hier bin.“ Die Mechanikerin nahm ihre Kappe ab, stopf­te sie in eine Jackentasche und zog zwei Haarnadeln aus ihrer seltsamen Frisur. Ein Kopfschüt­teln – und ein weizenblonder, dicker Zopf schlängelte sich über ihren Rücken. Bernd leckte die trockenen Lippen. „Du willst sie restaurieren? Dir ist klar, dass du sie dieses Jahr nicht mehr fahren wirst, wenn du das richtig machen willst? Wie heißt du eigentlich?“ – „Bernd. Und du?“ – „Nele.“ Sie reichten sich die Hände.

 

„Du bist neu hier in der Gegend?“ – „Ja, vor drei Wochen von Stuttgart hergezogen. Ich hab' hier eine gute Stelle gekriegt.“ Er nannte den Namen eines weltweit operierenden Konzern, der zugleich der größte Arbeitgeber in der Gegend war. „Ich bin im IT.“ Nele grinste. „Ah! Ein Com­puterfreak. Jetzt weiß ich, wie du zu dem süßen Bauch kommst.“ flachste sie. „He!“ Bernd zog den Bauch ein bisschen ein. „Ich koche gerne und irgendwer muss das Zeug dann ja essen.“ Nele legte den Kopf schief. „Ich kann mir vorstellen, dass du reichlich … Mitesser hast.“ In Bernds Kopf summte es. Als ob … als ob da eine Bedeutung hinter der Bedeutung war. „Nein. Seit zwei Jahren nicht mehr.“ Nele zog scharf die Luft ein. „Entschuldige. Ich wollte nicht alte Wunden aufreißen.“ – „Is' okay. Tut schon lange nicht mehr weh.“ Nele senkte den Kopf und inspizierte das alte Gespann. „Was hast du mit ihr vor?“ – „Sie ist fahrbereit, wie man so sagt. TÜV und Zeug. Aber ich will sie richtig fit machen. Und das kann ich alleine nicht.“ Sie warf ihm einen schiefen Blick zu. Er grinste jungenhaft. „Ich kann die normalen Sachen an 'nem Moped machen. Kette spannen, Bremsscheiben aufziehen … Aber ich kann so eine Schönheit nicht komplett restaurieren. Ich suche jemanden, der Ahnung hat. Nicht nur die fachliche. Die richtige.“ Er deutete anklagend auf das Babyblau. Nele nickte. „Wie bist du auf mich gekommen?“ – „Ein Kollege hat deinen Namen erwähnt.“ Nele blickte ihn abwägend an.  „Hilfst du mir mit der Eierschaukel? Dann stellen wir die Kleine da unter.“ Bernd nickte. „Jo, Chefin.“ Nele lachte dunkel und tief. „Scheinst ein brauchbarer Kerl zu sein.“ knurrte sie und ging in die Halle zurück.

 

Sie arbeiteten mehrere Stunden konzentriert und in fast völligem Schweigen. Dann war der SUV wieder fahrbereit und die Zündapp sicher verstaut. „Da!“ Nele reichte Bernd eine kalte Flasche Bier. „Hast du dir verdient.“ – „Danke!“ Bernd öffnete die Flasche mit dem Feuerzeug, stieß mit Nele an und trank einen tiefen, erfrischenden Schluck. „Boooah … tut das gut!“ – „Jo. Mehr als eins is' leider nicht.“ – „Wieso?“ – „Ich muss noch fahren. Ach so … ich kann dich heimfahren, Bernd.“ – „Danke.“ Bernd nahm einen weite­ren Schluck. Heim. Das Bild seiner neuen, halb eingerichteten Wohnung. Was für Aussichten! Und das an diesem langen Wochenende. Viel lieber hätte er jetzt mit Nele noch ein paar Bier getrunken und Fahrtengeschichten ausge­tauscht. Kurz erinnerte er sich an Anja. Ein Püppchen. Immer geschniegelt und gebügelt. Anja hatte nie Bier aus der Flasche getrunken. Anja war nie in einem Schlafsack irgendwo am Stra­ßenrand tagesmüde und voller Eindrücke eingeschlafen. Bernd spülte den üblen Geschmack runter. „Ich hab' Hunger.“ knurrte er. Nele lachte. „Essen könnte ich auch was. Wir halten an 'ner Kebab-Bude. Aber erstmal waschen!“ Sie nickte mit dem Kopf zu einer Tür im Hintergrund der Halle und ging mit großen, raumgreifenden Schritten voraus.

 

Ein kleiner Raum. Bernd sah einen Tisch mit zwei Stühlen und einer alten, durchgesessenen Couch. Zwei alterschwache Schränke, ein Kühlschrank und ein Zwei-Plattenkocher vervollständigten die karge Einrichtung. Zwei weitere Türen. „Klo“, knurrte Nele und deutete auf die eine. „Bad“ wurde die andere genannt. Bernd setzte sich auf einen der Stühle und nippte am Bier. „Du wohnst hier?“ – „Quatsch. Das is ein sogenannter Sozialraum. Los, komm. Waschen! Ich kann den Laden gerade nicht mehr sehen.“ Mit verständnisvollem Grinsen folgte Bernd ins Bad. In einer Ecke gab es eine Dusche, deren Tasse mit irgendwelchem Gerümpel vollgestellt war. An der gegenüberliegenden Wand hingen drei tiefe, große Waschbecken. Nele ging zu einem Boiler neben der funktionslosen Dusche und warf einen schiefen Blick auf die Anzeige. „Is noch nicht heiß genug. Einfach ein Becken voll Wasser laufen lassen. Das Reinigungszeug steht da drüben.“ Sie deutete auf ein gemauertes Bord. Dann zog sie ihre Arbeitsjacke aus und warf sie achtlos in eine Ecke. Bernd bekam einen schnell Seitenblick ab. Schließlich zuckte Nele die Achseln und schlüpfte aus dem dreckigen T-Shirt. Bernd sah sie sprachlos an. Unter den zarten, hellen Härchen, die Neles Bauch bedeckten, zeichnete sich deutlich ein Sixpack ab. Auch die beiden Brustmuskel waren sehr ausgeprägt. Neles Brüste hingegen … Bernd schluckte und sah beschämt weg. „Jo, is nicht viel dran an mir, was einen Mann interessieren könnte“, knurrte Nele sarkastisch. Bernd ignorierte es. „Leg mal den Zopf nach vorne.“ – „Was?“ – „Leg mal deinen Zopf so, dass er dir über die Brust hängt.“ Mit einem verwirrten Ausdruck im herben Gesicht folgte Nele der Bitte. Bernd lächelte sie an. „Du siehst aus wie eine Valkyre.“ Nele stemmte die Hände in die Hüften. „Wie wer bitte?“ – „Eine von den alten nordischen Schildmaiden. Göttinnen, die in die Schlacht reiten und die Seelen der Gefallenen nach Valhall begleiten.“ Ein seltsamer Blick traf Bernd – nicht direkt zornig, nicht wirklich freundlich. „Sag mal … bist du pervers oder was?“

 

„Wie kommst du denn auf das schmale Brett?“ – „Ich bin kein Kind mehr, Bernd. Ich bin 29. Ich kenne euch Typen. Es gibt drei Sorten. Die einen halten mich für lesbisch. Die anderen denken, ich bin ein geschlechtsloses Neutrum. Und die dritten glauben, ich bin so ausgehungert, dass sie einen schnellen Fick landen können.“ – „Dann kennst du Deppen, Idioten und Arschlöcher.“ knurrte Bernd. Neles Augen wurden schmal. „Bist du anders?“ Bernd zuckte die Achseln. „Ich weiß nicht, ob ich anders bin. Anja, meine Ex, hielt mich für einen Deppen, einen Idioten und ein Arschloch.“ Nele starrte den Mann verblüfft an. Dann lachte sie schallend. „Ok. Wir haben heute Mittag zusammen geschafft. Und ich glaube, dass Arbeit über einen Menschen mehr sagt als dieses ganze Gelaber bei Kerzenschein.“ Bernd nickte. „Du bist weder ein Depp noch ein Idiot oder ein Arschloch. Und das verwirrt mich.“ Plötzlich stellte sie sich in Positur. „Du siehst mich als eine nordische Göttin?“ Freundlicher Spott, schalkhafte Koketterie und … etwas anderes klang in ihrer tiefen Stimme. Sehnsucht, entschied Bernd. „Ich sehe eine Frau.“, stellte er trocken fest. „Eine Frau mit einem faszinierenden Körper. Eine Frau voller Kraft und mit der Grazie eines schwarzen Panthers.“ Neles Unterkiefer kippte herunter. „Grazie … schwarzer Panther ...“, stammelte sie.

 

Bernd war nahe an sie herangetreten. Ergriff eine ihrer Hände und massierte sie sanft mit den Kuppen seiner Finger. Sein Verstand raste wie eine Furie. Was tat er da, in Dreiteufelsnamen? Was wollte er von diesem … diesem Mannweib? Sein Herzschlag donnerte in seinem Kopf und zerschlug die Gedanken. Er hob Neles Hand vor ihre Augen. „Nele … mein Großvater war Bergmann und meine Oma hat mit elf Kindern die kleine Landwirtschaft zu Hause gemacht. Sie haben von früh bis spät geschuftet. Jahre und Jahrzehnte. Meine Mutter ist 'Nur-Hausfrau', doch sie ist den ganzen Tag am Rotieren und Machen. Vater ist Maurer. Und alle, alle von ihnen, haben ihrem Körper mehr Aufmerksamkeit, mehr Liebe geschenkt als du das tust.“ Er streichelte sachte über die verhornten Stellen auf der Handfläche. Über Neles herbes Gesicht liefen die Ausdrücke widersprüchlicher Gefühle. „Du hast nämlich schöne Hände.“ Nele zog scharf die Luft ein. „Ernsthaft. Starke, ehrliche Hände.“ Eine Regung huschte wie Schatten über ihr Gesicht. „Bah! Ehrlich! Als ob ihr Typen mit Ehrlichkeit was anfangen könnt!“ Sie schauderte und ließ den Kopf sinken. „Tut mir leid, Bernd. Ich werd' dich wohl besser mal nach Hause ...“ Sachte legte Bernd seine weiche, warme Hand auf Neles rissige, hornige Pranke. Blickte entschlossen ins Graublau ihrer Augen. „Ich weiß nicht, warum ich tue, was ich gerade tue“, murmelte er. „Mein Verstand läuft Amok und will nur weg. Und doch … das hier ist genau das, was ich jetzt tun will.“ Neles Blick war tränenverschleiert und doch lächelte sie Bernd etwas zögerlich an. Eine hornige Daumenkuppe strich leicht und unwillkürlich über Bernds Handrücken. Wieder. Noch einmal. Bernd ließ Neles Hand los und deutete auf das Wandbord mit Waschpaste, Kernseife und Wurzelbürste. „Lass mal dieses Zeug da weg. Ich flitze eben zu meinen Packtaschen. Da hab ich viel bessere Sachen drin.“

 

Als er mit den Packtaschen zurück kam, stand Nele verloren in dem vorderen Raum. Sie hielt ihr T-Shirt in einer Hand und streichelte sich mit der anderen zart über den Handrücken. „Ich … ich weiß nicht, was ich tun soll.“ – „Nix. Gar nix. Setz' dich da auf den Stuhl. Dein T-Shirt kannst du anziehen, wenn du willst.“ Er packte Töpfchen und Tiegelchen und kleine, braune Medizinfläschchen auf den alten Tisch. Nele sah erstaunt zu. „Fährst du immer mit 'ner halben Apotheke rum?“ – „Jo. Ich könnte ja plötzlich Lust kriegen, nach Abu Simbel zu fahren. Oder nach Ultima Thule.“ Nele grinste. Blickte dann nachdenklich auf ihr dreckiges T-Shirt. „Zieh's ruhig an.“ Sie warf ihm einen langen, fragenden Blick zu. „Stört dich … das?“ Mit einer fahrigen Geste deutete sie auf ihre Brust. Schmerz und Verletzung klangen in der dunklen Stimme. Bernd schüttelte den Kopf. „Ich sagte schon, dass ich eine Frau sehe. Eine schöne Frau. Eine starke Frau. Ein … ein Weib.“ – „Das hört sich seltsam an. Irgendwie … rund. Nicht so wie ich.“ Sie pfefferte das T-Shirt in eine Ecke. „Ich kapiere einfach nicht, was du tust. Was du vor hast. Einer Nummer mit dir wäre ich nicht abgeneigt, aber ...“

 

Bernd legte einen Finger über seinen Mund. Kniete vor Nele nieder. „Bis du mal in Südfrankreich gefahren? Haute-Garonne, Pyrenäen, Zentralmassiv ...“ Nele schüttelte den Kopf. „Staub“, begann Bernd zu erzählen und untersuchte behutsam Neles Hände. Es waren schöne, ebenmäßige, kraftvolle Gliedmaßen. Doch waren sie gebraucht. Missbraucht. Ungepflegt. Mit zu heißem Wasser, mit beißender Waschpaste, grober Kernseife und harter Bürste lieblos vom Schutz und Dreck einer Autowerkstatt gesäubert. Interesselos mit irgendeiner „rückfettenden Hautschutzcreme“ eingeschmiert. „Staub und der pflaumenfarbene, zimtfarbene Him­mel über der endlosen, kargen Landschaft. Winzige, stille Orte. Uralte, kleine Städte – Montau­ban, Tabres, Albi, Auch …“ Sachte massierte Bernd die Finger, erforschte die Risse, die Verhornungen, die Schrunden. Drückte und streichelte die kleinen Knöchlein, massierte die Innenfläche der Hände und die Unterarme. Ein oder zwei Mal bohrte er seinen Daumen kraftvoll in Neles Fleisch. Beim ersten Mal zuckte sie zusammen und ließ einen kleinen Schmerzlaut hören. Beim zweiten Mal brummte sie leise. Bernds sanfte Stimme wob derweil ein Bild des alten Landes der Katherer, der Albigenser. Erzählte vom Licht der südfranzösischen Land­schaft auf der Haut, den Vibrationen des Zweitakters an den Schenkeln. Wob mit Stimme und Fingern die schmalen, gefährlichen Straßen in den Bergen. Perpignan, über den Pic Canigou hinüber nach Font-Romeu, nach Andorra, hinauf zum Pica d'Estats, hin­unter nach Saint-Girons … Kurven und Kehren und Abgründe. Der Glast der Sonne am Tag vom kupfernen Himmel. Die eisigen Nächte unter flammenden Sternen … Dann schwieg er.

 

Die Stille wurde von Neles schwerem Atem und manchmal einen gewisperten Laut nur verstärkt. Als Bernd die Kuppe seines Zeigefingers in eine rotbraune, zähe Salbe tauchte, warf er einen Blick in Neles Gesicht. Sie hatte sich ganz in dem klapprigen Stuhl zurückgelehnt. Saß schlaff und völlig entspannt. Das herbe Gesicht schien weich. Ihre Augen waren halb geschlossen und wie ein kleines, neugieriges Tier schoss immer wieder ihre Zungenspitze hervor und huschte über die spröden Lippen. Bernd tupfte die Salbe auf einen Handrücken und massierte sie in kreisenden Bewegungen ein. „Oooaaaah!“ Leuchtende Augen. Augen voller Träume. Augen voller Sterne „Mach … bitte … weiter. Bitte … wunder' dich … nicht.“ stammelte Nele. Bernd hob ihre Hand und küsste sanft eine raue Fingerbeere nach der anderen. Da schoss ihre andere Hand vor und grub sich hart und fordernd in seine Haare. „Was … was … tust du … mit mir?“ – „Ich will dir ...“ Er bekam die Worte kaum heraus, so eng war seine Kehle, so trocken sein Mund. „... zeigen, wie ich dich sehe. Wie du bist.“ Ohne Nachdenken zog er Nele von ihrem Stuhl in seine Arme. Senkte tief den Kopf über ihren Hals, während seine Hände ihren Rücken, ihren Nacken, ihr Kreuz streichelten, massierten, liebkosten. Nahm ihren Geruch wahr. Der saure Geruch von Schweiß. Die aufdringliche Chemie der Waschpaste. Ein metallischer Hauch von Mineralöl. Der staubige Atem von Zement. Und ganz fern, tief darunter … der schwere, moosige Waldgeruch einer Frau.

 

Bernd beugte sich tiefer und atmete ihr an den Hals zwischen Ohr und Schlüsselbein. Hörte Neles leises, begehrendes Stöhnen. Fühlte, wie sie erschauerte. Schauderte selbst, als ihre rauen Hände die zarte Haut seiner Arme berührten. Empor in seinen Nacken glitten und mit kraftvollen Fingern drückten und massierten und streichelten. Und hinauf, den Hinterkopf entlang, über die Schläfen, die Wangen, die Ohren, den Hals … und hinab. Hinab bis fast zu der schmerzhaften Schwellung seines Gliedes. Und wieder hinauf auf seinem Bauch, unter dem T-Shirt, dessen dünner Stoff den fordernden, den flehenden Händen wich. Seine Lippen berührten die Haut an ihrem Hals. Seine Zunge tickerte eine Botschaft in ihre Adern. Sein Mund saugte ihr Fleisch. Ihre Hände krallten sich haltsuchend in seine Schultern, ihre Finger bohrten sich voll schmerzhafter Lust in seine Rippen, ihre Zähne bissen seine Ohren, seinen Hals. Seine Hände glitten von ihren Schultern über die kräftigen, empfindsamen Brustmuskeln, berührten, massierten, kneteten die kleinen Brüste, rieben, ritzen, drückten die harten Knospen, glitten tiefer über die harte, angespannte Bauchmuskulatur, liebkosten die Muskelpakete, die in tiefen Vibrationen zitterten, tiefer noch bis zum Bund ihrer Arbeitshose … und wieder empor. Nele schrie etwas, packte Bernd Kopf, riss ihn an sich. Lippen fanden Lippen, öffneten sich gierig, begierig, fordernd, flehend, hungrig. Zunge kreiste, bohrte, stieß an Zunge. Bernds Atem ging stoßweise, hart, keuchend. Nele wimmerte, klammerte sich mit muskulösen Beinen an Bernds Oberschenkel, riss ihr Becken empor … einmal, zweimal … Ihr Leib bog sich, bis sie auf den Schulterblättern lang. Nochmals stieß ihr Becken empor und empor und … „Waaaiiiiiooooouuuuuuuuu!“ Mit elementarer Gewalt brach sich Neles Spannung Bahn, schwemmte alle Welt hinweg, ließ den mächtigen Körper in haltlosen Zuckungen zurück. Dann barg sie ihren Kopf an Bernds Hals und weinte.

 

Später saßen sie ineinander geschmiegt in dem schmuddligen Sozialraum und teilten eine Flasche kaltes Bier. „Du Armer hast gar nix davon gehabt.“ klagte Nele. Bernd strich ihr zart vom Ohr über den Wangenknochen. „Ich hatte da eben keinen … keinen Abgang. Obwohl … das stimmt nicht.“ Er grinste schelmisch. „Ich hatte. So, wie du Gas gegeben hast, blieb ja nur mitziehen.“ Nele teilte sein Grinsen. „Und ich hab noch mehr.“ Er küsste sie sacht auf die Nase. „Heute Nacht habe ich dich in meinen Armen.“ Sie nickte lächelnd. „Und die nächsten vier Tage über das Wochenende hab' ich dich vor mir auf'm Bock, wenn wir ein bisschen rumfahren.“ Neles Augen leuchteten. „Und nächstes Jahr, wenn wir die Zündapp fertig haben, hab' ich dich an meiner Seite, wenn wir durch die Pyrenäen fahren. Übernächstes Jahr … wer weiß. Die Fjorde in Norwegen?“ Mit strahlenden Augen kuschelte sich Nele an Bernd. „Und dann Abu Simbel und Ultima Thule.“ – „Ja, meine Liebe. Gespann fahren. Für den Rest unseres Lebens.“

 

© Arne