Verhext

Die Geschichte „Kunst verbindet“ aus der Gegenperspektive -

mit freundlicher Genehmigung von BvS


 

Mit zitternden Fingern wickle ich das Zeichenblatt auseinander. Mein Herz rast. Ist es so gut, wie es mir vor zwei Stunden vorkam? Ich krame ein paar Stecknadeln hervor, hefte das Blatt an die Wand meines Ateliers und ziehe den alten Sessel heran. Minutenlang kann ich meinen Blick von dieser Zeichnung nicht abwenden. Ja, die Zeichnung ist so gut, wie es in meinem Kopf eingebrannt ist – ein gelungener, sehr erotischer Akt, mit Kohlestift in sicheren Linien skizziert. Die großen Linien waren von ihr, der Rest von mir. Von mir? Nein, von ihr! Von mir und ihr? Oder von uns? Ich spüre, wie mich wieder die Erregung packt. Welch eine Sternstunde! Obwohl ich mich dabei unsterblich hätte blamieren können. Doch das wollte sie nicht! Konnte sie nicht. Konnte sie nicht mehr, nicht nach diesen Augenblicken. Warum war ich nur so blind  und habe sie für eine Schülerin gehalten?

 

Aber ich war so wütend auf diese Klasse. Ich wusste schon vorher, dass es nicht einfach sein würde, mit diesen desinteressierten, arroganten Schülern ein derartiges Thema zu bearbeiten. „Malerische Techniken an der Darstellung des menschlichen Körpers“ oder so ähnlich steht im Lehrplan. Und: „Eigene zeichnerische Versuche nach Vorlagen“. Schon in der Stunde davor, als wir den berühmten Rückenakt Picassos analysierten, wollten mich einige mit ihren unreifen Kommentaren und zotigen Witzen provozieren. Und das versuchten sie auch, als es heute um den praktischen Teil ging: Mit Kohlestift den Akt von vorne zu skizzieren. Ich wusste, dass diese Aufgabenstellung riskant war, aber das bloße Abzeichnen schien mir noch weniger attraktiv für die Schüler zu sein. Vielleicht würde sie die Auseinandersetzung mit den weiblichen Formen fesseln. Auf jeden Fall hätten sie Respekt vor der künstlerischen Leistung des Vorbildes bekommen. Aber ich hatte wohl zu viel Reife erwartet. Das blöde Spiel der Stunde zuvor begann wieder: alberne Bemerkungen, Gekicher, Geflüster, dessen Inhalt man sich denken konnte. Mich packte die Wut. Brüllend stauchte ich die Klasse zusammen, bis sie mit geneigten Köpfen nach den Kohlestiften griffen und zögerlich die ersten Striche versuchten. Jeden und jede, die abzulenken versuchte, brüllte ich an.

 

Und ausgerechnet jetzt kam sie hereingeschneit, ein zierliches, hübsches Ding, gekleidet wie alle anderen Mädchen in der Klasse. Kein Wunder, dass ich sie für eine neue Schülerin  hielt. Aber wenn ich mich jetzt mit ihr beschäftigt hätte, wäre die Unruhe wieder aufgeflammt. Und so schickte ich sie ziemlich verärgert über das Zuspätkommen zum einzigen freien Tisch in der ersten Reihe. Und sie setzte sich doch tatsächlich ohne Widerrede hin und begann zu zeichnen!  Ich erklärte ihr auch nicht, was sie machen sollte - selber Schuld, wenn sie nicht pünktlich ist. Und tatsächlich, als ich ihr nach einer Weile über die Schulter schaue, hat sie nur den Rückenakt abgezeichnet. Aber das sehr gut, ich war überrascht. Doch zugeben konnte ich es nicht, Strafe muss sein. Ich brülle sie wieder an, sie habe die Aufgabe falsch begonnen und zerreiße demonstrativ das Blatt. Als ich die Schnipsel in den Papierkorb werfe, bedaure ich das fast, denn dieses Mädchen hatte den Akt nicht mechanisch abgezeichnet, sondern interpretiert, und zwar hervorragend! Zufall? Oder ein Naturtalent?

 

Nachdenklich mache ich eine Runde bei den anderen Schülern. Mein Zorn ist verflogen, in mir macht sich eine eigenartige Spannung breit. Aus den Augenwinkeln schaue ich sie mir genauer an…. Sie ist nicht groß, hat ein hübsches Profil und einen sehr mädchenhaften Körper. Ich mag es zwar etwas fülliger, aber ihre Maße waren sehr harmonisch. Nachdem ich bei einigen Schülern stehen geblieben war -  zum Schein noch mit knurrigen Kommentaren meine Macht demonstrierend- näherte ich mich vorsichtig von hinten der Bank meiner neuen Schülerin. Was ich jetzt sah, überraschte mich noch mehr als die Arbeit auf dem ersten Blatt: sie hatte einen zauberhaften Umriss eines halb liegenden Frauenkörpers skizziert, in weichen Formen und schönen Proportionen.

 

Mir entfuhr ein anerkennendes „Donnerwetter!“ , doch als ich anfügte, ich hätte sie noch nie in dieser Klasse gesehen, antwortete sie nicht, sondern ergänzte ihren Torso mit zwei sicheren Kurven um ein paar straffe, kleine Brüste- fast so wie sie sie selbst besaß. Ich weiß nicht, welcher Teufel mich jetzt ritt, aber ich nahm ihr den Kohlestift aus der Hand und indem ich bemerkte, dass ich „auf etwas mehr“ stehen würde, führte ich eine „Brustvergrößerung“ durch. Kaum waren die Linien vollendet, war mir dieser spontane Einfall furchtbar peinlich und ich wurde schrecklich verlegen. Doch sie reagierte ganz anders auf diese „Anmache“, als ich gedacht hatte. Sie nahm mir wieder den Stift ab und ergänzte die Brüste mit zwei wunderhübschen Brustwarzen, als ob das das Selbstverständlichste von der Welt wäre. Spielte sie mit mir? Ich musste lächeln, als ich ihr Aufblitzen in den Augen bemerkte, während ich sie musterte. Gut, dachte ich, dann spiele ich mit!

 

Ich holte mir den Stift zurück, schraffierte die Brüste etwas und verwischte die Linien mit dem Finger zu einer feinen Schattierung, die die Wölbung plastisch hervorhob. Zum Schluss rieb mein Zeigefinger fast streichelnd über das Blatt, als ob er eine warme, weiche Brust unter sich spüren würde. Und ich muss gestehen, einen Augenblick lang durchzuckte mich der Gedanke, wie es wäre, ihre Brüste so zu streicheln. Nun war ich gespannt, wie sie auf diese erotische Anspielung reagieren würde. Ich hielt ihr etwas provozierend  den Stift hin, sie nahm ihn und begann die Rundungen des Bauches zu schraffieren, genau wie ich es bei den Brüsten vorgemacht hatte. Mit sicheren Strichen modellierte sie die Taille und den Hüftansatz heraus. Ich war begeistert und sagte leise zu ihr: “Sie sind gut!“ Abwechselnd arbeiteten wir nun weiter. Jeder Strich, jede Linie, jede Schraffur hatte nur ein Ziel: noch ein bisschen mehr Erotik!

 

Eine undefinierbare Erregung erfasste uns. Ihr Gesicht begann zu glühen und auch mein Körper reagierte zunehmend auf diese erotische Inspiration. Von berühmten Malern oder Komponisten sagt man ja, sie hätten große Werke wie im Rausch erschaffen. Und dieses Gefühl hatte ich - oder hatten wir - für wenige Minuten. Der Zeichenstift wechselte in rascher Folge die Hände, jeder Strich setzte noch einen weiteren Akzent und in wenigen Minuten entstand eine Aktzeichnung voller erregender Erotik.  Meine Sinne weiteten sich: Auf einmal nahm ich intensiv ihr zartes Parfüm, vermischt mit dem Duft ihres Körpers, wahr und als ich beobachtete, dass sich auf einmal ihre Brustwarzen deutlich sichtbar unter dem leichten Stoff ihrer Bluse verhärtet hatten, war mir klar: auch sie war erregt von unserem erotischen Spiel mit dem Kohlestift.

 

Ich konnte nicht mehr anders: Ich musste eine Hand auf ihre Schulter legen und mit dieser Berührung signalisieren: Das ist keine normale Zeichenstunde, hier begegnen sich zwei mit den gleichen Gaben und Gedanken!  Mit der anderen Hand zog ich zwei zarte Linien als Andeutung einer erwartungsvollen Vulva, und während meine Hand über das Papier glitt, beugte sie sich etwas vor und drückte mir ihre rechte Brust gegen den Arm.

 

Glühend heiß durchfuhr es mich. Sie hatte keinen BH an, ich spürte diese straffe Brust als berühre sie nackt meinen Arm.  Der Druck blieb einen Augenblick lang auf meinem Arm erhalten, dann bewegte sie sich etwas und rieb ihre harte Brustwarze auf meiner Haut. Welch eine Verheißung! Ich vergaß alles um mich her und meine Gefühle schlugen Purzelbäume. Doch plötzlich erhob sie sich, nahm nochmals den Stift aus meiner Hand und im Stehen deutete sie frech die Schamlippen und den Ansatz der Klitoris an.

Mir stockte der Atem – welch ein Finale!

 

Dann grinste sie mich an und erklärte, sie sei die neue Sekretärin und solle mir ausrichten, dass die Vertretung für morgen geregelt sei. Und mit einem schelmischen Lächeln schloss sie: „Und danke für die Nachhilfe!“ Mir verschlug es die Sprache, und bevor mir etwas zur Entschuldigung für meinen unmöglichen Empfang einfiel war sie schon an der Tür. Schnell nahm ich das Zeichenblatt vom Tisch, rollte es zusammen und steckte es ein. Wie ein Blitz durchfuhr es mich: Hoffentlich hat keiner im Raum etwas bemerkt! Unsicher blickte ich mich um, aber es fiel mir ein Stein vom Herzen. Niemand grinste oder tuschelte, alle waren mit ihrer Zeichnung beschäftigt.

 

Die restliche Stunde absolvierte ich wie in Trance. Automatisch beendete ich den Unterricht, sammelte die Zeichenblätter ein und verstaute sie im Schrank. Geistesabwesend verabschiedete ich die Klasse, packte meine Unterlagen in die Schultasche und fuhr heim. Und jetzt sitze ich vor der Zeichnung, träume und sinniere und weiß nicht, was ich davon halten soll. Hat mich da ein junges Mädchen vorgeführt und ein Spielchen mit mir getrieben? War es eine Sternstunde zwischen zwei Menschen, die ihre Seelenverwandtschaft entdeckten?

Ich weiß es nicht.

 

Noch nicht.

 

©Tacet

 

 


Variationen über ein Thema

 

 

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Die Wahrheit hinter den Dingen - Carlito

 

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