Die Wahrheit hinter den Dingen

inspiriert von BvS

"Kunst verbindet"


Mein Gott, jetzt kommt doch tatsächlich nach 10 Minuten wieder eine zu spät in den Unterricht! Glaubt denn hier jede, kommen zu können, wann sie will? Ich bin doch auch pünktlich! Wie will die später mal im Beruf was werden?! Ich werd' mir die mal genauer unter die Lupe nehmen und ihr gleich am ersten Tag zeigen, wo es lang geht: „Da setz dich hin! Und fang endlich an!“

 

Ich bin ungewohnt grob und erschrocken über mich selbst, so sehr, dass ich gleich beim unhöflichen Ton bleibe. Als sie einwerfen will: „Ich soll...“, unterbreche ich sie: „Den Mund halten und arbeiten!“

 

Ist mir egal, was sie meint. Sie soll zeichnen - und ich drücke ihr den Kreidestift in die Hand. Eine schöne Hand! Eine feingliedrige Hand mit schlanken, gepflegten Fingern, die sicher auch gut streicheln kön... ich rufe mich zur Ordnung. Sie ist meine Schülerin, kurz vor dem Abi, ich bin ihr Lehrer, was soll das?!

Ich erkläre ihr nichts, soll sie halt pünktlich kommen.

 

Ich ärgere mich über mich selbst: Irgendwie kann ich mich gegen diese jungen Frauen wohl nur mit Grobheit schützen, dabei will ich das gar nicht.

 

Ich laufe durch die Klasse, schaue nach den Arbeiten der Mädchen. Einige sind wirklich talentiert, die Ausstellungen, die ich mit ihnen veranstalte, sind immer wieder ein schöner Erfolg.

 

Heute habe ich den Rückenakt von Picasso mitgebracht, und die Mädchen sollen versuchen, die Vorderansicht zu zeichnen. Ich will, dass sie sich mit den Dingen hinter den sichtbaren Gegenständen beschäftigen.

 

Ich komme zur Zuspätkommerin. Natürlich hat sie die Aufgabe nicht mitbekommen. Zeichnet den Akt einfach ab! Ich nehme das Blatt, zerreiße es: „Wir hatten gesagt, wir drehen den Akt um! Von vorn! Von vorn!“  – und plötzlich wird mir bewusst, dass ich mich wirklich unmöglich benehme; als Mensch und als Lehrer. Etwas ruhiger und ziemlich schuldbewusst schaue ich sie nun noch etwas genauer an. Ich bin wie vom Donner gerührt, werde rot, mein Puls beschleunigt sich und ich gehe weiter, um mich nicht zu verraten. Schaue auf die Ergebnisse der anderen. Korrigiere. Schlage Änderungen vor. Lobe. Lande wieder bei ihr und erstarre zur Salzsäule. Nicht, weil das Bild so gut wäre, es ist das beste in der ganzen Klasse, sondern weil sie unverkennbar sich selbst dargestellt hat.

 

Ich mustere sie von Kopf bis Fuß, kann meinen Blick nicht von ihr wenden, die Welt hört auf, für mich zu existieren. Das ist die Frau, von der ich immer schon geträumt habe, klein, zierlich, kurze, schwarze Haare, hübsche Schuhe, wirkt jünger, als ihre Klassenkolleginnen, wenn man nicht genau hinschaut – ich schaue hinter die Dinge: Sie ist eine reife, junge Frau, schüchtern wirkend, dennoch selbstbewusst und weiß, was sie will.

 

War ich blind? Wieso habe ich sie noch nie gesehen? Ich muss etwas tun – und genau in diesem Augenblick zeichnet sie ihrem Porträt Brüste. IHRE Brüste, 75B. Wunderschöne Brüste, die Träume in mir wecken. Ich schnappe mir ihren Stift, vergrößere wie ein Schönheitschirurg, die Brüste auf der Zeichnung und hoffe, sie glaubt mir, ich hätte sie auf dem Bild nicht wiedererkannt.

 

Aber sie hat mich durchschaut, zeigt mir mit einem Blick auf ihre natürlichen Brüste, was sie von meiner Korrektur hält. Mir wird heiß. Ich sollte weiter gehen, aber ich bleibe, während sie nun die Brustwarzen zeichnet. Harte, feste, erigierte Brustwarzen.

 

Ich habe nicht den geringsten Zweifel, dass sie wiederum sich selbst wiedergegeben hat. Ich bin gebannt, fasziniert, erregt. Dass ich sie mit dem Bild vergleiche, fällt mir eher am Rande auf.

 

Da habe ich den Ruf, ein grober Klotz zu sein, den seine Schülerinnen nicht einen Deut interessieren, und nun stehe ich vor der Frau meines Lebens, ohne zu wissen, wie ich sie gegen meinen Ruf für mich gewinnen könnte.

 

Ich versuche die Situation zu retten und kann sogar lächeln. Sie lächelt zurück, lächelt mich an. Ein wissendes Lächeln, sie hat mich durchschaut!

 

Ich nehme mir erneut die Kreide, arbeite an den Brüsten des Bildes, gebe ihnen Fülle, Leben, Form. Sie schaut mir aufmerksam zu, und erst als sie wiederum lächelt, fast zärtlich, merke ich, was ich da tue. Ich zeichne nicht an ihrem Bild, ich zeichne nicht sie, sondern es ist viel mehr; es ist die Zärtlichkeit meiner Hand auf ihren Brüsten, die ich ihr nicht geben kann. Nicht geben darf. Mit meiner Kreide liebkose ich die Brüste, die die ihren sind. Als mir klar wird, was ich da mache, lege ich den Stift auf den Tisch und lobe sie leise für ihr Talent.

 

Ich entkomme ihrem Bann nicht. Kaum hat sie den Po vollendet (den vollendeten Po vollendet, denke ich bei mir und muss über mein Wortspiel schmunzeln), fummle ich schon wieder auf ihrer Zeichnung herum. Sie kann es mindestens so gut, wie ich, aber ich muss dieses Geschöpf berühren – und wenn es nur auf dem Papier ist!

 

Ich konzentriere mich auf das Werk, um mich nicht zu verraten – und bin doch unkonzentriert genug, plötzlich wieder die längst fertigen Brüste ihrer Zeichnung zu bearbeiten. Bei einem Seitenblick in die Klasse fällt mein Blick auf sie. Sie sitzt dort mit ihrer dünnen weißen Bluse leicht vorgebeugt und durch den offen stehenden Ausschnitt sehe ich direkt auf ihre Brüste, deren steife Brustwarzen mich geradezu anzulächeln scheinen. Ich hole tief Luft, halte sofort inne, denn das war schon eher ein Seufzen, das bestimmt jede in der Klasse gehört hatte. Aber niemand scheint sich um uns zu kümmern ... Vor Verlegenheit beschäftige ich mich weiter mit den Nippeln auf dem Papier, umkreise, wische, reibe... NEIN! Jetzt ist‘s aber genug, rufe ich mich zum wiederholten Male selbst zur Ordnung und drücke ihr die Kreide in die Hand. „Weiter“, befehle ich und mir zittern die Knie, als mir bewusst wird, wie doppeldeutig mein „Weiter“ in ihren Ohren geklungen haben muss.

 

Und sie macht weiter, zeichnet ihr Weiblichstes mit wenigen präzisen Strichen. Mein Gott, sie hätte mir auch ein Foto von sich auf den Tisch legen können. Ich bin dermaßen verlegen, dass ich in einer Art Übersprungshandlung grinsen muss. Und nun zeichnet sie auch noch die bislang fehlende Schambehaarung. Ich hätte nicht einmal gewagt, mir die Frage zu stellen, ob sie rasiert sei oder nicht – und nun gibt sie mir ungefragt die Antwort.

 

Mein Herz rast, mein Atem ebenso. Ich stehe neben ihr. Dass ich ihr meine Hand auf die Schulter gelegt habe – noch nie habe ich so etwas getan – fällt mir erst später auf. Ich will, ich muss diese Frau besitzen! Im Moment ist mir das Lehrer-Schülerin-Verhältnis ziemlich egal! Vorhin habe ich zwischen Rock und Bluse viel Haut sehen können, ihre Haut, und, was mich unerhört erregte, ein mikroskopisches Höschen, dessen String in ihrer Pofalte verschwand. Ich hatte mich nach der Entdeckung eine Minute ans Fenster stellen müssen.

 

Ich will weiter bei ihr stehen bleiben, korrigiere hier einen Schatten, dort eine Linie – plötzlich spüre ich sie an meinem Arm. Ich glaube nicht, was ich spüre, aber ein kurzer Blick bestätigt mir: Ja, sie drückt ihre Brüste mit den harten Kirschen gegen meinen Arm – und ich drücke meinen Arm gegen sie. Genieße den Druck des weichen Fleisches, genieße ihre Zustimmung, die unverkennbar ist, während sie die allerletzten Striche ergänzt.

 

Nun bekomme ich wirklich Probleme mit meinem Atem, denn was sie dort zeichnet – für uns beide unverkennbar ein männliches Geschlecht, das tief in ihre Vulva eintaucht. Ein neutraler Beobachter würde wohl nur einen Schatten erkennen, aber wir beide wissen, was es  bedeutet.

 

Plötzlich steht sie auf. So dicht vor mir, dass ihre Brüste meinen Körper berühren, ich könnte sie mühelos küssen.

 

„Ach ja! Ich soll Ihnen ausrichten, dass Frau Mertens morgen Ihre Stunden übernimmt. - Wie gewünscht! Aber jetzt muss ich wieder zurück - ins Sekretariat! Und danke für Ihre "Nachhilfe"!“

 

Ich bin verblüfft, erschrocken und endlich erleichtert. Das ändert alles, wenn sie die angekündigte neue Sekretärin ist. Ich stecke ihre Zeichnung ein, während sie den Raum verlässt und sich dabei noch einmal nach mir umdreht.

Ich ernte ein strahlendes Lächeln und lächle zurück.

 

Nach dem Unterricht räume ich sehr ruhig auf. Ich weiß, was ich zu tun habe.

Der anschließende Nachmittag war der Beginn einer wunderbaren Ehe.

 

 

© Carlito                                                                                        Ihre Meinung?




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